Einzelbild herunterladen
 

GßeOM Seitttiifl.

Wöchenlltche Beilagen: Kreis Blatt für die Kreise Marvurg vnd Kirchhain.

Druck und «erlag: J°h. Aug. Koch, Universi'Lts-Buchdruckerei in Marburg. rtÄÄIrtft BcrantwoNIicher Redakteur: Christoph RautenhauS in Marbura

Redaktion und Expeditton: Markt 21. Redaktion und Expedition: Markt 21.

Jts. 80

Erscheint täglich außer au Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. - Quartal-Slbonnements-Preis bei der Expe­dition 2 Mk., bei allen Postämtern 2 Mk. 25 Pfg. (exkl. Bestellgeld). Jnserttonsgcbühr für die gespaltene Zeile 10 Psg., Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

Marburg,

Sonntag, 3. April 1892.

Anzeigen nimmt entgegen die Erpedition diese^Blattes, sowie die Annoneen-Bureaux don Haasenstein u. Vogler in z

Frankfurt a. M., Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf XXVII. flmOQnfl Masse in Frankfurt a. M Berlin, München u. Köln; G. L. 'M ) u u

Daube u. Co. in Frankfun a. M., Berlin, Hannover, Paris.

Kultusminister Dl. Bosse

t

D I

!

I

ß ß ß

I l

I l ß fl

Ministerium über, des Jnneni. Im des Innern. Am ernannt an Stelle

Am 1. Mai 1881 erhielt er die neu geschaffene Direktorstelle im Reichsaml Jahre 1889 wurde Bosse an Ecks Stelle Unterftaatssekretür im Reichsanit 19. Januar 1891 wurde Bosse zum Staatssekretär des Reichs-Juftizamts des zum preußischen Jusüzminister ernannten von Schelling; nunmehr ist

Ei El D

I raj t

er preußischer Kultusminister als Nachfolger des Grafen von Zedlitz - Trützschler. lieber die Vorgänge und die Einzelheiten dieses neuesten Ministerwechsels haben wir unsere Leser bereits unterrichtet.

t l iS EI i 151 ra 1 151 pl I El EJ I El EJ i 1 ß p 1 ß i El El

Der neue Kultusminister, dessen Porträt wir unseren Lesern hier vorführen, ist am 12. Juli 1832 zu Quedlinburg geboren, also jetzt nahezu 60 Jahre alt. Er besuchte in seiner Vaterstadt das Gymnasium, daraus studierte er in Heidelberg, Halle und Berlin Rechts- und Staatswissenschaften. 1870 wurde Bosse'Konsistorialrat und Mitglied des Provinzial-Konsistoriums in Hannover, 1872 Oberpräsidialrat in Hannover und Justitiar des Provinzial-Schul-Kollegiums. Im Jahre 1876 wurde Bosse unter Falk zum vortragenden Rat in das Kultusministerium berufen. Als 1879 Graf Otto zu Stolberg Vizepräsident des Staatsministeriums wurde, trat Bosse als Vortragender Rat zum Staats-

I

^Nachdruck verboten.1

In der Mren-Apokhrlre.

Original-Roman von Marie Widdern.

(Fortsetzung.)

Martha, sei nicht so hart," jammerte die Majorin. Kennst Du die sonst so Gute, Liebevolle, denn das schöne Christenwort nicht mehr:Segnet, die Euch fluchen, thut wohl Denen, die Euch Haffen und verfolgen," und jenes andere, welches uns davon spricht,daß ein reuiger Sünder besser sei, denn zehn Gerechte?"

Jetzt endlich war der Widerstand der jungen Witwe gebrochen. Jetzt endlich vermochte sie sich zu sagen:Du begehst kein Unrecht gegen die Manen Deiner Mutter, kein Unrecht gegen die des edlen, großherzigen Mannes, der mit erbarmender Liebe ein armes hingeopfertes Weib vor Schmach und Schande gerettet hat, wenn Du verzeihend an das Sterbebett des Unseligen trittst, deffen Blut nun doch einmal in Deinen Adern fließt."

Erst so weit gekommen aber schlang Marlha Trautenjahn auch ihre Arme um den Hals der noch immer vor ihr Knieenden und diese zu sich empor­ziehend, flüstert« sie:

Ich will mit Dir gehen, meine Schwester." Und nun sie die traute Anrede erst einmal über die Lippen gebracht, erschien ihr dieselbe so süß, daß sie gar nicht anders konnte, als wiederholt zu sagen: meine Schwester." Dabei neigte sie das liebe Gesicht tiefer immer tiefer bis sich die Lippen der beiden Frauen fanden zu einem langen langen sriedebringenden Kuß. .

Der Wagen der Majorin hatte inzwischen vor der Apotheke gewartet. Jetzt benutzten ihn die Damen. Mit Windeseile flog das elegante Gefährt

dann seinem Ziele zu. Noch kamen die beiden Schwestern nicht zu spät, wenn auch der Todesengel schon merklich seine Hand aus die Stirn des alten Barons gelegt

Als Frau von Gorderoff mit Martha Trauten­jahn in das Sterbezimmer trat, fanden sie nur den Richter am Bette des Scheidenden. Er hatte die Hände des Vaters in den seinen und sprach tief­empfundene Trostesworte zu ihm

Wie furchtbar Herbert von Wahlburg sich auch betroffen beleidigt möchte man fast sagen gefühlt hatte durch das grelle Streiflicht, welches der Fabrikant auf die Vergangenheit, den ganzen Charakter des Generals geworfen jetzt nun der Allvater die Hand nach einer Seele ausstreckte, die so viel gesündigt, empfand der Richter nichts als die reine Kindesliebe nichts als Dankbarkeit für den Mann, der ihm selbst doch immer nur ein treuer, wahrhaft liebender Vater gewesen. Und in der Empfindung hatte er förmlich vor dem Gedanken gezittert, sie nach der der Sterbende immerfort verlangte könnte zu spät kommen zu spät, um ihm die gewünschte Wegzehrung zu geben. Aber nun dem Himmel fei Dank! nun war diese Furcht gegenstandslos geworden. Ein erlösender Atemzug rang fich aus der breitew Mannesbrust. Beide Hände streckte er dann dem Weibe entgegen, auf das er noch vor Kurzem in ganz anderer Weise gehofft hatte.

Komm', meine Schwester," sagte er dabei mit scharfer Betonung,komm' und sage unserem Vater, was er so gern, so aus voller Seele gern von Deinen Lippen hören möchte "

Noch war das letzte Wort nicht über die Lippen des Richters, als der Sterbende mit übermenschlicher Anstrengung den Oberkörper in die Höhe richtete:

Wochenschau.

Mit der Lösung der Ministerkrisis in Preußen, die noch weitere Kreise gezogen hatte, als man anfänglich annahm, ist auch das Ende der Reichstagssession heran­gekommen: Wie nachträglich bekannt geworden ist, hatten nicht nur der Reichskanzler Graf Caprivi in seiner Eigenschaft als preußischer Ministerpräsident und der Kultusminister Graf Zedlitz ihr Entlassungs­gesuch eingereicht, sondern auch der Vizepräsident des Slaatsministerinms, Staatssekretär von Bötticher. Bei dem Letzteren handelte es sich nun allerdings nicht um das neue Lolksschulgesetz, sondern einfach um den Ausdruck des Wunsches, sich auf einen weniger mühevollen Posten zurückznziehen, aber der Kaiser hat dies Entlassungsgesuch rundweg abgelehnt. Herr von Bötticher der das gewaltige Ressort des Reichsamtes des Innern beherrscht, wäre auch un­endlich schwer zu ersetzen. Der Reichstag, der in der letzten Woche ganz ausnahmsweise stark von seinen Mitgliedern besucht war, hat der nun schon über zweihundert Sitzungen zählenden Session ein Ende gemacht. Eine ganze Anzahl von Gesetzent­würfen ist als unerledigt bis zur nächsten Session znrückgestellt. Erledigt wurde vor allen Dingen die dritte Beratung des Reichshaushaltes, bei welcher auch Graf Caprivi das Wort zu der Versicherung nahm, daß die engen Beziehungen zwischen dein deutschen Reiche und Preußen auch durch die Er­nennung eines eigenen preußischen Ministerpräsidenten nicht gestört werden würden. Es gab dann im Reichstage noch recht lebhafte Auseinandersetzungen über manche Fragen der inneren Politik, besonders über die Frage der Errichtung von eigenen verant­wortlichen Reichsministerien, bei welcher die Geister ungemein . heftig aufeinanderplatzten. Mit großem Interesse wurde der Abstimmung über den Bau einer von der Marineverwaltung dringend geforderten neuen Kreuzerkorvette entgegengesehen. Das neue Fahrzeug wurde aber verworfen, weil die gesamte Zentrums­partei geschlossen dagegen stimmte. Das Votum wurde allgemein als eine Folge des Scheiterns des Volksschulgesetzes betrachtet. Hingegen genehmigte der Reichstag ziemlich einstimmig eine Nachtrags- forderung betr. den Bau von strategischen Eisen­bahnen, die int Ganzen etwas über 32 Millionen beträgt. Außerdem wurde endgiltig das Weingesetz angenommen, dazu noch verschiedene kleinere Ent­würfe und dann ging der Reichstag auseinander. Den beiden Häusern des preußischen Landtages war

Mathilde, das bist ja Du!" rief er,Du selbst! O, mein armes armes Mädchen, kannst Du mir den Schurkenstreich verzeihen, den ich an Dir begangen? Sag' sage doch kannst Du mit vergeben?"

Martha Trautenjahn war i eben dem Bette in die Knie gesunken. Jetzt faßte sie die schmale, fast durchsichtige Hand ihres Vaters.Ich bin nicht Mathilde," hauchte sie nun mit Thränen erstickter StimmeMathilde ist lange tot. In mir aber siehst Du ihre Tochter Deine Tochter, Vater! Sie kam, um Dir Versöhnung zu bringen Ver­söhnung auch mit Denen, die nicht mehr sind."

Der Greis blickte zu ihr nieder er schien sich zu besinnen:Ja, richtig sie ist tot die arme arme Mathilde," sagte er nun Und plötzlich in überströmender Zärtlichkeit den schönen Kopf seiner nie gekannten Tochter zu sich empor­hebend, rief er:Aber ist es auch wahr, was Du mir da eben gesagt hast verzeihst Du mir wirklich?"

Wirklich, und aus vollem Herzen!"

Engel!' hauchte der Sterbende Dann sank sein Kopf nieder, in die Kiffen zurück. Nach wenigen Sekunden aber hob er sich noch einmal:laß den Geistlichen holen, damit er mit das Abendmahl giebt seit vierzig Jahren zum erstenmal wieder. Ihr aber nehmt an demselben Teil, meine Kinder ruft auch Gorderoff herbei meinen guten Gorderoff!"

Die Wünsche des Sterbenden wurden erfüllt. Doch kaum war die feierliche Handlung beendet, als Baron Alfred von Wahlburg auch aufgehört hatte, zu leben.

Noch angesichts des stillen Toten versprachen sich seine Hinterbliebenen, einander stets mit treuer Ge- schwisterliebe zugethan zu bleiben. Dagegen machte

das gleiche Loos nicht beschieden. Die neuernannten Mitglieder des Staatsministerinms, Ministerpräsident Graf Eulenburg und Kultusminister Dr. Bosse, stellten sich im Abgeordnetenhause, wie im Herren- Hause vor und unter großer Bewegung erklärte Graf Eulenburg amtlich, daß die Staatsregierung auf die Weiterberatung des neuen Volksschulgesetzes verzichte. An diese Erklärung hat sich nochmals ein erbitterter Zeitungskampf geknüpft, der naturgemäß teilte prak­tischen Folgen mehr haben kann, denn in dieser Session des Landtages ist sicher kein Volksschulgesetz in abgeänderter Gestalt zu erwarten. Das Abge­ordnetenhaus genehmigte neben kleinen Provinzial­gesetzen das Welfenfondsgesetz, das aber in der mit der Vorberatung beauftragten Kommission eine etwas andere Fassung erhalten hat, während das Herrenhaus den Staatshaushalt fertig stellte.

Unser Kaiser ist von seinem achttägigen Erholungs­ausfluge nach Berlin wohlbehalten zurückgekehrt. Das Aussehen des Monarchen zeigt auf den ersten Blick, daß die kleine Indisposition, welche den tollsten Gerüchten Vorschub geleistet hatte, wieder vollständig gewichen ist. Gleich nach dem Eintreffen des Kaisers in der Hauptstadt ist dort wieder einer der wenigen noch lebenden bekannten Heerführer aus dem letzten Nationalkriege zur großen Armee abberufen, der General von Alvensleben, der 1870/71 als vorzüg­licher General bei verschiedenen entscheidenden Ge­legenheiten sich bewährt hat. Der Kaiser folgte zu Fuß dem Sarge des Generals beim Leichenbegängnis. Zu Ostern dürfte die Ueberfiebetung des kaiserlichen Hoflagers nach Potsdam erfolgen.

Der erste April brachte uns auch den Geburtstag des letzten der großen Helden von 1870 71, des Fürsten Bismarck, der im Sachsenwalde, in seinem Tuskulum Friedrichsruhe, den Abend seines Lebens verbringt. Ein kleines Unwohlsein, welches den greifen Staatsmann vor zwei Wochen befallen hatte, ist erfreulicherweise nun wieder vollständig gehoben und dereiserne Kanzler" war also im Stande, die zahlreichen Ovattonen und Glückwünsche selbst entgegenziinehmen, die für diesen Tag ihm von seinen Verehrern zugedacht waren. Das ganze deutsche Volk nahm den herzlichsten Anteil an dem Wiegen­feste des Mannes, der als der Hauptgründer des neuen deutschen Reiches mit Recht gefeiert werden muß, dessen Staatskunst vor allem cs vermocht hat, daß dem deutschen Reiche, jaganz Europa der Friede, der so oft bedrohte, währeno der beiden letzten Jahr­zehnte erhalten blieb. Mag Fürst Bismarck dem

Frau Trautenjahn es den übrigen zur Bedingung, daß sie auch nach Außen hin nichts von ihren wirk­lichen verwandtschaftlichen Beziehungen verraten und auch die Grölls zur Diskretion nötigen sollten. Sie meinte diese Rücksicht den Verstorbenen schuldig zu sein. Im Innersten ihres Herzens stand der jungen Witwe auch jetzt noch der schlichte Mann, den sie als Kind mit so viel unendlicher Liebe ihr Herzensväterchen" genannt, sehr viel näher, als der hochgeborene Baron, welcher eben seinen Geist aus« gehaucht hatte.

Die Pharmazeuten in der Bärenapocheke, Horst Gilden an der Spitze, haben da' große Los ge­wonnen!" Das war die Neuigkeit, welche in den nächsten Tagen ganz Z aufregten. In allen Kaffee­gesellschaften wurden die Konsequenzen dieses über­raschenden Ereigniffes besprochen, und im Hand­umdrehen waren auch die jungen Gehilfen zu ge­wichtigen Persönlichkeiten geworden. Ja, die Mütter heiratsfähiger Töchter überlegten bereits, ob die beiden Herrchen sich jetzt nicht lukrative Droguen- handlungen etablieren könnten und sehr wohl einen eigenen Herd begründen dürften, ohne erst das zeit­raubende Staatsexamen des Pharmazeuten zu machen.

Am meisten aber beschäftigten sich die Gedanken der Damen doch mit dem Verwalter. Seit man erfahren, daß der Hausdiener Friedrich gelogen und Horst Gilden von keiner Verantwortlichkeit für den Selbstmord des jungen Gröll getroffen wurde schaute man ja wieder mit der alten Verehrung zu dem schönen ernsten Mann auf, und der Gedanke lag jedem nahe: was nun der Allbeliebte mit dem vielen Selbe anfangen würde, das so jäh über ihn ge­kommen? Ob er sich in irgend einer benachbarten Stadt eine Apotheke kaufen, ober ben plötzlichen Reichtum nur anberroeit sich anlegen und nach