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Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt für die Kreise Marburg und Kirchhain. — Illustriertes Sonntagsblatt. Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Jvh. Aug. Koch.
Unsere heutige« Parteien.
In dem deutschen Parteileben ist seit dem Kanzler- vechsel im Reiche eine Ruhe eingetreten, wie sie ähnlich nur kurze Zeit in den siebziger Jahren bestanden hat, und wie sie angesichts des Wahlaussalles wohl von niemandem erwartet worden war. Im Reichstage wurden mit Bestimmtheit sehr scharfe Debatten über die Resultate der letzten Wahlen er Mtet, eine stürmische Parteiaut einander schein g, vielleicht auch eine Besprechung des Kanzlerwcchsels. Son alledem hat sich feist nichts verwirklicht. Abgesehen von Herrn Liebknecht, der heftige Angriffe auf len Fürsten Bismarck führte, haben alle Redner unter den Ereigniffen der Vergangenheit einen dicken Strich gemacht und dieselben so gut wie ganz außer Betracht gelaffen. Der Reichstag hat damit feine Würde gewahrt, er hat ein Gezänk vermieden, das nicht den geringsten Nutzen gebracht, wohl aber neue Verbitterung geschaffen haben würde. Der Reichskanzler von Caprivi, die übrigen Mitglieder der Reicksregierung haben alles vermieden, was diese Ruhe hätte stören können; jeder Teil hat dabei sein Ansehen bewahrt, niemand ist fahnenflüchtig ge- »orden, und man ist doch viel, viel weiter gekommen, als früher, wo es ohne persönlichen Streit nicht abging. Es ist aber nicht der Reichstag, welcher eine neue politische Richtung eingeschlagen hat, es ist vielmehr der Wunsch der Bevölkerung, welchem durch den Reichstag Rechenschaft getragen ist. Deutschland ist des Parteihaders und der unversöhnlichen Streitsucht, die sich bei uns über alle Maßen ausgebildet halte, müde. Niemand will und soll seine politische Ueberzeugung aufgeben, aber er will, daß in Ruhe über die Volksinteressen verhandelt werde. Em Moment in dieser Bewegung ft die Eugen Richter-Affaire, ein Beweis für die Kraft dieser Bewegung ist die große und tiefe Beruhigung, welche seit dem 1. Mai auch in der Arbeiterbewegung eingetreten ist. So sind denn auch die politischen Parteien im Reichstage zu der Ueberzeugung gekommen, daß Friede ernährt und Unfriede verzehrt. Mag nur diese Ueberzeugung nirgendwo schwinden!
So scharfe innere Gegensätze, wie sie im deutschen Parteileben bestanden und auch noch bestehen, findet «an in keinem einzigen europäischen Staate. England, Frankreich und Italien haben gewiß ein sehr ausgebildetes Parteileben, die Gegnerschaft unter den eirzelnen Poliiikern ist ungemein groß, aber dabei kommen prinzipielle Fragen herzlich wenig in
(Nachdruck verboten.)
Heiße Mutheit.
Erzählung von Johanna Berger.
(Fortsetzung.)
Sie trat dicht zu ihm heran und legte ihm die haud auf die Schulter.
«Bist Du glücklich gewesen, lieber Sohu?*
Er wandte seiu G. sicht ab. .Was ist Glück?' preßte er hervor. .Alles, was die Welt so nennt, Nbe ich befffen und besitz; es noch.'
Gräfin Antonia bemeisterte mühsam eine schmerz. Uche Bewegung. Mit scharfen Augen musterte sie «omau, fein ernstes, schwermütiges Gesicht, defleu jugeudlrche Frische vollständig verschwunden war, und das saft düster ans der Umrahmung der dunkeln lockigen Haare hervorsah. Diese bleichen, grambnrch- dühlteu Züge, diese traurigen braunumränderteu Augen sprachen von Schmerzen nnb reichlichem Herzeleid.
.Ich verstehe Dich, wein Sohn*, sagte sie weich. »Ich will nichts weiter fragen. — Nur Elms noch, «ar Dein Herz vollkommen frei, als Dn Dich mit kpiridta vermähltest?*
.Nein!* erwiderte er rasch nnb entschieden, »aber das Schicksal trennte mich von dem Mädchen »einer Wahl, ich mußte, ich wollte heilige Pflichten füllen. Ich hatte den besten Willen, Gutes zu Wen, doch mein Herz sagte nicht Amen dazn. Mir kehlte jene willenlose, geduldige Ergebung, welche auch «ar Schwerste erträglich macht.* .
.Ja, Roman, e8 gehört ein fester, starker Geist dazu, das Unvermeidliche mit Resignation zu trogen. Deine Natur freilich ist nicht danach geartet. — Aber »och eine Frage: Wird Dir auch jetzt noch be» lehrenswert sein, was Du einstmals geliebt?*
Seine Wangen färbten sich mit flammender Glut, 5 sÄng voll nnb freudig die dunkeln Augen zu der «ista ans. Dann schöpfte er tief Atem, nm dir mdeuschaftliche Aufwallung seiner Herzens nicht zu raraten.
Betracht. Was die Parteien dort schafft, ist in der Hauptsache der Kampf um die Regierungsmacht, und zur Führung desselben werden dann verschiedene Mittel herausgesucht. Anders bei uns, wo der wirtschaftliche Kampf unverändert fortbcsteht, wo hauptsächlich aus ihm die Gegensätze fließen, während in England und Frankreich wirtschaftliche Angelegenheiten recht wenig Anlaß zum Streit geben. England ist entschieden freihändlerisch, und die französische Volksvertretung neigt mit Riesenschritten zum strengen Schutzzoll hin. Natürlich giebt es auch anders Denkende, aber sich über diese Verschiedenheit der Ansichten besonders zu ereifern, fällt Niemanden ein! Unsere deutschen Parteien haben sich in der letzten Zeit schon etwas geändert und werden sich in Zukunft noch viel mehr ändern; das wird ganz von selbst kommen und muß auch kommen, nachdem Fürst Bismarck vom Schauplatze abgetreten ist, und der Schlachtruf: „Für oder wider den Reichskanzler!" verstummt ist. Die Zeit Verhältnisse werden auch unsere Parteien in eine feste Schule nehmen, und sie werden gezwungen werden, auf ihre praktische Befähigung hin sich zu erproben. In unserem deutschen Parieileben ist bisher oft aus einer Mücke ein Elephant gemacht; es entspricht das einem Zuge des deutschen Charakters, der in sicheren Friedenszeiten gern einmal sich in Weitläustigkeiten verliert, ohne zu wiffen, warum. Das wird in Zukunft ganz von selbst anders werden, und damit wird auch mehr Raum kommen für selbstständige Ansichten. Unser Kaiser giebt damit das beste Beispiel! Giebt es denn wohl einen Mann in Deutschland, der so sehr alles auf das Ganze, so wenig auf Kleinigkeiten giebt? Kaum! Ein gesundes und patriotisches Parteileben gereicht jedem Staate zum Nutzen, cs wird auch für Deutschland von Vorteil lein, denn aus dem Widerstreit der Ansichten erhebt sich leuchtend die Wahrheit. Aber daß im Parteileben immerfort geschlagen totrben muß, dos dient nicht zum Besten des Reiches, es muß auch ein Vertragen geben. Tie Nation schafft die Partei, und auf das Gesammtwohl der Nation muß die Partei achten, oder es wird aus mit ihr sein!
MMchrs Brich.
Berlin, 2. Juri. Der »Reichtanzeiger" meldet: Tie Besserung in dem Befinden Sr. Majestät des Kaisers schreitet auf das erfreulichste fort; gestern nachmittag machte der Kaiser nach dem Unfälle die erste Ausfahrt. — Die Kaiserin wohnte morgens 9*/« Uhr der Grundsteinlegung der Elisabecherge-
«stc wandle st« bewegt von rhm ab nad trat auf den Altan dtS Landhauses hinaus. Mit naffeu Augen blickte ste über die Landschaft hinweg, doch ohne Sehen und e(bauen. Mit bitterer Anklage schweiften ihre Gedanken in die Vergangenheit zurück. Ihr kluger Sinn hatte alles erraten, ihre Ahnung sie nicht getäuscht. Ach, ste hatte da» Beste gewollt und bezweckt, aber ihr Ziel verfehlt. Sie wollte ihr einziges Sind nnb Rowan glücklich machen, denn das gemeinsame Wohl Beider lag ihr am Herzen — is war ihr nicht gelungen, Gott hatte es anders gewollt. Nun war Spilidia tot, der Kampf war zu Ende, aber ste war in Frieden gestorben. Goll hatte ihre Seele in sein himmlisches Reich anfgenommen. Gräfin Antonia schluchzte laut. Der Vorwurf, ihre Lebensaufgabe nicht genügend erfüllt zu baden, zerriß ihr dos Herz. Kummer, Trauer, Schmerz nnb Reue zogen in wechselndem Ausdruck über ihr thräueu- feuchtes Antlitz.
Was blieb ihr nun noch zu thun übrig, was konnte ste noch gut wachen?
Sie kreuzte die Arme über der B'nft nnb senkte den Kopf tief herab. Sie saun nnb grübelte, allerhand krause Gedanken durchkreuzten ihr Hirn. Doch plötzlich strahlten ihre Augen ans. Nun wußte ste eS.
Dann ging ste langsam in den Salon zurück, zu! Roman. Er hatte fich in einen Seffel geworfen und starrte träumerisch vor fich hin.
Sie blickte ihm liebreich in die Augen nnb strich ihm das Haar von ber Stirn. .Roman*, sagte fie, .laß' uns abreifen, hier in bet Fremde ist alles dunkel nnb leer für uns Beide. Bis zur polnischen Grenze bleiben wir beieinander, bann trennen sich unsere Wege. Aber nicht für lange, mein Sohn, nachher erwarten wir Dich auf Schloß Jutroschin — wenn auch nicht balb, so doch später.*
Roman ergriff beglückt bie feine weiße Frauen- Hand und preßte fie heiß an feine Lippen.
.Mama*, sagte er — eS war bas erste Mal, baß
meinde-Kirche bei. Sie wurde am Humboldlhain von Probst Brückner, v. Levetzow, v. Forckenbeck und Stryck empfangen. Nach dem Gesänge und der Verlesung der Urkunde vollzog die Kaiserin die drei Hammerschläge. Ihr folgten der Minister von Goßler, die kirchlichen und städtischen Spitzen der Behörden. Die Kaiserin wurde überall enthusiastisch begrüßt. — Das kaiserliche Paar beabsichtigt nun mehr, am 15. Juni nach Pasewalk zu reisen. Für morgen sind die hier weilenden Bevollmächtigten zum Bundesräte zur kaiserlichen Tafel geladen. — Gestern starb der Geheime Finanzrat Liba, Mitglied der Hauptverwaltung der Staatsschulden. — Der Nachtrag setat, welcher die Erhöhungen der Gehälter für die unteren und mittlerenMeichsbeamten enthält, ist in den Reichsämtern fertig gestellt worden. Der Bundesrat wird diese Vorlage in der nächsten Plenarsitzung beraten, so daß der Reichstag beim Wrederzusammentritt oder bald darauf den Nachtragsetat erhalten wird. Außer diesem Nachtragsetat ist ein auf die Mtlitärvorlage bezüglicher Nachtragsetat noch zu erwarten. — Die neue Hoftracht wird am Mittwoch bei der Taufe der Tochter des Prinzen Leopold zum erstenmale in Anwendung kommen.
— Die „Tgl. Rdsch." hört, daß sowohl der Kultusminister tote der Minister für öffentliche Arbeiten den ursprünglichen Plan deS Berliner Magistrats, das Denkmal für Kaiser Friedrich auf der Friedrichsbrücke errichten zu laffen, vollständig billigt. Die Aufstellung des Denkmals ist danach so gedacht, daß an der Nordseite der Brücke, die vom Lustgarten nach der Börse führt, ein Ausbau vor sich geht, der dem Unterbau des Denkmals des Großen Kur- sütsten auf der Langen Brücke entspricht. Hieraus ergiebt sich für Kaiser Friedrich ein Reiterstandbild von gleicher Höhe und gleichem Umfange, und zwar derart, daß beide Fürsten einander gegenüber zu stehen kommen. Kaiser Friedrich ist durch den Stand auf der Friedrichsbrücke den Museen nahe gerückt, und seinen künstlerischen Neigungen ent sprechend, werden die das Denkmal umgebenden sinnbildlichen Figuren das Wesen des Fürsten zum Ausdrucke bringen. Der Plan des Magistrats soll von vornherein auch die volle Billigung des Kaisers gefunden haben, der die Ausführung des Denkmals selbst in die Hand genommen hat. Die städtischen Behörden hatten vor Fertigstellung ihres Planes das Urteil der Kaiserin Friedrich eingeholt, welche sich ebenfalls für die Friedrichsbrücke entschied.
— Für das Bismarckdenkmal sind nach dem 3 Gabenverzeichnis 246 885 Mk. eingegangen.
er die Gräfin so nannte. .Mama, ich werde bestimmt kommen, wenn die schwarztu Wolken vorüber find. UeberS Jahr, wenn di; Veilchen blühen, werde ich bei Euch fein!'--
* * *
Abermals war ein Jahr der Vergangenheit an« heimgefallen nnb ber Frühling zog wieder einmal in das polnische Land und zwar ein Frühling, so schön, so wonnig und sonnig, wie ihn auch das begehrlichste Menschenherz nicht besser v.-rlangeu konnte.
Um Schloß Jutroschin herum hatte dieser Lenz ohne Gleichen eine wahre Zanberpracht entwickelt. Alles war traumhaft schön und Überall pnlstrte warmes, köstliches Leben. Der Park prangte im frischesten, saftigsten Grün, herrliche Blumen blühten und streuten süßen Wohlgeruch an», und in den schattigen Boskets fangen und bauten die Vögel. Ein breiter Streifen von Vergißmeinnicht säumte den Rand des großen SeeS, auf dessen heller klarer Spiegelfläche fich bereits die breiten Blätter der Wasserrosen entfalteten. Weiche, linde Lüfte wehten, der Himmel war blau und wolkenlos und die goldene Sonne hüllte die ganze Natur in ein Meer von Licht und märchenhaften Glanz.
Au einem dieser schönen Frühlingstage herrschte in Schloß Jutroschin eine rege Geschäftigkeit. Es war der Namerstag des Grafen Stanislaw und man erwartete eine große Gesellschaft seiner vielen Freunde, welche dem ältesten nnb vornehmsten polnischen Abel augehörten.1
Für einige Tage mußte baS stille einförmige Leben aus bem Schlöffe unterbrochen werben, — fast eine so große Veräubernng für baS gräfliche Paar, als ob bie alten toten Magnaten nnb Starosten ihrer Familiengallerie plötzlich wieber lebendig geworden wären. Denn bie KwileckiS hatten das bei floffene Jahr in stiller Trauer nm Spiridia verlebt nnb fast ganz ohne Verkehr mtt ber großen Welt. Doch all- miltg hatte fich ihr Schmerz nnb Leib iu sanfte Wehmut und Refiguatiou verwandelt.
— Die „Zeitschr. f. Deutfchl Buchdr." veröffentlicht einen Bericht über eine Unterredung zwischen dem preußischen Handelsminister v. Berlepsch und dem Vorsitzenden sowie dem Sekretär des deutschen Buchdruckervereins. Der Minister zeigte sich über alle einschlägigen Fragen unterrichtet. Es wurde vor allem das sozialpolitische Programm des Vereins- Vorstandes besprochen, welches dahin geht, die Organisationen der Prinzipale und Gehilfen im Buchdruckgewerbe gleichartig zu gestalten und vertragsmäßige Verabredungen zwischen denselben darüber herbeizuführen, über welche Angelegenheiten und unter welchem Abstimmungsmodus gemeinsame Beratungen und Beschließungen stattzufindeu haben und mit welchen Mitteln die gemeinschaftliche Durchführung der gemeinschaftlichen Beschlüsse zn sichern sei. Der Minister sprach sich dahin aus, daß er auf die Erhaltung der Kleinbetriebe das größte Gewicht lege. Besonderes Interesse wandte der Minister sodann der Regelung des Lehrlingswesens zu und sprach sich durchaus zustimmend und anerkennend darüber aus, daß der Tarif das Verhältnis der Zahl der Setzer- und Druckerlehrlinge zu den Setzer- und Druckergehilfen festsetze, da durch solche Bestimmungen der unerlaubten Ausbeutung der jugendlichen Arbeitskraft begegnet und genügende Bürgschaft dafür gewährt werden könne, daß der Unternehmer seinen erzieherischen Pflichten gegenüber den Lehrlingen Nachkomme. Diese Frage sei auch für andere Arbeitsgebiete von großer Wichtigkeit, und es müßte, wenn auf dem Wege freier Vereinbarung ein genügender Schutz nicht zu erzielen sei, sogar eine gesetzliche Regelung derselben in Erwägung genommen werden. Die Berührung der Lehrlingsfrage gab Veranlassung, auch auf die Jnnungsbildung im Buchdruckergewerbe einzugehen, und es wurde auch von dem Minister die Ansicht geteilt, daß die Vereinsorganisation und Jnnungsorganisalion sich einander nicht entgegen stehen, sondern gut mit einander verbinden lassen.
— Am Sonnabend Abend gegen 7 Uhr wurde die von etwa 350 Delegierten besuchte Vorversammlung der Vertreter deutscher Jnnungs- und Handwerker-Verbände, sowie von Jnnungsausschüssen vereinigter Innungen durch den Vorsitzenden des Zentralausschusses der vereinigten Jnnungsverbände Deutschlands, Obermeister Foster, mit einem Hinweise auf den Zweck der bevorstehenden Versammlungen, bie Erneuerung der Beschlüsse früherer Jnnungs- tage, eröffnet. Darauf folgte die Konstituierung des Bureaus, und zwar wurden durch Zuruf der Vorsitzende des Schornsteinfegerverbandes W. Faster
Gras Stanislaw war schon wieder ganz gefaßt und zufrieden und besonders heute an seinem Namenstage in fröhlichster Stimmung. Er freute sich auf seine Gäste, auf den lange entbehrten Verkehr und die Unterhaltung mit ihnen, aber am meisten auf Roman, welchen man heute gleichfalls auf dem Schlosse erwartete.
Seine Gemahlin hatte heimlich ihre Pläne für die Zukunft gemacht, sie wollte auf den Trümmern eines zerstörten Lebensglücks ein neues errichten, fie wollte Rowan und Jadwiga, die beiden Menschen, die ihr so theuer waren, glücklich machen. Und in hellleuchteuden Farben stieg manch freundliches Bild vor ihre Seele.
Grosin Antonia schien heute die leidvolle Vergangenheit vergessen zu haben. Sie hatte den schwarzen Schleier nnb baS düstere Trauer kleid abgelegt und ein sonniges Lächeln flog zuweilen über ihr ernstes Gesicht. Musternd und prüfend und der Dienerschaft Befehle erteilend, wandelte fie am Arm des Grafen von einem Prunkzimmer zu bem andern. Das Ge- spräch ber beiden Gatten war sehr eifrig nnb lebendig, ste hatten lange nicht so viel zu reden nnb zu be» sprechen gehabt.
Nur ein einziges Mal im verflossenen Jahre waren diese prachtvollen Säle geöffnet worden. Damm war eS auch heute sehr kühl hier innen, sehr unheimlich, fast gruftartig, und sie machten mit ihrer Totenstille den Eindruck, als ob darin jede Nacht gespenstische feierliche Versammlungen abgehalten wurden, nnb btefer Eindruck erhöhte sich noch, weua man die schwarzen Florbraperien betrachtete, die fast bie ganze Wand einnahmen, an ber SpiildiaS Porträt anfgehängt war, und wenn ber Blick auf baS düstere Tranerwappen fiel, welches man darunter angebracht hatte, als die junge Fran gestorben war.
Die hochlehnigen SophaS mtt ihren gegeueinanber geneigten Ecken sahen gerabe so ans, als ob schattenhafte Gäste darin säßen nnb fich herüberbeugten, nm einander etwa» ins Ohr zu flüstern. Dort em