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Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt für die Kreise Marburg und Kirchhain. Illustriertes Sonntagsblatt. Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

J£ »30.

Erscheint täglich «ch« ex Werktagen nach Sonn« und Feiertagen. Quartal-AbounnneutS-Preir bei der Lrpe- «tior S'/, Mk., bei den Postämtern 2 Mk. SO Pfg. (exkl. Bestellgeld). Jnsertionägrbühr für die gefpaltene Zeil» 10 Pfg., Reklamen für die Zeile W Pf,.

Marburg,

Mittwoch, 1. Oktober 1890.

ÄBjeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes, Serie die Annoncen-Bureaux von Haasenstein und Vogler

Frankfntt a. M., tt^Tel, Magdeburg n. Wien: Rudolf XXV. Jahrgang. Moste in Frankfurt a- M», Berlin, München n. Köln: El. 8- v 7 °

Lande u. So. in Frankfntt <u M., Berlin, Hannover, Pari».

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Der erste Oktober-

»Alle Mann zu Häuf!", so rufen die Führer der sozialdemokratischen Bewegung den Arbeiler- masfen im Deutschen Reiche zu, und .Alle Mann zu Haus!", so spricht der Deutsche Kaiser zuw ganzen deutschen Bürgertum, zu dem auch der Ar beiterstand gehött. Jeder Deutschs ist vor dem Gesetze gleich, und wer gegen das Gesetz verstößt, der wird nach dem Gesetz gerichtet. Der Grund­satz wird nach dem bevorstehenden Erlöschen deS Sozialistengesetzes mit verstärkter Kraft vertreten wnden, jedermann soll und muß empfinden, daß dar Deutsche Reich ein Rechtsstaat ist; der jedem Bürger gern gewährt, worauf er ein Recht har, der aber auch die Kraft hat, jeden zu vernichtm, welcher gegen das Heiligtum von Recht und Ordnung fre­velt! Die Zeit des Sozialistengesetzes liegt hinter uns. Sie war eine Periode des Abwartens, in welcher da- deutsche Bürgertum mehr oder weniger neutral oder gleichgiltig bei Seite stand, während

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Erzählung von D. Russell.

(Fortsetzung.) e

Zweites Kapitel.

DeS Vater» Testament.

t A« Montag war die Beerdigung. In de» drei «g« vorher hatte ich sehr viel zu thun. Ich war aüeste Tochter, and nufere gute Mutter war so A«d, daß ste um nichts befragt werde» durste, sandte hatte» wir nicht in der Nähe, und ich SB nicht, war ich augefangeu hätte, weuu Esther Mhe mir nicht zur Seite gewesen wäre. Sie war 1 klug und geschickt nnd dachte au alles. Sie MNte «ich, wo fie nur konnte, schrieb Briefe an *vuar Verwandte uud ttaf all die traurigen Au- '»vrugeu, die bet solcher Gelegenheit erforderlich find.

Ich stagte sie, ob sie wüßte, daß Eduard im Dorfe und uns besucht hätte.

Eie antworttte offenherzig uud errötend:

u »3<J, Fräulein Margarete, ich weiß er, und er JE« «ir nur recht und billig, daß er hier ist.

2. L"ke selige Herr hatte eineu Ettett «tt ihm: Eduard sagt, daß alles eiu Jrrthnm war, uud wo sein Vater tot ist, sollte« Sie sich ver» Men, nicht wahr?"

Das Mädchen sprach attt Wärme, und ich konnte 7thr nicht übel nehme», da fie so gut gegen uns ^rsru war. Wir betrachteten ste gewiffermaßeu als Freundin; denn als Mama ihr Bezahlung für Me Dienste avgebole«, hatte fie weinend gesagt: »Ich ? keine Dteueriu, Frau Seldina", uud hatte das tief verletzt zurückgewiesen. Rose liebte ste nicht well fie meinte, Esther vergäße zuweilen ihre Etliche Stellung; uud da da» juuge Mädchen i ff*1 erregbar, ja leidenschaftlich war, so hatte fie ^rs kleine Reibereien mit Rose gehabt; aber gegen Eltern war fie stets gut uud saust geblieben.

die sozialdemokratische Partei fortgesetzt ihre Reihen rerstältte. Gewiß, fie hat bei den letzten Wahlen einen Sieg davon getragen, weil fie keinen entschie­denen Gegner hatte. Aber leichter ist eS, den Sieg zu erfechten, als ihn zu behaupten. Herr Liebknecht hat einmal stolz vom dröhnenden Marschtritt der inganz strbeiterbataillone im Reichstage gesprochen! Nun, er ®ftb auch den Marschtritt der Bürgerbataillone zu hören bekommen und die Zeit wird lehren, wem da Sieg bleibt. Da- deutsche Bürgertum muß »jeder kämpfen, nicht mit Säbel und Gewehr, wie 1870/71, aber mit Wort und That! Jede Zeit hat ihre großen Aufgaben, und der unseren fällt die Aufgabe zu, die soziale Frage zu lösen, soweit die- überhaupt möglich. Unsere heutige soziale Bewegung tarnen Bufett kommen, sie war unausbleiblich und fie wäre auch inS Leben getteten, wenn es keinen Lasialle, Eebel oder Liebknecht gegeben hätte! Unter dem ; Glanze der politischen Erfolge des deutschen Reichet steg auch Glanz und Macht der deutschen Industrie!

1 den früheren Tausenden von Arbeitern würben i Hundeitteusende, und daß diese einmal beginnen vmrden, nach Ausbeflerung der manchmal ja recht «Pichen Arbeitervrrhältniffe zu streben, da» war iübstverständlich, daS liegt in der menschlichen Natur! 'S® Altertume gab es den furchtbaren Sklaven krieg, Mittelalter hatten wir den großen deutschen «Mttnkrieg, heute haben wir die sozialdemokratische Bewegung. Alle drei soziale Ereignifle sind sie aus «n Zkitverhältnissen geboren, nicht von Menschen

gemacht, und erst durch Menschen zur Ausartung gebracht. So war es früher, so ist eS heute, nur daß wir heute nicht zu Wehr und Waffen greifen, sondern mit Wort und That zu helfen und zu beffern suchen müssen. Deutschland ist der machtvollste Staat in Europa; er sollte zogen, der Zeit ihr Recht zu geben, die Umsturzbestrebuugen zurückzuweisen? Davon kann kaum die Rede sein. Der Deutsche ist kein geborener Revolutionsmann und von der großen Zahl der sozialdemokratischen Wähler wollen doch die weitaus meisten nichts anderes, als erträg­lichere Verhältnisse. Gewiß laufen da auch über­triebene Wünsche mit unter, aber wie viele Menschen können denn auftreten und sagen, daß fie immer zufrieden waren? Nicht der deutschen Arbeiterschaft gilt nach dem 1. Oktober der Kampf deS deutschen Bürgertum», denn der Arbeiter steht erl» Bürger in seinem Rechte jedem Grafen gleich, sondern jenen, die sich außerhalb desselben gestellt uud gewaltsam einen Zwiespalt schüren wollen! ES ist viel ge­fehlt, viel vernachläffigt und viel muß darum noch geschehen! Aber was geschehen kann und muß, das muß auch gern und mit offener Hand geschehen. Die Achtung jeden Standes muß in Deutschland unbedingt Platz greifen, und das ist bei gutem Willen möglich, während eine Verschmelzung der verschiedenen Stände einfach lächerlich ist. Die Sozialdemokratie hat die geschloffene Macht aller Bürger noch gar nicht erprobt; aber sie muß sie kennen lernen und diese Kraft fühlen. Darum denke ein jeder an die Aufgabe, die uns allen zufällt, undAlle Mann zu Häuf!", laute kräftig die Loosung.

VEsche- Reich.

Berlin, 29. September. DerReichsanzeiger" schreibt: Ueber die zukünftige Organisation deS ostafrikanischen Küstengebietes wird innerhalb der Reichs Verwaltung daS erforderliche Material vorbereitet, damit dem Reichstage sofort bei seinem Zusammenttitte ein vollständiger Plan in ollen Einzelheiten vorgelrgt werden kann. Der kaiserliche Gouverneur von Kamerun, Freiherr v. Soden begiebt fich dieser Tage nach Ostafrika, um über die künftige Gestaltung der inneren Verwaltung und die Regelung der Jurisdiktions-Verhältnisse an der Küste Ermittelungen anzustellen und darüber zu berichten. Die Unterhandlungen über die spätere Stellung deS ReichskommiffarS Major v. W i ß m a n n nehmen ihren Fortgang, doch mehren sich, wie die Post" hört, die Schwierigkeiten, eine paffende

Wie hätte es a»ch ander» sei» könne»? Papa war gerecht nnd Milbe, et» Ehrenmann im wahre» Sinne de» Wortes gewesen nnd deshalb von seine« Diener« nnd Frellnde« gleich sehr geliebt worden.

Hübsch war Esther nicht; ihre Gesichtsfarbe war z» fahl besonders in Vergleich zu Rose» blühen, dem »«»sehen; aber fie hatte eine schöne Gestatt, große, dnnkelgrave Augen, schwarze Wimper« «ab lange», starke», dunkb S Haar.

AIS fie jetzt so offen von Eduard sprach, wie» ich ste nicht zurück, sonder« fragte vnr ruhig:

»Habe« Sie ihn gesehen?"

,3a, Fränlei« Margarete", sagte fie, abermals errötend.

»Er sieht sehr verändert an»', warf ich hi».

»Er hat viel gelitten, und ganz unverdienter Weise", erwiderte Esther schnell. »Kein Wunder, daß er verändert ist, da man ihn gezwungen, iu Ge­sellschaft zn lebe», die nicht für ihn paßte."

»Aber Papa war so gerecht, Esther, und er sagte, er könne Edvard nicht verzechen."

»Ich weiß, da» war eben so bitter. Ich habe den Herr« so sehr geliebt, aber daß er mich niemals wollte von Eduard sprechen laffen"

»So habe» Sie e» versucht?" fragte ich überrascht. »Gewiß, Fräulein Margarete", antwortete sie; .ich that (», weil Eduard mich gebeten hatte, seine» Vater» Herz ihm wieder zuznwrude». Dreimal habe ich de« Versuch demacht, doch vergeblich. Der Herr hob immer die Hand auf uud sagte: »Still, Esther, kein Wort mehr davon!" uud so mußte ich schweige«."

Diese Unter« bang mit Esther verursachte wir Un» behage». Warum nahm das Mäbcheu so lebhaft Partei für Eduarb? Sie schien allerdings ernstlich zn glauben, daß er ungerecht verurteilt worden, und es lag ganz tu ihrer Natur, fich Jemandes auzu. nehme», den fie für bruachteiligt hielt, aber war 'S za glauben, daß nnser Battt irgend einem Mensche», und vor alle« Singe« feinem Lohne, Un­recht thnn konnte?

Lösung zu finden, da hinsichtlich der OrganifationS fragen zwischen den Autoritäten einige tiefgehende Widersprüche entstanden sind. AuS den Aeußerungen, welche Herr v. Wißmann in letzter Zeit selbst ge­macht hat, ist allerdings zu entnehmen, daß die Verhandlungen noch fortdauern, doch scheint er be­stimmt darauf zu rechnen, daß er nach Afrika zurück­kehrt. Der »Rordd. Allg. Zig." zufolge handelt eS fich bei der Aufnahme von Anleihen, worüber die Verhandlungen im Gange find, um 160 Millionen Mark für das Reich, 50 Millionen Mark für Preußen, welche vom Reichstag und Landtag bereits genehmigt find. Nach einer anderen Meldung wäre betreffs der neuen Reichsanleihe von einem be­kannten hiesigen Finanzkonsortium heute eine Offerte auf Uebernahme von 160 Millionen dreiprozentiger Reichsanleihe erfolgt. Der UebernahmekurS solle 87 betragen. Die Einweihung des Mausoleums für Kaiser Friedrich in der FriedenSkirche zu Potsdam wird bestimmt am 18. Oktober, am Ge­burtstage deS hohen Entschlafenen, «folgen. Am Geburtstage der Kaiserin Augusta, am Dienstag dieser Woche wild im Charlottenburger Mausoleum, in deren Gruft die Kaiserin ruht, ein Gottesdienst für die königliche Familie stattfinden. Die .Rordd. Allg. Zig. ist in der Lage mitzuteilen, daß der Nachfolger deS KriegSministerS von Berdy der zeitige Kommandeur der 2. Garde-Jnfanterie-Divifion Generalleutnant von Kaltenborn-Stachau, fein wird. Graf Herbert Bismarck und der englische Lord Roseberry sind in Berlin aus Friedrichsruhe eingetroffen und in einem Hotel in Friedrichstadt abgestiegen. Lord Roseberry, ur.ter Gladstone eng­lischer Minister deS Auswärtigen, und Graf BiSmarck find bekanntlich schon seit Jahren befreunbet Die BundeS-Regierungen find vom ReichSamt des Innern in Berlin ersucht worden, die zur Einsührung des AlterS- und JnvaliditätS-BersicherungS- gesetzeS nötigen Vorarbeiten bis Mitte November zu beendigen. Alsdann soll eine kaiserliche Pro klamation festgestellt werden, welche vor dem 1. Januar erlassen werden soll. Der preußische Minister sür Handel und Gewerbe; Freiherr von Berlepsch, hatte neulich gesprächsweise geäußett, daß die Regierung die Wohnungsfrage für Arbeiter ernsthaft in» Auge faste. Jetzt wird bereits au» Westfalen gemeldet, daß der Oberpräsident die wirtschaftlichen Körperschaften der Provinz, wie Handelskammnn rc. um eine Besprechung der Frage, der Wohnungen industrieller Arbeiter ersucht habe. Die Uni­formierung der deutschen Armee. Die

Meiner Mvtter sagte ich nicht» von Eduards Besuch; ich wagte eS nicht, «ab ste fragte ueber nach ihm noch »ach irgend etwa» Anderem. Sie war so vtebergeschlageu, daß fie selbst für ihre Stuber kein Juteriffe flbrig zu haben schien. Eist am Morgen de» BeerbigungStage», als bte Unruhe uub bie vielen fremden Tritte im Hause fie daran erinnerten, daß man jetzt ihren Gatten hinanSttage» nab ihr für immer seinen Anblick entziehen würbe, steigerte fich ihre Aufregung zu beängstigender Höhe. Sie wollte »ach seinem Zimmer eilen, «nb indem ich fie davon zurückzuhalteu sachte, trat eine jener Ohnmächten ein, von denen sie infolge eine» Herzleiden» hänfig hei«, gesucht wurde. Jetzt lag fie da wie tot! In mein« Angst lief ich an» dem Zimmer »nb bte Treppe hinab, nm nach bem Arzte za seabea, ganz ver- geffeub, baß fich gerebe jetzt bte Traaergesellschast versammeln mußte.

Beim Hiuabeittu stieß ich auf einen großen bankel» Herrn, ber mich aufhiett.

»Bist Da Margarete Selbiag?" fragte er fteaab- lich nab hielt mir die Hand entgegen. »ES that mir sehr leib, »ater so ttaarigea Uwstänbeu Deine Be­kanntschaft zu machen. Oder erinnerst Dn Dich meiner »och? Ich bin Dein Letter Werner von SarSthal."

»Sch nein", sagte ich and sah tote im Tranme eia «aste», angenehme» Gesicht über mich gebeugt. »Ich muß schnell ben Arzt holen", stieß ich angstvoll hervor. .Könne» Sie ihn nicht herbringeu? Mama ist so krank, so schrecklich krank!"

»Arme» Stab!" sagte ber Herr teilnehmenb. »Geh zurück. Ich glaube, Doktor Kappmann ist bereit» im Hause; ich will ihn sogleich -«schicken." Uub er eilte bavou, während ich die Treppe hinanf- flog uud wieder iu dos Zimmer trat, wo ich zu meiner Beruhigung Esther um meine arme, noch immer befinnllngSlose Matter bemüht fand.

»Weiaea Sie uar nicht", sagte fie leise;e» ist

.Köln. Ztg." schreibt:Es ist die Rede viel­fach von großen Umwälzungen in der Uniformierung der deutschen Armee infolge der Einführung deS rauchlosen PnlverS. Daß die Frage angeregt worden, steht außer Zweifel, nur wird mau gut thun, an eine Beschleunigung aller dieser so tief eingreifenden Dinge nicht zu denken. Vorläufig werden in dieser Beziehung nach allen Richtungen hin Versuche an- gestellt, und diese haben vorwiegend zu der Er­kenntnis geführt, daß bie Umwälzungen keine sehr tiefgehendkn zu sein brauchen. Die Reichstags­kommission, welcher bie GewerbeordnungS- n ob eile überwiesen ist, ist bekanntlich erheblich über die Vorschläge der Regierung hinausgegangen. Die von den Regierungen eingeforderten Gutachten haben sich saft durchweg gegen die Erweiterung-be- schlüfle der Kommission erklärt. Wie die National- Zeitung zuverlässig erfährt, wird innnhalb der Re- girrung diese Auffaffung durchweg geteilt, sodaß ein HinanSgehen des Bundesrat» in der bezeichneten Richtung über bie Vorschläge des Entwurfs auSge- schloffeu erscheint. Die zur Reichskasse gelangte Einnahme an Zöllen und gemeinschaftlichen Verbrauchssteuern hat während der ersten fünf Monate des laufenden Etatsjahr» (vom 1. April bis zum Schluß des Monats August) 264 Millionen oder 28,4 Millionen mehr al» im gleichen Zeitraum de» Vorjahres betragen. Wie diePost" ver­nimmt, war der frühere Staatsminister v. Putt- kamer für den Oberpräsidentenposten der Provinz Sachsen in Aussicht genommen.

So viel Gutes auch bie moberne sozial- reformatorische Gesetzgebung, die Haftpflicht-, Kranken-, Unfall-, Alter» - und Jnvaliden- versicherungS. Gesetze leisten, so haben fie unverkennbar doch auch Mißstände herbeigeführt, welche aus Lücken und Mängel in der Gesetzgebung Hinweisen. Die Fürsorge, welche der Staat für die Arbeiter übernommen, wird von einzelnen der­selben in unerlaubter Weise ausgenutzt. In den Kreisen der Gewerksärzte sowohl wie der Kranken­kassen und Berufsgenoflenschaften ist e8 schon lange ein offenes Geheimnis, daß die Kranken- und Unfall­versicherung ein Simulantentum unter den Arbeitern hervorgebracht oder wenigsten» großgezogen hat. ES ist eine alltäglich zu machende Erfahrung, daß arbeits­scheue Menschen ihre durch eine Verletzung oder einen Unfall erlittenen Schmerzen, selbst noch nach vollständiger Heilung, übertreiben oder solche über­haupt heucheln, um dadurch die Zeit der ArbeitS- unthätigkeit, für welche sie ja durch einen hohen

»ur eine Ohnmacht. Vielleicht", fügte fie hinzu, ist e» ganz gat, baß fie jetzt gerabe nichts hört."

Esther hatte recht. In biefent Augenblick gingen fremde Männer an Mamas Thür vorüber and trugen die irdischen Ueberrefte unsere» Vaters fort Ja, es war gut, baß ste btefe dumpfe« Laute nicht hörte. Ich kniete nieder und versuchte zu beten. Bi» jetzt hatte ich nie gewußt, wie schrecklich e» ist, die leblose Hülle Derer, bte wir liebe«, htuzngebeu. Einige Miaute« später trat Doktor Rappmann ein «nb untersuchte Mama. Er sah sehr ernst an» und sagte:

Bei dem jetzigen Zustrube ber Kraulen find solche Ohnmächten sehr gefährlich. Sie muß vor jeder Art von Aufregung bewahrt werden. Mein liebe» Fräulein", wandte er fich an mich,auf Ihre Energie uub Um­ficht baue ich; wenn sich Ihre Mutter jetzt erhall, darf fie nicht erfahre«, wer im Haase ist."

Sie meinen" flüsterte ich.

Ich meine Ebnarb. Er ist nuten nab soll fich fern halten. Ihre Mutter maß burchaa» vor jebweder Erregung behütet werben. Ich werbe hier bleibe«, ohne meine« olle« Freaub za Grabe za geletien; denn bie Lebenden müsse» aa» über bte Toten gehe«."

So blieb Doktor Rappmann bei uns. Er sachte auch Rose in ihrem Zimmer ans, die fich zu Bett begeben, well sie fich, wie si: sagte, zu elenb fühlte. Doch brauchte ich um fie nicht besorgt zu sein, meinte ber Arzt, e» sei nur Aufregung.

Am folgenden Tage suchte mich Doktor Rappmann toleber auf und sagte zu mb:Mein Bruder wird gleich komme», nm da» Testament zu eröffne», nnb ich denke, Sie müsse« habet fei«, Fräulein Margarete, da Sie, wie ich glaube, sehr habet tuteresfirt stab."

O, ich kann nicht, Herr Doktor!" rief ich. ES schien mir unmöglich, fremben Leuten ruhig gegen­über zu beten, wenn ich voll Kummer uub Schmerz war.

So will ich statt Ihrer geheu", sagte ber Doktor, ttttb Ihnen bann sogleich bett Inhalt Mitteilen." Er nickte un» freuublich zu uub ließ Esther uub mich alleiu bet Mama zurück.