Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
Druck urd Verlag: Ivb. Aug. Koch, Universiläls-Buchdruckerei in Malburg rt+f Veranlworllicher Redakleur: Christoph Rautenhaus in Marburg.
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Marburg,
Freitag, 1. April 1892.
Anzeigen nimmt entgegen die Erpedilion dieses Blattes,
sowie die Annoncen-Bureaux von Haasenstein u. Vogler in vvnn <_ Frankfurt a. M., Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf XJLVli. -Cfl 1)1'11(111(1 Müsse in Frankfurt a. M., Berlin, München u. Köln; G. L.
Daube u. Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover, Paris.
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Der 1. April
ist im deutschen Volke immer ein vielgenannter Tag gewesen, an welchem mancher übermütige Scherz und manche harmlose Neckerei sich breit gemacht hat. Noch mehr aber ist der Tag genannt, seitdem er als
Hebvrtslag des Anrste« Aismarck
geachtet und beachtet wurde, als eines Mannes, der sein Lebtag nicht geduldet hat, daß sich Jemand mit dem deutschen Paterlande einen Scherz erlaubte. Die Bismarcksche Staatsknnst, die fast ein Lierteljahr- hundert hindurch den europäischen Staaten ihre Wege wies, hat ihrem Träger reiche Lorbeeren, reiche Achtung und Verehrung eingetragen, und natürlich ist dabei viel Feindschaft nicht ausgeblieben. Aber diese letztere ist eben noch Niemandem erspart worden, der mit fester und starker Hand in das Weltgctriebe eingriff, mit den inneren und äußeren Feinden des Reiches nicht fackelte, und einen Erdteil zwang, seiner Führung zu folgen. Eine Stellung, wie sie der erste Kanzler des Reiches gehabt, haben Minister noch nie sich erfreut; auch allmächtig erscheinende Diplomaten haben nicht einen derartigen Einfluß über ihr Vaterland hinaus besessen, wie Fürst Bismarck ihn aus- übtc. In unserem zu Ende gehenden Jahrhundert hatten bisher nur zwei Personen eine europäische Stellung, und das waren Napoleon I. und Fürst Bismarck. Seitdem der greise Staatsmann aus seinem Amte geschieden, dem deutschen Volke und ganz Europa in menschlicher Beziehung näher getreten ist, ist auch manche frühere Feindschaft sehr stark verblaßt und allseitig sind die guten Wünsche für ein ferneres Wohlergehen geworden. Der kräftige Sohn der Altmark erfreut sich heute der besten Gesundheit, die'Waldesruhe und der Waldesfriede im schönen Sachsenwalde haben den siebenundsiebzigjährigen Mann gekräftigt und lassen ihn unschwer
fNachdruck veiboter]
In der Bärrn-Apolheke.
Original-Roman von Marie Widdern.
(Fortsetzung)
„Ihr Fräulein Schwester hat sich das Leben genommen, nur wenige Stunden vor dem Selbstmorde, den mein Sohn beging."
„Mein Gott, in welchem Tonfall sagen Sie das?" fragte der ältere Wahlburg jäh zusammen fahrend.
„In welchem Tonfall? Nur in jenem, Herr General, in welchen! ein unglücklicher Vater einein anderen nicht minder unglücklichen zuraunt: Was Dir geschah, geschah auch mir. Ja noch mehr! Ter Tod Deines Kindes bedingte den Tod des meinen."
„Wie soll ich das verstehen?" rief der greise ' Aristokrat, während der Richter sich mit der Rechten die Augen deckte.
Einen Moment blickte der Fabrikant mitleidig auf die verfallene Gestalt, das verfallene Gesicht des ehemaligen Don Juans. Dann aber erwiderte er langsam: „Unsere Kinder, Ihre Tochter und mein Sohn, liebten sich. Da aber Fräulein Natalie wußte, daß sie niemals die Einwilligung zu einer Verbindung mit dem bürgerlichen Pharmazeuten von Ihnen erhalten würde, nachdem ein Fürst um sie geworben — so —"
„Genug, genug," stöhnte der ältere Walburg nur. Dann schleppte er sich zu dem nächsten Sessel, in den er leise weinend sank, ohne daß der Sohn sich im Stande fühlte, ihm Trost zuzusprechen.
Jedes Gesühl in dem edlen, barmberzigm, jungen Mann war ja selbst auf das Höchste erregt Aber wie tief ergriffen, wie grenzenlos befremdet ihn auch
die Last der Jahre ertragen. Fürst Bismarck ist der Hauptschöpfer der deutschen Einheit und als solcher verdient er, mag des Tages Streit auch sonst manches bringen, den wärmsten Dank der Nation und allseitigen herzlichen Glückwunsch zu seinem Wiegenfeste. Mag der Letzte der Führer aus der großen Zeit noch lange in rüstiger Körperkraft und voller Gcistesfrische erhalten bleiben!
Deutsches Reich.
W. Aierkin, 31. März. Unser Kaiser stattete am Dienstag dem Staatssekretär v. Bötticher einen längeren Besuch ab. Ani Mittwoch Morgen unternahmen die kaiserlichen Majestäten eine gemeinsame Spazierfahrt. Im Schlosse hatte der Kaiser eine Besprechung mir dem Landesdirektor der Provinz Brandenburg, betreffs des in Friesack zu errichtenden Denkmals für Kurfürst Friedrich I., und nahm darauf den Vortrag des Chefs des Zivilkabinetts entgegen. Später empfing der Monarch den Fürsten Rcuß ä. L., welcher am Dienstag in Berlin einge- kroffen war, und wurde darauf dieser, wie auch der am Mittwoch eingetroffene Fürst v. Wind zur Tafel geladen. Darauf statteten beide Majestäten der Kaiserin Friedrich einen Besuch ab und wohnte der Kaiser der Trauerfeier für den verstorbenen General v. Alvensleben bei. Am Nachmittag unternahm Se. Majestät einen Spazierritt durch den Grünewald. — Prinz Heinrich von Preußen, Bruder des Kaisers, wird heute, Donnerstag, in Wilhelmshaven das Kommando des Panzerschiffes „Beowulf" übernehmen. — Der bisherige Kultusminister Graf Zedlitz hat Mittwoch Berlin verlassen und sich zunächst aufs Land begeben. — Der Bundes rat hielt am Mittwoch eine Sitzung ab, in welcher verschiedenen vom Reichstage vorgelegten Vorlagen zugestimmt wurde. — Zum Staatssekretär im Reichsjustizamt ist der bisherige Direktor int Rcichsjustizamt, Herr Hanauer, ernannt worden. Die amtliche Bekanntmachung steht unmittelbar bevor. — Die Meldung, daß der preußische Laudwirtschaftsminister v. Heyden seinen Abschied zu nehmen beabsichtige, wird jetzt als unbegründet bezeichnet. — Als Nachfolger des bisherigen Oberpräsidentcn von Hessen- Nassau, Grafen Eulenburg, wird neuerdings der Untcrstaatssekretär im Handelsministerium, Wirkl. Geh. Oberregierungsrat Magdeburg, der früher in Cassel Regierungspräsident war, genannt. — In der preußischen Armee hat am Dienstag eine
die letzten Mitteilungen des Fabrikanten gemacht, so absorbierte doch bald wieder nur der eine Gednke das ganze Seelenleben Herberts: Martha Trauten- jahn war seine Schivestcr. Er hatte seine Schwester zum Weibe begehrt!
Nun er es aber wußte, wie die Teuere schon zu ihm gehörte durch die Bande des Blutes, fand er auch die Erklärung für manchen Vorgang in seinem Herzen, die ihin bisher unverständlich erschienen. Jäh begriff er es, weshalb er sich so geduldig in sein Schicksal zu fügen verinocht hatte — ohne nachhaltigen Zorn den Korb hinnahm, die die teuere Frau ihm gereicht. Es war d-r Instinkt des Blutes, welcher ihn beruhigt und doch immer wieder fo gewaltsam zu der lieblichen Witwe drängte, daß er es nur zu bitter schon bereute, die Werbung überhaupt vorgebracht zu haben. Wie hatte er sich in all' diesen Wochen nach Marthas Anblick gesehnt, nach ihrer Unterhaltung ? Und nun — nun? Nun war sie seine Schwester, mit der er zwanglos verkehren durste, für welche jene trennende Werbung gar nicht mehr gesprochen war ...
Am liebsten würde er sich sofort seinen Hut aufgesetzt und zu ihr geeilt sein. Aber noch war ja nichts darüber beschloffen worden, in welcher Weise sich der Vater der neuentdeckten Tochter gegenüber verhalten sollte. Noch wußte der Richter nicht, ob es nicht zu grausam sei, Martha von der Schuld ihrer Mutter zu erzählen. Mitten in diesen Gedankengang hinein tönte nun wieder die Stimme des greisen Barons: „Meintest Du nicht, Johann, Verzeihung — meinten Sie nicht, Herr Groll," verbefferte er sich, „daß — Mathildens Tochter hier am Orte lebt, von meinem Sohn umworben?"
Der Fabrikant neigte sich teilnehmend über den Gebrochenen. Er berichtete ihm ausführlich, was er
größere Beförderung stattgcfnndcn. — Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht eine kaiserliche Verordnung Petr, das Inkrafttreten der auf die Sonntagsruhe im Handelsgewerbe bezüglichen Bestimmungen des Arbeiterschutzgesetzcs zum 1. Juli. — Die Session des Reichstages wird voraussichtlich heute, Donnerstag, geschlossen werden. — Die Vertagung des preußischen Abgeordnetenhauses wird, wie man annimmt, am 8. April erfolgen. Die Osterferien sollen sich bis zum 26. April erstrecken. — Drei große Gesetze, deren Ausarbeitung s. Z. viel Kopfzerbrechen gemacht hat, gewinnen mit dem 1. April praktische Geltung: im deutschen Reiche das Arbeiterschutzgesetz, soweit die Bestimmungen desselben für die Fabriken und für die Frauen- und Kinder - Arbeit in Betracht kommen, im Königreiche Preußen die Land- gemeindcordnung und das Einkommensteuergesetz. — Der Präsident des kaiserlichen Patentamtes in Berlin, Wirkl. Geh. Legationsrat Dr. v. Bojanowski, ist am Dienstag Abend daselbst in Folge einer Lungenentzündung gestorben. Der Verstorbene wurde vor etwa 2 Jahre« an die Spitze des Reichspatentamtes berufen und war seit 1884 auch Mitglied der preußischen Staatsrates. Seine dienstliche Laufbahn begann derselbe in der diplomatischen Karriere; er war längere Zeit vortragender Rat des Auswärtigen Amtes und eine Zeitlang Direktor der handelspolitischen Abteilung desselben; später bekleidete Dr. v. Bojanowski verschiedene Posten eines deutschen Generalkonsuls, zuletzt denjenigen in Budapest. — In einer konservativen Versammlung in Berlin, in welcher der Hofprediger Stöcker einen Vortrag hielt, wurde beschlossen, einen brandenburgischen Parteitag einzuberufcn, auf welchen Vorschläge zur Aenderung des konservativen Partei-Programms gemacht werden sollen.
Kriedrichsrvhe, 30. März. Hans v. Bülow, der bekannte Virtuose, dessen neueste Konzertrede über den Fürsten Bismarck so großen Skandal hervorrief, wird am Freitag in Friedrichsruh dem Fürsten Bismarck persönlich gratulieren. — Die „Getreuen von Jever" lassen jetzt Kibitzeier zum Geburtstag des Fürstcu Bismarck aufkaufen und zahlen für jedes Ei 1 Mark.
Mecklenburg. Bei der jetzt erfolgten Reichstagsstichwahl im Wahlkreise Mecklenburg-Strelitz ist der freisinnige Kandidat Wilbrandt gegen den konservativen Kandidaten Schwerin gewählt worden.
Darmkadt, 30. März. Aus dem Großherzogtum Hessen wird der „Voss. Ztg." berichtet, daß der
über Martha wisien wollte. Manche weitere Frage siel dann noch von den Lippen General Wahlburgs. Aber auch diese beantwortete der ehemalige Diener bereitwillig. Als der Baron endlich auf das Genaueste über alle Verhältnisse, alle Beziehungen seiner Tochter informiert war, senkte er für kurze Sekunden sinnend den Kopf auf die Brust. Dann aber rief er entschlossen: „Ich denke, das richtigste ist, daß ich mich zuerst bei Fräulein Werner melden lasse Die alte Dame, welcher ich vor jenen langen, langen Jahren ihr schönstes Kleinod stahl, wird am sichersten zu entscheiden wissen, wie inan Mathildens Kind den Sachverhalt mitteikn kann."
„So handelt es sich Deiner Meinung nach hi rbei nur um ein Wie?" fragte der Richter lebhaft. Daß man Frau Martha die Sache mitteilen muß, steht bei Dir fest."
Der Greis neigte zustimmend das Haupt.
„Und doch ist es erbarmungslos, ihr zu sagen: Du darfst in Deiner Mutter nicht mehr das Ideal reiner Weiblichkeit verehren!"
„O, mein Gott, mein Gott! Herr von Wahlburg sen. fuhr sich mit beiden Händen an die Schläfen. „Johann hat Recht Mathilde war mein Opfer, nichts weiter!" flüsterte er dann. Sie war ein engelreines Kind, so unberührt und ahnungslos, daß — daß —"
Dem alten Mann waren große Schweißtropfen auf die Stirn getreten, ihn marterte die Reue Dennoch faßte er sich bald wieder, wenigstens äußerlich. Dem Fabrikanten seine Hände entgegenstreckend, sagte er nun in weichem, bittendem Ton: „Ein unseliges Schicksal hat um uns Beide ein festes Band geschlungen, Johannes Gröll. Vergessen Sie deshalb, was Sie einst an Zorn gegen mich empfunden und beweisen Sie mir Ihre Bereitwilligkeit auch da
bewährte Staatsminister Finger von seinen! Posten zurücktrelen werde. Die Ursachen sind lediglich Familienangelegenheiten.
Ausland.
Krankreich. Die Pariser Polizei soll reorganisiert werden, weil sie weder die letzten Dyuamitattentate hat verhindern, «och die Schuldigen erwischen können. Die Reorganisation soll «ach dem Vorbildc der Berliner Polizei erfolgen —! Einzelne Journale teilen mit, die flüchtigen Anarchisten hätten noch ganz bedeutende Dynamitvorräte. Vor verschiedenen Kirchen, in welchen die Geistlichen gegen die Anarchisten gesprochen hatte«, fanden Krawalle der Revoluttonäre statt. Die Polizei mußte dazwischen schlagen.
Kngkand. Wie verlautet, wird die Königin Viktoria nächsten Monat zum Besuch ihres Enkels, des Großherzogs von Hessen, in Darmstadt erwartet. — In Witu in Ostafrika hat ein‘blutiger Zusammenstoß zwischen Truppen der engelischen Ostafrika- kompagnie und Eingeborenen stattgefunden. Die Eingeborenen füllten 20 Tote und cbensoviele Verwundete, die Engländer drei Tote unb zehn Verwundete haben. Was aber die Hauptsache ist, die Engländer vermochten nicht die stark verschanzte feindliche Stellung einzunehmen. Die Schwarzen lernen wirklich etwas vom Krieg.
Htnßland. Bischof Julins von Richter, das geistliche Oberhaupt aller evangelischen Kirchen Rußlands ist 83 Jahre alt gestorben.
Serbien. In Belgrad ist die Verbannungsurkunde Exkönig Milans veröffentlicht. Es soll übrigens richttg sein, daß Mila« in den russischen Unterthanen- verband aufgenommen ist, und dafür vom Zaren eine Pension erhält.
Kürkei. In Athen herrscht bei der Regierung hochgradiger Geldmangel. Für eine kurzftistige Anleihe bei einem heimischen Bankier hat man 13 Prozent gewähren müssen.
2jrastkien. Der Graf unb die Gräfin von Eu haben ein Uebereinkomme« mit der republikanischen Regierung ihres früheren Landes erzielt. Die Gräfin erhält das gesamte persönliche Eigentum ihres Vaters, sowie den Wert bet großen Güter, aus denen die Dotation der kaiserlichen Familie bestand. Die Kron- jnwelen werden ebenfalls znrückgegeben.
Hessen-Nassau.
Warburg, 31. März. Dem Professor der theologischen Fakultät der hiesigen Universität, Herrn durch, indem Sie mich gleich, sofort zu Fräulein Werner begleiten."
„Herbert verurteilt mich," setzte er bebend hinzu, „er zürnt mir mehr, als er eingestehen will, uud er — er schämt sich auch meiner. Für ihn wäre es eine Marter, wenn er zusehen, zuhören müßte, wie ich mich vor der Pflegemutter Mathildens beniütige."
„Was find Pläne, was sind Entwürfe, die der Mensch, der vergängliche, baut?" Dies schöne Dichterwort Schillers läßt sich auch in unserer wahrhaften Geschichte einmal wieder zur Anwendung bringen, diesmal in Bezug auf den greifen General. Denn noch hatte sich der alte Baron nicht den Ueberrock angezogen, als er plötzlich von einem heftigen Unwohlsein befallen wurde.
Nachdem die beiden noch anwesenden Herren ihn zum Sopha getragen, erklärte er selbst, sich so elend zu fühlen, daß er vorläufig den Gedanken aufgeben müsse, Tante Minchen zu besuchen. Dagegen sollte man ihn so schleunig als möglich nach der Behausung Frau von Gorderosss schaffen. Es verlange ihn nach Ruhe und seinem Bette.
Selbstverständlich gab der Richter sofort die nötigen Befehle an die Dienerfchast. Während sich Johannes dann in höchster Erregung nach Haufe begab, geleitete Herbert den erkrankten Vater ver- mittelst Equipage nach dem Gorderoff'schen Quartiere.
Der General verhielt sich während der Fahrt schweigsam Nur einmal hob er die Hände und sagte halblaut: „Meine Tochter hat sich das Leben genommen aus Liebe zu dem Sohne meines einstigen Burschen, und mein Sohn streckte begehrend seine Hand aus nach — der eigenen Schwester. Ist das nicht genug bet Strafe für mich elenden Sünder?"