Wöchentliche Beilagen: Kreis Blatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
Druck uud Verlag: Joh. Lug. Koch. UmverfiiätS-Buckdruckerei in Marburg. A’tt'ttl'rt AÄltf Verantwortlicher Redakteur: Christoph Rauteuhaui in Marburg
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Marburg,
Sonntag, 19. Juni 1892.
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XXVII. Jahrgang.
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Wochenschau.
Die Erörterungen über den Besuch des Kaisers Alexander in Kiel und das plötzliche Auftauchen des Großfürsten Konstantin von Rußland bei dem französischen Nationalturnfeste in Nancy sind nunmehr ziemlich verstummt, weil das allgemeine Interesse hierfür rasch erlahmte. Man hat den Eindruck gewonnen, daß der Zar heute wirklich recht weit .ent- strnt ist, an einen Krieg zu denken, und daß auch das Erscheinen des Großfürsten Konstantin in Nancy keine Beeinträchtigung dieser Gesinnung bedeutet. Damit muß man und kann man auch zuftieden sein, zumal sich in Paris schon wieder einmal allerlei
Im Karin -er Töne.
Roman von F Fothergill. Auwrisierte deutsche Uebertragung.
^Nachdruck derboten.] (Fortsetzung.)
„Ich möchte Dir raten, Karl, ihn und seine Angelegenheiten in Ruhe zu lassen, wenn Du nicht mch einem Auftritt mit ihm verlangst. Ich denke «ensowenig daran, ihn zu fragen, wie mir die Hand «zuhacken."
„Fragen will ich ihn auch durchaus nicht, aber «an kann sich doch wundern Daß er Siegmund w fortgeschickt hat, kam mir auch seltsam vor. Wo ist der nur?"
„Ich weiß es nicht."
„Hat er es Dir nie gesagt?"
„Nein."
„Sonderbar!" sagte Karl sinnend. „Hinter dem Men steckt, glaube ich, etwas seltsames."
„Höre, Karl. Verlangt Dich nach einer Szene wtt Eugen, oder kommt es Dir darauf an, mit ihm brechen?"
„Wahrhastig, nein!"
„Dann befolge meinen Rat und halte jetzt den Mund. Höre auf keine Geschichten und erzähle sie wcht wieder."
„Aber, lieber Freund, wenn ein solches Geheimnis jemand umgiebt . .
„Geheimnis! Unsinn! Was ist dabei für ein Geheimnis, wenn jemand seine Privatangelegenheiten hat? Wir betrugen uns damals, als Du wie ein verrückter Fräulein Klara nachliefst, nicht fo einfältig, sondern nahmen, als Du uns nichts sagtest, emsach an, daß Du Angelegenheiten hättest, welche Du für Dich zu behalten für gut fändest. Richte Dich danach, dabei wirst Du Dich am besten stehen."
ist es zwar wieder sehr still geworden und aus Wien kommt auch die bezeichnende Meldung, daß der dortige deutsche Botschafter Prinz Reuß seinen Sommerurlaub einen Tag früher antritt, als der Fürst an der Donau eintrifft, aber die Reise wird immerhin in besonderer Weise verlaufen. In Dresden, wo Fürst Bismarck übernachtet, wird ihm eine sehr großartige Ovation dargebracht werden, und auch in Wien wird es an bezeichnenden Kundgebungen nicht fehlen. Die häufig aufgeworfene Frage nach der Konfession der künftigen Gräfin Bismarck ist nun dahin entschieden, daß dieselbe der anglikanischen Kirche angehört. Von Wien begiebt sich der Fürst über München nach Kissingen.
Die beiden Häuser des preußischen Landtages haben ihre Sitzungen nach den Pfingstferien wieder ausgenommen; aber wenn man auch willig ist, den Abschluß der Arbeiten nach Möglichkeit zu beschleunigen und ein Tagen bis in die Hundstage hinein zu verhüten, es ist deutlich zu merken, daß die vorgerückte Jahreszeit den Herren Volksvertretern schon etwas sehr in den Gliedem liegt. Es ist keine rechte Forsche mehr vorhanden. Das Abgeordnetenhaus genehmigte nach recht ermüdenden Verhandlungen, welche fast drei Sitzungen in Anspruch nahmen, das Gesetz über die Kleinbahnen in zweiter Lesung. Das Herrenhaus beriet das aus dem Abgeordnetenhaus in veränderter Gestalt zurückgekommene Militär- anwärtergesetz und stieß die Beschlüsse der zweiten Kammer um. Bis Ende nächster Woche hofft man über diese und andere Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Häusern des Landtages einen Ausgleich zu erzielen, und dann soll die Session geschlossen werden. — Wie schlecht das vergangene Jahr war, merken auch die Staatsfinanzen. Nach den vom Finanzminister Dr. Miquel mit sehr wehmütiger Stimme gegebenen Darlegungen ist bei den preußischen Staatseisenbahncn ein Einnahmeausfall von nicht weniger als 58 Millionen Mk. zu verzeichnen.
Centralafrika har fortgesetzt viel von sich reden gemacht. Die Nachricht vom Tode Emin Paschas ist bisher weder bestätigt, noch für unrichtig erklärt worden, man muß also in aller Ruhe weiteres abwarten. Die blutige Metzelei, welche der englische Kapitän Lugard in dem Negerreiche Unganda mit den von ihm angeworbenen früheren Truppen Emin Paschas vollführt hat, hat sich als ganz überflüssig, und darum um so verwerflicher herausgestellt: Die britische ostafrikanische Gesellschaft, in deren Dienst Lugard steht, sitzt dermaßen in der Geldklemme, daß sie die Okkupation von Uganda nicht aufrecht erhalten kann und dem etwas zu schneidigen Offizier eine
Ordre, das Gebiet zu verlassen, zugesandt hat. Die von den Engländern gefangen gehaltenen französischen Missionare sind auf Fürsprache der deutschen Stationsoffiziere von Bukoba in Freiheit gesetzt. Die deutsche ostafrikanische Gesellschaft ist in der glücklichen Lage gewesen, ihre erste Dividende in Höhe von fünf Prozent verteilen zu können. Das war überhaupt die erste deutsche Kolonial-Dividende, und wir wollen nur hoffen, daß es so dabei bleibt. Ein neuer Kriegszug wird nötig gegen den Stamm der Moscht im Kilimandscharo-Gebiet. Die Expedition Majors von Wißmann zum Nyassa- und Tanganyika-See ist bisher ohne Schwierigkeiten und Störungen von Statten gegangen.
Die deutsche Reichsregierung ist genötigt gewesen, zu einer auswärtigen polittschen Aktton zu schreiten: Die hohe portugiesische Regierung, die schon seit Jahr und Tag in schweren Geldnöten steckt, zeigt jetzt ein so großartiges Genie, ihre Gläubiger um ihr Geld zu prellen, daß die fremden Staaten doch nicht gleichgiltig bleiben können. Auf den letzten Beschluß des Lissaboner Ministeriums, nur noch ein Drittel ihrer Zinsen zu zahlen, hat die Reichsregierung mit einem derben Protest geantwortet, dem sich wohl noch andere Mächte anschließen werden und der hoffentlich auch helfen wird. Portugiesische Staatspapiere sind im Betrage von mehreren^ hundert Millionen Mark in den Händen deutscher Kapitalisten und von diesem Gelde wird der weitaus größte Teil futsch sein, wenn es bei den Lissaboner Entschließungen sein Bewenden behält. Mag das deutsche Publikum doch endlich die fremden Papiere denen lassen, die da Geld verlieren können.
Im Auslande war es still. In Oesterretch- Ungam ist nach Beendigung der Budapester Krönungsfesttage wieder die Beratung der neuen Währungsgesetze an die Reihe gekommen, die außerordentlich langsam vom Fleck rückt. Aus dem Orient ist nichts weiter zu melden, als daß alle Versuche russischer Agenten, Unruhen zu stiften, bisher auch nicht den leisesten Erfolg hatten. Der rumänische König hat eine Reise nach Berlin angetreten, König Georg von Griechenland ist aus Kopenhagen nach Athen heimgekehrt, wo nun die Kabinettsneubildung vor sich gehen wird. Fürst Ferdinand von Bulgarien reist in Europa umher und amüsiert sich als permanenter Junggeselle, so gut er kann. lieber seine sehr liebenswürdige Aufnahme am englischen Hofe und in der britischen Hauptstadt sind die Petersburger Zeitungen sehr erbost, können aber daran nichts ändern. Die Franzosen verdauen immer noch die Nancyer Festtage.
hinter den Coulissen abzuspielen scheint, was das Licht des Tages scheut. Jntriguen und Ehrgeiz treiben dort ihr Wesen, und die großen Herren der Republick sind von menschlichen Schwächen nichts weniger als frei. Alle Ehrungen des Zaren für Frankreich richten sich ausschließlich an die Adresse des Präsidenten Carnot, und das verdrießt die zahlreichen anderen Personen, welche sich auch im Strahl der Gnadensonne des russischen Selbstherrschers spreizen möchten. Eine Komödie, wie sie nicht besser gedacht werden kann.
Diese Woche brachte auch die 4. Wiederkehr des Todestages des schwergeprüften Kaisers Friedrich. Der Tag ist von der kaiserlichen Familie in stiller Zurückgezogenheit verlebt, der Kaiser und die Kaiserin haben Kränze auf das Grab des Verewigten im Mausoleum in der Potsdamer Friedenskirche niedergelegt. In Homburg, wo die Kaiserin Friedrich verweilt, hatte ein Trauergottesdienst stattgefunden. Dem Besuche des Königs Oskar von Schweden, welcher zu Anfang dieser Woche einen Tag m Potsdam verweilte, wird in der nächsten Woche nunmehr die schon oft angekündigte und oft vertagte Reise des Königs Humbert und der Königin Margherita von Italien folgen. Die politischen Wirren in Rom, welche die Ursachen der Verzögerung waren, haben zwar noch keine Lösung gefunden, aber es ist doch eine Beruhigung eingetreten, welche die Ausführung des lange gehegten Reiseplanes ermöglicht. Die italienffchen Majestäten werden auch diesmal wieder die längere Eisenbahnroute durch die Schweiz statt durch' Tirol wählens den Irredentisten in Wälsch - Tirol keine Gelegenheit zu poliftschen Demonstrationen zu geben. Der Aufenthalt in Potsdam soll vier Tage dauern. König Humbert wird von seinem Minister des Auswärtigen begleitet sein, aber der Hauptcharakter der Reise ist doch der eines Freundschaftsbesuches. Die Beziehungen zwischen dem deutschen Reiche und Italien sind ja so enge, daß beim besten Willen nichts Neues mehr besprochen werden kann. So gleichgiltig das deutsche Volk dem Besuche des Kaisers Alexander gegenüberstand, so herzlich wird das die Ankunft des italienischen Königs begrüßen. Das ist ein wahrer erprobter Freund des deutschen Vaterlandes.
Mangels anderer interessanter politischer Nachrichten stand die bevorstehende Reise des Fürsten Bismarck nach Wien zur Vermählung des Grafen Herbert im Vordergrund der Tageserörterungen. Bon den Gerüchten, die von einer nahen „Aussöhnung" zwischen dem Kaiser und dem Altreichskanzler wissen wollten,
„Etwas sonderbares ist trotz alledem dabei," entgegnete er, als wir das Restaurant, wo wir zu Mittag aßen, betraten.--
Einige Tage später, gerade vor dem letzten Konzert, begann Karl plötzlich wieder: „Was ich sagen wollte, Friedel: glaubst Du, daß es mit Oliviers Hiersein seine Richtigkeit hat?" Dabei sah er aus, als ob ihm dieser Gedanke die Ruhe genommen hätte
„Seine Richtigkeit?" wiederholte ich spöttisch.
„Ja. Seit er hier ist, ist natürlich alles in Drbnung; aber glaubst Du nicht, daß etwas dunkles im Hintergründe liegt?"
„Was meinst Du damit, er muß doch einen Grund für fein Hiersein haben."
Ich brach in ein Gelächter aus, welches aber weniger heiter war, als es scheinen mochte. „Das denke ich auch. Zeige mir einen Menschen, welcher ohne Grund irgendwo ist? Warum bin ich hier und warum bist Du hier?"
„Dasistetwas anderes. Wir sind alle darüber einig, daß er nicht immer unseresgleichen gewesen ist; ich möchte aber gern wissen, mit wem ich es zu thun habe."
„Das Ungewöhnlichste dabei ist, daß Du erst o spät dies Bedürfnis fühlst," sagte ich Nach einigem Nachdenken fuhr ich fort: „Sieh' her, Karl, niemand ist gewiß weniger aufgelegt, mit Dir zu zanken, als ich; aber es giebt Zank, wenn diese Redereien über Eugen hinter seinem Rücken, so weiter gehen. Seine Vergangenheit kann uns Beiden einerlei fein; ich wenigstens brauche keine Zeugnisse. Wenn Dich danach verlangt, über ihn, oder sonst jemand zu klatschen, so gehe zu den alten Weibern, leren Sache das ist. Wenn Du mir noch einmal o sprichst, giebt es Streit — verstehst Du?
„Ich meinte nichts Unrechtes und kann in meiner Frage nichts Unrechtes sehen," meinte er.
„Gut, aber ich. Ich hasse dergleichen. Gieb.mir also die Hand und laß die Sache damit erledigt sein. Ich hätte mich gleich von vornherein aussprechen sollen; ich finde es nicht schön, wenn man über eine Person, mit welcher man innig vertraut ist, sich in Betrachtungen vergeht, die man ihr nicht in's Gesicht sagen würde."
„Nun, wenn Du es fo haben willst," sagte Karl, aber fein Gesicht zeigte dabei keine offene Befriedigung, wie sonst. Er erwähnte den Gegenstand mir gegenüber nicht wieder; doch ertappte ich ihn ab und zu darauf, wie er Eugen fest ansah, als ob er ihn um etwas zu fragen wünschte. Ich erkannte, laß ich in meiner Besorgnis, Klatschereien über einen Freund, dessen Geheimnisse mir heilig waren, zu vermeiden, einen Fehler begangen hatte, indem ich es unterließ, Karl zu fragen, ob er etwas besonderes über ober gegen ihn gehört habe Danach hätte ich erst die Tragweite des angcrichteten Unheils beurteilen können.
Ich brauchte nicht lange nachzudenken, um Karls Argwohn und unbestimmte Aeußerungen auf Anna Suylen zurückzuführen und ich begann diese junge Dame genauer zu beobachten.
Sie war ein großes, dunkles, schlichtes Mädchen, mit hellen, herausfordernden Augen und einem bissigen Munde. Ihr Lächeln hatte nichts natürliches; wenn sie sprach, hatte ihre Stimme etwas herbes und ihr Lachen klang hart und spöttisch — als ob te über und nicht mit jemandem lache. Ihre Er- cheinung hatte etwas Auffallendes, aber wenig An- 'prechenbes; sie sah aus, als ob sie mit der Well ober sonst etwas unzufrieden wäre. Ich war überzeugt, baß sie etwas über Eugen wußte, obgleich dieser, als ich sie ihm einmal zeigte unb ihn fragte, ob er sie kenne, den Kopf geschüttelt unb gesagt hatte: „Ihr Gesicht hat etwas bekanntes: aber ich bin sicher,
baß ich sie nie gesehen — jebenfalls nie mit ihr gesprochen habe."
Dennoch bemerkte ich oft, baß sie ihn lange unb scharf ansah, wobei ein eigentümlicher Zug ihre Lippen umspielte unb sie ben Kopf ein wenig nach einer Seite neigte, als ob sie irgenb eine Merk- würbigkeit prüfte. Ich war selbst in Bezug auf Eugens Vergangenheit zu wenig neugierig, um viel barüber nachzugrübeln; bavon aber war ich überzeugt, baß zwischen ihm und jener finsteren und sarkastischen Anna Suylen ein Bindeglied existiere.
Das letzte Konzert der Saison fand Ende April statt. Wir spielten Liszt's „Prometheus" und es war ein großer Violinist angefünbigt, ber bas Publikum burch den Vortrag eines Konzertes von Beethoven entzücken sollte.
Das Konzert war bas Benefiz Forlis, der zum letztenmale dirigierte, ba er uns verließ, um bie Stelle eines königlichen Musikbirektvrs in X. anzunehmen. Jetzt, wo die Zeit herankam, war keiner unter uns, dem es nicht herzlich schwer wurde, an den Abschied zu denken.
Miß Wedderburn hatte ein Solo übernommen; ihre Schwester und Mr. Arkwright waren anwesend.
Karl Linders kam ziemlich spät unb sah gegen eine Gewohnheit finster unb unzufrieden aus Gerade vorher, ehe er das Orchester betrat, hatten feine Braut, deren Tante und Anna Suylen ihre Plätze im Parquet eingenommen. Lady Le Marchant sah aus wie ein Schatten ihres früheren Selbst.
Dann kam Forli; auch er sah verstört aus. Nachdem er einen Blick über bas Orchester unb ben Saal geworfen hatte, ging er auf Eugen zu, zog ihn ein wenig auf die Seite und fragte ihn um etwas. Die Unterhaltung war, wenn sie auch in leisem Tone geführt wurde, doch lebhaft und dauerte