Wöchentliche Beilagen: Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhai«.
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Marburg,
Sonnabend, 11. Mai 1895.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition dieser Blatter, sowie die Annoncen-Bnreanx von Haasenstein n. Vogler in Frankfnrt a. M., Laffel, Magdebnrg nnd Men; Rudolf Moss« in Frankfurt a. M., Berlin, München u. Köln; G. L. Daube u. Co. in Frankfurt a. M.. Berlin Hannover, Paris.
XXX. Jahrg.
Die Umsturzvorlage im Reichstage
3« Reichstage wurde am Donnerstag die Le- rathvug der Umsturzvorlage fortgesetzt, nachdem das HM- zunächst einen Antrag Auer angenommen bett. Einstellung eines gegen den Lbg. Hern (Soz.) schwebenden Strafverfahren» für die Dauer der Sesfion.
Arn BandeSrathStische befinden sich: Rieberding, e. Bronsart, v. Köller, Schoenstedt.
Zn de« znrn § 111 (Anpreisung und Recht' ferttgung von Vergehe») vorliegenden Anträgen von Levetzow und Barth ist ein Antrag ÄroeberWentr) hinzu gekommen, wonach auch die Anpreisung oder Rechtfertigung „einer thätlichen Angriffs gegen einen Beamten während der Ausübung feine» Amte» strafbar sein soll".
Justiz Minister Schoenstedt: Ich erklüreRamens der Retchsregiernng, daß dieselbe ans die Annahme der Antrages Levetzow, also auf die Wiederein sügung der §§ 113 und 114 in den § 111 große» Gewicht legt, und daß e? fich hier nm einem Punkt ha»d-lt, von welchem vorauSfichtltch da» Schicksal der ganzen Borlage abhängen wird. Nach der gestrigen Verhaudlnnz nehmen wir an, daß die Herren Nationalliberalen und die Reichspartei den Antrag Levetzow annehmen «erden, nnd wir können nur hoffen, daß auch da» Senttnm die» ihn« werde. Ich habe den Eindruck, al» ob in der Kommtsfio» Cullurkampf- Erin» erungen den scnst so klaren Blick gehüri haben. Wenn Eie v»m Centruw aber doch auf Ihrem ablehnenden Standpunkte beharren sollten, so betreiben Sie damit nur die Geschäfte der Sozial demokrotie. Die Sozialdemokraten habe« da» auch erkannt und Herr Auer hat je auch gestern das Eentrum auf seinen unhaltbarere Standpunkt festgenagelt. Die Palme des geftiigon Tages gebührte ja jedenfalls, abgesehen von dem Herrn Kriegs- Minister, dem Abgeordneten Auer. (Heiterkeit) Das Satinm würde fich eine» Erfolges jedenfalls nicht rühmen können, sondern fich nur selbst opfern. Ein Entgegenkommen des CeutrurnS entnehme ich aus der Erklärung, daß das Eeutrum fich die definitive Abstimmung Vorbehalte« habe für die brüte Lesung. Ich glaube indeß, wen« Sie überhaupt nachgeben »ollen, so »üd e» Ihnen bei der brüten Lesung viel schwerer sein, Ihren Standpunkt zu ändern, als je,t bei der zwetteu Lesung. Ich kann Sie daher nur bitten, schon jetzt dem «»trage Levetzows stattzu- geben, denn bis dat, qui cito dat (zweimal giebt, »er schnell giebt).
Atzgi Lenz manu (frf. 58p.): AugefichtS dieser Vorlage muß man sich doch fragen, was denn so Unglaubliches geschehen ist, nm fie zu rechtsertigen. In Frankreich aller.
Paril Vatoff.
•Int Grzählnu« in 8 Bänden von F. Martmr Crawford.
(Nachdruck verboten.) (Kortsetznugi)
6. Kapitel.
Nach wenigen Minuten trat Selim, der breitschultrige Lala, in da» Zimmer und begrüßte uns beim Vorschreiten mit dem üblichen Gruße. Er mu|te Balsamide» sofort wiedererkannt haben, denn er schrak zusammen und blieb stehen, als er ihn sah, und schien auch etwa» sprechen zu wollen Reine Anwesenhett hielt ihm jedoch wahrscheinlich da» Wort auf den Sippen zurück und er stand regungslos vor uns. Balsamide» nahm eine hoch, müthige Miene an und sagte ihm, er sein von Er. Majestät geschickt, um, wenn e» möglich sei, der Laleli Khanum Effendi Genesung zu bringen ,Se.Majestät', sagte Balsamide», „war tief betrübt bei der Nachricht von derKrankheü der Khanum und wünscht, daß alle nur möglichen Mittel angewendet werden, um die Leiden zu lindern. Er bat, daß Selim sofort die Khanum von de» Arzte» Anwesenheit benachrichtige, denn jeder Augenblick Verzögerung könne Gefahr bringen"
Selim konnte die Täuschung nicht entbeäen. Er kannte den Leibarzt nicht von Ansehen, und Balsamide» spiette seine Rolle mit stoischer Kalt- blütigkett. Der Neger hätte e» nie für möglich ge» hallen, daß ein Franke und ein Fremder e» wagen würden, sich die Uniform von Adjutanten de» Sultan» anzueignen — eine Uniform, welche er sehr genau kannte und von welcher er wußte, daß er sie achten wußte. Er war erschreckt, als er in dem medi- lmischen Rathgeber des Sultan» den Mann er«
dirgs eia Mordangriff aut Carnet, in Deutschland aber nicht», war ein solches Abweichen von den Bisheriger. RechtSgruvdsätzin begründen könnt«. Auch in der Kommission iß kein genügendes Material beigebracht worden, sondern nur Hinweise ans die allgemeine Weltlage, und die Behauptung des Herrn v. Köller, daß die Sozialdemokratie die Revolution wolle. Auch die anarchischen Erscheinungen im ÄlnSlande können uns doch nicht veranlaffen, unsere Gesetze zu ändern. Aufforderungen und Aufreizungen zu anarchistischen Attentaten können wir ja auch schon mit unfrei jetzigen Gesetzgebung treffen. Zn den Gesetzgebungen der anderen Staaten findet sieh, trotz ungimstigerer Ver- hLltnffse alS bei uns, so namertlich in der Sckweiz, kein Analogon für diese nnS gemachten Vorschläge. Den Antrag Gröber -bitte ich abzulehnen. 'Er soll anscheinend eine Brücke zu den Konservative« hinüber sein, aber er geht gar n'cht in das ganze System des Gesches hinein. Da empfiehlt -sich der Antrag Barth noch Dldmebr, da er prophylaktisch wirken will, während der Antrag Levetzow gleich der Vorlage pädagogisch wirken will. Die Worte deS Herrn JustizmimfterS, daß mit dem § Ul da» Schicksal der Vorlage entschieden werde, haben wir freudig angehörtt Wir Hoffen aber auch, wenn der Antrag Levetzow fällt, daß dann die Regierung erkläre, die Vorlage zurückzuziehen (Beifall links), damit wir uns nicht noch 14 Tage lang mit einem lobten Leichnam (Heiterkeil) zu plagen haben.
Minister v. Kor Her führt au», die Regierung lege Gesetzentwürfe vor, wie eS ihr gefalle. Der Reichstag habe mir zu entscheiden, ob er fie an- nehmen oder ablehneu wolle. Die Regierungen hätten durchaus genügendes Material zur Verfügung gestellt zur Begründung der Umsturzvorlage, und er könne noch weiteres Material bettrage». Dir Sozial" demokratie stelle fich immer als so harmlos hi» In einem Kalender stehe sogar, die Sozialdttnokratie sei die Liebe, der Fleiß und da» Gedeihen säm»tliche: fleißigen Arbeiter. Das sei doch eine infame Lüge. Wenn er Beispiele anführe, so rufe man ihm immer zu: Das sei kein Sozialdemokrat sondern ein Anarchist. Ihn kümmere dar nicht, das seien Brüder ! Redner beruft fich sodann ans Aeußerrnge« anerkannter Sczialdemokrate» Liebknecht und Stadthagen. Letzterer habe gesagt, Lrr Reichstag möge doch die Inschrift bekommen : Hier zahlt man die höchste« Preise für Lumpe» (Pfuir-fe rechts). Die sozialdemokratische und die anarchistische Presse seien ganz gleich. Im „Vorwärts* stehe am 20. Februar: man müßte die LeMe befreie» von dem scheußliche» Laster der Za friedenheit. Dar sei doch »»erhörter Blödfi»n! Und dar sei die Partei der Liebe, wie fie fich selbst zu »e»nen gewöhnt hat. Die Sozialdemokratie vertrete auch im ganzen Lande ein kleines Büchelchen: „Die Bibel in der Westentasche*. (Rufe bei den Sozialdemokraten : Nicht wahr!) 3» einem einleitende« Gedicht werde auf de« Religionsunterricht in de» Schule» hingewiesen. Dabei werde gesagt:
„Doch mußte fie stets dabei lüge», Die Wahrheit hat fie dft verschwiegen.*
kannte, welcher den Menschenauflauf im Bazar ver- trieben und welcher ihm ein so furchtbares Entsetzen mit der Erwähnung der Ringes, des Etuis und der Kette eingeflößt. Er war erschreckt, doch wußte er, daß er keinen Versuch wagen durste, dem Kaiserlichen Befehle zu widerstehen, daher antwortete er nach einem Momente de« Zögerns: „Die Khanum Effendi ist in der That sehr trank. Es ist Mitternacht vorbei und Niemand im Harem denkt an Schlaf. Ich werde die Khanum auf des Effendis Besuch vorbereiten.*
Darauf verschwand er und wir blieben wiederum allein. Nach kurzer Zeit kehrte Selim wieder.
„Buyurun*, sagte der Neger kurz. Dieses Wort bfldet in der Türkei die gewöhnliche Formel für „treten Sie ein", „setzen Sie sich', „machen Sie sich« bequem.'
Balsamide» sah mich an, al» wir Beide uns von unseren Sitzen erhoben, und ich sah, daß er vollkommen ruhig und vertrauensvoll war. Einen Augenblick später befand ich mich allein.
Gregorius folgte Selim in die Halle, dann gingen sie unter dem schweren Vorhang hinweg und durch eine Thür, welche der Lala an der andere« Seite öffnete; er befand fich nunmehr in den Vor- aemächern de» Harem», in einem geräumigen Vestibül, nicht ungleich demjenigen, welche» er soeben verlassen, obgleich glänzender erleuchtet und mit Divan» ausgestattet, welche mattblaue Attasüberzüge trugen. E» war jedoch Niemand zu sehen und Balsamide« folgte dem Neger weiter, welcher nun- mehr eine Thür zur Rechten am Ende der Halle öffnete. Sie durchschritten einen schmalen Gang, Micher ganz mst rosa Seide brapirt war, barm hob
Vo« Schwindel, altem Wahn würde in Verbindung mit der Religion in dem Bucke gesprochen, gemeine Parodiee« auf die biblische Geschichte finden fich darin, die Geschichte -Ehristi wird für Legende erklärt und gesagt, er sei wahrscheinlich ein Zimmermann gewesen, der eine Revolte gegen die Römer ange- zettelt habe und dafür gelödtet wordcn sei, wie viele Sndere. Demgegenüber sagen Sie nun, e» bestehe kein Bedürfniß nach neuen Gesetze»! Im Volke wttd ma» das nicht für möglich halten. Die verbündeten Regierungen find sehr kurz und schnell einig geworden über di« jetzige Gesetzesvorlage. Die Antwort hat der Reichstag i» der Hand, und wir werden in Ruhe abwarte», welche Antwort u»S gegeben wird. Die verbündeten Regierungen find der Ueberzengvng, daß diesen Znstände» entgegengetteten werden muß. Geben Sie die Antwort ab und vereinige» Sie fich darauf, wie Sie fie abgebe» wolle»! (Beifall rechts.)
Abg. Bebel (Sozd.): Was gestern der Herr Kriegsminister sagte, läßt doch den § H2 ganz überflüssig erscheinen. Wir werden un8 darüber bei § 112 noch sehr gründlich mit dem Herrn Kriegsminister auseinander setzen. Die ganze Umsturzvorlage ist ein aaSländischeS Gewächs, entstanden aus Aulaß der Ermordung Carnot'S, was freilich unseren nationalen Parteien, insbesondere die vational- l,berate, nicht abgehalten hat, dieses ausländische Gewächs zu frrctifizirem Dabei find nicht einmal im AuSlande die betreffenden Gesetze geändert worden, nur in Deutschland soll das geschehem In England hat man trotz deS Berg- arbeiterauSstandes und in Amerika ttotz der großen Ausstände des vorigen Jahres gesetzgeberisch nichts gethan, obwohl jene Vorgänge in England und Amerika bei uns in Deutschland als geradezu etwas Ungeheuerliches angesehen werden würden. Die Vorlage ist ein reweS Tendevzgesetz, es wird zur Corumpirung der Rechtsprechung führen, und doch werden sie damit gerade das Gegentheil von dem er- z-elen, was sie damit erzielen wollen. Der Herr Reichskanzler scheint fich aus den ganzen Eiörteruugen über diese Vorlage noch garnicht über deren Tragweite klar geworben zu sein, obwohl ihn die Ausführungen deS Abg. Gröber in erster Lesung darüber hätten belehren können, und ebenso der Vorgang, daß die .Kreuzzeitung" eine Reihe von Aus- sprüchen des Philosophen VIetzsche zusammenstellte und daraus die Nothwerdigkeit eines solche» Gesetzes erweisen wollte An gewisser Stelle wurde einst daS Wort gesprochen: Die Sozialdemokratte überlassen Sie uns, mit der werde ich allein fertig werden! dieses Wort ist vergessen! Wir täuschen uns ja nicht darüber, daß, wenn diese Vorlage fällt, Sie gegen uns mit einem neuen Ausnahmegesetz kommen werden. Aber fest steht auch: mst einem solchen beschleunigen Sie nur noch den Untergang Ihrer famosen Staats- und Gesellschaftsordnung. Mit solchen Gesetzen ruiniren Sie dieselbe erst recht! Mt uns dagegen werden Sie nicht fertig! Herr v. Köller sagt: was, ich habe kein Material s Ja freilich, 26 Aktenstücke haben Sie mitaebracht. Wie Herr v. Puttkammer früher mit eleganten Posen uns zn ver- Nichten glaubte, so will das jetzt Herr v. Köller in plumper Arft Das Material, welches Herr v. Köller für den § 111 beigebracht hat, ist im Wesenüichen nur dasselbe, welches der Herr Kriegsminister für den § 112 beibrachte nnd — im Gegensatz zu Herrn v. Köller — in den KommisfionS-
Selim wiederum einen Vorhang in die Höhe und Gregoriu» stand vor der kranken Dame.
Da« Zimmer war groß und von Lampen glänzend beleuchtet. Mächtige Spiegel in Goldrahmen in der Mode de« »ergangenen Jahrhunderts füllten die Wände von der Decke bi» zum Fußboden.
Letzterer war von polirtem Holze und Divans von magentarothem Atla», welchen die mobernen Türkinnen so sehr lieben, umgaben die Wände an drei Seiten. An dem oberen Ende war, vom Fuß- hoben einen Fuß hoch entfernt, ein Podium er# richtet. Hier hatte man reiche Teppiche auige- breitet und ein bequemer Divan, mit Seide von sehr zarter Farbe überzogen, lief quer durch den ganzen Raum. In der rechten Ecke de» Divans ruhte die Khanum selbst.
Der alten Dame Kleidung stand zu ihrer Um- gebung in auffallendem Gentraft. Sie trug ein formlose» Gewand von unbestimmter Farbe, welches nur leicht um die Taille zusammengehalten war. Wie sie in die Kiffen gepackt dasaß, die Füße "mter den Körper gezogen, erschien sie in einen braunen Koffer gepackt, au» welchem nur Kopf und Hände hervorsahen. Letztere waren sehr klein und weiß und hätten wohl einer jüngeren Frau angehören können, doch ihr Kopf war der einer alten Matrone. Balsamide« war über ihre Häßlichkeit und den ganz ungewöhnlichen Ausdruck ihrer Züge erstaunt. Die geisterhafte Farbe ihre« Gesichts ließ den natürlichen Glanz der großen Augen nur noch mehr hervortreten.
Ihrem Aussehen nach hatte sie nicht mehr lange zu leben, was Balsamide» sofort bei seinem Eintreten gewahrte. Sie starb an einem langen
bericht aufnehmen ließ. Redner legt weiter dar, daß daS Material für § 111 ganz unzureichend sei, denselben zu motiviren. Kein Geschieht»-, kein Zeitungsschreiber wird mehr den Schlingen des § 111 entgehen können, wenn er die Dinge n«ch materialistischer Weltanschauung behandelt, fie schildert, wie sie find, und Reformen verlangt. Wie können Sie glauben, daß Sie mit denselben Mstteln, d'e ehemals gegen Ihre Bestrebungen angewendet wordcn find, uns jetzt erfolgreich b>kämpfen können ? Mau soll doch nicht vergessen, daß, wenn man uns heute als Revolutionäre verfolgt, man uns doch nicht der Feindschaft gegen das Christenthum beschuldigen soll. Christus war ebenso Revoluttonär gegenüber der römffchen Obrigkeit, wie wir es gegen die heutige sind! Man hetzt uns, wie man damals die Christen hetzte, diese grausamer nach den barbarischen Gebräuchen damaliger Zeit (Widerspruch und Unruhe). Revolutionär sind die Grundsätze eines Fichte, zahlreicher anderer Philosophen, und revolutionär sind die Grundsätze der modernen Staaten» Entwicklung seit der französischen Revolution. Ohne Bc- thätigung dieser Grundsätze bestände kein deutsches Reich, wären wir nicht hier. Die Märztage in Berlin, die Erschießung Blum's und andere ähnliche Ereignisse werden festlich begangen; das Alles würde in Zukunft unter Strafe gestellt werden durch den § 111. Das Centrum und die Konservativen haben durch ihre Anträge in der Kommission die öffentliche Aufmerksamkeit von der Vorlage abzulenken versucht; aber vergeblich. Das Volk ahnt die Gefahr, die ihm droht. Redner verliest Stellen aus der Predigt eines katholischen Priesters über die Märztage, Gedichte zur Verherrlichung der Revolution von Rudolf Gottschalk, Robett Zimmermann und Wilhelm Jordan. Gneist erklätte in der Konfliktszeit, man müßte den Muth haben, das Strafgesetz zn mißachten; also Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Gesetze. Während des Kulturkampfes waren die schlimmsten Ausfälle gegen Religion und Pfaffen üblich. Was wollen Herr v. Köller's Citate gegen alle diese Dinge? Er nannte viele der vorgelesenen Schriften unerhörten Blödsinn ; warum bringt er denn aber diesen Blödsinn zur Begründung der Vorlage bei? (Heiterkeit, Sehr richtig). Wenn wirklich ein College die Aeußerung von den „höchsten Preisen für Lumpen" gethan hat, so stehe ich nicht an, sie als höchst geschmacklos zu bezeichnen. Herr v. Köller rügt, daß unsere Versammlungen stets mit einem Hoch auf die revolutionäre Sozialdemokratie geschlossen werden. Nun das dulden doch die Polizisten; vermuthlich weil sie einsichtiger sind als ihr Ches. (Große Heiterkeit.) Das Gefährlichste bei der Vorlage ist, daß, namentlich wenn es nach den Wünschen der Herrn v.Kardorff ginge, auch die legitimen Bestrebungen der Sozialdemokratie mit diesem Gesetze getroffen würden. Sie haben ausreichende Strafbestimmungen, so daß es an jedem Bedürfnis für neue fehlt, namentlich so lange das Anklagemonopol der Staatsanwaltschaft besteht. Was mit dem Anklagemonopol erreichbar ist, das sehen wir am Falle Kotze; hier wird das Gesetz mit Füßen getreten unter Billigung Allerhöchster Personen. (Präsident v. Buol: Ich bitte den Redner, die Allerhöchste Person aus der Debatte zu lassen, das ist ein alter und berechtigter Brauch.) Den Richtern wird angesichts der politischen Parteiströmungen die Ausübung ihres Amtes immer schwerer. Das Mißtrauen gegen die Richter erfüllt immer weitere Kreise; selbst die „Kreuzzeitung" verwahrt sich dagegen, für die Folgen der schlechten Justtz verautwottlich gemacht zu werden. Wem es ehrlich um das Wohl des Volkes zu thun ist, der muß den Paragraphen ablehnen.
3»stizmi»ister Schönstedt weist lebhaft die
unheilbaren Leiden, welche» Körper und Geist verzehrte und nunmehr da» letzte Stadium erreicht hatte. Sie konnte noch einen Manat leben, sie konnte auch schon in derselben Nacht sterben, jedenfalls war ihr baldiger Tod unvermeidlich.
Balsamides trat an fie heran, seine Hand zu Mund und Stirn führend; dann ging er abermals näher und erwartete ihre Einladung, fich zu setzen. Die alle Frau machte eine matte Geberde mit ihrer dünnen, weißen Hand und Balsamides setzte sich auf den Divan in einige Entfernung von der Patientin. „Seine Majestät hat Sie geschickt?' fragte fie plötzlich, langsam den Kopf wendend und ihre starren Augen auf sein Geficht heftend. Ihre Stimme war schwach und heiser, kaum lauter al» ein Flüstern.
„Es ist Seiner Majestät Vergnügen, daß ich meine Kunst probiren soll, um die Hand de« Tode« Mückzuhalten', antwortete Balsamides. „Seine Majestät ist tief betrübt, von der Khanum Effendi Krankhett zu hören.'
„Meine Dankbarkeit ist so tief wie da» Meer', sagte Laleli Khanum, doch während fie sprach, erschien da» Lächeln der Viper wieder auf ihren Lippen. „Ich danke Seiner Majestät. Meine Zeit ist gekommen — e» ist mein Kadör, mein Schicksal, Allah allein kann mich retten, sonst vermag Niemand, mir zu Hefen.'
„Trotzdem, Khanum Effendi«, muß ich meine Kunst versuchen, selbst, wenn sie nutzlos sein sollte', sagte Balsamide».
(Fortsetzung folgt.)