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Wöchentliche Beilagen: Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhai«.
jtrt toJllustrirtes Sonntagsblatt. ^"E^°Es^ndm°de^°Redatt!on: ^-11^ Uh? Vormittag«. *
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Erscheint täglich außer «t W«rü»,«u uach «ena« und Mertagm. — O»»n»:-«b»nne»,ntr-Pr»i, bei btt «xpf bttien a Mk., bei allen Postämtern 2 Mk. 35 Pfg. («tfl. Beßellgeld). Jnserattauggebühr für bit grspalLeu« Zeile •btt deren Raum 10 Pf,., Ä«Ke*«a für bi, Zeile 33 Pfg.
Marburg,
Mittwoch, 24 April 1895.
Aiyeigvl nimmt entgegen di« Expedition dieses Blattes, sowie di» Annoncen-Bureaux von Haasmstein u. Vogl« in Frankfurt a. M., Laflel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe im Frankfurt a. M., Berlin, München u. Köln; G. L. Daube u. Co. in Frarckfurt a. M., Berlin Hannover, Pari».
XXX. Jahrg
Zweites Blatt.
Vermischte-.
(Wohl der sonderbarste Buchhändler, Verleger und Dichter Deutschland») ist der Pferdebahnschaffner ®. in Berlin, welcher hohe und höchste Kreise zu seiner Kundschaft zählt. Vor Jahresfrist lernte er ein armes, altes Ehepaar kennen, welcher nicht mehr im Stande war, fich zu ernähren. Da muß Rath geschafft werden, dachte ®., ging unter die Dichter, ließ seine Poeme drucken, hübsch einbinden und verlauste fie an seine Fahrgäste, die, schon um des guten Zweckes halber, ganz abgesehen von dem originellen Inhalt des Werkes, gern einige Nickel opferten. Bereits drei Auflagen, des Buches, in der Höhe von 2500 Exemplaren, find abgesetzt und noch immer geht dar Geschäft des poetischen Haltestellenverkünders vorzüglich. Durch den Vertrieb der Werks hat der Mann das alte Ehepaar in reichlicher Weife unterstützen und ihm neuerdings wieder 500 Mk. übermitteln können
(Begnadigt.) 3« Jahre 1880 wurde die Arbeiterin Ernestine Krause aus Schwarzbeck, Kreis Lauban, wegen Mordes zum Tode verurthetlt, welches Erkenntntß Kaiser Wilhelm I. in lebenslängliche Zuchthausstrafe umwandelte. Die K. wurde nach dem Zuchthaus in Sagan übergeführt und hat fich in den 15 Jahre» ihrer Haft fo gut geführt, daß die DireMo» der Anstalt fich bezüglich Begnadigung der reuige» Sünderin an den Herrn Justizminister wandte, der wieder«« beim Kaiser Wilhelm II. vorstellig wurde. Das Kaiserliche Begnadigungsschreiben lief »unmehr in Saga» ein, und die K. wurde sofott enthaftet.
(Der Schwurgerichtssaal in Meininge») hat statt de» übliche» Bildes einer Justitia Sprüche au» Gotte» Wort i» heller Schrift a» de» Wände». 3* Zuschauerrau«: .Die Liebe fteuet fich nicht der Ungerechtigkett, fie fteuet fich der Wahrheit." Ueber de« Zeugenstmrd: „Ein falscher Zeuge bleibt nicht ungestraft, n»d «er Lüge» frech redet, wttd nicht e»tti»»en." 3« Richterzimmer: .Richtet nicht uach dem Ansehen, sonder» richttt ein rechte» Gericht." 3m Berathu»g»zi«mkr der Geschworenen: .Vertheidige
die Wahrheit bi» in de» Tod, so wird Gott für dich streite»." I« Hauptsaale liest «a» über dem Sitze für die Richter «tt erhabene» Buchstaben: „Gerechtigkeit erhöhet ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Ver- derben." (Manche liberale Blätter mache» thörichier weise hierüber ihre Glosse», ebenso wie über die biblischen Sprüche im Krankenhause zu Braunschweig.)
(B e r u r th e t lu »g.) 3n einer Versammlung der Bürsten« und Pinselmacher i» Dresden hatte der Arbeiter E. Siudermann geäußert, die Umsturzvorlage sei ein Schandgesetz, mit dem da» Volk geknebelt werden würde. Der Redner wurde für diese Aeußerung von der Polizei mit fieben Tagen Haft bestraft und seine Berufung vom Schöffengericht verworfen.
(Ein verschollener 3our»alist.) Die englische Botschaft in Wie» veranstaltet gegenwärttg Nachforschungen nach dem Mitarbeiter mehrerer englische« Blätter Charles Fitzgerald, der seit fünf« viertel 3ahren verschölle« ist. F. weille, nachdem er vorher in Sofia gewesen war, Ende 3anuar 1894 in Wie«. Er gab a», er fahre nach Berlin und wohne dort im Hotel du Nord. Er ließ fich auch Briefe dorthin sende», ka« selbst aber nicht an; seither fehlt jede Spur vo» ihm. Er ist 50 bis 60 3ahre alt.
(DaS Pfeife» des Sozialistenmarsches) brachte dem Soldaten Th. in Leipzig vier Wochen Mittelarrest ei», von denen er freilich nyr 12 Tage abbüßte, da der König telegraphisch die sofortige Aufhebung der Strafe auordnete, nachdem der Vater des Th., et« bekannter Arzt in L., früherer württem- bergischer Militärarzt, die Gnade deS Königs arge rufe» und de» Nachweis erbracht hatte, daß sei» Soh» nur aus Gefallen an der Melodie den Maisch gepfiffen, von de« Texte aber keine Ahnung gehabt hatte.
(Der letzte französische Ueberlebende vo» Waterloo.) Victor Paillot in Paris ist jetzt 102 3ahre alt. Am 9. April 1793 geboren, wurde er im 3ahre 1812 in die 105. Halbbrigade einverleibt und nah« unter Marschall Davoust an de» letzten Kämpfe» des Kaiserreichs gege» die Ver« bündete» in Deutschland und Frankreich Theil. Bei Waterloo erhielt er auf die Stirn eine» Säbelhieb, der ih» halbtot zu Bode» warf, und wurde al» Gefangener »ach Plymouth trauSportirt. «ei seiner Rückkehr im 3ahre 1816 wurde er als im höchsten Grade lungeuftank aus der Armee entlassen, was
ih» nicht verhinderte, das hohe Alter vcn 102 Jahren i» bester Gesundheit zu erreiche».
(Woher stammt die Bezeichnung „Nassauer"?) DaS frühere Herzogthum Nassau besaß keine Universität; daher sahen sich die Studenten genöthigt, eine fremde Hochschule zu besuchen, als welche ihnen von Staats wegen Göttingen bezeichnet wurde. So wurde auch in Göttingen ein vo» der nassauische» Regierung unterhaltener freier Mittag», tisch für solche nassauische Studtrende eingerichtet, denen die Verhältnisse nicht gestatteten, aus eigenen Mittel» zu leben. Diesen „Freitisch" benutzte» jedoch auch Studtrende, b. h. nur hin und wieder, welche nicht aus Nassau waren, und diese wurden vo» ihren Kommilitone» mit dem Namen „Nassauer" belegt, weil sie also an de» nassauischen Freitisch „genassauert" hatten.
(Der geistige Arbeiter,) der gerade in den Stunde» der Nacht, wo die Sicherheit gegen Geräusche und äußere Störungen gegeben ist, seine beste Arbeitszeit ficht, wird für seine Erfrischung »icht gern zu alkoholhaltigen Getränk-« seine Zuflucht nehmen, denen »ach der augenblickliche» A»reguug die Ermüdung auf de« Fuße folgt. Da» beste Ec- ftischungS mittel ist eine Tasse kräftiger Bouillon, die sich ohne die geringste Mühe aus kochendem Wasser, etwa» Salz, einer Messerspitze Liebig'S Fleischextrakt nnd einem Stückchen Butter herstell n läßt. Ihre Wirkung ist eine augenblickl-che, n»d der spätere Schlaf wird so sauft und e.qu'ckend sei», wie nie- «als nach geistigen Getränken.
(Postkartenkorrespondenz) auSdemVieh« Hof. „Sehen Sie sich vor. Wen» Sie Ochsen brauchen, denken Sie au wich." — „Alle Schweine auf dem Bahnhof bestellt, Sie erwarte ich auch Ich kann erst morgen komme», weil Perso»e»zug keine Ochse» mit»immt."
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