Wöchentliche Beilagen: Kreis Blatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
Druck und «erlag: Joh. Aug. Koch, Universiläts-Buchdruckerei in Marburg. Verantwortlicher Redakteur: Christoph Rautenhau» in Marburg
Redaktion und Expedition: Markt 21. W- VVVW VUUlUUyvVMlU* Redaktion und Expedition: Markt 21.
M 81
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Marburg,
Dienstag, 5. April 1892.
Anzeigen nimmt entgegen die Erpcdition dieses Blattes, sowie die Aunoncen-Bureaux von Haasenstein u. Vogler in Frankfurt a. M„ Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Mosse in Frankfutt a. M„ Berlin, München u. Köln; G. L. Daube u. Co. in Frankfutt a. M., Berlin, Hannover, Paris:
XXVn. Jahrgang.
folgende weithin vernehmbare Ansprache: „Durchlaucht ! Wir bitten um die Ehre, Ihnen einen Fackelzug als Ausdruck unserer Hochachtung darbringen zu dürfen. Jung und Alt in großen stets wachsenden Schaaren haben sich mit Begeisterung dazu gedrängt, um durch diese Ovation Ihnen ihre Ehrerbietung zu bezeugen. Aber nicht nur Hamburger allein, die wir unseren großen Ehrenbürger verehren, aus allen Gauen Deutschlands sind sie hcrbeigekommen, um Ihnen diesen Tribut zu bringen. Aber Durchlaucht, wir wenige Zehntausend sind hier als die Vertreter des ganzen deutschen Volkes, dem es tief ins Herz eingegraben, was es Ihnen an Dankbarkeit schuldet. Nach Jahrhunderten der Zerrissenheit und Ohnmacht unseres Vaterlandes haben Sie unter unserem unvergeßlichen Kaiser Wilhelm uns die Einheit gebracht und das Kaiserreich in nie gekanntem Glanz und neuer Macht wieder aufgerichtet. Wir danken es Ihnen aber vor Allem noch, daß Sie mit wcitsehendem Blick das Reich so fest gegründet und so mächtig erbaut haben, daß nichts es in seinen Grundvesten erschüttern kann und wir getrost aller Zukunft entgegen sehen können. Wir bitten Gott, daß er Sie noch viele viele Jahre in solcher Irische und Kraft erhalten möge und zur Bekräftigung des Wunsches, daß sich dies erfüllen möge, fordere ich alle Anwesenden auf, in ein Hoch auf Se. Durchlaucht den Fürsten Bismarck einzu- ftimmen." Der Fürst antwortete folgendes: „Meine Herren, ich danke Ihnen für die beredten Worte, die ich aus Ihrem Munde soeben gehött habe. Wenn ich einen Rückblick werfe auf die Kundgebungen, die mir heute von einem großen Teile der Bevölkerung zuteil geworden sind, so schließe ich darans, daß des deutschen Volkes Beifall eine Quittung sein soll für die meine ganze Lebenszeit Ihrer Geschichte geleisteten Dienste. Ich schöpfe daraus die Ueberzeugung, weil es einer so großen Zahl der Bevölkernng wohl gefällig ist, daß Sie Alles daran setzen werden, nm das gegen alle Feinde zu erhalten. Ich frage Sie, meine Landsleute, ob der Anteil, den ich immer an Ihrem Geschick genommen habe, Sie befriedigt'? — (Hier allgemeine Zustimmung mit lautem Ja, Jawohl!) Befriedigt er Sie, so habe ich die Zuversicht, daß Sie es festhalten werden. Thun wir das, so können die Feinde von allen Seiten kommen, vom Osten und vom Westen zugleich, sie können nicht gegen uns aufkommen. Wir hauen sie alle in die Pfanne! Herausfordern und angreifen werden wir sie nicht, kommen sie aber, so sollen sie mal sehen!" Die Antwort des Fürsten auf die Ansprache des Herrn Rupertt
wurde wiederholt durch leichte Zustimmuugsknnd- gebungen unterbrochen. Dann begann der Fackel- zng, an dem ungefähr 4000 Personen teil nahmen, an dem Fürsten vorüberzuziehen. Wunderbar hob ich der rötliche Lichtschein von den Baumstämmen und dem dunklen Himmel ab. Hochaufgerichtet, das Haupt mit dem Kürassierhelm bedeckt, ließ der Fürst die Schaaren an sich vorbeidefilicren. Nachdem der Fürst in das Schloß zurückgekehrt war und seine lange Pfeife angezündet hatte, trat er nochmals hcrans, um den Anblick des hinter dem Teiche vorbeiziehenden Fackelzuges zu genießen. Der Fürst prach wiederholt seine Bewunderung über den herrlichen Eindruck aus, welchen der rötliche Widerschein der Lichter am Himmel hervorbrachte. Darauf setzte der Fürst seinen Weg durch den Park fort und trat plötzlich durch die nach dem Sachsenlande führende Pforte mitten in die Schaar der zurückkehreuden Fackelträger. Im Nu war der Fürst von einem Kreise umringt. Es war ein prächtiges Bild: Der Fürst beim Scheine der dunkelrotglühenden Fackeln umgeben von einer ihm unaufhörlich zujauchzenden Menge. Der Fürst äußerte, er habe schon manche Aufzüge und militärische Vorbeimärsche gesehen, aber niemals so viele fröhliche Gesichter.
Deutsches Reich.
W. Merlin, 4. April. Unser Kaiser konferierte Sonnabend Vormittag nach einer Spazierfahrt mit dem Reichskanzler Grafen Caprivi und empfing sodann den Minister des königlichen Hauses, v. Wedell-Picsdorf, den Chef des großen Generalstabes, sowie den kommandierenden General von Lewinski II. aus Straßburg. Am Abend fand bei den Majestäten ein Diner von 20 Gedecken statt. — Sonntag besuchten der Kaiser und die Kaiserin den Gottesdienst im Dome, empfingen verschiedene Besuche und unternahmen alsdann bei dem herrlichen Wetter eine gemeinsame Ausfahrt. — In der Unterredung zwischen dem Kaiser und Herrn v. Bötticher, welche dazu führte, daß der genannte Minister in seiner gegenwärtigen Stellung im Reiche und in Preußen verbleibt, soll der Monarch nach dem „Hamb. Korr." ausdrücklich auf die guten Dienste Bezug genommen haben, die der Staatssekretär dem Reiche im Verkehr mit dem Reichstage leiste. — Der deutsche „Reichsanzeiger" veröffentlicht die Ernennung des Wirklichen Geh. Rates Hanauer zum Staatssekretär des Reichsjustizamtes in Berlin. Der Wechsel im Amte des Staatssekretärs des Reichsjusttzamtes
Fürst Bismarcks Geburtstag
ist am vorigen Freitag in Friedrichsruhe in einer Weise gefeiert worden, wie kaum je zuvor. Zug auf Zug von Hamburg antangenb, mit Gratulanten dicht besetzt — das war die Signatur des Tages. Am Bahnhof in Hamburg war kaum durchzukommen. Aber nicht allein von Hamburg, von noch unzähligen anderen Orten von nah und fern erschienen die Gratulanten. Der Bahnhof, das Landhaus, prangten im schönsten Flaggenschmuck. Einigen Besuchern war cs schon gegen 9 Uhr vergönnt, ins Schloß zu gelangen und die int großen Parterrezimmer ausgestellten zahlreichen Geschenke in Augenschein zu nehmen. Unter diesen nahmen die großartigen Blumenarrangements, wie immer, den meisten Platz in Anspruch und, was Pracht anbelangt, wohl den ersten Rang ein. Ferner waren u. a. Oelgemälde, Albums, Silberpokale, unzählige Pseifen in den verschiedensten Formen, ferner Champagner, Bittern, ein prachtvolles Arrangement von großen Erdbeeren mit Blumcnumgebung, ein Album von den Deutschen in Buenos Ayres, Lehnsessel, ein Riesen-Kibitzei, ein Riesen-Ananas und viele andere Gegenstände. Gegen 11 Uhr begann die Kapelle der Lauenburger Jäger im Parke das Konzert. Inzwischen hatte sich vordem großen Haupteingange sowohl wie ahmten auf der Wiese ein außerordentlich zahlreiches Publikum cingefnuden, welches des Zeitpunktes harrte, zu dem sich die Thüreu offnen würden. Um 11 > Uhr wurde die Pforte geöffnet, und alles strömte in den Park. Um 11V« Uhr erschien der Fürst. Er wurde mit lauten Hurrahs, welche die Klänge der Kapelle ganz übertönten, empfangen. Alles drängte sich an den Fürsten heran und im Nu war er so beladen mit Blumen, daß er sich nicht von der Stelle bewegen konnte. Man nahm ihm die Blumenlast ab und Graf Herben versuchte, dem Fürsten den Weg zu bahnen. Dies gelang ihm jedoch erst, nachdem zwei Gendarmen ihn dabei unterstützten. Viele Damen küßten dem Fürsten die Hand, die Herren schüttelten ihm entblößten Hauptes die Hände. Der Fürst stand tief gerührt und überblickte, nach allen Seiten dankend, die Menge. Sodann unternahm er, begleitet vom Grafen Herbert und seinem großen Hunde, einen Spaziergang durch den Park, überall von den ihn erharrenden Menschen begrüßt und immer wieder Blumen empfangenb. Gegen 12'/, Uhr laugte ber Fürst wieder beim Schlosse an. Es hatte sich inzwischen die aus Bochum in der Stärke von 25 Herren eingetroffene Deputation des national-
sNachdruck verboten.]
In der Mren-Apotheke.
Original-Roman von Marie Widdern.
(Fortsetzung.)
Zu Horst und dessen Schwester geroenbet, setzte sie hinzu: „Unter vier Augen, nicht aus Mißtrauen gegen Sie Beide, sondern weil die Angelegenheit, welche ich mit Martha Trautenjahn besprechen will — muß, das ängstlich gehütete Geheimnis längst Verstorbener gewesen; die auch mich mit heiligen Eiden verpflichteten, es vor nieinand zu lüften."
Dann legte Tante Minchen auch schon ihren Arm in den der Witwe und Beide verließen nun das Wohnzimmer des Reconvalescenten. . . .
Erst nach einer Stunde vielleicht kehrte Martha wieder in dasselbe zurück. Sie kam allein. „Tante Minchen läßt sicb entschuldigen," sagte die junge grau, als sie wie selbstver «ländlich ihren alten Platz wieder einnahm. „Die gute Alte fühlte sich so angegriffen infot'-e unserer Unterredung, daß es sie nach absoluter Ruhe verlangte. Ich wollte ihr das Stubenmädchen zur Stütze mitgeben, aber davon mochte mein liebes Tantchen durchaus nichts hören."
Horst erwiderte- ein Paar freundliche Worte. Gertrud aber erhob sich und meinte ängstlich: „Tante Minchen ist hochbetagt! Wie leicht könnte sie da in solchen Stunden der Erregung ein Schlag treffen ? Ich will mir meinen Hut holen und ihr nacheilen"
Bald hatte sich denn auch die Thür hinter dem jungen Mädchen geschlossen, und die Zurückbleibenden sahen keine dritte Person zwischen sich.
Zum erstenmale empfand Horst Gilden das Alleinsein mit der geliebten Frau nicht als eine herbe Versuchung, seinen Grundsätzen untreu zu werden, sondern atmete tief und lebhaft auf. Es
liberalen Vereins von Bochum und llmgegeiib vor dein Balkon anfgestellt. In ihrer Mitte befanden sich einige Bergleute in ihrer eigenartigen Galatracht mit Käppi und ausrechtsteheudem Federbusch. Als der Fürst in ihre Mitte trat, richtete der Führer eine Ansprache an den Gestierten, in welcher er hervorhob, daß die Deputation als Vertreter von 10 000 gleichgesinnten Männern erschienen sei, um ihrem Ehrenbürger die herzlichsten Glückwünsche darzubringen. Wenn auch der Name Bochum in letzter Zeit einen nicht so guten Klang habe, wie früher, so möchte er doch dein Fürsteil die Versicherung geben, daß die sämtlichen Berufskreise, welche sic hier vertreten, nie vergessen werden, was der Fürst für das Gedeihen der Kohlen- und Eisen- Industrie, die bekanntlich der Haupterwerb des Bochumer Kreises sei, gethan habe. Der Sprecher schloß mit einem begeistert angenommenen dreimaligen Hoch auf den Fürsten. Fürst Bismarck antwortete, es gereiche ihm deshalb schon zu ganz besonderer Freude, die Herren hier so zahlreich zu begrüßen, weil er als ihr Ehrenbürger sie als Mitbürger begrüßen dürfe, des wetteren aber, weil mit den vielen wirtschaftlichen Interessen, welche Kohle und Eisen vertreten, auch der Ackerbau und die Landwirtschaft innig verknüpft seien. Beide könnten nicht allein gedeihen. Was die vielen Verdächtigungen anbelange, welche in letzter Zeit gegen die Bochumer Industrie erhoben worden sein, so müsse er sagen, daß er denselben nie Glauben geschenkt habe. (Lebhaftes Bravo.) In jedem Fache komme einmal ein Fehler vor, ohne Fehler seien wir alle nicht, aber die Bochumer hätten mit ihren Erzeugnissen sich einen Ruhm erworben, dem keine Verdächtigungen etwas anhabeu könnten. ( Wiederholte Bravos.) Der Fürst drückte sodann jedem der Herren die Hand und unterhielt sich lebhaft mit den Bergleuten. Alsdann begab sich der Fürst ins Schloß, wo er noch zahlreichen Deputationen aus Magdeburg, Wandsbeck, Leipzig, Freiburg und anderen Orten Gehör schenkte. Von Zeit zu Zeit wurden die in dem Hauptthor Harrenden eingelassen, um die Geschenke zu besehen. Einigen glücke es auch, den Fürsten selbst zu begrüßen, lieber den weiteren Verlauf des Festes entnehmen wir den „Hamb. Nachr." noch folgendes: Um 7 Uhr trat der Fürst wieder aus der Thür des Schlosses heraus, von der aus die Feuerwehr mit Maguesiumfackeln bis zum Emgangsthor Spalier bildete. Sobald der Fürst der zu Tausenden angewachsenen Menge sichtbar wurde, ertönten wiederum brausende Zurufe. Herr Rupertt trat auf den Fürsten zu und hielt
war ihm zu Mut, als müsse er aufjauchzen, als könne er gar nicht anders, wie die Hände der Teuren zu fassen und sie mit heißen zärtlichen Küssen bedecken.
Wie erschrak er aber, als Martha sie ihm jäh entwand. Einen Moment stand die schlanke grauen-- gestalt nun bebend an jedem Glied mitten im Gemach Dann streckte sie wie abwehrend die Rechte gegen ihn aus. Die vielleicht nur unwillkürliche Bewegung machte den stolzen Mann erröten
„Verzeihung, gnädige grau," sagte er denn auch schnell, bewunderungswürdig schnell gefaßt. „Ich würde mir jedoch nie erlaubt haben, meine Gefühle in dieser Weise zu verraten, wenn Gertrud mir nicht gesagt hätte, daß sie dieselben erwidern."
„So lange ich ein armer Mann war, sagte Gilden, ließen es meine Grundsätze so wie so nicht zu, Ihnen Hand und Herz zu bieten — Jetzt, nun das Glück aber so plötzlich die reichsten Gaben über mich ausgegossen, glaubte ich nicht länger an mich halten zu dürfen. Doch noch einmal, verzeihen Sie mir. Ich sehe, Sie spotteten des armen Verwalters, als Sie seiner Schwester sagten —"
Er kam nicht zu Ende. Mit einer Geberde tiefsten Schmerzes, zärtlichster Liebe hatte sie jetzt seine beiden Hände gefaßt.
„Horst Gilden, ich spottete nicht, so wahr ein Gott im Himmel lebt. Mein ganzes Herz gehört Ihnen, und ich wäre das glücklichste Geschöpf unter der Sonne, wenn ich lagen dürfte: „Nimm mich hin, mit Leib und Seele!“
„Und was hindert Dich, diese Worte zu sprechen'?" rief Horst und versuchte, die Geliebte an sich zu ziehen.
Wieder entwand sie sich ihm jedoch. Dabei sah sie aber mit einem Blick zu ihm auf, den er nie, nie vergessen konnte: Was mich daran hindert?
„Jenes Geheimnis, Horst," erwiderte sie dann in unsäglich schmerzlichem Ton, „jenes Geheimnis, von dem ich vorhin mit Taute Milchen gesprochen." Und plötzlich von neuem laut aufschluchzend, rang sie die Hände: „Warum ließ man mich nicht weiter leben in dieser Ahnungslosigkeit, in diesem Vollbewußtsein, die Stirn frei erheben zu können neben jedem anderen ehrlich geborenen Menschen?"
„Martha!"
Sie fühlte, daß sie sich in ihrem grenzenlosen Leid verraten, dem Geliebten nur enthüllt hatte, was sie ihm und jedem Anderen verbergen wollte, und erschrak darüber. Er faßte von neuem ihre kalten bebenden Hände, diesmal ohne auf Widerstand zu stoßen. Und mit unendlicher Zärtlichkeit in das zuckende Antlitz des junge» Weibes sehend, das sich erschüttert fühlte, bis in die Grundtiefe seiner Seele, sagte er:
„Bedcmre das Bekenntnis nicht, Martha, das Du mir in dieser Minute gemacht, und vor allem, denke nicht daran, wie dieses Geheimnis trennend zwischen uns zu treten vermöchte "
„Ja doch, ja doch, es muß uns scheiden!" rief sie außer sich „Horst Gilden, versuchen Sie nicht, mich umzustimmen: Auch ich bin stolz! Ich will nicht, daß — daß — o, mein Gott!"
Sie schluchzte herzbrechend. „Martha!" Er sagte es ernst, vorwurfsvoll.
Wieder rang sie die Hände Dann aber hörte sie plötzlich auf zu schluchzen — der Thränenquell schien versiegt zu sein, welcher ihre Augen genäßt Sie war jetzt im Stande, ein ruhiges, vernünftiges Wort anzuhoren. Und Horst sprach es. Er hatte sie zum Sopha geleitet. Neben ihr sitzend. — sie starr vor sich niederblickend, er unausgesetzt mit nicht endender Zärtlichkeit in ihr Gesicht sehend —
redete er bann in sie hinein, wußte mit tausend Gründen zu beweisen, daß — mochte nun ihr Herkommen fein, welches es wolle — sie selbst eine Frau sei, auf die ihr verstorbener Gemahl stolz gewesen und mit Recht sein konnte, eine grau, um deren Besitz ihn — Horst Gilden — noch die ganze unverheiratete Männerwelt beneiden würde.
Seine Worte hatten Balsam in ihre arme, aus allen Fugen gerissene Seele geträufelt — und je weiter er sprach, desto dringender wiederholte sie sich innerlich die Frage: „Ob er Recht hat? Ob ich, nachdem ich erfahren, welcher Makel auf mir ruht — mich wirklich unterstehen darf, seinen Namen anzunehmen, ohne befürchten zu müssen, daß ein Tag kommt, an dem es auch ihm wie Schmach dünkt — ein Weib an seine Brust genommen zu haben, das von Rechtswegen — in die Kaste der Namenlosen gehört hat?" —
Die unerwartete Erklärung, welche ihr die Majorin heute gemacht, hatte Martha nun einmal in ganz unerhörter Weise aufgeregt, sie zu einer Exaltation ohne Gleichen gebracht. Endlich sagte sie sich aber doch: „Ich will ihm die Geschichte meiner Mutter erzählen, wenn er dann alles weiß, so soll er selbst entscheiden."
Dem Entschlüsse folgte die That. Oft unterbrochen von heißen Thränen, begann sie dem geliebten Mann bann getreu wiederzugeben, was sie selbst erst vor seit so wenigen Stunden wußte. Nur fing sie fo zu sagen den Bericht an seinem Ende an. Sie erzählte Horst nämlich vorerst, daß es Natalie von Wahlburg gewesen, mit der Hans Groll in S. zusammengetroffen, und wie auch diese ihrem Leben ein Ende gemacht habe.
Diese Nachricht schon kam dem Verwalter außerordentlich überraschend. War mußte er nun bei