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Wöchmüiche Beilagen: Kreis-Blatt für die Kreise Marburg und Kirchhain. Zllnstriertes Sonntagsblatt. Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

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Die rrrrten rttssische« Manöver.

Mett Ein gleiches militärisches Schauspiel, wie die neuen russischen Manöver in Wolhynien, ist noch R-ch nicht dagewesen in einem modernen europäischen

Staate. Zunächst steht die Zahl der Truppen,

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Deiche an den Uebungen teilnehmen, ohne Beispiel bo: et sind 150 000 Mann, die von zwei Generalen, Gurko und Dragomirow, welche als die talentvollsten Heersührer der russischen Armee gelten, kommandiert »erden. Die Truppenzahl möchte aber noch hin­gehen; bedenklicher ist indessen die Thatsache, daß diese Manöver mit der zwar nicht laut ausge­sprochenen, aber doch siststehenden Absicht stattfinden, klarzustellen, wie sich die Verhältnisie bei einem russisch - österreichischen Kriege gestalten würden. Darum sind auch sämtliche fremde Oifiziere von diesen Uebungen ausgeschlossen, auch französische, denn eS würde für Oesterreich Ungarn eine schwere

ftk. 3*/j Beleidigung gewesen sein, bei diesen Manövern in den russischen Grenzbezirken abgewiesen zu sein, 1, während Offiziere anderer Staaten zugelofle» wurden.

1/2, Um den Schein zu wahren, sind darum alle fremden Offiziere ferngehalten; der Zweck des Manövers

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bleibt aber trotzdem, die Chancen für einen russifchen Angriff auf Oesterreich, und für die Abwehr eines Ssterreichiichen Angriffe- auf Rußland klarzustellen. DaS ist etwas ungeniert, denn soweit haben sich die Franzosen noch nicht einmal dem deutschen Reiche

gegenüber verstiegen. Nicht die Pläne des Zaren

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werden in diesen Manövern zum Ausdruck gebracht, wohl aber die der russischen Militärverwaltung und Generalität. Von einem Adjutanten des Generals Dragomirow rührt auch der famose Ausspruch her,

-- er werde es hoffentlich bald erlebe», daß die Kosacken- 4/2 psnde aus der Donau bei Wien getränkt werden.

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Rußland hat an seiner Grenze gewaltige Truppen- »affen, besonders viel Reiterei, angehäuft, die Festungen ,welche den Einbruch fremder Heeresmaffen aufhalten sollen, find verstärkt, für die Verkehrs­wege ist alles nur Mögliche geschehen. Der General Gmko hat neulich in Warschau sogar triumphierend gesagt, ein Eindringen von Feinden in Russisch Polen sei unmöglich. ES ist klar, daß alle diese Generale heute noch lieber wie morgen den Krieg begännen, und nur daS Wort deS Zaren dämpft ihre Kricgslust. Kaiser Alexander würde vielleicht »st Oesterreich-Ungarn einen Waffengang nicht scheuen und sich leicht verleiten lassen, den unbequemen Konkurrenten im Orient zu beseitigen, aber da ist Deutschland und da ist auch England, da ist die

(Nachdruck verboten ]

Erste Liebe.

Novelle von I. Bergien.

(Fortsetzung.)

Man hörte fröhlichen Gesang durch die klare Luft httüberschalle». Erntestimmen Erutelnst, denn «I war ein gesegnetes Jahr. Und hinter deu weißen Dünen glänzte im goldenen Souueuscheiu funkelnd dar Meer auf. In der Ferne glitten majestätisch tinzelue weiße Segel vorüber. Ganz nahe am Strande ließen sich ein paar große Möveu von deu klare» Welle» schaukeln und die Meerschwalbe» flatterte» Seit über die See hinaus. Tiefdunkel, fast schwarz tahnete sich der hohe Buchenwald von dem reiue» blaue» Himmel ab und iu seinem Schatten lagen wie träumend die kleinen schmucken Fischerhäuser vo» Günthersdorf. Aber mau träumte wenig unter diesen bescheidenen Strohdächern. Die Männer waren auf de« Meere, um zu fischeu, uud die Frauen nab Kinder arbeiteten auf dem Felde und hatten keine Beti zu ruhe» uud zu träumen.

Die Frau Försterin hatte wie gewöhnlich daS dicke Buch, iu welche« sie gelesen, zu Boden fallen *ffen uud machte ein kleines Schläfchen. Leonore 1*6 ganz still neben ihr auf der Fußbank und nähte Mg. Hurtig flog ihre Nadel durch deu weiße», "taen Battist. Sie säumte an Halstüchern. für Johannes. Sie war so versanken in ihre Arbett, d*ß fie nicht bemerkte, wie Lilli sich leise auf dem Zeichen GraSbodeu zu ihr geschlichen hatte uud plötzlich *ben ihr stehend ihr mit der Hand einen leichten Schlag ans die Schulter versetzte.

DaS junge Mädchen fnhr leicht znsammeu, aber ein madiges Lächeln überflog beim Anblick Lillis ihre Züge. . »Gott stehe mir bet', sagte diese. .Wo steckst Du "geuüich, Lore? Tag für Tag hoffte ich, Du würdest |* mir kommen. Ich hatte einen bösen Hals nab Aste nicht hinaus. Und im Hanse bei uns war er -vchterlich. »itl abominabie. Mama ist schlechter

Türkei, Rumänien und Bulgarien, und man weiß in Petersburg zu gut, daß beim ersten Schuß aus einem russischen Gewehr auch an allen russischen Grenzen eS knattern wird. Die russische Armee hat eine so kolossale Grenze zu verteidigen, daß sie sich auf eine energische Vorwärtsbewegung in fremdes Land hinein nicht einlaffen kann. Wenigstens würde sie keinen dauernden Nutzen davon haben. Auf der anderen Seite liegt aber für die Gegner Rußlands gar kein Anlaß vor, so tief in das Zarenreich ein­zudringen, man kann Rußlandaushungern". Eine englisch-deutsche Blokade der russischen Ostseehäfen, eine Bedrohung der Grenzen durch deutsche, öster­reichische, rumänische Truppen, eine Blokade der russischen Häsen im Schwarzen Meer, türkische Truppen in Kleinasien, englische in Zentralasien, wieder eine Flotte in Ostasien, eS ist gar nicht so furchtbar schwer, den Koloß mit den thönernen Füßen zum Fall zu bringen. Rußland hat sehr viel bittere Gegner, die sich heute ruhig verhalten, in einem allgemeinen Weltkriege sich aber schwerlich lange besinnen werden, ihren Vorteil wahrzunehmen. Düse Erkenntnis wirkt in Petersburg noch einiger­maßen ertnüchternd, die Heißsporne unter den Gene­ralen, die in ein paar Wochen selbst Deutschland mit den Kosacken durchreiten wollen, sind freilich nicht zu kurrieren. Es ist richtig, die russischen Armeemaffen können zum KriegSbeginn Erfolge er­ringen, den Gegner schlagen, aber den Krieg ent­scheiden die ersten Siege nicht, und diese würden es erst recht nicht, denn sie könnten nicht gehörig ver­folgt werden.

Derttfchrs Reich.

Berlin, 11. Scpt. Tie Reform der Ge­werbesteuer, wie sie Dr. Miquel für Preußen ansttebt, ist sehr günstig ausgenommen. Auch in freisinnigen Kreisen ist man davon befriedigt. Die .Voss. Ztg.", das Organ der Berliner freisinnigen Bürgerschaft, schreibt: .Wenn Herr Miquel eine Reform der Gewerbesteuer in der Weise in Aussicht nimmt, daß nicht eine Erhöhung der Gesamtsteuerlast, sondern nur eine gerechtere Verteilung erfolgt, so wäre gegen die angekündigte Mehrbelastung der Großbettiebe, Banke», Aktiengesellschaften, Bergwerks­besitzer und Großhändler wenig einzuwenden. Die Mehrheit des Volkes wird es ganz billig und ver­nünftig finde», daß Gesellschaften, welche jährlich Hunderttausende an Tantiönen und Dividenden zahlen, auch entsprechende Steuern an daS Gemein­wesen entrichten. Es muß inbeffen dafür gesorgt

Laave, da mo» eher frire wieder einmal bie Güte hatte, ihr eia großes Packet unbezahlter Rechnungea z» präsentiere». Unb Walter selbst ist auch grünlich und man kann nichts mit ihm ansangen. Margarete ist fort, die einzige, welche fich, in Ermangelnng eines Bessere», »»gestraft von wir ärger» nnb »ecken ließ. Ach Lore, ich bin wirklich beinahe vor Langeweile gestorben. Und »an machtest aach Da Dich gaaz »»sichtbar. Heute ist bet erste Tag, wo ich wieder tu bie Luft gehen darf und da bin ich auch gleich zn Dir gelaufen, um Dich irS Herrenhaus zu hole». Du mußt mti wir kommen, süße Lore, btite, bitte. Ich habe neue Noten bekommen. Wir wollen fie Beide durchspielen. Willst Du?' Lilli hatte bei den letzten Worten stürmisch beide Arme uw LeouoreS Hals gefchluogeu.

»Ich weiß doch nicht, ob eS gehen wird-, erwiderte diese mit leiser Stimme. .Tante ist nicht recht wohl. Ich kann sie nicht allein laffen."

.Ich bin auch ganz allein heute. Mama ist mit Walter zu Herrn von Riebuitz auf Pinuow gefahren. Sie kommen e'st spät wieder »ach Haas. Was soll ich denn anfangen ohne Dich? Frau Försterin?" rief Lilli jetzt ganz laut und klopfte der schlafende» Mattone ohne Umstände mtt dem Sonnenschirm auf den Arm; .nicht wahr, Lorchen darf mtt mir gehe»? Bitte, bitte!'

.»her Lilli, schäme Dich, Du bist wirklich furcht» bar rückfichtSloS', rief Leonore ganz entrüstet.

.Zur Strafe erfülle ich Deinen Wunsch jetzt ganz bestimmt nicht.'

Taute Sophie war erschrockeu au» dem Schlafe gefahren, fie ft ante die kleine Lilli verwundert an. Die gntmüttge Frau konnte aber Niemand ernstlich böse sein. Kanm merkte fie, von was die Rede war, io sagte fie auch sogleich mit dem freundlichsten Lächeln: .Schelte nicht mit dem Kinde, Lorchen. 68 ist mtt ja ganz lieb, daß fie mich anfweckte, ich schlafe leider immer zu viel am Tage nnb finde dann d«S Nacht» gar keine Ruhe. Gehe nur mtt, ich habe

M 815.

Ursch eint täglich meßet an Werktage» »ach 6mm» nnb Feiertagen. Onartal»Abonnements»Preis bei der Srpe- dition 2% M., bei den Postämtern 2 Mk. 50 Pfg. (exkl. Bestellgeld). InfertionSgebühr für die gespaltene Heile 10 Pfg., Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

Marburg,

Sonnabend, 13. September 1890.

Anzeigen nimmt entgegen die Sxpedition d. Blattes, Kwie die Mnoneen-Bnreank von Haasenstei» unb Vogler

Frankfurt a. M., Taffet, Magdeburg u. Wien: Rudolf XXV. Z-abraana. artoffe in Frankfurt e. M., Berlin, München u. «Än:G. L ^yuyiguuy.

Daube n.Lo.in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover, Paris.

sein, daß die Mehreinnahme aus der ersten Klaffe nicht die Hauptsache wttd, sondern daß die mittleren und unteren Betriebe die dringend nötige Entlastung erfahren." An der Berliner Börse war man über Herrn Miquels Pläne sehr verstimmt; das ist aber ein Beweis, daß dieselben wirklich Nutzen bringen können, und nicht blos oberflächliche Erfolge, wie die Börsensteuer mit ihren geringen Erträgen. Wie aus Kiel gemeldet wird, ist Se. königl. Hoheit der Prinz Heinrich zum Kommandanten der 1. Matrosendivision ernannt worden. Frhr. v. Gravenreuth, bisher Chef der ostafrikanischen Schutztruppe und ä la suite des 3. königlich bayerischen Infanterieregiments, wurde zum Hauptmann befördert. Major von Wißmann wird sich vom 22. September ab wieder in den Dienst des Auswärtigen Amtes stellen. Die amerikanischen Zoller- höhungen haben eine Reihe rheinischer Industriellen zu Vorstellungen bei dem Handels Minister Frhr. v. Berlepsch veranlaßt. Letzterer empfing heute eine Abordnung, welche Unterstützung gegen die Mc-Kinley Bill erbat, der Minister konnte jedoch, derK. Bz." zufolge, die gewünschte Maßregel nicht in Ausficht stellen. Die Ausstände int Baugewerbe find nun vorüber und dieBaugew.-Ztg." glaubt feststellen zu können, daß die Arbeiter fast auf der ganzen Linie in diesem Kampfe verloren haben. Bei erhöhten Lebensmittelpreisen seien die Löhne gesunken und eine Besserung der Lage sei zunächst nicht zu erwarten. Auch viele Arbeitgeber seien jetzt in schlechter Lage, da die Gelder knapp geworden sind und das Vertrauen der Geldgeber zu allem, was Bau heißt, stark gesunken ist. Erste Hypotheken würden zuweilen schon mit Damno angeboten, eine Erscheinung, welche in den letzten zehn Jahren nicht vorgekommen sei. Damit seien alle Bauunter- nehmungen, welche nicht mit vielem Gelde unter­nommen werde», unausführbar. Vom Kaiser­manöver wird derAllg. Reicht korr." geschrieben, daS rauchschwache Pulver habe sich bewährt. Beim Angriffe sei im Augenblicke zu erkenne», wann die Kolonnen auf den genügend erschütterten Gegner vorbrechen müssen. In der Verteidigung könne man, gegenüber den Bewegungen deS Gegners, leicht dessen Absichten erraten und die erforderlichen Gegen- maßregeln tteffrn. Dem Verteidiger kommt das rauchschwache Pulver mehr zu gute; er kann, wenn das Gelände einigermaßen übersichtlich ist, deutlicher als bisher erkennen, wenn der Angreifer Unterstützungen heravführt, seine Reserven seitwärts schiebt und seine Kräfte zur Entscheidung zusammenzieht. Die Feuer

leitung ist erleichtert. Auch die Wirkung des eigenen Feuers kann man am beschoffenen Ziele im gegebenen Falle besser als bisher beobachten und verfolgen. Die Revolverkanonen auf den Kriegsschiffen scheinen sich nach derselben Korrespondenz nicht allzu gut zu bewähren. Der Rückstoß ist ein sehr heftiger, Wa­den Zielenden sehr unruhig macht und die Treff» sicherheit bedeutend vermindert. Nach einer Meldung des »Reuter'schen BureauS" auS Z a n z i b a r ist die telegraphische Verbindung von Zanzibar nach Bagamoyo und Dar-es-Salam am Mittwoch herge» stellt worden. Hebet einen Wasserweg von Kamerun zum Congo und dessen Auffindung schreibt dieC. Z.":Angesichts der mangelhaften deutschen Erforschung deS südlichen Hinterlandes von Kamerun haben bekanntlich die Franzosen es über» nommen, vom Congo auS diese» Hinterland zu er­schließen und in Besitz zu nehmen. Wir machen daraus unser« wackern Forschern keinen Vorwurf; sie haben Leben und Gesundheit mindestens ebenso aufs Spiel gesetzt wie die Franzosen. Der Fehler lag an der Regierung und dem Reichstag, die sie mit völlig unzureichenden Mitteln in unbekannte Gebiete sandten, sodaß ihre Aufopferung für die Sache schließlich mehr oder weniger vergeblich sein mußte, da ihnen die beffer ausgerüsteten und von ihrer Regierung reichlich unterstützten Franzosen mtt Leichtigkeit den Rang abliefen. Wer nicht sät, erntet nicht. Die Franzosen ernten jetzt den Erfolg ihrer Geldaufwendungen für ihre Forschungen zum Schaden Deutschlands. Einen Nutzen aber haben sie unS unsreiwillig geleistet: indem sie nämlich einen Wafferweg vom Congo in das Hinterland von Kamerun entdeckten, entdeckten fie zugleich einen Wasserweg vom Kameruner Hirterlande nach dem Congo. DaS ist für uns das wichtigste Ergebnis der Forschungen des französischen Kolonialbeamten Cholet."

Charlottenburg. 11. Sept. Kaiser Wilhelm ist mit dem Grafen Moltke und dem Gefolge um 7'/» Uhr hier eingetroffen; um 7 Uhr 35 Min. traf auch die Kaiserin hier ein. Beide Majestäten, sowie Prinz und Prinzessin Leopold von Preußen, dec Herzog und bie Herzogin von Connaught, Graf Moltke und das Gefolge reisten um 8 Uhr 10 Min. nach BreSlau weiter.

Breslau, 11. Sept. Das kaiserliche Paar ist um 2 Uhr hier eingetroffen und wurde von der gesamten Generalität und den Spitzen der Behörden empfangen. Die Ehrenkompagnie hatte das Grenadierregiment Nr 11 gestellt. Tas kaiserliche Paar wurde durch

Dich heute wirklich nicht nötig. Kathrin kann bet wir bleiben, im Hanse ist ja clleS besorgt.'

»über Tantchen, ich möchte doch nicht, ich will lieber hier bleiben.'

aber warum denn nicht? Geh' nnr, eS ist ganz gut für Dich, wenn Du '«al hinaus kommst, Lore!"

Jawohl, jawohl, und ich bin doch ganz allein", jammerte Lilli. Einzige himmlische Lore, komm mit!"

Das Mädchen erhob fich langsam nnb zögernd nnb legte ihre Arbeit zusammen. Dann ging fie iuS HauS, um Hut nnb Tuch zu holen. Ihr Gesicht hatte mit einem Male einen ganz finstern Ausdruck bekommen.

«Gehst wohl nicht gern mit Lilli?" fragte bie alle Dame, sie forschend ansehenb.

Ach nein, ich fürchte, baß Dir etwas zustößt nnb--"

Närrisch Ding, hast mich ja gnt eingepackt nnb wenn eS kühl wirb, gehe ich hinein."

' Leonore zupfte noch einmal sorglich an den Decken bet Tante hemm und küßte ihr die Hand.Ich komme bald wieder!" nickte fie nnb eilte bann Lilli nach, welche bereits an der Gartenpforte staub.

Schweigend ging fie neben ihr her, während diese mit der ihr eigenen RöcksichtSlofigkett über alle mög­lichen nnb unmöglichen Dinge plauderte. SIS fie das Herrenhaus erreicht hatten, begaben fie fich sofort in daS westliche Zimmer, in welchem fich bet Flügel befanb. Die beiben Mädchen probirteu bie nenan» gekommenen Noten nnb ts gingen rasch ein paar Stunden darüber hin. Lilli hatte einige Erfrischungen fetbirtn lasten, fie war fröhlich nnb guter Dinge. Manchmal konnte bie Kleine ganz allerliebst fein.

»Ich bin ordentlich froh', sagte fie,baß Du Bieber einmal hier bist, Lorchen, nnb daß ich bie Auberen nicht zn ben langweiligen RiebnitzS begleiten mußte. Mama macht seit WüterS Ankunst ein so böses Gesicht, baß ich mich ganz unbehaglich in ihrer Nähe fühle."

Leonore seutte den Kopf noch tiefer Übet ba8 Buch,

welches fie getabe in den Händen hiell. Da hörte man plötzlich von draußen her daS Rollen eines schnell beranfabrenben WaaeuS.

Da sind fie ja schon wieder!" rief Lilli und lief zum Fenster.Richttg, fie find da. Die kommen aber früh heim, habens gewiß nicht aushallen können bet ben einfältigen Leuten, bie von weiter nichts zu sprechen wiffen, als von Korn nnb Hafer. Sieh nur, Sore, wie ärgerlich Mama auSfieht."

Leonore war sofort aufgesprungen, fie blickte ratlos im Zimmer umher. Ihre schlanke Geftall zitterte nnb bebte. Sie eilte nach dem SnSgauge hin.

Wo willst Du hin, was haft Du denn vor?" fragte die Kleine ganz erstaunt.

Ich muß fort, laß mich gehen, eS ist schon spät!" Eben wollte fie zur Thür hiuauSschlüpfeu, da hörte man auch schon in der Flur die Stimme der Fra« von Günther. Sie klang gereizt und aufgeregt. Aber die Sprechenden gingen vorüber und traten in ein kleines Robinet, welches dicht neben dem großen Zimmer lag. Deutlich drang jede» ihrer Worte zu dem Ohr der beiden Midcheu.

»Dreitausend Thaler!' hörtt man Fran von Günther sage»; »mehr, wie meine jährlichen Revenuen betragen. Glaubst Du wirklich, Walter, daß ich da» Geld auf der Straße finde?'

»Was soll ich thuu?' antwortete- er. »Die Rechnungen müssen endlich bezahlt werden."

»Ich habe schon so viel Opfer für Dich gebracht, aber meine Geduld ist am Sude. Ich muß auch Lilli berückstchttgen und kann mich von Dir nicht rniniren lassen. Hast Du eine Ahnung davon, was ich seit sechs Jahren für Dich bezahlt habe?'

»Du hast ganz recht, Mama, ich habe viel ver­braucht, Du sagtest mir aber, ich solle standesgemäß leben, als Kavalier anfrreten, nnb dazu gehört Geld. Ich habe Dtt ben Willen geihan nnb Du ließest mich niemals ahnen, daß e» Dir schwer fallen könnte, mir die Mittel dazu zu geben."

»Ja, ich war unverzeihlich uachfichiig gegen Dich