Verantwortlicher Redakteur: Dr. H. W Kühne in Marburg. Redaktion und Expedition: Markt BL
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Verziehe«.
Eine Weihnachtsgeschichte von G. ©trüben (Schluß.)
Die Menschenmenge, welche sich dort vor der Thüre angesammelt hatte und die Anwesenheit der beiden Schutzleute, welche das Haus bewachten, riefen ein Gefühl beklemmender Angst in ihm hervor, was er aber bald nachher von einem aus der Wohnung kommenden richterlichen Beamten erfuhr, das war so schrecklich, daß er alle seine Energie zusammenraffen mußte, um nicht auf dem Flecke zusammen- zubrechen. Der Bankier Beer hätte diesen Mittag unter Mitnahme alles noch vorhandenen baren Geldes die Flucht ergriffen und sein Compagnon sich kurz nachher in dem Geschäftslokale erschaffen. Obwohl natürlich eine genaue Bilanz noch nicht fertig gestellt sei, habe man doch gewichtige Gründe für die Annahme, daß da» Defizit sich auf mehrere Millionen belaufen würde. Eine Menge kleiner Leute seien vollständig ruiniert, während viele an- dere Personen, darunter nicht wenige aus den höchsten Kreisen der Aristokratie, ganz bedeutende Summen bei dem Bankerotte einbtßten.
„Ich hatte genug gehört," schloß Wülfing seinen Bericht, „und entfernte mich von der Unglücksstätte. Verzweifelt, wie ein Sinnloser, durchlief ich die Ettaßen, ich dachte daran, mir dar Leben zu nehmen, aber die Siebe zu Dir hielt mich von diesem Schritte zurück, und endlich schlug ich mechanisch den Weg nach unserer Wohnung ein. Eine rechte Freude hatte ich Dir heute für den Weihnachtsabend be- reiten wollen, und diese Freude besteht nun in der Mitteilung, daß Du durch mich zu einer armen Frau geworden bist."
Ein unterdrückte« Schluchzen erschütterte seinen
A Das Weihnachtsfest und das Geschäftsleben.
Weihnachten ist vorüber. Wenige Tage noch, und wtt sind im neuen Jahre augekommen. Es soll nicht vergessen werden, daß der Jahreswechsel, bezw. die nächsten Woche« nach demselben die Zeit darstcllen, in welcher an den Gewerbetreibenden und Geschäftsmann manche Anforderungen herautreten, denen er sich nicht entziehe« kann, wenn er anders sein Renommee und seine geschäftliche Ehre aufrecht erhalten will. Es gibt dann die Abrechnungen, die Berichtigung der ihm kreditierten Waren, alles Punkte, die flüssige Geldmittel erfordern. Mau weiß, daß fast überall auf das Weihnachtsgeschäft besondere Hoffnungen zur Herbeischaffung der nach dem Jahreswechsel erforderlich werdenden Mittel gesetzt werden, aber auch, daß leider diese Hoffnung schon mehrfach arg enttäuscht i(t Das Weihnachtsfest ist für Deutschland nun einmal eine Hauptgeschäftszett, von welcher ganze Geschäftsbräuche« abhängig sind. Ein gutes Weihnachtsgeschäft bedeutet de» Aufschwung, ein schlechtes den Niedergang des betreffenden Erwerbszweiges. Das Weihnachtsgeschäft und sein Umfang lassen auch sichere Schlüsse auf die Neigungen und materiellen Verhältnisse des Publikums zu. Der, welcher an die deutsche Weihnachtsfeier gewöhnt ist, begeht sie auch in der altgewohnten Weise; aber de» Wert und den Umfang seiner Weihnachtsspende» bemißt er nach seinen augenblicklichen Verhältnissen. Der Deutsche scherkt gern, aber zum Verschwender wird er Weihnachten im Allgemeine» noch nicht gerade. Wie das Publikum so das Weihnachtsgeschäft, mithin ist vom Weihnachtsfest aus stets ei» Rückschluß auf den jeweiligen Stand des Nationalvermögens möglich.
In de« letzten Jahren wird nun von der Geschäftswelt geklagt und immer wieder geklagt; nicht immer vielleicht ohne Uebertteibungen, aber jedenfalls in den meisten Fällen mit vollem Recht. Was man auszustellen hatte, das war der Umstand, daß das kaufende Publikum sich zu sehr auf ganz wohlfefle Sachen beschränkte, bei welchen ein wirklich nachhaltiger Verdienst kaum dntreten kann und daß es die solide, aber etwas theurere Ware außer Acht ließ. Damit war ein Zeichen gegeben, daß sich die Kaufkraft der Bevölkerung verringert habe, und urter dieser unliebsamen Minderung nahm die schon lange vorhandene und schon lange beklagte Neigung eines Tdls unseres Publikums für die Ware» uoch zu, welche durch die geflügelte» Worte: „Billig aber
kräftigen Körper, aber wiederum legten sich zwei Arme zärtlich um seinen Nacken.
Eine Weihnachtsfreude hast Du mir bereits dadurch bereitet, daß Tu Dich mir erhalten hast, eine noch größere aber würdest Du mir machen, wenn Du mir gewähren wolltest, um was ich Dich diesen Mittag gebeten habe. Verzeihe unserer armen Bertha, Richard! Dann wird dieser Weihnachtsabend, welcher Dich zu mir zurückgeführt hat und der mir die Hoffnung wiedergiebt, auch unser Kind nochmals zu umarmen, der schönste meines Leben» sein "
„Ich verzeihe ihr, Emilie," entgegnete Wülfing, indem er seine Frau auf die Sttrn küßte, „von ganzem Herzen will ich Bertha verzeihen. Wie könnte ich auch anders, wo Du durch Deine unendliche Güte und Nachsicht mir ein so erhebendes Beispiel im Verzeihen gegeben hast, und dann, was wäre aus Bertha geworden, wenn sie meinem Wunsche gemäß den durchgebrannten Hallunken Beer geheiratet hätte? Emilie, ich fühle mich mit einem Male unendlich gestärkt und erleichtert, effen kann ich zwar nichts, aber unfern üblichen Weihnachtspunsch wollen wir uns heute doch nicht entgehen lassen."
Frau Wülfing hatte eben da» dampfende Getränk in die Gläser gefüllt, als das Kammermädchen eintrat und meldete, daß eine Dame die Herrschaften dringend zu sprechen wünsche.
„Sagen Sie, daß wir heute keine Besuche empfangen," versetzte Wülfing unwirsch, aber schon drängte sich eine weibliche Gestalt, die an jeder Hand einen kleinen Knaben führte, in das Zimmer, und gleich darauf warf fich dieselbe unter dem Aus- rufe: „Verzeiht mir, was ich gethan, zu den Füßen ihrer Eltern.
schlecht!" gekennzeichnet find. Von der Produttion von Ware», wie es diejenige» der soeben bezeichneten Art sind, kann die Industrie eines solche» Landes, wie das deutsche Reich ist, nicht existieren, sie kann auch nicht die Herstellung solcher billiger Waren wegen MaffeuabsatzeS wünschen, denn sie giebt damit ihre Leistungsfähigkeit, ihr ganzes Könne» auf dem Weltmärkte aus. Das „Billige", von welchem ei» Teil unseres deutsche« Publikums leider so viel hält, hat uns auf der nordamerikanischen Ausstellung in Philadelphia ungemein geschadet und erst im letzte» Sommer in Chicago ist diese Scharte ausgewetzt worden. Dahin treiben wir zum zweiten Male in de» Gesamtleistungen der deutschen Industrie und des deutsche» Gewerbefleißes nicht minder, und das Publikum sollte es, in seinem eigenen Interesse, zu verhindern suche«, daß auch nur ei» Teil unserer Industriellen auf diese» abschüssigen Weg gedrängt wird.
Noch schlimmer, wie die solide Fabrikware kommt die Handwerkerarbeit fort; und es ist doch i» der That recht hohe Zeit, daß das Publikum einmal dem Einkäufe» beim Handwerk wieder größere Aufmerksamkeit zuwendete. Was helfen alle schönen Worte von der Notlage des Handwerkes, wenn die, welche fich so präsevttere», dem Handwerk keine Aufträge und keine Baarzahluugen gewähren? Und die materielle Förderung und Hebung des Handwerkes wird Platz greifen müssen, auch aus eftum Grunde, an welchen heute noch die Wenigste» denken, der aber sehr zwingend ist: die Bevölkerung? Zunahme im deutschen Reiche ist eine stetige und ununter, brocheoe, u»d was soll denn nun am Ende aus all' den jungen Leuten werden? Es kann nicht Jeder studieren, Beamter werden und bergt, wir brauchen nachgerade ftisches und kräftiges Blut für den Mittelstand. Heute kann mau in Familien des Mittelstandes und darüber hinaus »och oft eine gewisse Geringschätzung erkennen, wenn der Vorschlag gemacht wttd, ei» Sohn solle ein tüchtiger Handwerker werden. Und doch wird einmal gar nichts anderes übrig bldbeu, wenn die Eltern nicht von vornherein dafür sorgen, daß ihre Söhne als Rentiers durchs Lebe» walle» können.
Auch in diesem Jahre, wo eben erst im Reichstage lange Debatten über die Notwendigkeit stattge- fuoden haben, unserer Industrie u»d unserem Gewerbefleiße todtere Absatzquelle» zu verschaffe», wttd wieder über das Weihnachtsgeschäft geklagt, hier mehr, dort weniger, Alles in Allem aber genug. Was nun nicht zu beschaffen war, daran ist auch
„Bertha, mdn Kind," schrie Frau Wülfing auf. Sie hob die Knieenve zu fich empor und herzte und küßte sie leidenschaftlich, und als endlich Bertha sich von ihr freigemacht hatte, um auch von dem Vater den Versöhnungskuß zu erhalten, nahm fie die beiden Engel auf ihren Schoß und drückte dieselben unter Thränen der Seligkeit an ihr Herz.
„Aber Bertha, wo ist denn Dein Mann?" frag Wülfing mit einem Male. „Wir hörten damals, daß Ihr nach Amerika gegangen wäret und nun kommst Du allein mit den Kindern hierher zurück! Ich will doch nicht hoffen, daß Deinem Manne ein Unglück zugestoßen ist."
„Nein, Papa," erwiderte Bertha mit einem glücklichen Lächeln, „mein Mann ist vollkommen wohl und gesund und befindet fich ebenfalls in dieser Stadt. Er wollte nicht mit mir kommen, ehe er die Gewißheit hätte, daß er von Euch freundlich ausgenommen werden würde, nun aber, wo Ihr mir Eure Liebe wiederum geschenkt habt, kann ich Euch auch erzählen, wie e» uns drüben ergangen ist. Als wir in Amerika ankamen, wandte fich Karl an einen reichen Fabrikanten namens Löhrmann, den er bat, ihm eine Stelle als Commis zu geben. Zum beiderseitigen Erstaunen entdeckten fie bei der ersten Zusammenkunft, daß beide ziemlich nahe mit einander verwandt waren, und nun war das Glück meines Manne« gemacht Schon nach zwei Jahren wurde er erster Prokurist mit einem sehr bedeuten- den Gehalte, als aber Herr Löhrmann vor ändert- halb Jahren plötzlich an einem Herzschlage verstarb, stellte e« fich heraus, daß der alte Junggeselle mei- nen Mann zum alleinigen Erben eingesetzt hatte. Wir waren mit einem Male sehr reich, selbst nach amerikanischen Begriffen, geworden, und nun faßten wir dm Entschluß, nach der Heimat zurückzukehren,
hinterher nichts zu ändern, aber waS noch zu thu» ist, das kann auch gethan werden. Gab es über das Weihnachtsgeschäft zu klage«, dann fehlte» auch die Einrahmen; was aber »ach dem Jahreswechsel dem Geschäftsmann sicher nicht fehlen wird, das find die Rechnungen. Schickt der Gewerbetreibende, besonders der Handwerker, seine Rechnungen aus, dann kau» er seine Kunden nicht ohne Weiteres zur Zahlung zwingen. Gr muß abwarten, denn gebraucht er ein kurzes Wort, so könnte dasselbe ihm leicht falsch gedeutet werden und zur Verminderung der Kundschaft führen. Hingegen muß der Handwerker prompt und pünktlich entrichten, was er auf Kredit entnahm. Es ist unter den heutigen Verhältnissen wirklich eine Ehrensache, prompt zu begleichen, was zu bezahlen ist, viel Sorgen und viel Kummer können aus solchen Verschleppungen entstehen.
Und die Schuld a» alledem? Man sagt, es sei die schlechte Zeit! Die Zeit ist aber niemals gut oder schlecht, es find nur Umstände in ihr, welche ihr diesen Schein geben. Daß heute die Kaufkraft des Publikums sehr gesunken ist, ist richtig, und dafür haben wir verschiedene Ursachen. Die gesamten Kosten der Lebenshaltung haben fich, freiwillig und unfreiwillig, gegen ftüher sehr bdrächtlich erhöht, Hunderte von Millionen deutschen Nationalvermögens find in den ftemdeu Staatsbaukerotten verschwunden, der Geschäfts-Verdienst ist, statt fich bei de» steigenden Ausgaben zu erhöhe«, nur gesunken. Wo soll nun das Geld Herkommen, welches im gesamte» Verkehr entbehrt wird? Und wie manche Summe wird infolge immer mehr steigenden Mißtrauens festgehalte«? Wan» da wohl eine wirkliche Aenderung komme« wird? Das ist schwer zu sage», aber sicher wird sie nicht ftüher komme«, als bis nicht etwas Kourage in die Herzen eiuzieht.
Politische Rundschau.
-e. Die Antrittsrede Crispi's hat im Allgemeinen einen recht guten Eindruck gemacht, aber man giebt fich über den Ernst der Situation in Italien keiner Täuschung hin. Crispi scheint für jetzt starke Sympathien im Volke zu befitzeu; ob fie ausreichen, feine Haltung gegenüber der Kammer so zu festige», daß diese insbesondere de» Steuervorschläge» fich fügt, darüber sind die Ansichten geteilt. Frankreich ist verstimmt über die Erklärungen CrispiS; an der letzten Berliner Börse kam diese Unzufriedenheit in den Pariser Kursdepeschen und sonstigen Meldungen deutlich zum Ausdruck, und das spricht dafür, daß
woselbst Karl seiner innersten Neigung folgen und sich ganz der Landwirtschaft widmen sollte. Bereits drei Wochen sind wir hier, und inzwischen ist der Ankauf eines großen, etwa fünf Stunden von der Hauptstadt entfernten Rittergutes perfekt geworden. Schon diesen Morgen erfaßte mich ein unroiber« stehliches Verlangen, Euch zu besuchen und mich zu Euren Füßen zu werfen, aber Karl meinte, e« wäre besser, wenn ich eine besonders günstige Gelegenheit zur Herbeiführung einer Versöhnung abwartete und ich fügte mich wie immer feiner besseren Einsicht. Diesen Nachmittag nun kam Karl zurück in das Hotel, in welchem wir wohnen, und erzählte mir aufgeregt, er hätte gehört, daß Beer und Pariser Bankerott gemacht und daß Papa hierbei eine bedeutende Summe, vermutlich den größten Teil seines Vermögens, verloren hätte.
„Jetzt gehe zu ihnen," sprach er zu mir, „denn jetzt werden Deine Eltern in einer weichen und versöhnlichen Stimmung fei«, sollten fie aber vielleicht über den Verlust ihres Vermögens jammern und klagen, so bemerke ihnen, daß Du reich genug wärest, um ihnen denselben ersetzen zu können, und daß, wenn sie mit un» und ihren Enkelchen den Rest ihres Lebens draußen auf unferm Gute in der freien und frischen Gottesnatur verbringen wollen,, fie uns herzlichst willkommen fein sollen."
„Da» ist der Auftrag meines Manne» an Euch," schloß Bertha mit einem Lächeln, unter dem fie ver- geblich ihre eigene Bewegung zu verbergen suchte, „und nun, liebe Eltern, bitte ich um Euren Bescheid."
„Die Antwort muß das Haupt der Familie, unser Papa, Dir erteilen," sprach Frau Wülfing mit einer vor Rührung zitternden Stimme und mit dnem bittenden Blicke auf ihren Gemahl, der aber