Wöchentliche Beilage«: Kroisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
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Dienstag. 22 Oktober 1895.
Anzrizm nimm: «itgtgen bi« Expedition diese? Blatter, iewii bi« Annonc«n-B»rr«vx von Haasenstein e. Vogler in Frankfurt a. M., Eassel, Magdeburg und Wim; Rudolf Mass« in Frankfurt a. M., Berlin, München u. Köln; G. L. Daube u. To. in Frankfurt ». M„ Berlin Hannover, Pari».
XXX. Iahrg.
Die „Zukunft"
und Herr von Boetticher.
♦ 3a der jüngste» Erklärung d S preußischen St ratk- «iuisterivmS zu Guasten des Herrn v. Brett;L er war «gikuüpft werde» a« eine Bernerlurg der „Zukurft", die folgenden Wortlaut hatte:
„Wenn eS wahr ist, sie sehr glaubwürdige Zeugen behaupten, daß der Ltaatssek^etär in einer Zeit, wo über den Baskverk.hr kedevtsawe EutschNdnsge» zu treffen wäre», von Großbaukiers Summe» entliehe» hat, die er »ach menschlicher Voran ficht »iemals be zahle» konnte, dann müßte sein Bei bleiben im Amte von Allen bedauert weiden, dir zwi chen Politik und Sittlichkeit nicht eine trenuende Schratke errichten möchte».*
Maximiliau Harden, der Verfaffer de» betreffenden Artikels, fordert zunächst mit R cht, daß auch der nächste Satz, „Ist diese Behauptung falsch, wie man hofft« darf, aber such gern authentisch be- wiesen sehen möchte", zur Illustration seiner keineS- »kt s gehä sizcn Abfichttu hätte hinzugezoge» werden solle»; er spricht weiterhin si» ^staunen darüber aus, daß man, statt ihr vor Gericht zu stellen, die auffallende Form einer mtniftüt Ben Eikiärusg ge wählt hat und bezweifelt, daß die Kollegen des Herrn 8. Boetticher zu einem überzeugenden Urtheil befugt gewesen feie», da ste weder den Verfasser, »och die von ihm erwähnt-» Zeuge», »och den einzig Ein gkw-.ihtrn, den Fürsten Bismarck, vernommen, noch anch die Stralsunder Akten oder die Akren der Reichs bank geprüft hätten. Man hätte stch eben nur an die Auskunft gehalten, die Herr v. Boetticher gab.
Zur Sache bemerkt Harde;:
Er wird gesagt, „daß die geschildrrten Berhandlungen zu einer Z it stattfauden, in welcher von beabsichtigten Reformen der Ba>.kwesenS überhaupt roch nicht die Rede war". Wo habe ich von beabsichtigten Reformen d«S Barkwesins gesprochen? Woher nimmt das StaatSmikistcrium die Berechtigung, einen Satz als «'.wahr znrückzuwcisen, den ich gar nicht ausgesprochen habe, ihn so zu ückzuweisen, als würde dadurch die Glaubwürdigkeit meiner Angabm erschüttert? Ich habe von einer Zeit gesprochen, wo über den Bankverkehr bedeutsame Entscheidungen zu treffen waren. Solche Entscheidungen hat das Reichsbar k-Kuratorium immer, mehrmals im Jahre z. B. über den Bankdiskont, zu treffen, an solchen Entscheidungen hat der stellvertretende Vor sitzende der Reichsbank-Kuratorlums beständig, und an weithin sichtbarer Stelle, mitzuwiikeu. Und ganz besouderS bedeutsame Eutscheiduogen standen im Jahre 1886 bevor. Das ReichSbankgesetz, da» für fünfzehn Jahre der Reichsbank den Charakter einer mit Privatkapital arbeitenden, aber unter Staatsaufsicht stehende« Aktienges'llschaft sicherte, galt damals schon elf Jahre, nnb die Zeit rückte heran, wo die
Unserer Kaiserin zum Geburtstag am 22. Oktober 1895.
Im Herbste da man Trauben liest, Im reichen Herbst wardst du geboren. Vieledle Frau, sei uns gegrüßt, Die Gott zum Segen hat erkoren, Dem holden Sonnenstrahle gleich, Für Stadt und Land, für Volk und Reich!
Was lieblich ist, geht von dir aus, Du hohes Vorbild deutscher Frauen! Gesegnet' Hohenzollemhaus, An welchem solche Hände bauen! — Du lauschest auf die Roth der Zeit, Freundin des Volkes im Königskleid.
Im Dienst des Höchsten denkst du nach ' Dem, was das L ben mag verschönen, Wohllautend möchtest du den Tag Durchweih'n mit frommen Glockentönen j Und richten müder Füße Gang Heimwärts beim Abendglockenklang!
So, gottgesegnet, fahre fort In deinem Men Liebesmühen. — Und wenn dir heut' an jedem Qrt Zum Freudenfest die Herzen glühen, Wenn dich der Wünsche Heer umgiebt, Go ist es, weil dein Volk dich liebt!
Hurrahrufe» einer große» Menschenmenge nach dem
einmal bie Zinsen für die nothwendig gewordenen Summen aufbringen konnte, un deßhalb ich er sich veranlaßt, seine Bereitwilligkeit zum Rücktritt anzubeuten. Für den Reichskanzler lag die Sache nun so: eine strafbare Handlung gab es n cht mehr, denn die Defekte waren gedeckt, und ein Strafverfahren hätte sich nur noch gegen etwa vorhandene Begünstiger richten können; d r Rücktritt des Herrn o. Boetticher, der dann vielleicht auch finanziell zusammcn- gebrochen wäre, schien im Staatsintercsse nicht wünschens- werth, weil er zu Erörterungen geführt hätte, denen man den Schwiegersohn der Stralsunder Bankdirektors, mit Rücksicht auf seine langjähr ge amtliche Stellung, nicht aussetzen durfte. Der Reichskanzler war in einer Zwangslage; er durfte die Unanfechtbarkeit der preußischen Staatsverwaltung nicht gefährden und er durfte den Staatssekretär nick;? in einem Vcrhältniß lassen, das ihn von Bankmächten abhängig machen oder doch abhängig erscheinen lc ssen konnte. Aus dieser Zwangs age half die Königliche Erlaubniß, die damals stark angewachsenen Mittel des Welfenfonds zu benutzen. Weder der alte Kaiser noch Fürst Bismarck hätten sich jemals bereit erklär!, diese Mittel für Herrn Berg oder für dessen Freunde flüssig zu matten. Der Kaiser bewilligte, auf den nachdrücklich empfehlenden Vortrag des Kanzlers, die Mittel, um das Ansehen der preußischen Staatsverwaltung vor boshafter Anfechtung zu
Hafteste M na ch entschied n; bei seiner Eittcheidnng können auch wir uns b e r u h i g e n und froh sein, wenn dieser Fonds, der den preußischen Staat stärken wllte, später niemals unnützere Vertuen ung gefunden hat.
So wurde vom Fürsten BiSwa ck, dem der Staats- kceiär j tzt in Interviews höchst spaßhafte Vorlesu- gen über den Umgang mit Kaiser« hält, dem Herrn v. Boetticher das amtliche Leben gerettet. Ob Herr v. Boetttchcr den Herren, die ihn zuerst aus der Verlegenhett erlösten, länger als diesem Lebensretter die Dankba keit bewahrt hat, das weiß ich nicht, darüber habe ich auch nichts behauptet. Seine Ehrenhaftigkeit bezweifle ich nicht, wohl aber, daß er nach Nll'w, was er durchgemacht hat, und mit den g!wandelten Ansichten, die er deute vertritt, auf seinem Posteu roch wohllhätig wirken kann. Das Moralische versteht sich immer von selbst ; . ; In den wirthschastlicheu Kämpfen, die wir jetzt erleben, kann ein Minister, der, wie Herr v. Boetticher, als Vertreter der Regierung im Vordertr-ffen teht, sicherlich nur daun Nützliches leisten, wenn er vom Vertrauen der schaffenden Stände getragen wird und nicht zu befürchten braucht, hart angepackte Gegner könnten, um ihn zu ä gern, seine eigenen Angelegenheiten zur Sprache bringen. DaS ist meine ganz persönliche und ganz be- cheidene Meinung, hallen zu ©neben; Ich würde keinen noch fo ehrenhaften Mann über die Börse schreiben lassen, von dem ich wüßte, daß er in einer schweren Stunde seines Lebens bei zärtlichen Börsenleuten Trost und Erleichterung gefunden hat. Ist das Königliche Staatsministerium anderer Meinung, so habe ich mich dabei zu bescheiden; Ich bin aber ganz und gar nicht verpflichtet, meine eigene Ueber» zrugung der amtlichen Anschauung zum Opfer zu bringen."
Herzogin von Baden, dcr Statthalter r.»d die Spitzen 6et Militär- nsb Ciotlbehörden anwesend waren. Ihre Majestäten verabschiedeten stch huldvollst. Der Kaiser sprach wieder h»lt seine Frende nud Zufriedenheit über den herzlichen Empscug ans nnd unterhielt ich efn'ge Zeit mit dem Statthalter. Das Groß- jerzogkpaar verabschiedete stch nochmals am Wagg»». Die Abfahrt erfolgte um 5 Uhr. Prirz nnd Pri» zrsfis Heinrich, sowie der Großherzog nnb die Großherzogin von Baden reisten tm 6 Uhr 32 Min. ab. — Lis Kaiserin Friedrich ist heute Abend 8 Uhr i« München eiug; treffe» und um 9 Uhr rach Tirol weitergrreist. — Prinz und Prinzessin Heinrich von Preuße» werde», wie e» heißt, cm 24. d. M. wieder auf dem Kieler Schlosse zu kurzem Aufenthalt einlreffe», wo Tags darauf die erste Generalversammlung de« Marinc-Seemanuns- heims firttfindet, das der Anregung des Prinzen Heinrich fein Entstehe» verdankt. — Der „Karlsruher Ztg." zufolge ernannte der Großherzog den Fin»z« Minister Dr. Miquel zum Ritter d:S Orders vorn Zähringer Löwen und verlieh dem SlaatSsekretär tes ReichSschatzantS Grafen Posadowsky das Großkrenz desselben OideuS. — Der General- superintlndent von Berlin Hof- und Domprediger Faber feierte das 25jährige Amtkjnbilänm. Das Ko»- stflorinrn überreichte durch eine Deputation eine Adreffe.
Staatskosten urb Kündigung be8 Privilegs der letzten Notenbaicken, die roch bestehen. Auch der Wu sch, die Rcichsbank möchte stch mehr sozialpolitisch bkthätigen, mehr den Landwirthen m d Ha: dwerkern zugänglich werden, war chon damals rege geworden; Mit gutem Gctmssm da s nun deßhalb sagen, daß im Jahre 1886 eine Zeit arge- brachen war, wo bedeutsame Emscheidungen über den Bai k- verkehr zu treffen waren; Die mir. st rnlle E kä ung bekämpft eine Behauplur g, bie gar nicht aufgestellt worden ist."
Weiter heißt er:
„In der Erörterung d:S Falles Berg ist bisher nur die finanzielle Seite besprochen worden; eS gab auch eine ander«, eine strafrechtliche Seite. Es lagen Defekte vor, zu deren Beseitigung ungeheure Summen, ehr viel größere, als öff.ntlich bekannt geworden ist, röt teig waren; und diese Defekte waren durch Handlungen herbei- gesührt worden, die daS Gesetz mit harten Strafen bedroht. Nach der miuiste'iellen Erklärung muß man annehmen, daß dieser Thatbestand im Jahre 188' zur Kenntniß be« Reichtbarckp ästdenten kam; wenn bet P äsident dem Staats- ekretär, wie c8 nach d m Wortlaut der Erklärung scheint, üne Intervention angesonnen hat, so könnte diese nur die Ar zeige de« Schuldigen bezweckt haben. Jeder, der wissentlich dem Thäter Beistand geleistet hätte, um ihn der Be strafung zu entziehen, hätte stch der Begünsti ung schuldig gemacht, die im Strafgesetzbuch mit Gefängniß beb oht ist; Begünstigung bleibt, wo es sich um schwere Delikte handelt, nur straflos, wenn ste dem Thäter von einem Angehörigen gewährt worden ist, der diesen Beistand nicht seines Vor- theiles wegen geleistet hat; Das wäre der Fall des Herrn v. Boett cher g wrstn: er konnte Minister bleiben, auch wenn sein Schwiegervater in'S Gefängniß kam, denn Niemand ist für die Thaten seiner Verwandle« verantwortlich; er konnte mindestens ab warten, ob der Reichskanzler, dem er die Vorgänge sofort melden mußte, sein Scheid-n aus dem Amt für nothwendig hielt; Deßhalb ist die Frage so wichtig: Wann hat der Sraatssekretär dem Kanzler den Sachverhalt mitgetheilt 9 Es ist nicht wahrscheinlich, daß das vor der D-ckung der Defekte geschehen ist, denn sonst hätte der Reichskanzler sich verpflichtet gesühlt, den Thäter zur Anzeige und zur Bestrafung zu bringen; Es ist vielmehr anzunehmen, dast der Kanzler erst von der Sache erfuhr, al« die Defekte ganz oder theilweise grdecke waren. Die Deckung hatten die Verwandten, darunter auch Herr v. Boetticher, beschafft, und als deren Mittel nicht annähernd ausreichten, waren die Chefs großer Bankhäuser und andere Kapitalisten hilfreich beigesprungen. Diese Hilfeleistung sah der Reichskanzler als eine dem SlaatSsekretär gewährt« an und sie schien ihm «iuAbhängigkettSverhält- u iß zu begründen, wie es mitderamtlichen Stellung eines Maui. eS unverträglich war, zu dessen Kompetenz auch die Vertretung des Reichskanzlers in wirthschaftlichen
Deutsches Reich.
* Zkertt«, 19. Oktbr. (Tagesbericht.) Au» Straßburg wird gemeldet: TieKaiserin besuchte heute Vormittag in Begleitung der Prinzessin Heinrich das » ur evangelische BereiuShauS, sowie daS Münster uns kehrte kurz nach 12 Uhr nach dem Reichs Paläste zurück, vor welchem eine zahlreiche LolkSwenge stch versammelt hatte, welche die Kaiseris durch lebhafte Hochrufe begrüßte. Der Kaiser traf in Mutz'g um 8i/z Uhr ein und wurde am dortigen Bahnhofe Dom Kreisdirektor, Oberbürgermeister und Oberförster empfi ngen und begab sich sofort mittelst Drahtsell- beh» nach der V:ste. Von dort machte der Monarch eine» Aniflug durch den Wald. Kurz vor 1 Uhr k-hrte ke. Mcftfiät zurück und wurde von dem auf de» Streße» versammelte» Publikum lebhaft begrüßt. Er fuhr alsbald mit der Kaiserin nach dem Statthalter- palais, um an der Familieutafel theilzunehme» 3m*. Kaiserpalast fand zugleich Marschalltafel statt Um 43/t Uhr begaben sich die Maj stS'e» i» offenem Wage» vom Schloß rntr Glockengelänte und brausenden
völlig virstsatlicht würde und welcher Theil des UeberschusseS > bcm Reich künftig zue, kann! werden sollle. Welche Art der Entscheidung für daS Rckch günstiger gewes n wäre, darüber bc6e ich hier nicht zu urtheilen; Sicher ist ober, daß die SBatrder beS mobilen Kapitals, ganz wie Herr v. Boetticher, bie E Haltung dis Privilegs erstrebten und daß auch bie Wü .sche bet konservativ;« Partei, bie später klug und sach- kund g vom Grafen Mirbach v rtreten wurden, schon damals vorhanden waren: Uebernahme der ReichSbank auf
E-t'ch idung darüber getroffen werden mußte, ob die Banki Fragen und in Bankangelegenheiten ge- " " ' " " ‘......"'(Dörte. Die Unhallbarkeit der Situation mußte auch der
taatssekretär empfinden, der von seinem Einkommen nicht
bewahren und um einem geschickten Beamten die unerläßliche v. ....... _______ -_____ - .
Unabhängigkeit zurückzugewinnen. Oo der Welfenfonds'Bahnhofe, woselbst der Grvßherzog und bkjBrofc« damals richtig verwendet wurde, darüber hat der gewissen-
Margarethe.
Original-Roman von M. Widdern.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Im behaglichen Wohnstübchen brannte die Lampe, die alte Magd erwartete die Herrschaften, fie sah müde und verschlafen aus, aber sie erkundigte sich doch angelezentlichst, wie sich das Fräulein amüstrts; im stillen wunderte ste stch über die noch so ganz außerordentlich strahlenden Augm des jungen Mädchens, die trotz der so späten oder richtiger so frühen Stunde gar nicht von Müdigkeit sprachen.
Aber noch ein andere» Augenpaar sah die leuchtenden Blicke der großen blauen Sterne. — Aber um die Mundwinkel der Mutter zuckte er schmerzlich, vermochte sie es doch nicht, sich an den seelischen Vorgängen in ihrem Kinde zu erfreuen, und al» Grethe sich, nachdem ste den Eltern und auch der alten Lisette „gute Nacht" geboten hatte, in ihr Stübchen zurückziehen wollte, schlangen sich die Arme der Mutter um ihre Schultern und an ihrem Ohr flüsterte eine bebende Stimme:
,D, Du mein liebe», arme» Kind, möchte doch der gute Gott dich ganz besonder« in seinen Schutz nehmen.'
Die Seele vollständig au« dem Gleichgewicht und in beispielloser Erregung hatte Grethe die wenigen Stunden, die noch an ihrer gewohnten Morgenzeit fehlten, wachend zugebracht.
Da« prachtvolle, dunkle Haar aufgelöst, da» kleine Figürchen in ein Morgenkleid gehüllt, saß ste an dem weitgeöffneten Fenster und ließ stch die kühle Nachtlust um die heiße Stinte wehen . . . Allmählich, ganz allmählich röthete sich dann auch der Horizont; im Osten erhob sich die Sonne, und
in ihrer ganzen glührothen Pracht leuchtete da« wunderbare Tagesgestirn dann dem lieblichen Mädchen in'r Angesicht und w-cke sie au» dem träumischen Versunkensein, dem sie sich so schrankenlos hingegeben.
Grethe Stenson hatte, so lange sie zu denken vermochte, noch nie einen neuen Tag begonnen, ohne an ihren Vater im Himmel ein inniges Dankgebet zu richten für die gehabte Nachtruhe, und wenn es mit dieser in den vergangenen Stunden auch nicht weit her gewesen, so glaubte fie doch heute noch mehr Veranlassung zu haben, al« gewöhnlich, Gott zu danken — dachte sie doch an der Schwelle einer neuen Leben« zu stehen, von dem fie so viel Glück und Friedevolles hoffte. Und so falteten sich ihre Hände und roch nie war ihr dar: „O, mein Gott, ich danke Dir!" so au» tiefem, gläubigem Herzen gekommen, al» heute.
Dann aber gedachte sie auch der häuslichen Pflichten. Sie erhob sich von ihrem Sessel und eilte au» dem Stübchen, die Treppe hinab in die Küche. . .
Ohne die alle Magd zu wecken, welche ja die Nacht gewacht hatte, um nur den Herrschaften bei der Nachhausekunst gleich aufwarten zu können, machte Grethe heute eigenhändig Feuer in der Kochmaschine an, bereitete auch allein ben Kaffee, ja, lief sogar selbst zum Bäcker, der freilich im Nachbarhause. wohnte, und holle da» Weißbrot. Dann deckte sie in der Laube im Gärtchen den Tisch, und erst, al» Alle» berellet, ging fie daran, die Geschwister zu wecken — an bet Ellern Schlaf- stubrnthür hatte sie lauschmd da» Ohr gelegL da btinnen wurde e» auch schon lebendig — auch Lisette, die Magd, war inzwischm aufgestanden.
Mit großen Augen halte das getreue Faktotum auf Grethes Werk gesehen.
„Gott steh mir bei, Fräulein — es ist ja schon Alle» gemacht! Du lieber Himmel, und dabei habtn Sie dir ganze Nacht getanzt; ich muß mich schämen vor Ihnen,' setzte fie ärgerlich hinzu. Aber das lange Mädchen legte begütigend ihre Hand auf die Schulter der Alten: „Rede doch nicht so, Lisette, Du hast ein langer Leben voller Arbeit und Mühe hinter Dir, und solltest Dich durch mich beschämt fühlen, wenn ich einmal vor Dir auf bin? Unsinn, Lisette — von Rechtswegen müßte ich es eigentlich alle Tage so machen wie heute — na, und wer weiß, was noch geschieht.'
Die Alte warf einen langen forschenden Blick in dar Gesicht ihrer Liebling», dessen erste Lebenstage fie schon bewacht — dann schüttelte fie ihren grauen Kopf: „Wie kommen Sie mir nur vor, Fräulein,' sagte ste, ,e» ist gerade, als wenn — !*
„Still, still, Lisette, kein Wort weiter,' unterbrach Grethe aber die treue Seele, indem fie ihr mit der Hand den Mund verschloß. Dann aber sprang fie auch eilfertig hinaus.
Im Knabenzimmer hörte man die weinerliche Stimme de» Nesthäkchen» — Grethe war ja gestern nicht dagewesen, al» e» stch niedergelegt hatte, um die Kleidungsstücke der kleinen unordentlichen Jungen auf dem Stuhl vor seinem Bettchen zu ordnen, und nun konnte er seine fiebm Sachen nicht zusammen- finden und weil die älteren Brüder ihm nicht halfen, sondern ihn noch ob seines Aerger» au«» lachten, weinte er bitterlich.
Run, Grethe fand aber schon die rechten Worte, den kleinen Verzug de« ganzen Hause» zu trösten — sie hatte auch bald seine Kleidung»fiücke bei« sammen und «ährend sie dann mit den andern