154 Stimmen gewählt. Gutsbesitzer Voigts-Olden- dorf (nationalliberal) erhielt 52 Stimmen.
Hamburg, 22. Mai. Die Handelskammer lehnte entschieden das Ersuchen der streikenden Ewerführer ab, mit dem Vorstande über die Ursachen des Streiks zu verhandeln. Die Ewerführer ersuchen die Gewerkschaften um schleunigste Geldunterstützungen, da sie mittellos seien.
Ausland.
Paris, 22. Mai. In dem heutigen Ministerrate erstattete Minister Ribot Bericht über die Maßregeln, welche die ägyptische Regierung betreffs bet» ägyptischen Schuld zu treffen beabsichtige. Dieselben stimmten mit den Ansichten der französischen Regierung völlig überein.
Kopenhagen, 22. Mai. König Christian hat heute nachmittags auf dem Dampfer „Daneborg" seine Reise nach Wiesbaden über Lübeck angetreten. Prinz Waldemar und Prinzessin Marie haben ihm bis dahin das Geleit gegeben.
Sofia, 22. Mai. Im Panitza-Prozeffe wurden bis gestern Nacht eine Reihe von Zeugen vernommen, sodann wurde die Verhandlung des heutigen griechischen Himmelfahrtsfestes wegen bis Sonnabend früh vertagt, wo das Zeugenverhör fortgesetzt wird und die Plaidoyers beginnen.
Nesse«-Nass«,.
Marburg, 23. Mai. Mancher unserer Leser hat gewiß schon darüber nachgedacht, wo der Name „Pfingsten" herstammt, von befreundeter Seite geht uns darüber folgende Erklärung zu. Althochdeutsch heißt der Name Finstchustin, mittelhochdeutsch phingesten. phingestag oder phinxtac. Der Name wird auf das griechische Wort „pentecosta" (fünfzig zurückgeführt, welches in der christlichen Kirche den Schlußtag der fünfzigtägigen Freudenzeit von der Auferstehung Christi bis zur Ausgießung des heiligen Geistes bezeichnet. Zum erstenmal kommt dieser Name vor in einem Kanon des Koncils von Elvira 305, wo die hier und da geübte Sitte, statt jenes 50. Tages nach Ostern lediglich den 40. d. i. Himmelfahrt festlich zu begehen, als ketzerisch untersagt urd statt ihrer eingeschärft wird, die „Pentekoste" zu feiern. Sehr früh begann man auch die nähere Umgebung deS Pfingstsonntags auszuzeichnen; die ihm vorangehende Nacht wurde mit VIgilienfeier begangen, wobei Taufen verrichtet und Fasten gehalten wurden. Auch die ganze sich anschließende Woche wurde als Pfingstoktave oder hebdomas Spiritus Sancti gefeiert. Doch schon seit dem 8. Jahrhundert schränkte man die Festlichkeiten mehrfach ein. Seit dem Koncil von Konstanz 1094 blieb man endlich bei einer dreitägigen Feier stehen, während die protestantische Kirchensitte jetzt nur noch eigentlich zwei Pfingstfeiertage bestehen läßt. — Bei uns in Hessen wurden die dritten »Feiertage" an den drei hohen kirchlichen Festen, als kirchliche Festtage sei! dem 25. Februar 1701 abgeschafft. Ihre „volksfestliche" Feier haben sie aber darum doch behalten Auch die Feier von „Erscheinung Christi" (Heil, drei Könige), „Mariä Lichtmeß" und „Mariä Verkündigung" wurde seit den genannten Tage aufgehoben.
Marburg, 23. Mai. Der „Reichsanzeiger" enthält folgende Notiz: Zur Beseitigung von Zweifeln darüber, ob die nach § 4, Ziffer 2 der Bekannt machung vom 5. Juli 1889, betreffend die Prüfung der Zahnärzte, behufs Zulassung zur Prüfung nachzu weisende mindestens einjährige praktische Thätigkeit bei einer zahnärztlichen höheren Lehranstalt oder einem approbierten Zahnarzte auch innerhalb des nach Ziffer 3 erforderlichen zahnärztlichen Studiums Während Frau Klara suchend ihre Blicke über die dicht besetzten Fenster gleiten ließ, hatte Frank bereits den Affesior Frenad entdeckt, der mit einer jungen Dame den Anlage» eines großen Parkes znschrttt. HauS Frauk riß beide Aageu auf. „So weit treibt mau es? Klara geht Arm tu Arm mit ihm? Sie ist es, das ist Ihr Mouffelinkleid, ihr Sommerhut/' — Er konnte vor Aufregung nicht weiter sprechen und stürmte hinter dem Paare her, sich bemühend, von Jenen nicht entdeckt zu werde«. Denn hier auf offener Promenade konnte er doch unmöglich eine Szene machen.
Freund und seine Beglesteriu schritten immer tiefer in den Park hinein; in diesen Gängen war es menschenleer, und Frank bemerkte ia seinem Jagrimm, wie das Paar vor ihm mit zärtlich verschlungenen Händen weitergiug. Die Dame hatte das blonde Köpfchen leicht gegen die Schulter ihres Beglesters geneigt. „Da seh' mir Einer das Schmachten", zischte Frauk grimmig, „na wartet, wartet!"
J'tzt trat das Paar in ein buschiges BoSqa-t ein. Haus Frauk eilte, so schnell er konnte, hinterher; die Sache wurde nunmehr eutschtedeu gefährlich, hier mußten «die Schuldigeu entlarvt werden. Er faßte seinen Tonrtstenschtrm fester, schlich wie ein Indianer auf dem Kriegspfad bis zum Eingänge deS Bosq aets und kam gerade recht, um Zeuge einer innigen Umarmung zu werde«.
Zwei laute Rufe! Frauk hatte de« einen auSge- stoße«, Freuuds Begleitert« den anderen. Der Assessor wendete sich uun ebenfalls um und trat ans den wie versteinert dastehenden Frank z», denn jene Dame war seine Klara nicht! „Schon hier, HauS? Freut mich sehr. Doch zuerst: Hier Fräulein Ernestine Laugmauu, die Tochter deS Fabrikbesitzers Langmanu hier tu Friedenthal, meine Braut. Doch sprich es nicht weiter, die Sache soll uoch einige Zeit geheim bleiben. Aber tote kommst D« deuu hierher «ud wo ist denn Deine Frau? Sie wollte Dich ja aus dem Bahnhof erwarten?"
von mindestens vier Halbjahren auf einer deutschen Universität ausgeübt werden darf, hat der Bundesrat sich dahin ausgesprochen, daß diese praktische Thätigkeit außerhalb der vorgeschriebenen Studienzeit stattfinden muß.
Marburg, 23. Mai. Auf der Eisenbahnstrecke Sarnau-Frankenberg findet in der Kürze die Betriebseröffnung statt. In beiden Richtungen werden täglich 4 Züge fahren und wird die Fahrzeit eines Zuges etwa 1 Stunde 10 Minuten dauern.
Marburg, 23. Mai. In der akademischen Sammlung der GypSabgüsse (im Reithaus, Barfüßerstraße 1, unentgeltlich geöffnet Sonntags von 11 bis 1 Uhr; sonst öffnet der im Hause wohnende Pedell gegen Entschädigung), ist eine lebensgroße Statue neu aufgestellt worden: der zum Wurf antretende Diskuswerfer. Das Original befindet sich im Vatikan. Der Abguß steht im Zimmer I. bei den stilverwandten Werken. Es ist jetzt die Einrichtung getroffen worden, die neuerworbenen Abgüffe durch rote Schildchen mit dem Aufdruck „Neu" kenntlich zu machen. — Gleichzeitig hat, durch Versetzung der polykletischen Figuren (Doryphoros und Amazone, nebst den Heraköpfen aus Neapel und London) Raum geschafft werden können, um die im t>origen Jahre angekaufte .Wettläuferin" im Zimmer I. mit unseren anderen Vertretern der Vorblüte (Dorn auszieh er; Figur des Stephanos aus Billa Albani) zusammenzustellen. Die polykletischen Figuren stehen jetzt im Zimmer II. Dadurch hat die Ausstellung der Sammlung an Uebersichtlichkeit wesentlich gewonnen.
G-o Marburg, 23. Mai. Gestern abend fand das angekündigte Konzert der Wagner-Vereine zur Feier von Wagners Geburtstag statt. Konzerte, die aus Kompositionen nur eines einzigen Meisters bestehen, haben für den Musikkenner immer besonderes Jnteresic, und so wie das Programm des gestrigen Abends zusammengestellt war, gab dasselbe ein höchst anziehendes Bild der Entwickelung des Tondichters, welcher seit nunmehr 30 Jahren im Vordergründe des deutschen Musiklebens steht. Wir bekamen die schon in der Ankündigung bezeichneten Chor- und Solostücke in chronologischer Reihenfolge der Entstehung der einzelnen Musikdramen nach zu hören; Alles Gebotene war sorgfältig einstudiert und gelangte fast durchgehends zu vollendeter Wiedergabe. Wir glaubten zu bemerken, daß sich in der zahlreich erschienenen und mit ihrem Beifall nicht kargenden Versammlung das Gefühl der Bewunderung Bahn brach, wie Wagner aus dem Kompromiß mit der traditionellen Romantik heraus sich immer mehr zu freier Ausgestaltung seiner echt deutschen künstlerischen Individualität emporhob. Einen großen Mann zu lieben, kann man von niemand verlangen, wohl aber, daß man ihn wenigstens kennen lerne. Insofern haben sich die erwähnten Vereine unzweifelhaft mit dem gestrigen Abend wieder ein großes Verdienst um die Steigerung des musikalischen Lebens unserer Stadt erworben, indem sie Gelegenheit boten, sich mit fast sämtlichen Werken Richard Wagners im Auszug bekannt zu machen. Der gedankenreiche Prolog, welcher die Gedächtnisfeier eröffnete, folgt in nächster Nr. d. Bl.
Marburg, 23. Mai. (Zirkus Drexler-Lobe.) Gestern Morgen zur festgesetzten Stunde traf der vom vorigen Jahre her noch in bester Erinnerung st-hmde Zirkus Drexler-Lobe (vormals Hagenbeck) mittelst Extrazug hier ein und begab sich sodann der gesamte 24 Wagen starke Train sofort nach dem Kämpfrasen. Hier entwickelte sich sodann ein reges Leben und »ach wenigen Stunden schon standen die Riesenzelte und der ganze Zirkus zum Empfang des Publikums für die große Eröffnungsvorstellung bereit.
Ha«S Frank war total perplex anfangs gewesen, er hatte bei der Vorstellung nur eine stumme Verbeugung gemacht. Jetzt rief er: „Auf dem Bahnhose also? Und ich habe ste gar nicht gesehen. Verzeihung, ich eile gleich dahin!" — „Wir kommen nach!" rief Freund.
Frau Klara hatte ihr Suche« aufgegeben, und saß nun mit Thräneu in den Angen auf einer Parkbank. Sie war überzeugt, Hans fei in der Stadt geblieben, nachdem er sie an Freunds Seite gesehen. Mit dem nächsten Zage wollte sie nun wieder hetm- fahren: „Ein trauriges Pfingsten I" flüsterte sie. — „Klärchen!" rief da eine Stimme. Sie sprang auf, mtt Riesenschritten kam ihr Mann daher, und im nächsten Augenblick fühlte fie fich umarmt, als seien ie mehrere Wochen getrennt gewesen: „Ich hatte keine Schuld!" bat sie. — „Aber ich!" war seine Antwort, und nun erzählte er sei« Abenteuer. Die junge Frau lächelte: „Nie wieder, HauS?" — „Nie wieder. Klärchen!"
— (Prinz Wilhelm von Weimar unter Kuratel.) Der Düffeldorfet .Tägliche Anzeiger" berichtet: .Allgemeines Aufsehen, besonders in der hiesigen Geschäftswelt, erregt die ganz plötzlich erfolgte «b- relse deS Premier. Leutnants beim hiesigen Husaren- Regiment Nr. 11, Prinzen Wilhelm von Sachsen- Weimar, Herzogs zu Sachsen, welche auf Antrag und Befehl des priuzlichen Onkels, des Gcoßherzogs von Sachseu-Weimar, erfolgte, nachdem Karate! und Stellung b la solle der Armee verfügt worden. Die prinzliche Familie soll ein heimatliches Försterhaus »eziehrn. Die deklarirte Schuldenmasse, welche zu drei Viertel ans Spielschulden bestehen soll, beläuft ich auf 243,000 Mark, welche in neun Jahresraten abgetragen wird.
Eine Leistung, die sich noch bester würdigen läßt, wenn man bedenkt, daß der Zirkus am Mittwoch Abend in Hersfeld seine Schluß- und am folgenden Abend hier in Marburg bereits seine Eröffnungs- Vorstellung gab. Schon beim Aufbau des gewaltigen Zirkus, bei besten vortrefflicher innerer Einrichtung sowie bei dem durchgängig guten Pferdematerial drängte sich unS die Ueberzeugung auf, daß hier die Schaulust deS Publikums in jeder Weise befriedigt werden sollte und die gestrige Eröffnungsvorstellung erfüllte diese Erwartungen in reichstem Maße. In der Dreffur leistete besonders Herr Direktor Drexler mit dem Jsabellenhengst Topas ganz vorzügliches, ebenso erregte die brillante Vorführung der 4 Litthauer Schecken die größte Bewunderung. Im Schulreiten zeichnete sich Fräulein Bellefoi aus, ebenso wurden die anderen Künstler auf gesattelten und ungesattelten Pferden mit größtem Beifall bedacht. Die großartigen Exerzitien auf dem Telegraphendraht sowie auf dem hohen Piedestal ausgeführt sind in gleicher Vollendung hier wohl kaum gesehen worden unb auch die Hebungen am dreifachen Reck boten viel Neues. Eine Glanznummer am Abend war „Elephant und Pony", die auf die verschiedensten Dreffure« eingeübt sind. Die Akrobaten - Truppe Picardi, auS 6 Personen bestehend, erntete den reichsten Beifall, denn ihre Leistungen sind staunenerregend und werden mit eleganter Fertigkeit vollführt. Für die Unterhaltung in den Zwischenpausen sorgen die Clowns in ausgiebigster Weise. Die Beleuchtung des Zirkus wird außer durch zwei große Gaskandelaber durch elektrische Glühlampen besorgt, überhaupt beweisen die großartigen Einrichtungen des Zirkus, daß wir einen der besten seiner Art in unserer Stadt gastieren sehen.
Marburg, 23. Mai. Da sich in den letzten Tagen an den auf dem Kampfrasen stehenden zahlreichen Aepfelbäumen die B l u t l a u s in großer Menge zeigt, so sollten alle Gartenbesitzer, namentlich aber die dem Kämpfrasen benachbarten, diesem schädlichen Insekte und dessen Vertilgung eine erhöhte Aufmerksamkeit zuwenden.
Marburg, 23. Mai. (Unfall.) Beim Ab- nehmen des Baugerüstes an der neuen Universitäts Aula stürzte heute Morgen gegen 8 Uhr ein Maurergehilfe aus einer Höhe von etwa 8 Meter herab und erlitt anscheinend so starke innere Verletzungen, daß seine Ueberführung in die Klinik erfolgen mußte. Der Gestürzte war erst feit drei Tagen in hiesiger Stadt beschäftigt und soll in der Gegend von Hamburg zu Hause sein.
Marburg, 23. Mai. (Strafkammer.) In der heutigen Sitzung der Strafkammer wurde der 23 Jahre alte Fabrikarbeiter Daniel Sauer aus Ockershausen wegen Majestätsbeleidigung zu einer Geldstrafe von 10 Mk., hülssweise 2 Tage Hast verurteilt.
Wiesbaden, 22. Mai. Der General der Infanterie, v. Fransecky, Chef des Infanterie-Regiments Prinz Moritz von Anhalt Dessau (5. Pommersches) Nr. 42 und ä la suite des Infanterie - Regiments Fürst Leopold von Anhalt-Dessau (1. Magdeb.) Nr. 26, ist gestern abend gestorben.
Telegru-hMe Aezrefche«.
Bern, 22. Mai. Das Landwirtschafts -Depar tement untersagte anläßlich eines Spezialfalles die Einfuhr von Rindern, Jungvieh, Schweinen unter 25 Kilogr. sowie Ziegen aus Oesterreich - Ungarn. Anderes Vieh darf nur eingeführt werden, wenn es absolut unverdächtig ist.
Paris, 22. Mai. Die Deputirtenkammer hat das vom Senat bereits genehmigte neue Preßgesetz mit 347 gegen 189 Stimmen abgelehnt.
Avignon, 22. Mai. Der Präsident Carnot ist heute Vormittag 11 Uhr hier eingetroffen und mit sympathischen Kundgebungen empfangen worden.
London, 22. Mai. Unterhaus. In Beantwortung einer Anfrage erklärte es der eiste Lord der Admiralität, Lord Hamilton, für unbegründet, daß ein britisches Geschwader an den kombinirten deutschen Flotten- und Heeres-Manöoern in der Ostsee Teil nehmen werde. Staatssekretär Ferguffon erwiderte auf eine Anfrage, daß diejenigen Staaten, die das Privilegium der mcistbegüngstigten Station in Griechenland genössen, der von Griechenland jüngst England gewährten Zollreduktionen ebenfalls teilhaftig würden.
Cattaro, 22. Mai. Die Fürstin von Montenegro ist heute Mittag hier eingetroffen und begiebt sich zum Zwecke einer ärztlichen Konsultation nach Wien und wird dem Vernehmen nach alsdann dem kaiserlichen Hof in Petersburg einen Besuch abstatten:
Landtag.
Berlin, 22. Mai. 1890.
In der heutigen (65.) Plenarsitzung des Abgeordnetenhauses wurde die dritte Beratung der Ge- etzentwürfe, betreffend die Abänderung einiger Be- timmungen der Wegegesetze im Regierungsbezirke Wiesbaden, sowie betreffenb die Verpflichtung der Gemeinden in den Landkreisen der Rheinprovinz zur Bullenhaltung, durch unveränderte Annahme der Beschlüsse zweiter Beratung erledigt. — Nachdem auch der Eisenbahn-NachtragSetat in zweiter Beratung unverändert in der Fassung der Vorlage genehmigt worden, überwies das Haus eine Petition von Domainenpächtern wegen Abänderungen in den Domanialpachtverhältnissm dem Anträge der Korn Mission entsprechend der Königlichen Staatsregierung dahin zur Berücksichtigung, auf einige entsprechende Erleichterungen Bedacht zu nehmen und genehmigte odann entgegen dem betreffenden Kommissionsantrage
einen Antrag deS Abg. Dr. Krause (natllib.), e(nt das Bernsteinregal in Ostpreußen betreffende Petition der Königlichen Staatsregierung zur Erwägung überweisen. — Um l*/4 Uhr wurde die nächste Sitzung auf Dienstag, 3. Juni, mittags 12 Uhr anberaumt. (Dritte Beratung des Eiseubahn-Nach- trazSetats und zweite Beratung der Sperrgeld«- Vorlage.)
Die verstärkte Unterrichts-Kommission des Abge- ordnetenhauses brachte die erste Lesung des Entwurf, eines Gesetzes betreffend die Schulpflicht zu Ende § 10 wurde, nachdem der Abg. Olzem feinen Aw trag auf Erhöhung des Höchstbetrages der Strafe auf 2 Mk. zurückgezogen hatte und nachdem die Anträge Schmidt auf monatliche Festsetzung der Schulstrafe und Zulässigkeit einer Gesamtstrafe abge. lehnt waren, mit allen gegen 3 Stimmen angenommen. Der Antrag auf Erhöhung des Höchstbetrages auf 2 Mk. wurde zurückgezogen, nachdem der Regierungs- comrnissar ausdrücklich die Erkürung, welche in den Bericht ausgenommen wird, abgegeben hatte, daß für den Westen, namentlich für die Rheinprovinz, ein Höchstbetrag der Strafe von 1 Mk. wohl etwa, niedrig fei, daß aber die §§ 7 mit der zwangsweisen Zuführung der Kinder und 11 durch die Bestrafung der Arbeitgeber Hülfe schaffen könnten. § 11, welcher von der Bestrafung der Arbeitgeber Hande,t, wurde mit einem Zusatzmtrage Würmeling, daß die Arbeitgeber nur dann zu bestrafen seien, wenn sie schulpflichtige Kinder wissentlicher und fahrlässiger Weise und ohne daß eine genügende Entschuldigung vorliegt, beschäftigen, mit großer Mehrheit angenommen. Ein Antrag Gerlich, den Höchstbetrag der angedrohlen Strafe von 150 Mk. auf 30 Mk. herabzusetzen wurde gegen 7 Stimmen abgelehnt. Bei § 12 wurde ein Antrag Kletschke, die monatliche Zustellung nicht zu gestatten, abgelehnt, nachdem der Regierungs- commissar Ministerialdirector Dr. Kügler ausge-ührt hatte, daß das Verfahren mit schriftlicher Zustellung der Strafverfügung zu complirirt und zu kostspielig für geringe Strafe, zu mühevoll für Inhaber eines Ehrenamtes sei und und daß die mündliche Zustellung jetzt schon auf dem Lunde bestehe, mit großer Mehrheit abgelehnt unb die Regierungsvorlage angenommen. Die §§ 13 und 14 wurden ohne erhebliche Erörterung angenommen, und damit war die erste Lesung beendigt. Die zweite Lesung wird erst nach den Pfingstferien stattfinden.
Pfingstbrauche.
Die linden Lüfte sind erwacht, Die fäufeln und weben Tag unb Nacht. Sie schaffen an allen Enden.
D frischer Duft, o neuer Klang! Nun armes Herze, sei nicht bang! Es muß sich alles, alles wenden.
Die Welt wird schöner mit jedem Tag, Man weiß nicht was noch werden mag; Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Thal; Nun armes Herz vergiß die Qual! Nun muß sich alles, alles wenden.
Mit diesen schönen Worten zeichnet einer unserer besten Dichter in kurzen Strichen unsere innigste Empfindung bei der Feier des Pfingstfestes. Pfingsten ist ein hehres, hohes Fest; fehlt ihm auch der Liebreiz des Weihnachtsfestes, regt auch Ostern mit seinen durch die Natur versinnbildlichten Wunder mächtig an. Das Geheimnis des Pfingstfestes ist nicht weniger groß. Es fällt in die Zeit der üppigsten Knospen- und Blütenfülle, wo der Frühling fein Füllhorn über die wiedererwachte Erde auS- geschüttct hat. Kein Wunder, daß das menschliche Herz in diesen herrlichen Frühlingstagen zur höchste« Freude gehoben und zur hehrsten Feier des Festes gestimmt wird. Die Juuen, welch-n dieser Tag zur Erinnerung an die Gesetzgebung auf Sinai, nachmals auch als Frühlingserntefest feierten, streuten Blumen und Laub aus und schmückten sich mit Kränzen, da nach der Tradition an jenem denkwürdigen Tage die Natur im vollen Frühlingsschmucke prangte. Obgleich die alten Deutschen das Frühlinzsfest schon im März feierten, so erinnern doch viele Brauche, wie Pfingstmaien, Pfingstfeuer, Pfingstochse rc. an die altheidnischen Feste.
Zu diesen Pfingstbräuchen gehörte der Besuch der Pfingstbrunnen. Während früher fast jede Stadt und jedes Dorf seinen „Pfingstborn" hatte, finden wir denselben heute schon seltener. Derselbe lag gewöhnlich inmitten eines schönen Wiesenthales. In Hellen Haufen zogen jung und alt am Pfingsttage hinaus, um das herrliche, wenn auch einfache Mai- est zu feiern. Voran tm Zuge die Musikanten, denen die Knaben und Mädchen ihre Pfingstbrezel« und Krüge tragend, folgten; ihnen schlossen sich die Männer an, welche den mit Bändern und Kränzen geschmückten Maibaum trugen; an diese reihten sich die mit Bändern geschmückten und kleine Maien tragende Burschen und die Mädchen, welche mit einem als Sinnbild der Festfreude geltenden Blumenkranz geschmückt waren. Den Schluß des ZugeS bildeten die Frauen, bte beim Anblick ihrer hoffnungs- vollen Jugend fich wohl ihrer eigenen Pfingstfreude erinnerten. Hatte der Zug den Pfingstbrunnen erreicht, so wurde der Pfingstbaum aufgerichtet. Nach dem Eingangsspruche eines Burschen begann der Tanz, dem sich die erwachsene Jugend in ungetrübtem Frohsinn überließ. Jeder wußte sich Kurzweil und Freude zu verschaffen. Da sah man die Knaben zu zweien ihre Brezeln zerreißen und übermütiges Lache« folgte dem kindlichen Spiele; dort schwang der heitere