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Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.

Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

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Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Ouartal-Abonnementr-PreiS bei der Expe­dition 2*/t Mk., Bet den Postämtern 2 Mk. 50 Pfg. (exkl. Bestellgeld). JnfertiouSgebühr für die gefpaUene Stile 10 Pfg., Reklamen für die geile Sb Pfg.

Marburg,

Mittwoch, 10. September 1890.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. BlatteS, sowie die Annoncen-Bureaux von Haaseustein und Bögler in Frankfurt a. M., Eaffel, Magdeburg u. Wien; Rudolf Stoffe in Frankfurt a. M., Berlin, München u. Köln ®. L- Daube u- Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover, Paris.

XXV. Jahrgang.

Der Nattonaldank für Moltke.

i ES giebt wohl kaum einen zweiten Mann in kmopa, der mit so viel Gegnern gekämpft und der - heute doch keinen Feind besitzt, außer unser em Feld- warschall Grafen Molike. 1864, 1866, 1870, in drei Feldzügen ist Moltke eine der ersten Personen gewesen, auf zahlreichen Schlachtfeldetn haben die Gegner die Genialität deS deutschen Strategen kennen gelernt, der mit nie verschwindender Kaltblütigkeit Zug um Zug berechnete in dem erschütternden Schachspiel, biS aller Widerstand ein Ende nahm. Und trotz alledem erhebt sich nirgends im Auslande eine feindliche, oder auch nur mißgünstige Stimme ; über den hervorragenden Feldherrn, besten Erfolge ebenso groß sind, wir seine Bescheidenheit. Moltke ,ift in seinem ganzen Auslreten auf das Sorgfältigste bemüht gewesen, die Person von der Sache zu Kennen, und daraus erklärt es sich auch, daß selbst -französische Zeitungen dem Marschall vor zwei Jahren, als der ehrwürdige Held seinen Posten al- Generalstabschef der Armee seines hohen Alters wegen niederlegte, Worte wärmster Anerkennung widmeten. Die Zahl der wahrhaft großen Generäle -u»d Heerführer aller Zeiten ist nur gering, und von ihnen war wieder ein Teil schließlich doch nicht -vom Erfolge gekrönt. Molrke's Thaten steigen iw Wert, weil der aus ihnen erzielte Erfolg ein dauernder ist, und damit steigt auch unsere Wert­schätzung seiner Person. Die Verantwortung, welche der Feldmarschall in den verschiedenen Kriegen auf seinen Schultern lasten harte, war eine wenig sichtbare, und doch eine ungeheure. An kritischen Momenten hat es nicht gefehlt, an Momenten, in welchen selbst der König Wilhelm I einer gewissen Unruhe sich nicht erwehren konnte. Das war nament- lich der Fall bei Königgrätz und bei St. Privat. Mancher Blick richtete sich damals auf das unbe­wegte Gesicht deS Generalstabschcfs, aber Moltke blieb unverändert. Dieser unerschütterliche Gleichmut verließ den Marschall auch nicht beim Erfolge. Charakteristisch ist die bekannte Episode au8 einem heißen Kampfe, in welchem Generäle und Fürstlich­keiten freudig den König Wilhelm umringten, als der Sieg sich nach mancher sorgenvoller Stunde auf dir Seite der deutschen Truppen neigte. Während die Herrn sich froh über den Erfolg aussprachen, hielt Molike still bei Seite, zog eine silberne Dose auS der Tasche und nahm behaglich eine Prise. Das war der Ausdruck seiner Freude. Wohl ist Graf Moltke kein äußerlich blenvender Heerführer

gewesen; fein Charakter machte ihn nicht geeignet ür große Szenen, mit Recht hat er den Namen des Schweigers- erhalten. Aber der vornehme, feine Herr war Soldat durch und durch, das wußte die Armee, und brausender Jubel schallte dem Schlachten­denker zu jeder Stunde entgegen, wenn er still seines Weges ritt. Moltke ist so populär im deutschen Volke geworden, wie er eS verdient, trotzdem er die Oeffentlichkrit nicht suchte, sich vielmehr oft geflissent- lich daraus zurückzog. Das deutsche Volk weiß aber, waS es an seinem Feldmarfchall hat, es ehrt und liebt nicht den genialen Feldherrn blos, sondern auch den guten und edlen Menschen, den Manu der treusten Pflichtersüllung. Wer weiß, was Moltke'S Stellung als Generalstabschef bedeutete, der empfindet erst, was die bekannten Worte auS seinem Rückiritts- gesuch:Bei meinem hohen Alter bin ich nicht mehr im Stande, ein Pferd zu besteigen; ich bitte deshalb um meine Entlassung!- besagen. Das war ein Akt der treusten Pflichterfüllung, wie er größer und schöner nicht gedacht werden kann. Nun feiert der Feldmarschall in Kürze seinen 90. Geburtstag und in irgend einer Form soll ihm ein National dank, ein Bcweis der Verehrung und Liebe darge- bracht werden! Bedarf cs noch eines langen Appells an die Herzen, s. Z. ein Scherflein beizusteuern? Wohl kaum! Bezahlen und belohnen kann das ganze Deutsche Reich den bescheidenen Mann nicht so, wie er es verdient, aber aus treuem deutschen Herzen können wir ihm danken, ihm beweisen, was wir von ihm halten. 90 Jahre zählt der Marschall bald, die Sonne seines Lebens finkt, wenn sie auch noch freundlich scheint. Bereiten wir ihm noch eine besonders frohe Stunde, Moltke hat wahrlich um uns es verdient. x

Berlin, 8. Sept. Zur Steuerreform wird offiziös geschrieben: Wahrnehmungen, wie sie in Bezug auf die Heranziehung besonders steuer ki ästiger Personen zu den Staattlasten in westlichen Jndustrieorten zutage tuten und welche sicherlich nicht vereinzelte Ausnahmesälle betreffen, sondern auch anderwärts in ähnlicher Weise zu machen sein dürften, weisen recht deutlich darauf hin, wie dring lich und notwendig die Reform der direkten Steuern in Preußen ist. Denn die volle Heranziehung der leistungsfähigsten Steuerträger zu den StaatsauS- gaben ist an sich eine Forderung der Gerechtigkeit, sie ist zugleich auch ein Gebot der Staatsklugheit in einer Zeit, in welcher die Sozialpolitik den Mittel­

und Brennpunkt des öffentlichen Lebens bildet. Nicht, als ob es in der Absicht liegen könnte, die sozialen Fragen, welche die heutige Zeit bewegen, durch Maß regeln auf dem Gebiete der Steuerpolitik zu lösen. Phantastische Gedanken dieser Art sind vielmehr weit abzuweisen. Wohl aber kommt es darauf an, die Steuergesetzgebung dem leitenden Gedanken der staatlichen Sozialpolitik, welche dem Schwachen den Schutz und die Fürsorge deS Staates angedeihen lasten will, anzupaffen. Diesem leitenden Gedanken entspricht es, die steuerkräftigrn Elemente in der Bevölkerung nach dem vollen Maße ihrer LeistungS- sähigkeit zu den finanziellen Aufwendungen des Staates heranzuziehen, die über das Maß der Ge­rechtigkeit und ihrer Leistungsfähigkeit namentlich im Hinblicke auf das im Reiche erhebliche Maß in­direkter Steuern zu stark belasteten schwächeren Schultern aber entsprechend zu entlasten. Insoweit, ober aMH nur insoweit steht die Steuerreform in Preußen mit dem ReichSsteuersysteme in Verbindung. Im übrigen ist sie von ihm ganz unabhängig; ins­besondere soweit die ReichSstcuergesetzgebuvg von wirtschasts- und handelspolitischen Gesichtspunkten ge­leitet wird. Wenn aber so die volle Heranziehung der steuerkrästigen Elemente an sich eine Forderung gerechter Steuerpolitik ist, so gewinnt sie diesen Charakter in noch höherem Grade, wenn sie die Mittel zu andernfalls finanziell nicht durchführbaren Steuererleichterungen liefert. Denn an dem Grund­satz wird unbedingt festzuhalte» sein, daß die preu­ßische Steuerreform keinen fiskalischen Zweck ver­folgen, eine Vermehrung der Staatseinnahmen nicht bezwecken darf. Was die gleichmäßigere und ge­rechtere Besteuerung der leistungsfähigen Steuer­träger «ehr abwirft, wird nicht die Staatskaffe füllen, sondern zur Erleichterung der minder lei­stungsfähigen Elemente des Volkes dienen. Finan­zielle Ziele liegen der preußischen Steuerreform völlig fern; sie wird allein von dem auch vom sozial­politischen Standpunkte richtigen Gesichtspunkte ge­rechter Verteilung der Steuerlast geleitet. Für das Bismarck-Denkmal in Berlin sind bisher im ganzen 720 330 Mk. 30 Pfg. eingegangen. Unter den letzten Beiträgen befinden sich namentlich viele von Deutschen im Auklande. Fürst Bis- marck hat auf dir Reise nach Barzin am Sonntag früh auch Berlin berührt. Sein Salonwagen wurde nach dem Stettiner Bahnhof übergesührt auf der Verbindungsbahn und dort in den Stettiner Courierzug eingestellt. Auf dem von Ausflüglern sehr belebten Bahnhof verbreitete sich die Thctsache schnell, und

das Publikum eilte zu dem Salonwagen, an dessen Fenster der Fürst Thee trinkend saß. Als ein Hoch nach dem anderen ausgebracht wurde, erhob er sich, zog seinen großen Schlapphut und dankte nach allen Seiten, ebenso die Fürstin. Um/*9 Uhr morgens wurde die Fahrt dann fortgesetzt. Anläßlich des durch die Ueberschwemmungen verursachten Schadens in Oesterreich, im Königreich und der Provinz Sachsen, in Schlesien, der Rheinprovinz, im Boralberge rc. bemerkt dieNordd. Allg. Ztg.", daß eS nicht darauf ankommt, welche Sprache die Notleidenden reden, sondern nur darauf, daß es Hilfsbedürftige giebt und daß außer Angehörigen des eigenen Landes solche der benachbarten, uns eng verbundenen österreichischen Monarchie werkthätige Hilfe benötigen. Das Blatt bezweifelt nicht, daß auch bei dieser Gelegenheit der Wohlthätigkeitssinn unserer Bevölkerung sich bethätigen wird und es nur darauf ankommt, von der geeigneten Stelle an den­selben zu appellieren, um reiche Spenden zur Lin­derung der Not fließen zu (affen. Der bekannte Bildhauer Kaffs ack und Maler Weimar fanden gestern nachmittag bei einer Luftfahrt auf dem Wannsee durch Leckwerden des Bootes ihren Tod. Die fortgeschriebene Bevölkerung Berlins be­trug am 23. August 1549 656. Der neue Militäretat. DiePoft- schreibt:Nach ver­läßlichen Mitteilungen wird der nächste Reichshaus- halt keinerlei Forderungen enthalten, welche sich auf geplante Verstärkungen oder Neuformationen deS Heeres bezögen. Den Absichten gemäß werden derartige Forderungen bis zum Ablauf des SeptennateS nicht mehr gestellt werden. Ebensowenig liegt es in den Intentionen, eine Vorlage einzubringen, welche die erneute Forderung einer Gehaltsaufbesserung einzelner Osfiziersklassen zum Gegenstand hätte. Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß in Bezug auf die Beschaffung der Pferde der berittenen Offizier e nicht berittener Truppen Erleichterungen geschaffen werden. Forderungen zu begegnen, welche sich auf die weitere Durchführung der neuen Bewaffnungen oder auf Kaserniernngszwecke beziehen, wird keineswegs ausge­schlossen sein; sie können aber keine Beunruhigung der öffentlichen Meinung im Gefolge haben." AuS Zanzibar ist die Nachricht eingegangen, daß Emin Pascha mit seiner Expedition wohlbehalten in Unyanyembe angekommen ist. Aus dem inner- afrikanischen Königreiche Uganda wird der Tod des Königs Karema, den der in letzter Zeit viel ge­nannte Mwanga verdrängt hatte, gemeldet. Damit ist die Herrfchast Mwanga's denn wohl gefestigt.

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(Nachdruck verboten.)

Erste Liebe.

Novelle von I. Bergien.

(Fortsetzung.)

DaS Mädchen folgte zögernd und langsam der alten Dame, welche ungeacktet ihres gelähmten Fußes eiligst voranhinkte. Sie flüsterte leise vor sich hin:

»Er ist kein schlechter Mensch, ich glaube eS nicht daß er schlecht ist, und wenn alle Leute eS sagen. So schön und so lieb steht kein schlechter Mensch ans. Aber dennoch wünschte ich, ich wäre erst wieder zu Lause, den« wie soll ich den Mnt staden, ihm mti Ruhe zu begegnen.'--

Und nach einigen Stunden war alles vorbei. Die Braut kam au der Seite des ihr ebeu angetranten Gatten ans der kleinen, festlich geschmückten Dorf- ktiche, gefolgt von dem langen Zuge der HochzeiiS- gäste, und war verheiratet. Die jubelnden neugierigen Landlente hatten fich zerstreut und auch tu den glänzeudeu GesellfchaftSräumeu war man einigermaßen int Ruhe gekommen. Die Gäste saßen tu zwang- losen Gruppen verteilt nwher und unterhielten fich, so gut eS gehen wollte. Das neuvermählte Paar hatte die HochzeUSreise gleich nach dem Diner angc- treteu. ES folgte der Anordnung der Frau von Günther, welche eS für durchaus unumgänglich hielt, »ach der Trauung sofort zu verschwinden und eine Reise nach der Schweiz oder Italien anzutreten. Die» gehörte einmal zum guten Ton. Herr von Hagen wäre lieber bier geblieben, er war ein tüchtiger Landwirt und die Ernte stand vor der Thür. Aber er nollte seiner Schwiegermutter diesmal den Willen thun und glaubte auch seiner jungen Gattin eine Freude mit der Reise zu machen. Und Margarete schien fich wirklich zu freuen. Von dem Augenblick <«, wo ihr Schicksal am Altäre für immer befiegelt worden war, schi-u Ruhe und Fassung über sie ge­kommen zu sei». Sie hatte Lothars Brautkuß zum »rsteu Male mit Wärme erwidert. Mit einem Lächeln

sement. rin.

nm die Lippen und mit Thräueu in den Augen hatte ste Abschied genommen von ihrer Famllte. Nur noch einen flüchtigen, halb wehmütigen, halb freudigen Blick warf fie auf das Vaterhaus zurück. Daun legte fie ruhig ihren Arm tu den ihres Gatten und ließ fich von ihm in den harrenden Wagen heben.

»Endlich, geliebte Margaret!' hörte man Lothar sagen.

»Habe Geduld mit mir gab ste leise zurück. »Ich werde versuchen, Dich recht glücklich zu machen, mein guter Lothar!'

Mau sah roch, wie er die junge Frau zärtlich in seine Arme zog, danach schloß der Diener die WagenthÜr. Voll Frieden und Hoffnung ging das junge Paar einem neuen Leben entgegen.

Die Frau Försterin war mit Johannes, welchem die Gesellschaft gänzlich unbekannt war und der Trubel und das Geräusch deS Hochzeitsfl st . s eher Pein wie Vergnügen bereitete, bald nach dem Diner nach Hause gegangen. Leonore wollte fich ihnen auschließeu, aber die kleine Lilli hatte ein so stürmisches Veto dagegen eingelegt, daß diese ihren Bitten nach­gab und noch doznbleibeu versprach. Sie war ab«' ei mattet und befangen von der Anwesenheit so vieler ihr unbekannter M-nscheu und der trugen öhrrltchen Aufregung und hatte fich in eine Fensternische zurück­gezogen. Dieselbe senkte fich tief in die dicke Mauer hinein und der schwere rotseideue Vorhang färbte LoreS Gesicht mit einem lebhafteren Ton und verbarg fie halb und halb den Blicken der fie umgebenden Gesellschaft. Wie tiaunbefangen saß fie da und ihre zierlichen Finger tändelten mit einem Strauße weißer Rosen, welcher in ihrem Schooße lag. Ihr Ohr vernahm Bruchstücke der Unterhaltung, auf die sie kaum achtete, denn die Leute um sie herum sprachen aauz anbei8, wie fie sprach, dachte« i« einer andern Weise, wie fie dachte.

Ihr gegenüber am anderen Ende des großen Z mm«s faß die Gutsherrin auf eine» Sopha und neben ihr, halb z« ihr herabgebeugt, die stolze im-

pouireude Gestalt ihres Sohnes. Er hatte die rechte Hand auf die Lehne gestützt und drehte mit den Fingern der linken unablässig die Spitzen des hübschen dunklen SchnurrbärtchenS. Sein Gesicht war von auffallend edler Schönheit. Ein breiter roter Streif zog sich quer über die linke Wange, die Stirn war weiß und klar und lockiges dunkles Haar umwallte ste tu reicher Fülle. Groß und dunkel waren auch seine Auge«, aber von seltsam rätselhaftem Ausdruck. ES lag rin Feuer in ihnen, welches verhängnisvoll wirken konnte. Den scharfen Blicken Walters war Leonore» Gegenwart beim heutigen Feste nicht ent­gangen, er hatte die Jugeudgespieliu aber nicht wieder erkannt. Wie sollte er auch?

Unter den Eindrücken der letzten wild verlebten Jahre hatte er daS kleine unbedeutende Mädchen laugst vergeffe«, wie konnte er ahnen, daß die auf­fallend schöne und liebliche junge Dame mit ihr identisch sei. Mit Bewunderung blickte er zu ihr hinüber und v rgatz für einen Augenblick, daß er neben seiner Mutter stand und deren Fragen zu beantworten hatte. Er vergab Überhaupt, daß eS noch andere irdische Wesen gab in dem großen Saale außer ihr. Er sah fie mit entzückten Augen au und war sofort in fie verliebt. Noch niemals hatte er so prachtvolles kastanienbraunes Haar gesehen, welches in reichen Locken auf Hais und Schultern herabwallte und das zarte bräunliche Gefichtcheu wie mit einem Glorienschein umwob. Seine Blicke ruhte», wie durch einem Zauber gebannt, auf der schlanken, in schneeiges Weiß gekleideten Gestalt, den Vergißmeinnichtsträußche«, welche ihr Haar und Kleid zierte und ben weiße« Rose« tu ihren Händen.

.Wer ist fie, Mama', fragte er enbltch. »Dort in bet Fensternische. Tas bllbfchöne Mädchen mit dem köstlichen Haar?'

Frau von Günther blitzete mit ben Augen unb fltzie langsam ben Kneifer auf.

»Ach so. Ich dachte, ich hätte e8 Dir schon gesagt, Walter. ES ist die kleine Lore, fie ist jetzt

so etwas wie Gouvernante ober Stütze geworben. Deine Schwestern haben ein mir unbegreifliches tendie für fie gefaßt. Eigentlich gehört fie heute nicht hierher; ich war auch anfänglich ganz bagegeu, baß sie zur Hochzeit eingelabru würbe, aber, *on Dien, was soll man machen, wenn Margaret weint und Lilli schmollt. Glücklicherweise fühlt baS Mädchen selbst, baß fie nur bas fünfte Rade am Wagen ist nub zieht sich bescheiden von der Gesellschaft zurück.'

Leonore hatte keine Ahnung davon, baß ste von Jemand beobachtet wurde. Sie war in Gedanken versunken und hatte eine achtlose Stellung an­genommen.

(Fortsetzung folgt.)

Neber tat Namen Marburg.

Indessen Vilmar im Idiotikon (a. S. 261) sich ebenso eingehend als vorsichtig zur Frage einer Deutung unseres OrtS-NamenS geäußert hat, hielt Kolbe tu feiner trefflichen Schilderung der Stadt (a. S. 5) den Namen für verstümmelt ans Mark- bürg, als erbauet zum Schutze der Mark, d. h. auf der Grenze eines Allodes hessischer Grafen gegen L.- sitzungeu der Grafen von Solms u. f. w.

Hiergegen ist nun zweierlei zu sagen.

Verstümmelungen treten gemeiniglich nur da ein, wo bet Sinn eines Wortes sich verdunkelt hat, und also ein Name nicht mehr empfunden wirb. Für so frühe Zett als etwa ums Jahr 1122, wo eS in Uikuubeu zuerst genannt wirb, kann bieS jedoch vom Worte Marburg nicht gelten. Ausdrücke: Markbaum, Markgraf, Maikmau«, Markstein waren durchaus lebendig, und eine Form Marburg für etwaiges Mark« bürg, bei einem eben erst oder unlängst gegründeten Schlosse, gerade so unheilbar, als heute z. B. Partor für Parktor wäre. Alle Welt hätte doch damals noch gewußt, was zur Sache gemeint fei, und zumal bet lateinischer Fassung würde die echte Deutung erschetueu.