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Wöchentliche Beilage«: Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
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Marburg,
Sonntag, 7 Oktober 1894
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XXIX: Jahrg.
Zweites Blatt.
Kmrst und Gunst.
Roma» von Gertrud Franke-Schievelbei«. 60) (Nachdruck verboten^)
(Fortsetzung^)
Die Lichter im Haus gegenüber erloschm, die Blechinstrumente verstummten. Auch auf der Straße wurde es still. Die Schwarzwälder Uhr im Zimmer seiner Wirtin, deren lautes Ticken er durch die dünne Thür vernehmen konnte, schlug in ihrer derben, polternden, hastigen Art die Mitternacht«- stunde. Endlich richtete Peter fich auf und blickte fast verwundert um sich. War er denn nicht da. heim im stillen verschneiter Walderode bei seinen Lieben?--
Da sah er Susannas Gabe auf dem Tische liegen. Das kleine Schloß des Büchelchens blinkte wie Gold, Obgleich es nur Messing war. Da nahm er das Buch und ohne noch einen Blick darauf zu werfen, wickelte er es ein und verschloß es in einem Fach des altmodischen Secretärs.
Seitdem wurde er den Gedanken nicht mehr los, daß es gut für ihn fei, wenn er fortginge.
Nicht allein Susannens wegen.
Der Profeffor hatte ihn durch unzählige Vertrauensbeweise — die schwierigsten und ehrenvollsten Aufgaben fielen ihm zu — immer fester an sich gekettet. Seine Gruppe hatte er Marmorarbeitern
übergeben müssen; geschickten Leuten freilich, die nichts verdarben, aber die individuellen Feinheiten der Skizze nimmer herausbrachten. Er hoffte nur noch, wenigstens die letzte Hand an die Ausführung legen zu können.
Und dabei drängten fich ihm tausend neue Entwürfe im Kopf. Ein flüchtiges Thonskizzchen nach dem andern entstand in seinem Heißhunger, etwas festzuhalten von den Spukgebilden, die ihm die Nachtruhe raubten und die Nerven zermürbten.
Dazu kam, daß die Kollegen ihm des Meisters offenbare Gunst neideten. Allerlei unliebsame Geschichten kamen vor, hämische Bemerkungen fielen, kleine Streiche wurden ihm gespielt.
Wenn sie, statt zu modellieren, die Arme unterschlugen, fich an die Wand lehnten und schwatzten „bie Arbeit wird ja sonst zu billig!" — so kochte es in Peters Brust. Er wußte, wie dringend die Aufträge waren, wie der Professor selber mit seiner Zeit und — wie anständig er seine Ge> hülfen bezahlte!
Ein paar Mal hatte er, von seinem Pflichtgefühl getrieben, ihnen bescheidene Vorstellungen gemacht. Aber unisono war er niedergeschrieen worden. Schulbuben wären fie nicht! Und Künstlerarbeit mäße man nicht nach der Elle!
Und Friedrich Bätz, der Aelteste und Geschickteste — es war unglaublich, mit welcher spielenden Eleganz er ein Figürchen ausbaute! — hatte noch, halb wohlwollend, halb spöttisch hinzugefügt: wenn er selber Geschmack dran fände, sich die Seele aus dem Leibe zu büffeln, blas damit ein anderer statt
seiner Geld und Ehren einstreiche, so möge er’s in Gottes Namen thun. Im übrigen sei er noch immer so naiv wie ein neugeborenes Kind. Deshalb wollten sie seine wohlgemeinten Moralpredigten ihm auch nicht weiter Nachträgen.---
Einmal hatte er einen Erfolg, — einen stillen Erfolg, von dem niemand wußte außer ihm ... . oder ein paar, die nichts sagten.
Eine Apostelgestalt, die er nach einer flüchtigen Skizze des Meisters sorgsam ausgeführt hatte, und die gegossen wurde, ohne daß dieser die Hand daran gelegt, fand bei der Kritik eine glänzende Aufnahme. Von neuem zeigte sich in diesem Werk die unser- minderte Jugendkraft des Meisters — doppelt erfreulich, nachdem ... und nun folgte ein zarter, schonender Tadel einer früheren Arbeit, bei der man ein leises Nachlassen der bildnerischen Kraft bemerkt haben wollte.
Peter wußte ganz genau, „das Packende, Individuelle", bas die Kritik hervorhob, war in der Skizze des Meisters nicht zu finden gewefm, fon- oern fein eigenstes Zuthun.
Und er wunderte sich im Stillen, als wie selbstverständlich der Professor das einstimmige Lob hinnahm.
„Haha! Die Lumpenkerle!" lachte er, feinen vollen, langwallenden Bart streichend, „sollen sie schon merken, die Tatze des alten Löwen! Alt! Die Kunst kennt kein Alter! Aber da schleichen und lauern und spionieren sie! Beim ersten grauen Haar stoßen fie in die Trompete: er wird alt! Ersatzreserve vor! — Sind ja genug neue Götter da, die nur darauf warten, daß ein Thronseffel
vakant wird! Aber sie sollen noch ein Weilchen zappeln!" —
Lauge kouute Peter darüber »icht hinwegkomwe». Ei» brennender Ehrgeiz, et» heimlicher Neid ftaß ihm am Herze». „Ein Ha»dwerker bist Du — und könntest Meister sei»!" — Bei allem, was er «ach des Professors Eutwürfeu schuf, sagte er fich: Das machst Du besser! — Und unbewußt, ja gegen feinen Willen, legte er fein künstlerisches Selbst hinein. Dann stand das Fertige vor ihm, sah ihn an mtt den Auge» seiner Seele und trug doch einen fremden Namen! — — — — — — — —
Eines Morgens kam der Profeffor später als sonst in die Werkstatt. Er sah blaß und müde aus, gähnte viel und ungezwungen und schimpfte über die „verwünschten Ballvaterpflichteu".
Gestern war ja bei dem „Eisenbahnkönig" das berühmte Zauberfest gewesen. Und er hatte die Sanni — die Busenfreundin und be» Abgott der beiden hübsche» Eiseubahnpriuzesfinnen — chaperouiere» müsse«.
Der Diener hatte die ■ Weinkaraffe, die immer «eben dem Professor steheu mußte, schon zum »weiten Male gefüllt. Bald hatte der denn auch die „Ver- kateruug" überwunden. Die tiefe Mißstimmung des Arbeitüberbürdeten wich einem Helle» Aufflackern eines leichtlebigen Temperaments. Das Herz trat ihm auf die Zunge.
Mit einer Offenheit, die Peter fast erschreckte, verbreitete er fich über allerlei diskrete künstlerische Angelegenheiten. Welch ein Gewebe kleinlicher In- triguen, welch Drängen, Neide», AuSdemsattelheben, wie unlautere Mittel! (Fort'etzung folgt)
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