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Wöchenttiche Bellagm: Kreis-Blatt für -ie Kreise Marvurg und Mrchhatn.
Druck xn» «erlog: Joh. Äug. Koch, UniversttStS-Buchdruckerei in Marburg, Iffft*!Verantwortlicher Redakteur: Christ.oh R-utenhauS in Marburg Redaktion und Expedition: Markt 21. V WVltlUU||wmi|» Redaktion und Expedition: Markt 21.
M 209.
Erscheint täglich au feer in Werktagen nas Sonn- und Feiertagen. — Quartal-SlbonnementS-PreiS bei der Expedition 2 Mk., bei allen Postämtern 2 Mk. 25 Pfg. (exkl. Bestellgeld). JnsertionSgebühr für die gefpaltene Zeile 10 Pfg., Reklamen für die Zeile 25 Pfg.
Marburg,
Dienstag, 6. September 1892.
Anzeigen nimmt entgegen die Erpedition dieses Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von Haasenstein u. Vogler in Frankfutt a. M., Casiel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moste in Frankfutt a. M., Berlin, München u. Köln; G. L. Daube u. Co. in Frankfutt a. M., Berlin, Hannover, Patts.
XXVII. Jahrgang.
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Deutsches Reich.
jLerki«, 4. Septbr. Se. Majestät der Kaiser empfing in Swinemünde gestern Abend an Bord des „Kaiseradler" den Besuch Sr.Königl.Hoheit des Prinzen Heinrich von Preußen. Um 11 Uhr kehrte derselbe nach der Rhede zurück. Nach dem heutigen Gottesdienst an Bord des Admiralschiffes „Mars" hielt Se. Majestät der Kaiser vor dem Offizierkorps Kritik über die gestrigen Manöver ab und machte Mitteilung von Rangerhöhungen, u. a. von der Beförderung des Nze-Admirals Freiherrn v. d. Goltz zum Admiral. — Bei der gestrigen Ruderregatta erhielt der zweite Kutter des Schulschiffs „Mars" den von Se. Majestät dem Kaiser gestifteten silbernen Pokal als Preis. — Die Wiener „N. Fr. Pr." behauptet, die Abberufung des deutschen Militärbevollmächtigten in Petersburg, Lillaume, hänge unmittelbar mit der Abberufung des russischen Militärbevollmächtigten in Berlin, K u t u s o f f, zusammen und diese Abberufungen würfen bezeichnende Streiflichter auf die Beziehungen zwischen den Höfen von Berlin und Petersburg. — Neuerdings geht in Berlin wieder das Gerücht um, daß die Ermordung des Herrn von St. Paul-Illaire am Kilimandscharo eine Thatsache sei, und es wird noch eine ganze Zahl anderer Teilnehmer der Erpedition genannt, die ebenfalls gefallen sein sollen. Es gab dies Anlaß, an zuständiger Stelle Auskunft zu erholen, und diese wurde dahin erteilt, daß am 2. Sept, ein weiteres Telegramm des Herrn 8. Soden in der hiesigen Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes über die Aktion am Kilimandscharo eingegangen ist, welches durchaus befriedigend lautet und sicherlich etwas erwähnt hätte, wenn ein Unglück dort vorgekommen sein würde. — Der Reichskanzler hat Ermittelungen darüber angeordnet, ob in den aus Amerika eingeführten getrockneten Aepfeln, bezw. Lepfelschnitten thatsächlich, wie behauptet wird, ein gesundheitsschädlicher Gehalt von apfelsaurem Zink vorhanden sei.
— Nicht etwa ein französisches, sondern ein deutsches Blatt schreibt zum Sedanfeste:
„Heute vor 22 Jahren wurde der französische Kaiser mit einem großen Teile seiner ganzen Armee gefangen genommen. Wäre das feierlich abgegebene Lersprecheu, daß Deutschland nur mit dem französischen Kaiser, der uns den Krieg erklärte, nicht aber mit dem französischen Volke Krieg führe, gehalten worden Md hätten damals in Deutschland Männer das Regiment geführt, die den Ftteden und die Freiheit liebten und denen des Volkes Wohl das oberste
Gesetz — so wäre mit dem Sieg von Sedan der fürchterliche Bruderkrieg zwischen den zwei ersten Kulturnationen des europäischen Festlandes beendigt worden und nach dem Sturz des französischen Kaiserreiches hätte eine Aera des Glücks für die Völker anbrechen können. Und dann wäre der 2. September ein Gedenktag, den auch wir feiern könnten. Allein die Dinge nahmen einen anderen Verlauf. Nicht Freiheit und Friede waren das Leitgestirn der Gewalthaber in Deutschland — sondern Macht. Der Krieg ward fortgesetzt, obgleich der Kaiser gefangen, das Kaiserreich gestürzt war, — die Eroberung von Elsaß-Lothringen wurde Kriegsziel, der Krieg gegen den Kaiser zu einem Krieg gegen das französische Volk. So kam es, daß nach Sedan der Krieg noch doppelt so lange dauerte, als er vor Sedan gedauert hatte, und daß der Sieg, der nach langer blutiger Massenschlächterei uns zufiel, Deutschland und der Welt statt des Friedens fortwährende Kriegsgefahr brachte, die den Moloch des Militarismus zu riesiger Höhe hat heranwachsen lassen, — und daß Sedan für uns Deutsche statt einer Aera des Glücks eine Aera der Knechtschaft, der Ausnahmegesetze, der maßlosesten Unterdrückung und Ausbeutung, der Millionärzüchterei und Massenverarmung, des Strebertums und der Korruption eröffnet hat — mit einem Worte, die Aera Bismarck. Den Schmutz und die schlimmen Folgen dieser Aera hinweggzuräumen, dazu wird es eines Menschenalters bedürfen. Wer an ihr Vortell gehabt hat, oder Freude an ihr, der feiert den Sedantag. Wir nicht. —"
Das Blatt, das also seiner Stimmung an dem nationalen Gedenktage, mit dem unser Volk feine stolzesten Erinnerungen verknüpft, Ausdruck giebt, ist natürlich kein anderes als das von Liebknecht geleitete „Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands", der „Vorwärts". Eine solche Gesinnung richtet sich selber. Alle ehrlichen deutschen Arbeiter teilen sie nicht, des find wir gewiß, sondern so können nur Leute denken und schreiben, deren Geschäft es von jeher gewesen ist, das Strahlende zu schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehen, die Thatsachen auf bett Kopf zu stellen und tendenziöse Lügen zu verbreiten. Sie haben aber damit auch jeden Anspruch aus die Ehre des deutschen Namens verwirkt.
Areskan, 3. Sept. Die Königliche Regierung hat wegen der Gefahr der Cholera-Einschleppung die Abhaltung der für Ende September Hierselbst geplanten Obst- und Gartenbau-Ausstellung und des Pomologen- Kongresfes untersagt.
Hessen-Nassau.
Marvurg, 5. Sept. Die Herren vr. Achenbach in Krombach (Landwehrbezirk Siegen) und Dr. A. Wigand (Landwehrbezirk Eisenach) aus Marburg, sind zu Assistenzärzten I. Klasse ernannt worden.
Marvurg, 5. Sept. Tagesordnung für die öffentliche Sitzung des Bürgerausschusses am Mittwoch den 7. September 1892 Nachmittags 5 Uhr tm Rathaussaal: 1. Beschluß über das Diensteinkommen und die Ruhegehalte der an der städttschen Realschule angestellten Lehrer, sowie die Fürsorge für deren Hinterbliebenen. 2. Beschluß über die Trinkwasserversorgung aus dem Wehrdaer Bohrbrunnen.
Marvurg, 5. Septbr. In einem Erkenntnis des Königlichen Ober-Verwaltungsgerichts vom 10. Juni d. I. ist der Grundsatz, daß die Kirchengemeinde als Eigentümerin eines Kirch en gebändes wegen der Benutzung desselben zu dessen bestimmungsmäßigen Zwecken zur Gemeinde-Einkommensteuer nicht herangezogen werden kann, auch auf die Pfarrhäuser ausgedehnt worden. Bei der Veranlagung zur Gemeinde-Einkommensteuer'war der Oberpfarr- und Domgemeinde in Berlin für ihr Kirchengebäude ein Mietzins in Ansatz gebracht worden. Nach dem Erkenntnis des Ober-Verwaltungsgerichts bezieht jedoch die Kirchengemeinde aus ihrem zu gottesdienstlichen Zwecken gewidmeten Eigentume am Kirchengebäude kein Einkommen im Sinne der maßgebenden steuerrechtlichen Bestimmungen. Dadurch, oaß ein Gebäude dauernd einer besonderen gottesdienstlichen Bestimmung übergeben worden ist, wird es der profanen Benutzung entzogen, sodaß ein nicht gottesdienstlicher Gebrauch überhaupt unzulässig ist, es sei denn, daß er weder die Benutzung des Gebäudes zum Gottesdienste äußerlich bceinttächttgt noch der Bestimmung desselben innerlich durch einen profanierenden weltlichen Charakter widerftteitet. Daher kann auch durch die gottesdienstliche Benutzung ein Mietswert nicht entstehen und eine Steuerpflicht nicht begründet werden. Was aber die Pfarrhäuser, denjenigen Teil des Kirchenvermögens betrifft, der zur Unterhaltung der Pfarrer dient und an dem die Verwaltung und der Nießbrauch dem Pfarrer gebührt, so ist die Kttchengemeinde Eigentümerin eines zu Gunsten eines Dritten mit einem Wohnungsrecht beschwerten Grundstücks, wonach es, wie das Erkenntnis ausführt, ausgeschlossen ist, den Wert dieses Wohnungs- rechts als ein dem Eigentümer zufließendes Einkommen zu behandeln.
Marvurg, 5. Septbr. Die am Sonnabend auf hiesiger Station als choleraverdächttg zurückge- haltene und unter Beobachtung gestellte Frau konnte gestern Morgen bereits wieder entlassen werden und setzte in Begleitung ihres ebenfalls hier zurückgebliebenen Sohnes die Weiterreise nach ihrer Heimat Karlsruhe fort.
Marvurg, 5. Septbr. Man ersucht uns, auch an dieser Stelle den verehrten Damen Marburgs den Näh verein für die Gemeindediakonissen zum Besten der Stadtarmen in empfehlende Erinnerung zu bringen. Der Vorstand bittet dringend um recht zahlreiche Beteiligung.
Marvurg, 5. Septbr. Zwischen Gästen einer Wirtschaft in Weidenhaufen und einigen Metzgergesellen kam es geftem Abend zu einem kleinen Sttaßen- ftreit, bei welchem einige der Beteiligten den Kampfplatz mit blutigen Köpfen verließen.
Marvurg, 5. Septbr. Inhalt der Nr. 17 des „Hesienland": „Ach, eine Thorheit nur", Gedicht von M. Herbert; „Aus dem Leben Franz Dingelftedts"; „Altes und Neues", von F. Zwenger (Fortsetzung); „Die Schlacht von Hanau", nach den Souvenirs du Marechal de Macdonald ", mitgeteilt von F. Zwenger; „Ursula", eine Geschichte aus Waldesgründen, von Wilhelm Speck (Schluß); „Der Do' nuch", Gedicht, mitgeteilt von Minka Henkel; „Ans alter und neuer Zeit"; „Aus Heimat und Fremde;" Briefkasten.
Marvurg, 4. Septbr. (Landwirtschaftlicher Kreisverein Marburg.) Der landwirtschaftliche Kreisverein Marburg hielt gestern eine Sitzung im Cafö Quenttn ab. In derselben machte der 1. Vorsitzende des Vereins, Herr Direttor Dr. Hesse, zunächst folgendes bekannt: 1. die Herren Kgl. Landrat v. Trott zu Solz in Marburg, Dr. Wigand in Fronhaufen, Kaufmann Wilhelm Finger in Fronhausen und Bürgermeister Ruppert in Dilschhausen haben sich als Mitglieder angemeldet und sind als solche ausgenommen worden. 2. Bei der in den Tagen vom 8.—12. September in Hanau stattfiudenden Generalversammlung des Zenttalvereins wird der hiesige Verein durch die Herren Direttor Dr. Hesse-Marburg, Kreistierarzt Küminell-Marburg, Posthalter Göbel-Wetter, Gutsbesitzer Kaiser-Ebsdorf, Bürgermeister Ruth-Bellnhausen und Rentter Ruth- Goßfelden als Delegierte verrieten sein. Da auch eine größere Anzahl der übrigen Mitglieder gewillt ist an jener Versammlung teilzunehmen, so wird der Vorstand eine gemeinschaftliche Fahrt mit Preisermäßigung ins Auge fassen und wenn diese zustande kommt das Nähere durch die Zeitung bekannt machen.
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Der Arbeit Segen.
Novelle von M- Widdern.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Der alte Mann konnte nicht weiter reden- Leidenschaftliches Schluchzen erstickte seine Stimme- Dann aber legte er auch die Arme um den Hals des bisher so verachteten Schwiegersohnes. „Beriech' auch Du mir, Fritz," flüsterte er „und habe Dank für alles Gute, was Du den Meinen schufst!"
Da die Aufsichtsbeamten den Verurteilten in diesem Augenblick daran ermahnten, daß seine Zeit abgelaufen sei, drückte der Schulmeister nur noch einmal die Hand Fritz Goldens und wintte dann «uh seine übrigen Kinder an sich heran, um chnen wiewohl zu sagen.
„Ich weiß, Ihr werdet Eurem Vater alle Härte und Rücksichtslosigkeit vergesien, mit denen er Euch bisher die Kindheit verbittert," sagte er nun
„und ihn auch an dem Schauplatz seiner Schmach «suchen. Du aber, Lotte," wandte er sich dann doch "och einmal an die älteste Tockter zurück, „bereitest "iir bei solcher Gelegenheit wohl die Freude, auch
Dein Söhnchen mitzubringen. Ich — ich möchte la gar zu gern einen Kuß aus die Stirn meines ersten Enkelkindes brüden.*
*
Siebenmal hatte Fritz nun schon seine Hausier- Wirten gemacht, deren er sich im Verlauf jedes sommers mehreremal unterzogen. Als er von oer letzten heimgekehrt, trug sein Notizbuch aber eine i° bedeutende Zahl von Aufträgen, daß er erklärte, ® müsse jetzt unter allen Umständen zu dem einen Gehilfin, den er bisher beschäftigt, noch mehrere Wdere einstellen. Die Frauen gaben ihm hierin vollkommen Recht. Um so mehr, als auch Lotte eine
Bestellung für den Gatten angenommen, während er fern gewesen. Die verwitwete Zimmermeister Bertram in Mollenheim, für welche unsere junge Fran schneiderte — hatte nämlich eine geschnitzte Etagere zu besitzen gewünscht und an Lotte Golden die Bitte gerichtet, ihr eine solche von dem Gatten machen zu lassen, sobald derselbe wieder daheim angelangt wäre. Da es nun aber für die junge Frau Ehrensache schien, gerade diese Arbeit besonders kunstvoll her- gestellt zu sehen, bat sie Fritz, die Etagere nur mit seinen alleinigen Fingern herzurichten.
„Die neuen Gehilfen," meinte sie, „könnten ja ndessen die Aufträge der Landbevölkerung zurAus- ührung bringen — freilich unter der aufmerksamsten Beobachtung ihres Meisters. Denn Schande sollte und wollte sich Fritz auch selbst bei Denen nicht machen, welchen der echte Schönheitssinn fehlte.
So wurde denn bald mit verstärkten Kräften geschafft und dabei ging es so unbeschreiblich gemütlich zu in den engen vier Wänden. Auch die Jungen des Schulmeisters hängten sich mit Leib und Seele an den jungen Schwager. Ganz begeistert von den reizenden Arbeiten desselben, bauten sie an nichts anderes mehr, als es ihm nachzuthun uub dermaleinst wie er, ein tüchtiger Holzschnitzer zu werden.
Trotzdem Fritz jetzt viel mehr verdiente, als eine Familie zu ihrem Unterhalt gebrauchte — lachte Lotte doch noch nicht im Entferntesten daran, die Schneiderei aufzugeben — um so weniger, als auch Lieschen bereits ziemlich perfekt in ihren Leitungen geworden. Die alte Mutter aber besorgte nach wie vor die Wirtschaft und wartete den kleinen Enkel, welcher in der Taufe die Namen „Hans Heinrich" erhalten und natürlich die Hauptperson im ganzen Hause geworden war.
Zweimal war Lotte, Lieschen und die drei Buben übrigens schon mit dem reizenden Kinde im Gefängnis bei dem Vater gewesen. Der Schulmeister hatte auch tiefbewegt das erste Enkelchen gesegnet und sich der Lieblichkeit desselben gefreut. Sein hartes Herz war ja überhaupt für immer erweicht. Und wenn ihm Lotte von den Unternehmungen ihres Mannes erzählte, dann strahlten seine ermüdeten Augen freudig auf.
„Es ist also doch wahr, daß auch die schlichte Arbeit — die Arbeit der Hände — die ich so sehr verachtet — zu Freiheit und Wohlstand führen kann," sagte er bei solchen Gelegenheiten. „Denn daran zweifle ich nun nicht länger — Dein Fritz bringt es noch zu etwas Rechtem — wenn auch langsam — sehr langsam- Je nun — aber jedes gute Ding muß ja auch Weile haben."
Mit großer Freudigkeit hatte sich Fritz indessen an die Fertigstellung der Etagere für die Zimmermeisterswitwe in der Stadt gemacht und schon am zweiten Tage vor dem vorherbestimmten Ablieferungs. termin konnte Lotte das außerordentlich gelungene Möbelstück seiner Bestellerin überbringen.
Frau Bertram befand sich in ihrer guten Stube und hatte Besuch. Ein jüngerer Bruder von ihr, Martin Stäuber, der bisher in Newyork ein kaufmännisches Geschäft besessen, von Hause aus aber Bildhauer war — hatte seine amerikanischen Ver- jältnisse gelöst und war herübergekommen, um sich auf heimatlichem Boden den eigenen Herd zu begründen. Er war ein liebenswürdiger Mann in Mitte der dreißiger Jahre; sein Aeußeres erweckte ’ofort bei Jedermann Vertrauen. Auch Lotte empfing den angenehmsten Eindrud, als sie ihn im Zimmer seiner Schwester kennen lernte.
Frau Bertram zeigte sich übrigens wahrhaft
entzückt von der kunstvollen Arbeit, welche die junge Frau ihr überbracht.
„Sieh Dir die Etagere doch auch einmal an, Du bist ja Kenner in solchen Sachen," sagte sie dann auch zu dem Bruder, der sich diskret in eine Fensternische zurückgezogen hatte, als Lotte das umhüllende Tuch von der Schnitzarbeit entfernt.
Herr Stander wandte sich nun sofort wieder nach den Frauen zurück. Er trat an den Tisch heran, auf dem das junge stattliche Weib, welches so beftinguiert aussah, trotz ihres einfachen Anzuges — die Etagere gestellt.
Einen langen aufmerksamen Blick warf Martin Stander nun auf die Schnitzarbeit. Dann nahm ein freundliches Gesicht den Ausdruck des höchsten Interesses an:
„Das schaffte Ihr Gatte?" fragte er jetzt verwundert in das schöne, charakteristische Gesicht Fran Lottes blickend.
Sie neigte zustimmend den Kopf.
Er aber faßte nun mit beiden Händen die Etagere und trug sie zum Fenster. Ein Lorgnon est auf die Nase gedrückt, beschaute er jetzt noch ein» zehender das reizende Werk des einfachen Mannes. Dann aber kam es mit aufrichtiger Anerkennung über eine Lippen:
„Madame, wissen Sie auch, daß Ihr Gatte ein Künstler ist — und ein wirklich gottbegnadeter )azu? Sehen Sie sich hier diese Rose an — dort )en Schmetterling und hier die wundervollen Knospen! Bei Gott, ich sah selten etwas Herrlicheres. Es drängt mich auch förmlich dazu, dem Mann die Hand zu drücken, der das schuf."
Die Brust der jungen Frau hob und senkte ich. Jetzt stahlen sich plötzlich große Thränen in ihre Augen: „Dank, Herr, Dank für dieses Wort,"