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Wöchentliche Beilagen: Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain

«enAtwortlicher Äebatiexr: Harry Finking io »erbat«. Beboltito x«b Expedition: Markt LI. Fernsprecher Nr. 55.

M 246

Koloniales.

* Marburg, 19. Oktober 1894.

Der Kolouialrat

ist gestern Vormittag zu seiner zweite« dies­jährigen Tagung zusammeagetrete». Die erste Tagung hatte am 9. Juni stattgefundeu. Damals war ein ständiger Ausschuß zur weiteren Verarbeitung der erörterte« wichtige» Frage» eingesetzt worden. Außer- de« hatte der Kolouialrat »och eineu Ausschuß zur Bercttnug der Besiedlung der deutschen Schutz­

und» nimmt unser liebe Herrgott so an altn Mann, der mit seine achtundfunszig Jahr noch alle Tag von Viereläutn bis zu der Abendsuppen aufn Ambo» haut, gewiß nit übel/

,Na, na, dös thut er a nit,* beschwichtigte die Riedherrin den weißhaarigen Alten, der fich wider ihren Willen verletzt gefühlt, »aber sag «mal, Lenzei, hast D «ein Bubn nöt gsehn, den jungen Bauern?*

Mit kein Aug nü,* beteuerte Lenzei, indem er stch ächzend auf die brette Ofenbank niederließ, an welcher ein blanker eiserner Schuhlöffel mit einer leichten Kette befestigt «ar;leicht hatn der Tonei gsehn; er i» mit ihm auf dem Chor gestand»"

Tonei, ein rotbäckiger, untersetzter Bursche, der noch im letzten Jahre al» Kühbub auf- der Alm gewesen und mit seinem achtzehnten Frühling zu der Stellung de» jüngsten Knechte» aufgerückt war, schüttelte verneinend den flach-haarigen Borstenkopf.

Bi» nach der Wandlung ja,* rief er, drauf aber i» er furt mitn Förstner*

Die Riedherrin drehte fich erstaunt dem Sprecher zu.Mitn Förstner, sagst Du?* ftug sie ungläubig. Was hat denn mei Franzi mit dem?"

Tonei schwieg, auch Lenzei blieb die Antwort schuldig, nur Flori, der Fuhrknecht, der den Kopf in die Hände und die Hände auf der Fensterbank gestützt noch immer zum Kirchlein hinaufsah, der stieß ein kurzes heiseres Lachen au», das zu auf-

9fgi*Äeb«frton «Hb^Ifaeb&on ? Marti Ä^Fer^precher Nr. Jllustrirtes Sonntagsblatt

gebiete in Verbi»du«g mit der deutsche» Auswanderung und de» geplaxten A»8wanderu»g- gesktzen gewählt. Diese beide« Ausschüffe hatte» bereits am 11. d. MtS. ihre Arbeit begoieen. Der ständige Ausschuß hat stch auf de» Staodpoukt ge­stellt, daß die Ueberfiedeluxg deutscher Reichsauge­höriger «ach de« Schutzgebiete» anders wie die Aus­wanderung »ach fremden Länder» zu behandeln fei. Diese Ueberfiedlung soll in weitestem Umfange zu- gelaffe» werden und nur den unbedingt erforderlichen Beschränkungen unterliegen. Dem Plenum ist hier­über eine Denkschrift zugestellt worden. Der stän­dige Ausschuß hatte die südwestafrikanischen Ver- kehrsverhältuiffe und die Frage des Eisenbahnbaues in Ostafeika zu erörtern. Südwestafrika soll durch eine regelmäßige Dampferlinie mit dem Mutter- lande vorteihafter verbunden werde», außerdem der Anschluß dieses Schutzgebiets au de« interuatiouale« Telegrahen bewirkt werde«. Schließlich soll die Swakop-Mündung zu einem geeignete» An­laufhafen ausgebaut werden. Bezüglich des ersten Punktes befürwortet der Ausschuß die Hebung der Verkehrs-Verhältniffr. Auch hierüber ist dem Plenum eine Denkschrift zugegangeu. Die Hauptarbeit des Plenums wird in der Würdigung dieser Deukschrifte» und in der Feststellung des Etats für die Schutz­gebiete bestehen. Die Sitzungen werden wahrscheinlich höchstens bis Sonnabend währe».

Ka»zler Eschke

ist, wie wir gester» bereits i» einem Telegramm mtt- teilte», zum Oberrichter für Ostafttka bestellt ttorbe». Damit wird derselbe aber nicht, wie ein hiefiges Lokal­blatt seine» Lesern verkündet, Nachfolger deS Kanzler Leist, denn Kamerun, wo letzterer angestellt war, liegt bekanntlich an der Westküste von Afrika.

Auf Samoa

bereitet fich, »achdem vor Kurzem erst ein Friedens- schluß zu Stande gekommen ist, scho» wieder eine «ene Erhebung der unzufriedenen Stämme vor, die fich abermals gegen die Oberhoheit Malietoas richtet und mit Angaben über fortwährende Bekrieguug und Verschickung der Häuptlinge durch diese» sowie andere U»gerechtigkettex begründet wird. Der Aana- stamm hat seine bewaffnete Schaar nicht Heimge­schick', sonder» vo» Neuem Boten auSgesandt, um eine Versammlung der unzufriedene» Stämme »ach Lulumoega, der Hauptstadt von Aaua, zu Berufe« z» einer Vereinigung aller verfügbaren Stteitmächte. Mittlerweile bilden die AanaS vo« Neuem etae Segen­regierung, vertreten durch die Häuptlinge Tamasese und Sapaia, au deren Spitze Mataafa trete« soll, beffex baldige Rückkehr aus der Verbannung erwartet wttd. Bereits haben fich die Fagalon-Eingeborenen Ausschreitungen gegen einen dortige» englische» Misch­ling, dessen Haus fie niederbranute», erlaubt, und in

Beim Worte nehmen

möchte man einen Herrn Whist, der imFigaro" über die Kulissengeheimniffc der Ereignisse in Ostasien orakelt und und dabei folgenden klugen Gedanken zutage fördett:Es ist nicht berechtigt, daß ein Volk (das japanische ist natürlich gemeint) r ach so viel Opfern unter dem Druck einer fremden Einmischung einen Frieden ohne Geld- und Terütorial- Entschädigung unterzeichnet." Gewiß hat Herr Whist recht, und so bitten wir ihn denn recht herzlich diesen Gedanken seinen Landleuten auch in Hinblick auf Elsaß - Lothringen klar zu machen.

Der Emir von Afghanistan

soll nach einer gestern von uns mitgtteilten Depesche aus Kalkutta bereits gestorben sein. Obgleich diese Meldung, die von Eingeborenen überbracht worden ist, sich bisher noch nicht bestätigt hat, da der indischen Regierung noch keine bezügliche Nachricht zugegangen ist, herrscht in Kalkutta doch große Beunruhigung, weil fest wenigen Tagen auch alle Nachrichten von bärtigen englischen Staatsangehörigen fehlen. In Afghanistan sollen ganz wunderbare Verhält­nisse herrschen. Nur der eminente persönliche Einfluß des Emirs Abdurrharnan soll die Afghanen, die von einem fanatischen Haß gegen die Christen beseelt seien, bisher in Schach gehalten haben. Die Lage der Europäer in Kabul wäre demnach um so verzweifelter, als die Reise nach Lundi Khotal, wo d e etwa Fliehenden erst ihres Lebens sicher sein würden, 190 englische Meilen weit ist. Bisher ist in Afghanistan noch kein Thronwechsel ohne kürzeren oder längeren Bürgerkrieg von statten gegangen. Diesmal wird es voraussichtlich zwischen dem ältesten Sohne des Herrschers, der das Recht der Erstgeburt geltend macht, und dem Sohne einer der jüngeren Frauen des Emir» zum Streit um die Herrschaft kommen. Letztere Dame ist nämlich eine König­liche Prinzessin, während die Mutter des Erstgeborenen nicht auf das Prädikathochgeboren" Anspruch machen kann. Außerdem stehen wieder Zwistigkeiten der verschiedenen, durch Abdurrhaman zusammengehaltenen Stämme zu be­fürchten. Aus solchen Zwistigkeiten aber würde ohne Zweifel Rußland, welches eine starke Truppenmacht an der Grenze des von England alsPufferstaat" zum Schutze Indiens benutzten Afghanistan unterhält, Nutzen zu ziehen suchen. Diese Aussichten sind für England, welches zur Zeit an den verschiedensten Punkten der Welt engagiert ist, keine sehr angenehmen.

fällig klang, um von der Bäuerin nicht bemerkt zu werden. Jhr'Blick richtete fich jetzt unwillig auf ihn.

Weißt leicht D» wa»?* fing fie anDu lachst ja so bsunderlich, als wenn Du um a Gheirn- nis wüßtst?"

Nu, a Gheimnis is s grad nit,* entgegnete Flori und drehte fich nach der Bäuerin zu, die er dann mit eigentümlichem Blicke betrachtete.Die Riedherrin weiß ja selber ganz gut, zwegen wa­ber junge Bauer allemal an Umweg ums Förstner- hau» macht, wenn er zum Gambswirt auffi geht *

Dar heißt auf deutsch gsagt er geht dem Lenei z Gfallen," erwiderte die Bäuerin finster; ,i glaub aber, Flori, Du bist gar sakrisch aufn HoHweg. S ganze Dorf weiß ja, daß i lieber bis zu mein Tod weiter Haus, al» daß i mein Bxbn an Hof übergieb, wenn er mir a Schwiegertochter aussucht, die hint und vorn nix hat, al» was fie auf» Leib tragt.*

Weiß weiß," stimmte ihr Flori bei.Das Dorf weiß aber auch, daß der junge Riedherrnbauer ein gar schneidiger Bursche ir, der fett der Zeit, wo er als Serschant vom Leibregiment zrück is komm, gewiffermaßn an noblichen Herrn rausdreht, n Förstner fein Lenei aber is» frischeste Madel im ganzen Thal, und sauber i» fie wie a Mutter- gottesbild war» daher a Wunder, wenn wenn*

Eine abwehrende Handbewegung der Bäuerin brach seine weiteren Ausführungen ab.

Hör auf, Flori, hör auf,* gebot fie, ihn zornig anblickend,i weiß ja, wo Du hinaus willst. I sag Dir nur) bhalt Deine Gscheidheit für Dich fetter und misch Dich nit in Sach», die Dich nix angehn! So nu sau wir am End, nu macht, daß Ihr zum Effm zsamma fammt, der Tisch is schon deckt!*

I werd mei Gscheidheit bhaltn," knurrte der also Beschiedene und ging hinaus, stumm folgte ihm Tonei; nur Lenzei blieb zurück und ließ raffelnd die Schuhlöffelkette zur Erde fallen, mit welcher er während der letzten ©jene gespielt.

Bäuerin,* fing er an,i hab Dir schon fünf­zehn Jahr in Treuen dient, und hab noch kein Muxerl than in Sachn, die mich nix angehn. Heut aber muß i mich zwischn Dir und Dein Franzei mischn, weil i seh, daß zwischen Euch zwoa a böser Geist fich einnisten will. Bäuerin, i bitt Dich um eins! Sieb nach, so weit» Deine Ehr verlangt! Schau, der Franz i» a seelensguter Bub und a Mensch, so gscheid, so glehrig, daß er und kein anderer Gemeinvorsteher werdn kann. Er ist nur a wengerl extra wordn, feit er z München gwesn is, un hat feine eignen Anstchtn. Was dann r Förstner Lenei angeht, muß i Dir fagn, fie is a brav» Dirndel mit n Herzu wie Gold und Edel­stein --ihr einziger Fehler i» nur, fie hat

kein reich» Atter, aber der alte Förstner ir a Ehrenmann. So, nu i« » raus nix für ungut, Bäuerin!' (Fortsetzung folgt.)

3a, Bauer, das ist etwas anderes!

Tie Geschäftsleute klagen mit Recht darüber, daß viele ihrer Mitbürger, namentlich die mittleren Privat- und Staatsbeamten ihre Bedürfnisse aus Sparsamkeitrücksichten aus Berlin beziehen, weil sie z. B. bei Rudolf Hertzog billiger kaufen zu können glauben. Die großen Modege­schäfte wieder donnern und wettern gegen den Mangel an nationaler Gesinnung, der sich darin bekundet, daß die Creme unserer Gesellschaft ihren Bedarf an Kleiderstoffen u. bergt in Paris beert. Wie gesagt, wir finben biese Klagen vom volkswirtschaftlichen Stanbpunkt aus burchaus berechtigt, wir Bebauern nur, daß bei den Klagenden oft die Erkenntnis ganz genau da aufhört, wo ihr Interesse zu Ende ist. Dieselben Leute finden es nämlich gar zu häufig ganz in der Ordnung, laß wir Roggen aus Ruß­land, Speck aus Amerika kaufen, weil diese Artik>l im Auslande infolge der geringeren Produktion- und Lebens­kosten billiger sind. Unsere Bauern muffen dann ihre Preise denen des Auslandes anpaffen, wobei sie nicht einmal auf die Kosten kommen. Ja, Bauer, das ist etwas anderes!

Preßfreiheit.'

DieKreuzzeitung" schreibt: In Sin 104 der Thüringer Tribüne", dem sozialdemokratischem Organ für Thüringen, ist folgendes zu lesen:

Arnstadt, 30. August. Alljährlich feiern unsere Mord­patrioten mit Üblichem Humbug, ai8 Umzug, öffentliche Ansprachen, diversen Festesten und dito Saufen, zur Erinnerung an die Fälschung der Emser DepeschedaS Sedanfest. Obwohl nun schon im letzten Jahre gerüchtweise verlautete, daß endlich daö Schlachtfest zum letzte» Male nsw.

In diesem Tone geht der ganze Artikel toeUer. So etwas darf unter den Augen preußischer oberer und unterer Zivil- und Militärbehörden gedruckt werden. Ist das der Kamps gegen die Umsturzparteien, der von oben her ver­kündigt ist?

DieReligionistdaS roteTuch des Liberalismus wie der Sozialdemokratie. In VervierS find die Katholiken mit den Sozialdemokraten in die Sttch- wahl gekommen. Die Liberalen und die Fortschrittler haben geringere Stimmenzahlen bekomme», werden aber in der Stichwahl den Ausschlag geben. Die Liberalen in Ver­vierS sind bekannt als fanatische Manchestermänner, denen jeder Arbeiterschntz, mag er auch noch so notwendig fein, ein Greuel ist. Um tote viel mehr sollten fie die sozial- revolutionäre Gefahr fürchten l WaS aber thun sie? Wie dieKöln. Ztg." ttiumphirend verkündet, haben fie die Parole ausgegeben, in der Stichwahl für die Sozialdemokraten zu stimmen. Verhaßter wie der Umsturz ist ihnen die Religion! Ein Liberaler vom alten Schlage, so jubelt dieKölnische Zeitung" burschikos, stelle fich auf de» Standpunkt der alten Geusen:Lieber dem Türken als dem Papst" und stecke den Halbmond auf die Mütze. Nuu, diese übermüttge Ge­sellschaft wird schon noch erkenne», wohin fie treibt. Wen» überdiese Leute" .die Sintflut hereinbrechen wttd, so können fie sprechen: Wir habe» fie vollauf verdient l

rtNerm tailtq «per ax «ertragen nach em» xm am -

Feiertagen. Quartttt-NbowremerttS-PreiS bei her Eppe- VJidtötttd»

Htba S 3RL bei allen Postämtern 8 Mk. 25 «ft, (oft

Sonnabend, 20. Oktober 1894

Drei goldene Samstage.

Mine Hochlandsgeschichte von Jos. Märtl.

2) (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.):

Gott soll un» bhutnl* stammelte die Sennerin, aber wir wollen» beste hoffen.* Und zur Kuh gewandt:Komm her, Blaß, ich mach Dich wieoer fest. Bist schon auf der Alm a unreimig» Vieh i gwesn, und bald z Grund ganga *

Hurtig machte fie stch bei diesen Worten daran, dar lvsgertffene Tier wieder anzuketten, die Bäuerin -aber »erließ »»einend den Stall und begab fich wieder nach der Stube.

Dort waren berett» einige au» der Kirche heim- gekehrte Knechte beisammen und befrachteten vom Fenster au» den Strom der Leute, die fich au» dem Goiteshaufe herausdrängten.

Nu, habt» bet?* wandte fich die Riedherrin sn den zunächststehenden Knecht.

Wißt« ja, Bäuerin,* meinte der Angerufene, fine sehnige, markige Gestatt, der al» Schmied be» reits mehr al» ein Jahrzehnt im Riedherrnhof ge­arbeitet,beim Betn bin i alleweil dabei*

Wennst nur nit alleweil schlafen thätst, Lenzei,* rntgegnete die Bäuerin, fich zu einem Lächeln zwingend, brav gnug bist ja, daß D »letzt an Unreim weg- fctn kunntst." , , .

LSchlasn - schlasn?* stieß Lenzet henwrund stchr sich etwas unangenehm berührt an das glatt- rasterte Kinn.Einduseln thu i höchstens a wengerl,

Anzeige» nimmt entgegen die Expedition dieses Blatte», sotoie die Annoncen-Bureaux von Haasenstein u. Vogler in ,

Frankfurt a. M., Cassel, Magdeburg und Men; Rudolf AAIa! ftttDIQ Moste in Frankfurt a. M., Berlin, München u. Köln; G. L. v

Daube u. Co. ttr Frankfurt a. M., Berlin, Hannover, Part».

Politische Rundschau.

Marburg, 19. Oktober 1894.

Landgemeindeordnung für Hessen-Nass an.

Zn den Vorlagen für die nächste LandtagStagung werden auch die Entwürfe einer Städteordnnng urb einer Landgemeindeordnnng für bie Provinz Hessen - Nassau ge- hören. Betteffs letzterer verlautet in der Presse folger des: Der Entwurf zu einer Landgemeindeordnuug für Hessen- Naffau schont möglichst die Einrichtungen und Verhältnisse, wie fie sich namentlich in dem knrhesfischen Teile der Provinz nach der dort bestehende» Gemeindeordnung gr- staltet habe». Nach der kurhesfischen Gemeindeordnung vom 23. Oktober 1834 find einzelne Gebäude und Grund­stücke jeder Art, mit Einschluß der Domänen und Ritter- gfiter, der Staat»- und anderer Waldungen,bie bisher nicht 1» der Gemarkung einer Gemeinde begriffen waren", derjenigen Gemeinde, zu der fie sich am besten eignen, in Ansehung der örtlichen Verwaltung einzuverleibeu. Das Verhältnis der Rittergüter und der ehemals adligen ge­schloffene» Freigüter, sowie der sonstigen einzelnen Güter, Höfe usw. zu der betreffenden Gemeinde soll namentlich In Betreff ihrer Teilnahme an den Vorteilen und Saften des Gemeindeverbandes genau festgesetzt werden. Da diese Lestimmungeu für die Gemeinden von günstiger Wirkung waren, so erhoben diese, al» im Jahre 1876 dem Landtage der Entwurf einer neuen Städteordnnng für die Kreis- »rdnmigprovttizen vorlag, Einspruch gegen die damals im Abgeordnelenhanse mehrfach her »«getretene Absicht, den Entwurf auf alle Landesteile Preußens auszudehnen. Schließlich schetterte der Entwurf an grundsätzlichen Streit­fragen zwischen dem Abgeordnetenhause und dem Herren- Hanse."

Mit dem Potsdamer Urteil gegen den früheren Kanzler Leist dürste diese Angelegenheit nicht erledigt sein. Es ist zu erwarten, daß nunmehr der Staatsanwalt gegen den Herrn mit derlaxen Moral" ein­schreiten wttd. Da» Vergehen nämlich, dessen der Letztere von der DiSziplinarkammer für schuldig befunden worden ist, wird nach § 174 Abs. 2 be» Strafgesetzbuches mitZucht - hau» bis zu fünf Jahren oder im Falle des Vor­handenseins mildernder Umstände mtt Gefängnis nicht unter 6 Monaten bedroht. Wenn nun Leist auch nur zu der geringsten zulässigen Strafe verurteilt wttd, so dürste fich damit seine Unfähigkeit» ein staatliches Amt zu bekleiden von selbst ergeben. Ader auch an und für sich ist der Spruch der Potsdamer DiSziplinarkammer, der die Weiterverwendung des Leist in staatlichen Diensten al» möglich hinstellt, für die Praxis durchaus belanglos. Denn abgesehen davon, daß Leist, wie wir bereits vorgestern bemerkten, gesellschaft­lich isoliert sein würde, was ein Staatsbeamter nicht sein darf, muß man sich doch fragen: Welcher Kreis würde fich einen Leist als Lavdrat, welches Gesandtschastpersonal würde stch einen solchen Kollegen gefallen laflen? Die Antwort auf biefe Frage ist nicht zweifelhaft.