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Deutsches Reich.

W. Hierkitt, 27. August. Uns er Kaiser hatte zu der am Donnerstag Mittag im Berliner kgl. Schlosse stattfindenden Tafel den Gesandten bei den Vereinigten Staaten von Nordamerika, von Holleben, sowie den früheren Gesandten in der Schweiz, Wirkl. Geh. Rat v. Bülow, welcher an Stelle des Herrn v. Schlözer zum diesseitigen Ge­sandten beim Vatikan ernannt worden ist, und den kaiserlichen Gesandten in Bukarest, v. Bülow, welch letzterer sich vor seiner Abreise auf seinen Posten bei dem Kaiser verabschiedet hatte, mit Einladungen beehrt. Am Freitag Vormittag empfing Se. Majestät im Marmorpalais zu Potsdam zum Vortrage den Reichskanzler Grafen Caprivi. — Das Reichs- Militär-Pensionsgesetz soll, wie die „Post" hört, in vielen Punkten abgeändert werden. Die Abänderungsbestimmungen werden bereits ausgear­beitet. Sie werden, so viel verlautet, eine Mehr­forderung im Etat bedingen. Voraussichtlich kommt die Vorlage noch in diesem Herbste an den Bundes­rat. — Die Einnahmen der Reichs-Post- und Telegraphenverwaltung haben vom Beginn des Etatsjahres bis zum Schluß des Monats Juli 78 909 059 Mark (gegen denselben Zeitraum des Vorjahres + 3 201 237 Mark), die Einnahmen der Reichs - Eisenbahn - Verwaltung 19 638 000 Mark (+ 821000 Mark) betragen. — Der Lehrermangel in Preußen hat in einzelnen Bezirken gegenwärtig eine ganz ungewöhnliche Höhe erreicht. In einem einzigen Regierungsbezirk, dem Arnsberger, fehlen 172 Lehrer. Sollten alle er­ledigten Stellen besetzt und alle Klassen mit mehr als 70 bezw. 80 Schülern auf eine normale Frequenz gebracht werden, so würden nach einer zuverlässigen Berechnung über 20000 Lehrer in Preußen angestellt werden müssen. Durch die Heranziehung der jüngeren Lehrer zu militärischen Hebungen wird die unterricht­liche Versorgung in vielen Ortschaften noch mehr ge­schädigt. Die angekündigten Gehaltsaufbesserungen würden allein im Stande sein, tüchtige junge Leute dem Lehrerstande zuzuführen. — In kurzer Zeit werden in Berlin die Vorarbeiten für ein einheitliches Reichsgesetz betreffs Abwehrmaßregeln gegen ansteckende Krankheiten beginnen. — Nachdem die Cholera von Petersburg her sich mit raschen Schritten Deutschland nähert, ist die ganze ostpreußische Grenze gegen Rußland, mit Ausnahme der Ueber- gänge bei Eydtkuhnen und Prostken, wo scharfe Kontrolle herrscht, für den Verkehr gesperrt worden. Wäre rechtzeitig eine Hafensperre erfolgt, so hätten wir jetzt nicht die Sorge mit Hamburg. — Die „Nordd. Allg. Ztg." veröffentlicht folgende offizielle Kundgebung: Nach den Mitteilungen des aus Ham­burg zurückgekehrten Geheimrates Dr. Koch ist nicht mehr daran zu zweifeln, daß in Hamburg und Altona die asiatische Cholera in einem bedrohlichen Umfange herrscht. An beiden Orten sind unter dem Beirat Dr. Koch's und des noch in Hamburg ver­bliebenen Regierungsrates Dr. Rahts umfassende Maßregeln gegen die Seuche von den Behörden in die Wege geleitet. Auch ist ein Nachrichtendienst vorbereitet, um bis auf Weiteres täglich die ge­meldeten Erkrankungs- und Sterbefälle durch das Kaiserliche Gesundheitsamt bekannt zu geben. Sonn­abend Nachmittag wird im Reichsamt des Innern in Berlin eine Kommission, zu welcher Abgesandte der vornehmlich beteiligten Bundesregierungen einge- laden sind, zur Beratung der unter dem Ernst der Verhältnisse für das übrige Reichsgebiet, über das schon Geschehene hinaus, noch weiter zu ergreifenden Maßregeln zusammentreten. In verschiedenen deutschen Bundesstaaten sind solche bereits zusammengetreten.

„Da hat der Zimmermann das Loch gelaffen — versteht Ihr?! — Macht, daß Ihr so schnell wie möglich unser Haus verlaßt. Lumpenbagage sind wir Übrigens lange noch nicht. Wir sitzen auf eigenem Grund und Boden; dazu hab' ich auch noch im Sparstrumpf etwas liegen, während Ihr — Na, ich will wichts weiter sagen, Lotten zu Liebe, die ein gutes, braves Kind ist und sich gekränkt fühlen würde, wenn ich Euch die Wahrheit zeigte — so recht von Grund aus, wie Ihr es ver­dientet. Aber nun geht auch — geht, noch bitt’ ich Euch darum."

Der Schulmeister ballte die Faust: „Das Wort vergeß ich Ihr nicht, Alte," knirschte es dann, wandte sich aber doch nach der Thür. Nahe der Schwelle schon kehrte er sich noch einmal zu Lotten um, die wieder bleich wie der Tod am Fenster stand und die Hände auf das Herz gepreßt hielt: „Und Du willst wirklich nicht mit mir gehen?" sagte er „Lotte, Lotte besinne Dich, denke daran, welches Los Deiner wartet, wenn Du bei dem Golden aushälst — dem das Brot genommen worden."

Die schlanke Gestalt der jungen Frau hob sich. Fast gebietend stand sie dem alten schlechtdenkenden Manne gegenüber.

„Ich denke in diesem Augenblick nur daran, Vater, daß ich Fritz am Gottesaltar geschworen hab', Treue zu halten bis zum Tode."

„So nage mit ihm am Hungertuch. Aber das sei Dir gesagt: kommst Du heute nicht mit mir, wo ich Dir die Rettung biete, so wage es auch in der größten Not nicht, hilfesuchend an meine Thür zu pochen. Du hast keinen Vater mehr feit dieser Stunde, merke Dir das!"

Damit öffnete der Schulmeister die Thür und

— In Berlin ist bisher noch kein Fall von asiattscher Cholera konstatiert, doch zeigen sich Brechdurchfall und ähnliche Krankheiten in Stadt und Umgebung recht häufig. Am Freitag wurde eine Frau im Omnibus von plötzlichem Erbrechen und Wadenkrämpfen befallen; der Wagen wurde natürlich sofort ausgesetzt. Die Desinfektionsmaßregeln sind verschärft, besonders die Desinfektion der Hoftäume soll mit besonderer Genauigkeit vollzogen werden. Aus den Dörfern der Umgebung kommen Klagen, nach welchen die Sauberkeit noch Manches zu wünschen übrig läßt. Verboten ist der Handel mit altem Zeug und Lumpen, ferner ist die Beleihung von Kleidungs­stücken untersagt. Die Passagiere der Hamburger Bahn werden beim Eintreffen in Berlin streng unter­sucht, ihr Gepäck desinfiziert. Das betreten des Perrons durch das Publikum ist nicht gestattet. Schars kontrolliert wird auch der Obstverkauf: Einem Handelsmann vor der Zentralmarkthalle wurden 12 Scheffel unreifer Pflaumen konfisziert. In Witten­berge (zwischen Berlin und Hamburg) starb Donnerstag Mittag ein aus Hamburg gekommener Arbeiter ander asiatischen Cholera.

Sagau, 26. Ang. Die Reichstagsstichwahl im Wahlkreise Sagan-Sprottau. Nachdem seststeht, daß im Wahlkreise Sagau - Sprottau eine Stichwahl zwischen dem Konservativen von Klitzing und dem Freisinnigen Dr. Müller stattzufinden hat, empfiehlt die nationalliberale „Nat.-Ztg." ihren Parteigenossen auf das Dringendste die Unterstützung der freifinnigen Kandidatur.

Kamöurg. (Cholera.) Trotz der einge­tretenen Abkühlung ist in Hamburg am Freilag wieder eine große Anzahl neuer Erkrankungen (über 300) angemeldet, weiter über hundert Todesfälle. Freitag Morgen wurden mit einem Male etwa hundert Choleraleichen beerdigt. Bei anhaltend normalem Wetter ist aber wohl bald eine Abnahme zu erwarten. Am Donnerstag starben 140 Personen. Fälle cholera- verdächtiger Natur werden noch aus verschiedenen Orten berichtet, doch scheint es sich immer um Brech­durchfall zu handeln. Zahlreiche Cholerafälle zeigen sich an Bord der von Hamburg ausgelaufenen Schiffe: Der „Jason", nach Köln beftimmt, hatte zwei Tote und 4 Kranke, der Dampfer „Gemma", nach Hüll bestimmt, drei Kranke. — lieber das Umsichgreifen der Cholera in Hamburg wird von dort berichtet: Das rapide Umsichgreifen der Seuche hat wohl seinen Grund in den hygienischen Verhältnissen unserer Stadt. Nicht als ob die Behörden, vor allem das Medizinalamt, nicht alle möglichen Vorsichtsmaßregeln zu aller Zuftiedenheit gettoffen hätten, die Ursache liegt vor allem in zwei Hauptschäden, an denen unsere Stadt schon seit längerer Zeit krankt. Es sind dies die Trinkwasser- und Wohnungsverhältnisse. Unseren ganzen Trinkwasserbedarf nehmen wir aus der Elbe, und dieses Wasser ist nachgewiesenermaßen absolut gesundheitsschädlich und darf nur nach Reinigung durch Kohlenfilter genoffen werden. Da jedoch jede Familie selbst für ein solches Filter sorgen muß, ist es klar, daß besonders ärmere Familien sich er­heblichen Gefahren aussetzen. Dann die Wohnungs­frage. In der Altstadt, in der Nähe des Hafens und an den sog. Fleets, Wasserstraßen, die im Hoch­sommer zur Ebbezeit die gefährlichsten Krankheits­stoffe beherbergen, wohnen in engen Hinterhäusern, von deren Bau man sich keine Vorstellung machen kann, in den sog. Terrassen, hunderte von Menschen auf einem kleinen schmutzigen Platze. So wohnen auf der verkehrreichen ziemlich kurzen Steinsttaße nicht weniger als 30 000 Menschen zum größten Teil in solchen Terrassen. Daß da für eine so gefähr­liche Seuche ein geeigneter Boden ist, läßt sich denken. Zu alledem kommt noch ein augenblicklicher

Mißstand, die ungeheure Hitze. Endlich noch die erstaunliche Gleichgiltigkeit, mit der ein recht großer Teil der Bevölkerung die Krankheit ansieht. Trotz aller Mahnungen der Behörden durch öffentliche Kundgebungen und spezieller Weisungen durch die Preffe, kommen doch noch die gröbsten Verstöße und Vernachlässigungen vor, kein Wunder also, daß die Krankheit solche Fonschritte macht.

Ausland.

Israukreich. Die von den ftanzösischen Be­hörden so hartnäckig vertuschte oder abgeleugnete Cholera macht ttotz Allem sehr starke Fortschritte. In Havre sind schon mehrere hundert Personen ge­storben, ebenso in Rouen und Umgebung. In Charis sind ebenfalls neue Erkrankungen und Todesfälle vorgekommen.

Hiekgieu. Die Cholera, welche in Antwerpen aufgetaucht ist, breitet sich dort in der Umgebung weiter aus. Der Charakter der Krankheit ist schwer.

Außkaud Die Cholera rückt von Petersburg her ununterbrochen gegen Westen vor. Trotz einge- tretenen kühlen Wetters ist keine namhafte Abnahme der Erkrankungen zu konstatteren. Auch in der Rich­tung auf Warschau schreitet die Seuche schnellen Schrittes vor. Die tägliche Durchschnittsziffer der Choleraerkrankungen in Rußland beträgt etwa 7000, die der Todesfälle 3500. Am meisten Opfer fordert die Seuche im Gebiet der donischen Kosacken.

Hessen-Nassau.

Marburg, 27. Aug. Die vor kurzem erfolgte Wahl des Henn Professor Dr. Bauer zum Rektor der hiesigen Universität für das Amtsjahr 1892/93 hat die ministerielle Bestätigung erhalten.

Warburg, 27. August. Die Kommission für die ärztliche Vorprüfung während des Prüfungsjahres 1. Oktober 1892/93 ist wie folgt zusammengesetzt worden: Den Vorsitz hat der Dekan der medizinischen Fakultät und in Verhinderungs­fällen der Stellvertreter im Dekanat zu führen. Zu Examinatoren sind ernannt und zwar für das Fach:

I. der Anatomie: der ordentl. Prof. Herr Dr. Gasser, II. der Physiologie: der ordentl. Prof. Herr Geh.

Med.-Rat Dr. Külz,

III. der Physik: der ordentl. Prof. Herr Geh. Reg.- Rat Dr. Melde,

IV. der Chemie: der ordentl. Prof. Hen Dr. Zinke, V. der Botanik: der ord. Prof. Herr Dr. Arthur Meyer, VI. der Zoologie: der ordentl. Prof, Herr Geh. Reg.- Rat Dr. Grceff.

Marburg, 27. August. Die pharmazeutische Prüfungskommission der Universität Marburg ist von dem Henn Minister der geistlichen, Unterrichts­und Medizinal - Angelegenheiteit für das Prüfungs­jahr 1892/93 unter dem Vorsitz des Herrn Professor Dr. E. Schmidt folgendermaßen zusammengesetzt worden:

I. für die Vorprüfung: Hen Professor Dr. E. Schmidt und Hen Prof. Dr. A. Meyer;

II. für die pharmazeutisch-technische Prüfung: Herr Professor Dr. E. Schmidt und Apother Jung in Kirchhain;

III. für die analytisch-chemische Prüfung: Hen Pro­fessor Dr. E. Schmidt.

IV. für die pharmazeutisch-wissenschaftliche Prüfung: Hen Professor Dr. E. Schmidt, Herr Professor Dr. A. Meyer und Herr Apotheker Jung- Kirchhain ;

V. für die Schlußprüfung: Herr Professor Dr. E. Schmidt, Herr Geh. Reg.-Rat Professor Dr. Melde, Herr Professor Dr. Meyer und Herr Apotheker Siebert.

Marburg, 27. August. In der sehr schön restaurierten lutherischen Pfarrkirche wird nächsten Sonntag zum erstenmal wieder Gottesdienst abgehalten werden. Hen Pfarrer Bernhard hält nn Morgengottesdienste die Festpredigt. Der Kirchenchor der luther. Gemeinde wird durch Vorttag passender Gesänge den Gottesdienst zu verhenlichen suchen.

Marburg, 27. Aug. Wie aus der im Inseraten­teile der heuttgen Nr. enthaltenen Bekanntmachung des Kaisnl. Postamts ersichtlich, findet die Eröffnung der im südlichen Stadtteil (Universitätsstraße 18) errichteten Zweig-Postanstalt am 1. September d. I., also am nächsten Donnerstag, statt.

Marburg, 27. Aug. Jrn Laufe des Jahres 1891 wurden in hiesiger Jrrenheil-Anstalt verpflegt 485 Geisteskranke, von denen 115 als ungeheilt, 68 als geheilt und 34 als gebessert ent­lassen bezw. beurlaubt wurden und 19 gestorben sind. Die Gesamtkosten der Verpflegung ausschließlich der Verwaltungskosten betrugen 152 768 Mk. Ersetzt wurden an Verpflegungs- und Beerdigungskosten 165 019.78 Mk. Die durchschnittliche Dauer des Aufenthalts eines Kranken betrug 185 Tage, sowie die Durchschnittszahl der täglich belegten Betten 246. Der durchschnittliche Kostenbetrag eines Verpflegungs­tages betrug ohne Verwaltungskosten Mk. 1.70, mit denselben Mk. 3.12, davon speziell an Speisen Mk. 1.05, an Kurkosten 4 Pfg. In den 3 Jrrenheil- und Pflegeanstalten des Regierungsbezirks Cassel (Marburg, Haina und Merxhausen) waren insgesamt 1715 Pfleglinge vorhanden und in den städtischen Landkrankenhäusern zu Bettenhausen, Eschw.ege, Fulda, Hanau, Hersfeld, Rinteln und Schmalkalden insge? samt 7144 Kranke.

Marburg, 27. August. Die Regierungsbehörden sind angewiesen worden, Bittschriften von bestimmten Gruppen (Setoerbetreibenber über mildere Handhabung der Vorschriften über die Sonntagsruhe einer ge­nauen Prüfung unter Berücksichtigung der örtlichen Verhältnisse re. zu unterziehen und die Wünsche der Bittsteller, soweit dies irgend mit den Grundsätzen der Gesetzgebung in Einklang zu bringen ist, zu be­rücksichtigen. In zweifelhaften Fällen soll die Ent­scheidung dem Mnister unterbreitet werden.

Marburg, 27. Aug. Bezüglich des vorgestern hier verhafteten Bäckergesellen, der in dem Verdachte stand, in Gießen einen Diebstahl begangen zu haben wird jetzt von dort gemeldet, daß dessen Unschuld erwiesen werden konnte und die Entlassung aus der Haft erfolgte. Ein kaum 17 Jahre altes Dienst­mädchen hatte den Diebstahl allein ausgeführt und das gestohlene Geld bereits für Anschaffungen ver­wendet.

Warburg, 27. August. Allgemeiner Jubel wird laut! Die entsetzliche Hitze, welche uns so lange gequält und so sehr viel Unheil angerichtet, scheint nun endlich weichen zu wollen. Die Temperatur ist auf die Hälfte des seitherigen Standes gesunken und Menschen und Tiere atmen erleichtert auf. Jetzt sieht man erst, wie die sengende Glut im Baumlaub und auf den Feldern gewütet, verbrannt und ver­dorrt hängen die meisten Blätter herab. Aber bet der allgemeinen Freude soll auch die Stimme der Vorsicht nicht fehlen: Der plötzliche Temperatur­umschlag kann sehr leicht Erkältungen, Magenbe­schwerden, Verdaunngsstömngen Hervorrufen, man sei also gerade jetzt peinlich vorsichtig und schütze vor allem den Magen vor Erkältungen.. Kommt auch nicht gleich die Cholera, sie ist uns nahe, und recht schwere, in kurzer Zeit tätlich üerlaufenbe choleraähnliche Krankheiten (wie Brechdurchfall rc.) werden von allen Ecken und Enden berichtet. Der Feind ist durch das Verschwinden der Hitze noch nicht geschlagen und die Verteidigungspofittonen

ehe Lotte auch nur ein Wort zu sagen vermochte, war der Wütende aus dem Hause.

Einen Moment blickte die junge Frau nun starr nach dem Ausgang des Stübchens. Dann aber zuckte es in dem bleichen Gesicht. Lautaufschluchzend eilte sie auf die Mutter ihres Gatten zu und schlang wie hilfesuchend beide Arme um den Hals der alten Frau.

„Ich hab' keinen Vater mehr," jammerte sie. „O Gott, wie grausam dieses Wort war. Und doch konnte ich nicht anders handeln, als ich ge­handelt habe."

„Das weiß der Himmel, Lottchen," erwiderte die Alte und streichelte zärtlich die prachtvollen Haare der Weinenten. „Aber fei ruhig, Kind, auch Dein Vater wird sich besänftigen, wenn der Fritz nur wieder eine Beschäftigung hat. — Freilich — ich — werd's dem Schulmeister im Leben nicht ver­gessen können, was er mir heute angethan. Aber das kümmert Dich ja nichts. — Und wenn der alte Mann nur erst wieder zur Vernunft gekommen, will ich es Dir nicht verdenken, daß Du ihm auch sofort die Hand zur Versöhnung reichst. Du bist sein Kind, Lotte —"

„Aber ich bin auch das Weib Eures Sohnes, Mutter — als solches —"

„Durstest Du unter keinen Umständen thun, was Dein Vater von Dir verlangte — in der Wut, Kind, über die Nachricht, daß Fritz brotlos geworden. — Sobald fein Zorn verraucht, wird er aber selbst einsehen, welch' ein unvernünftiges An­finnen er an Dich gestellt hat."

„So, und nun laß' uns auch wieder an die Arbeit gehen, Lottchen, sie wird auch Dich über die Unbill trösten, die uns soeben widerfahren "

Bald faßen die beiden Frauen denn auch wieder

eifrig nähend am Fenster. Und wirklich, das fleißige Schaffen besänftigte die Aufregung ihrer Seelen. Bald vermochte Lotte sich auch dem Gedanken hin­zugeben, wie der Vater nur im aufbrausenden Zorn gesprochen. Daß er, wenn er sich die Sache über­legt haben werde, selbst zu der Ueberzeugung kommen werde: fein Kind hätte nur gehandelt, wie es handeln mußte. So weit gekommen, werde der alte Mann denn auch nicht zögern, das begangene Unrecht gut zu machen.

Die Stunden flogen nun förmlich dahin. Ehe Mutter und Tochter es sich versahen, war der Abend da und mit ihm kehrte Fritz auch wieder zu ihnen zurück.

Zum Erstaunen der beiden Frauen aber kam er nicht allein. Die freudige Miene jedoch, welche das Gesicht des jungen Holzschnitzers zeigte, ließen Mutter und Tochter sofort auf irgend ein glückliches Ereignis schließen, welches im Zusammenhangs mit dem Gaste stand, den Fritz ihnen in dem Hausierer zuführte.

So begrüßten sie denn auch Beide den fremden Mann auf daß Freundlichste. Die Mutter aber eilte sofort nach der Küche, um dem heutigen Abend­essen einen etwas festlicheren Anstrich zu geben. Innerlich brannte die alte Frau dabei vor Neugierde, was es mit diesem Gaste auf sich hatte, den der Sohn ihr gerade heute in das Haus gebracht und noch dazu mit so frohem Sinn.

Fast wollte sie Fritz schon in die Küche rufen, um ihm die Frage zuzuraunen: „Was ist's mit dem Fremden, mein Junge." Aber der Sohn ließ ihr dazu gar keine Gelegenheit. Hatte er sich doch so­fort an sein junges Weib gewendet und es dem Hausierer zuführend, glückstrahlend gesagt:

„Das hier ist meine Frau, Brenner Sieht

sie nicht aus, als wenn sie zu Allem den besten Rat wüßte?"

„Das will ich meinen," erwiderte der Hausierer. Und die Hände der erröteten Lotte herzhaft in den feinen pressend, setzte er hinzu: „Euer Mann ist gar sehr von Euch eingenommen Frauchen und Ihr könnt stolz auf solche Liebe und so viel Ver­trauen sein. Der liebe Gott gebe nur, daß es immer so bliebe."

Lotte nickte mit dem blonden Kopse.

„Ja, ja," sagte sie mit ihrer tiefen wohl­klingenden Stimme. Dann aber nötigte sie den Gast auch, sich seines Tragekorbes zu entledigen und an dem großen Tisch inmitten des Stübchens Platz zu nehmen. Auch sie fühlte sich dabei von der Neu­gierde gemartert, was Fritz veranlaßt haben könne, den wildfremden Menschen mit sich zu nehmen. Aber sie fand es unschicklich, danach zu forschen — war auch überzeugt, daß der Gatte ungefragt erklären würde, was sie zu wissen wünsche. Das aber stand für sie außer aller Frage: der Fremde mußte Fritz die Sorge um das tägliche Brot erleichtert haben. Denn sonst würde der junge Ehemann kein so heiteres Gesicht machen und auch vor allen Dingen gesagt haben, daß seine Wege heute ver­geblich gewesen.

Als die Mutter hernach mit dem Abendessen in die Stube trat und sich die Gesellschaft um den Tisch gruppiert hatte, um sich an dicker Milch, frischen Gern und derbem Landbrot zu laben, kam es denn auch selbstverständlich zur Sprache, was die beiden Frauen zu hören verlangten.

(Fortsetzung folgt.)