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Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt für die Kreise Marburg und Kirchhain. Illustriertes Sonntagsblatt. Expeditton: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

M 109.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Ouartal-AbonnenlentS-PreiS bei der Expe» dition 2*/t Mk., bet den Postämtern 2 Mk. 50 Pfg. (exkl. Bestellgeld). JnfertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg., Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

Marburg,

Sonnabend, 10. Mai 1890.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von Haasenstein und Vogler in Frankfurt a. M., Eafsel, Magdeburg u Wien; Rudolf XXV Messe in Frankfurt a. M., Berlin, München u. Köln; @. g. Huwö»

Daube u. So. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover, Paris.

Perrtsches Leich.

Spandau, 8. Mai. Der Kaiser traf um 7*/1 Uhr aufAlexandra" ein, besichtigte das vierte Earderegiment und ließ nach ter Besichtigung eine Gefechtsübung mit den neuen Gewehren mit rauch­losem Pulver machen. In seiner Begleitung befand sich Prmz Heinrich und eine glänzende Suite. Nach beendigtem Exerzieren ritt der Kaiser an der Spitze des Regiments durch die Stadt und dcjeunierte bei dem Offizier korps.

Berlin, 8. Mai. DerReichsanz" schreibt: In den Pfingstferien wird für die fünf westlichen Provinzen in Bonn, beziehungsweise Trier ein ar­chäologischer Ferienkursus für Lehrer der alten Sprachen und der G-schichte an den höheren Schulen von der Unterrichts Verwaltung angeordnet werden, ähnlich dem vom 8. bis 12. April h er für die sieben östlichen Provinzen abgehaltenen Ferien­kursus. An der Hand der )abei gemachten Er­fahrungen soll erwogen werden, wie solche Kurse dauernd einzurichten wären, und ob es sich empfehle, ähnliche Einrichtungen auch für andere Lehrgegen- siände, insbesondere für Physik und Chemie herzu­stellen. Auf Beschluß der Versammlung des Vereins für deutsche Volk-Wirtschaft wurde Sr. Durchlaucht dem Fürsten Bismarck eine Adreste, in kalligraphischer Ausführung und kornblumenfarbigem Ledereinbande, übersandt, welche den nachstehenden Wortlaut hat:Ew. Durchlaucht gestattet sich der Verein für deutsche Volkswirtschaft ehrerbietigst zu begrüßen und der dankerfüllten Gesinnungen zu ver­sichern, welche mit uns alle wahrhaft deutschen Männer beseelen. Wir verehren in Ew. Durchlaucht vor allem den von glühender Vaterlandsliebe be­wegten Staatsmann, dessen weisen Maßnahmen es gelungen ist, das Deutsche Reich mit friedlichen Mitteln dauerhaft zu befestigen und segensreich zu entwickeln. Mit sicherem und umsichtigem Blick in die Zukunft haben Ew. Durchlaucht, nachdem Hoch dieselben Preußen an die Spitze des Deutschen Reiches gestellt, mit dem uns historisch und national nahestehenden österreichischen Kaiserstaale, sowie mit dem Königreiche Italien ein Bündnis abgeschlosien, desien Grundlagen als mächtige Schutzwehr gegen Deutschlands gewaltige Feinde sich bewährt haben. Das politische Friedenswerk begleitete die feste wirt­schaftliche Einigung des Reiches, die Einführung der nationalen und praktischen Wirtschaftspolitik, welche unter gerechter Berücksichtigung der deutschen Land wirtschaft den deutschen Handel, die. deutsche Arbeit

(Nachdruck verboten.)

Heiße Gluthe«.

Erzählung von Johanna Berger.

(Fortsetzung.)

Und nun beugte sie sich noch tiefer herab nnb küßte die rauhe Faust, die sich so oft znm Schlage gegen sie erhoben hatte.

Dann raffte fie sich empor nnb eilte in das kleine Lab inet, bas ihr Schlafkämmerchen war. Sie legte rasch ein anderes Kleid an und orbn-.te ihr schönes wirres Haar. Dann band sie sich ihr Mäntelchen am und knüpfte einen blanen Schleier über den blonden Kops. Wie weißer Marmor leuchtet« das schöne bleiche Gesicht ans der bnftigtn Umhüllung hervor.

Gleich darauf trat fie wieder iu die Stube des Alten nnb reichte ihm bie Hand. .Leb wohl, Vater", sagte fie leise, .Gott behüte Dich!"

Sc faßte ihren Arm. ,WaS willst Du thun?^ .Fort will ich!" erwiderte sie.

.Fort, weggehen vou mir mich verlassen? Das kann Deto Ernst nicht sein. Ach, Jadwiluschka, thue is nicht, bleibe bet mir. Wie eine Prinzessin will ich Dich halten vou sitzt an, nur geh nicht sott!" Die Stimme des Alten zitterte, immer fester nm- klammerte er drS Mädchens Arm.

Aber fie machte sich sanft von ihm los und nahm Are Reisetasche in die Hand. .Laß mich gehen", sagte sie mit finsterem Gesicht, .ich wuß^ort, iuCzeustochan ist meines Bleibens nicht wehr, ich kann 'die Menschen uichl Wiedersehen, die wich so furchtbar gekränkt haben! Anbeiswo finde ich vielleicht ein Plätzchen, wo Uh mir wein Brob beibienen kann. Darum halte wich nicht auf, eS ist schon spät. Wenn ich kann, schreibe ich Dir. Und benk manchmal au wich nnb wenn Du einmal hörst, daß ich gestorbeu bi«, bann wache ein Kreuz au Deine Thür und bete für meinen Frieden."

.Ach Seelchen, ach goldene» Seelchen, rede nicht

und Industrie stark und konkurrenzfähig gemacht hat, zugleich aber dem deutschen Namen nach jeder Richtung in fernen Ländern Achtung und Ansehen verschaffte. Demnächst wurde gemäß dem erhabenen Willen Sr. Majestät Kaisers Wilhelm I. von Ew. Durchlaucht der Grund zur gedeihlichen Entwickelung der sozialpolitischen Gesetzgebung gelegt. Der Verein für deutsche Volkswirtschaft kann sich aus tiefstem Heizen nur dem Wunsche anschließen, welchem Se. Majestät Kaiser Wilhelm II. in dem Allerhöchsten Schreiben vom 20. März d. I. Ausdruck verliehen haben, daß Hoch Euer für das Vaterland so teures Leben uns noch lange Jahre mit Gottes Schutze in Kraft und Gesundheit erhalten bleiben wöge." (Es folgen die Namen der sämtlichen Mitglieder des Vorstandes und Ausschusses). Auf diese Adresse ist dem Vorstände des Vereins für deutsche Volkswirt­schaft, z. H. des Vorsitzenden Reg.-Rat a. D. R. Schück, aus Friedrichsruh die folgende Antwort zu Teil gewordcn:Für die mir anläßlich meiner Entlastung aus dem Dienste übersandte wohlwollende Kundgebung bitte ich Sie den Ausdruck meines verbindlichen Dankes freundlich entgegenzunehmen, v. Bismarck." Wie verlautet, ist dem Bundesrat bereits eine Vorlage unterbreitet worden, die dahin geht, den jetzigen Satz von 10. Pfg. für die Beför­derung von Drucksachen im Gewicht von 50100 Gramm auf den Portosatz von 5 Pfg. herabzusatzen. Die Maßnahme würde nach dem jetzigen Stande des Verkehrs einen Einnahmeausfall von ungefähr 477 000 Mark jährlich herbeisühren. Es läßt sich aber mit Sicherheit annehmen, daß dieses Minus durch die eintretende Verkehrssteigerurg gedeckt werden wird.

TieAi beiterschutznrvelle", die jetzt dem Reichstage vorliegt, findet in ihren Grundzügen den Beifall der Presse und zwar auch den der linksstehenden. Man erkennt an, daß die Regierungen von der aufrichtigen Absicht geleitet sind, den Klagen der Arbeiter über Ausbeutung ihrer Kräfte Abhilfe zu gewähren und daß die dazu gewählten Mittel zweck­dienlich erscheinen. Sogar dieVolksztg." gesteht zu, daß die Vorschläge der Regierungen einschneiden­der im guten Sinne seien, als bisher angenommen worden sei aber auch im schlimmen. Das Lrtz- tere findet das genannte Blatt in den vielen Be­stimmungen, welche die Gestattung von Ausnahmen zu Gunsten der Arbeitgeber den Verwaltungsbehör­den überlassen, so in Betreff der Sonntagsruhe und der Kinderarbeit, die überdies im Vergleiche zu den jetzigen Bestimmungen der Gewerbeordnung einige

so! Sterben! man stirbt nicht so leicht. Und wenn Dn doch gehen willst, so gehe mit mutigem Herzen! Vielleicht wendet sich noch Dein Schicksal znm Besten und Dein Leid ändert sich in Freude. Daun ist alle? vergassen l'

Das Mädchen sah ihn mit leuchtenden Augen an, denn wie eine Verheißung klangen feine Worte in ihr verzweifelndes Herz. Und nun wandte fie fich rasch zum Gehen. In der Thür blieb fie noch einmal stehen und schaute zurück. .Vater, ich bitte Dich, vergiß mein Kleinod nicht", bat fie. Im nächsten Augenblick war fie verschwunden.

Der Leutnant sank stöhnend in seinen S-fsel zurück, er schloß die Lugen und kämpfte schwer, denn das Treunnngsweh überwältigte ihn mit furchtbarer Gewalt.

Und gegen die trüben Scheiben peitschte der Regen und der Abendwind klagte nm das Haus. Die alte baute Wanduhr fang wieder ihr dünnes, eintöniges .Tick, Tack', und der Kuckuck darauf rief die Stunden­zahl mit heiserer Stimme ab. Es war neun Uhr; bie Nacht breitete sich über das niedrige stille Gemach und mit ihr kam die Ruhe und der Frieden.

Das Herrenhaus von Lygotta war an diesem Tage leer und verlaffen. Die Dienerschaft hatte schon vor TageSgraneu alle Arbeit vollbracht, nm nur ja nicht die Kircheufeier, den Bittgang nnb vor Allem bie Prozession zu versäumen. Nur Michalina, die alte Köchin, war daheim geblieben, nm baS Hans zu hüten. Am Nachmittag stand sie sonntäglich geputzt, mit dem Strickstruuipf vor der HanSlhür, nm dem Glockeuge- läute und der ans der Ferne herüberschallenden Musik zu lauschen. Von Zeit zu Zeit blickte sie zürn Himmel empor, andern fichlangsam tiefdunkeleSregenschwereL Gewölk aufthürwte.

.Das fehlte gerade", brummte fie vor sich hin, .daß wir heute noch etwas NafleS bekommen. Wo sollten dann die armen Pilger bleiben, die schon seit

Verschlechterungen enthielten, so z. B. die, daß Kinder zwischen 13 und 14 Jahren unter gewissen Bedingungen zur lOstündigen Arbeit herangezogen werden dürften. Auch verlangt dieVolksztg." Erweiterung der Fabrikaufsicht. Gegen diese Bestimmungen wenden sich außer dem borge nannten auch andere freisinnige Blätter, und er­klären, daß sie mit aller Macht bekämpft werden müßten. Sie dürften auf keinen Fall Gesetz werden. Die klerikale Presse sagt darüber noch nichts, wie sich dieselbe denn überhaupt auch in Be­treff der anderen Vorlagen noch sehr zurückhaltend zeigt. Von der Haltung des Zentrums aber hängt es bekanntlich ab, ob die Opposition der Freisinnigen Wirksamkeit haben wird. In der übrigen Preffe finden sich einstweilen nur ganz vereinzelte Meinungs­äußerungen, die aber allesammt zustimmend lauten.

Nach der offiziellen Fraktionsliste des Reichs­tages besteht die Fraktion der Deutschkonservativen aus 69 Mitgliedern und 3 Hospitanten, die der Reichspartei (sreikonservativen Partei) aus 20 Mit­gliedern, das Zentrum hat 106 Mitglieder und 5 welfische Hospitanten, die Polen haben 16, die Nationalliberalen 40 Mitglieder und 1 Hospitanten, die deutschfreisinnige Partei zählt nur 64 Mitglieder, da 4 derselben bisher zugerechnete Abgeordnete: Langerfeldt, Rösicke, Thomsen und Wifferwild" geblieben sind, die Volkspartei (Demokraten) haben 10, die Sozialdemokraten 35 Mitglieder. Außer den schon genannten 4 sind noch 24 Abgeordnete keiner Fraktion beigetreten, darunter 10 Elsaß- Lothringer, 5 Antisemiten, 6 Welfen, 1 Däne und die Abgg. Prinz zu Schönaich-Carolsth und Frhr. von Hornstein.

Hamburg, 8. Mai. Gegenüber einem gest­rigen Artikel derHamburger Reform" über den preußischen Gesandten bei den Hansestädten, Herrn v. Kufferow, erfährt derHamburger Korrespondent" authentisch, daß Kufferow behufs seiner Verheiratung einen scchswöchentlichen Urlaub erbeten habe, den der Kaiser mit dem Ausdrucke seiner Glückwünsche bewilligte. Die Behauptung, der Gesandte sei ent» lösten, ist unwahr, ferner entbehrt die Andeutung, Kufferow stehe mit dem vielbesprochenen Artikel der Hamburger Nachrichten" in Verbindung, jeder thatsächlichen Unterlage.

ArrsLarS.

Rom, 8. Mai. Heute mittags wurde eine Deputation deutscher Pilger von dem Papste em­pfangen. Nachdem eine Adresse von dem Grafen

gestern im Freien kampiren. Ach Dn Herrgotichen, das wäre 'ne schöne Prostemahlzeit. Aber ich dachte eS mir gleich, als den ganzen Morgen bie Hähne krähten nnb der TaraS Gras fraß! Na, die Madonna wird schon ein Einsehen haben nnb ben Regen »er- hüten, denn heute kann sie vll-s, was fie will!"

Michalina wurde plötzlich durch ein zischendes und prasselndes Geräusch, daS ans der Küche kam, in ihren R flektionen unterbrochen.Heiliges Kreuz, mein Braten!" rief fie aus und nun lief fie zankend und polternd ivS Hans zurück.

Bald darauf raffelte die Bcitschka mit Fran von Bielinska und ihren Gästen auf den Edelhof. Roman fehlte; er war gleich nach dem Hochamt auf ein ent­ferntes Vorweik geritten, das zum Gute gehörte. Die Herrschaften waren müde nnb abgespannt von ber Hitze nnb bem vielen Trubel. Sie zogen fich nach dem Diner sofort in ihre kühlen Zimmer zurück, um eine luftige Toilette zu machen nnb fich von den Strapazen des Tage» zu erholen.

lieber bem Herrenhaufe brütete eine heiße unbe» wegliche Luft. Im Garten wogte betäabenber Blumen, bnft und bie Vöglein faßen still nnb träumend auf den Bäumen. Nur die Infekten gaukelten summend umher und bie Eibechfeu formten sich im Grase. Weit nnb breit war kein Mensch za sehen nnb zu hören, benn das Dorf und die Felder lagen heute einsam nnb verödet da.

Die Herrin von Lyzotta hatte fich in ihr Schlaf­zimmer zurückgezogen. Dort lag fie mit gelösten Haaren, die Füße bequem von fich gestreckt, im zwang­losesten Negli, 6 auf dem Divan, indem fie bald ein GlaS Himbeerlimonabe schlürfte, bald ans einer neben ihr stehenden Bonboun 6:e Konfekt naschte. Ihre Kammerfrau wehte ihr mit einem großen Papierfächer Kühlung zu. Hin und wieder unterbrach fie diese Beschäftigung, nm den Fächer mit ber Fliegenkappe zu vertauschen nnb bie lästigen Insekten ohne Um­stände auf den Möbeln und bett tapezierten Wänden zu erschlage«.

Galen verlesen worden war, worin die Liebe und Dankbarkeit der deutschen Katholiken für die ihnen von dem Papste erwiesenen Gunstbezeugungen aus­gesprochen ist, erinnerte der Papst an das Jubiläum Gregros des Großen, indem er besonders die Hand­lungen dieses Papstes zugunsten der Völker Europas hervorhob. Weiter berührte Papst Leo die gegen­wärtige Lage der katholischen Kirche in Deutschland, wo der religiöse Krieg aufgehört habe und wo man durch die Abschaffung von kirchenfeindlichen Gesetzen zu einer besseren Verständigung gekommen sei. Der Papst erklärte schließlich, er rechne aus die Hoch­herzigkeit des deutschen Kaisers und die Treue der Katholiken, um das Werk des Friedens zu vollen­den und sprach sodann seinen Segen über Deutsch­land aus. Später empfing er die Mitglieder deS Komitees und unterhielt sich mit dem Gesandten v. Schlözer und dem österreichischen Botschafter Grafen Revertero. Außerdem waren 8 Kardinale zugegen.,

Paris, 8. Mai. Den heutigen Ministerrat be­schäftigten verschiedene der Kammer vorliegende Gesetzentwürfe. Jnbezug auf die geplante Auf­erlegung eine Steuer für die in Frankreich wohnen­den Fremden wurde konstatiert, daß das einzige die Fremden besteuernde Land die Schweiz sei, die aber nur eine geringfügige Steuer erhebe. Der nächste Ministerrat wird prüfen, ob die bermaligen Ver­träge der Einführung einer Fremdensteuer entgegen* stehen.

London, 8. Mai. DerTimes" wird aus Sansibar, 7. Mai gemeldet: Da angenommen wird, die Rebellen dürften versuchen, Kilwa wieder zu besetzen, so bleibt Major Wißmann dort, um eine wirksame Verteidigung zu organisieren. Zwischen den Truppen des Sultans von Witu und den Ein­wohnern der Insel Patta ist ein Kampf entstanden. Bana Heri weigert sich, nach Saadani zurück­zukehren, falls seine Sicherheit nicht von sämtlichen Konsuln in Sansibar verbürgt werde.

Washington, 8. Mai. Die Senatoren West und Teller kündigten ihre Absicht an, anstelle der dem Kongresse gegenwärtig vorliegenden Silberbill andere Gesetzentwürfe einzubringen.

Hesse« -Naffs«.

Marburg, 9. Mai. Nachdem sich mehr als 50 Städte Hessens, darunter auch Cassel zur Beschickung des. rsten von Herrn Oberbürgermeister Wcsterburg- Hanau angeregten hessischen Städtetages bereit erklärten, haben sich nun auch die hiesigen

In dem ziemlich großen Gemach herrschte eine grenzeulose Unordnung. Tische und Stühle waren mit Kartons, Hüten nnb Kleibern bedeckt. Auf dem Kamin standen neben einem Bilde ber sixtinischen Madonna eine Flasche Ungarmeta, mehrere Schachteln mit kandirten Früchten und ein Paar neue Stiefletten. Bonbouspapiere lagen verstreut auf dem fadenscheinigen Teppich umher und ein, augenscheinlich in größter Hast abgestreifteS Seidenkleid ruhte friedlich daneben. Alle Schieblabeu und Fächer der Kommode waren weit geöffnet und jedermann war ein Einblick in ein wunderliches Chaos vou Bändern, Kragen, Hand­schuhen und tausenderlei auderm Krimskrams gestattet.

Frau v. Bielinska wälzte fich nubehaglich auf bem Divan von einer Seite zur anderen. ,®teb mir mein Riechfläschchen, Bronislawa", seufzte fie,aber rasch, ich ersticke! Gel! Gell diese Hitze ist unerträglich. Was habe ich auSgeftanben bei ber Prozession, eS ist nicht zu beschreiben, nnb wenn ich darüber jammerte, lachte mich die Gräfin aus. Ja, die hat Nerven, ich sage Dir, Nerven tote Bindfaden so stark, und nichts, nichts kann diese Frau berangtren! Sie war wie von Stahl und Eisen, während mir Übel und schwindlig wurde. Aber ich mußte mtt, immer mit durch den himmelhohen Staub, durch das dichte Menschenge- tümmel; Jesus Maria, es war gräßlich!"

Die Kammerfrau nickte zustimmend und seufzte mit Da hörte man plötzlich eine Thür in8 Schloß fallen und ein leichter Schritt erschallte im Haus- gauge. Wie elettrifht fuhr bie Edelfrau empor, ihre Angen strahlten förmlich auf. ,DaS ist die Komteß", sagte fie lächelnd, »und weißt Du, Bronifcha, dec süße Engel wird in kurzem meines Sohnes Frau. Aber sperre doch Deiueu Mund nicht so gewaltig auf, Du Gau», es ist wahr nnb zu verwundern giebt es darüber nichts. Ja, ja, dann wird in Lyzotta ein herrliche» Leben feto. Schwul werden wir los und das Rechnen und Sparen hat ein Ende. Ich kann dann meine Toiletten direkt aus Pari» beziehen, denn