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öchentliche Beilagen: Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
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Verantwortlicher Redakteur: D r. H. W. Kühne in Marburg Redaktion und Expedition: Markt BL
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Erscheint täglich außer au Werktage« nach Sonn» und Feiertagen. — Quartal-Wonnements-Preis bei der Expedition 2 Mk„ bei allen Postämtem 2 Mk. 28 Pfg. (exkl. Bestellgeld). JuseratiouSgebühr für die gespaltene Zeile »der deren Raum 10 Pfg., Reklame» für die Zeile 28 Pfg.
Marburg,
Mittwoch, 22. November 1893
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition dieses Blatter, sowie die Auvoncen-Bureaux von Haasenstein u. Vogler in Frankfurt a. M., Cassel, Magdeburg und Men; Rudolf Moste in Frankfurt a. M., Berlin, München u. Köln; G. L. Daube u, Co. in Frankfurt a.M., Berlin, Hannover, Paris.
XXVIII. Jahrg.
Zweites Blatt.
Heimat.
Schausptel in 4 Akten von Hermann Sudermann.
Die „Heimat" bildet in ihrer Tendenz eine Er» gänznng ihrer beiden Vorgängerinnen, mit denen der Dichter einen so nachhaltigen Erfolg erzielte: der „Ehre" und „Sodoms Ende". Auch in der „Heimat" wird der Kampf zwischen Individualität und Vorurteil in ergreifender Fabel geschildert. ES ist die ttiffte und geschlossenste Arbeit Sudermanns, literarisch wie bühuentechuisch ein Fortschritt. Der Konflikt zwischen Persönlichkeit und Herkommen spielt sich in der Familie eines Oberstlieuteuauts ab, dessen Tochter Magda gegen den Willen des strenggläubigen und konservativen Militärs zur Bühne gegangen. Nach zehn Jahren kehrt sie als gefeierte Künstlerin in die Heimat, eine mittlere Provinzstadt, zurück und findet den Later körperlich und geistig gebrochen: alS fie zur Bühne gegangen hat ein Schlaganfall den in seinem Standesbewußtsein schwer gekräntten Later dienstunfähig gemacht.
Der sympathisch gezeichnete evangelische Pastor, beffen Hand Magda einst auSgeschlagen, bewegt den Later, sein HauS der Heimgekehrteu zu öffnen. Zu ihrem Baterhause verkehrt ein junger Regierungsrat, der durch Fühlungnahme mit den geistlichen Kreisen fich in seiner Karriere zu fördern sucht. Er ist es, der Magda vor einem Jahrzehnt in Berlin zu Falle gebracht und verlaflen hat. DaS Wiedersehen zwischen Magda und ihrem Verführer schafft eine erregte Scene, in der Magda von der Höhe ihrer selbstgeschaffenen Position dem büreaukrattschen Streber ihre Verachtung yigt und ihm mit bitterem Hohne dasür dautt, daß fie durch ihn die Mutterliebe kennen gelernt. Der Later kommt hinzu und argwöhnt aus der Erregung Beider, daß sie in Beziehungen gestanden. Der RegierungSrat verweigert die verlangte Aufklärung, bevor nicht Magda gesprochen. Magda bekennt dem Later offen ihre Schuld, Letzterer verlangt von dem Verführer Genugthnung. Dieser, der von Magda» Persöulichkett für feine ehrgeizigen Pläne Förderung erwartet, bietet der berühmten Sängerin fette Hand, die fie annimmt aus Rücksicht auf den Later. Der RegierungSrat aber weigert fich, fein und MagdaS Kttd, welches feinen Zwecken hinderlich fein würde, tt'S Haus zu nehmen. Die Liebe zu ihre« Kinde besiegt die Rücksicht auf den greifen Later und Magda lehnt das unter dieser Bedingung angetragene Ehebündnis ab. Sie bleibt fest gegenüber den Vorstellungen deS Vaters, der durch ihre Lergangenhett sein HauS und feinen Degen für geschändet hält. In flammender Beredsamkett vetteidigt mm Magda daS Recht ihrer Vergangenheit: die Famüie habe fie auSgestoßen, fie gab ihr das An- recht ans Hunger und Not, das gab ihr das Anrecht
auf Glück und Liebe. Die Moral der Heimat gelte nicht für den, der die Heimat verloren. Der Vater hört aus diesen SBorten den revolutionären Zeitgeist heraus, in dessen Bekämpfung sein ganzes milttättsches Pflichtbewußtsein aufgeht, er will sein dem Regierungs- rat gegebenes Ehrenwort, ihm Magda zum Weibe zu geben, erfüllen — die Tochter in höchster Bedrängnis, schreit ans: „Vielleicht aber hälft Du mich seiner nicht würdig, vielleicht haben mich nach ihm Andere besessen." — Da greift bet in’» Innerste getroffene Greis zur Pistole, richtet die Waffe gegen fein Kind, doch die gelähmte Rechte versagt den Dienst, gebrochen fintt er zusammen, ein neuerlicher Schlaganfall hat feinem Leben ein Ende gemacht. Die Tochter wird an feinem Grabe noch beten und aus der Heimat ziehen — wieder in ihre Welt.
Die einzelnen Charaktere des Stückes find von Sudermann mit psychologischer Wahrheit gezeichnet, lieber die Entstehungsgeschichte der „Heimath" hat der Dichter selbst gelegentlich geäußert: „Die Handlung ist vollständig aus dem Leben genommen. Sehen Sie, dieser Major Schwartze, einer der Helden meines Schauspiels, lebte, ein Ehrenmann vorn Scheitel bis zur Sohle, stolz und eifersüchttg aus seinen mit Mühe errungenen Namen und seine militättsche Stellung; diesem Stolz opferte er jeden freien Gedankenflug, der ihn tu Gefahr bringen konnte, mit feiner Stellung in Konflikt zu geraten. Er puppte fich sozusagen tt feinen einseitigen Gedanken ganz ein. Er zog, als er seinen Abschied erhielt, nach einer kleinen Stadt. Sie kennen ja die Annehmlichkeiten des kleinstädtischm Lebens. Gerade gegen diese spießbürgerlichen Verhältnisse bäumte sich der freie, großstädtische Geist seiner Lieblingstochter Magdalena aus. Es kam zu Auftritten im Hause des Majors. Magdalena ward plötzlich verstoßen und verschwand aus dem Städtchen. Weshalb, erfuhr man erst nach Jahren. Als ich den Major zuletzt sah — war er — die sonst stramme Gestalt, gebrochen. Es mögen drei Jahre her sein, als durch die Blätter die Nachricht über einen romanhaften Doppelselbstmord ging, verübt an dem Assessor R. und der Schauspielerin W. Man fand R. tot, während die Schauspielerin nur wenige Minuten lebte und „nicht mehr vernehmungsfähig" war, wie es in dem amtlichen Polizeibericht hieß. Die Untersuchungen ergaben, daß die Schauspielerin, eine bekannte Schönheit, Tochter ettes pensionierten Majors, ihren einstigen Verführer, durch beffen Schuld fie das Vaterhaus verlassen mußte, in dem Augenblick tötete, als er im Begriff stand, seine That zu sühnen, also dem Mädchen die Ehre wiederzugeben. — Und dennoch tötet Magdalena den Mann? — Man stand Anfangs vor einem Rätsel, bis die Untersuchung feststellte, daß der Affefior, nachdem er Magdalena der Ehre beraubt, fie, um sie aus der Nähe seines Wirkungskreises zu entfernen, dem Vater denunzierte und den Verdacht auf den jungen.Pastor des OrteS
lenfte. Magdalena ward verstoßen, hiuausgetrieben in das Gewirr deS Schauspielerlebens. Als gefeierte Künstlerin kehrt fie zurück. Angezogen durch den Glanz des Namens, den Magdalena fich selbst errungen, naht fich ihr der Mann, den fie einst geliebt — der fie verraten, und bot der Gefeierten seine Hand. Sie beantwortete den Verrat, indem fie den Schurken tötete und dann die Mündung der Pistole gegen fich selbst richtete. „Ich habe ihn geliebt", waren ihre letzten Worte, „deshalb tötete ich ihn!" — Aus dieser Geschichte bekennt Sudermann die Anregung zu dem Drama „Heimat empfangen zu haben. H. W. K.
Vermischtes.
— (Der verdeutschte Theaterzettel.) Kürzlich wurde der Dttektton des Stadttheaters in Troppau der Vorschlag gemacht, einen „deutschen Theaterzettel" herausgegeben, auf welchem das Wort „Abonnement" als „Dauerkarten", der „Garderobier" als „Trachtenmeister", die „Loge" als „Laube", „Parterre-Entree" als „ Eintritt tt daS Erdgeschoß" usw. erscheinen sollte. Der Troppauer Theaterdttektor ist auf diesen Vorschlag nicht eingegangen. Aber der Feuilletonist der „Freien Schlefischeu Presse" hat fich dieser Anregung bemächtigt und die übertriebene Verdeutschungssucht, vor der bekanntlich der deutsche Sprachverein selbst warnt, in einem humoristischen Aufsatz gegeißelt, dem wir folgende Stellen entnehmen: Beginnen wir gleich mit der Übersetzung des Wortes „Theater" in „Schauspielhaus". Das ist ganz hübsch, bedarf aber noch einer kleinen Erweiterung, denn es gibt Bühnen, an welchen das Schauspiel gar nicht gepflegt wird, so z. B. bas Wiener Hofoperntheater. Paßt hier die Bezeichnung Schauspielhaus? Nett! „Oper" übersetzen wir mit „Singspiel", und ich schlage daher für „Opern- theater" die Bezeichnung „Singspielhalle" vor. „Operette" soll „Singspielcheu" heißen, und somit wird z. B. „Coeur-Dame", Operette von Franz v.Suppö, richttg übersetzt lauten: „Herz-Frau", Singspielchen von Franz v. „Abendbrod". Mrd daS nicht reizend sett? . . . Doch genug des Gesanges, wenden wir unS dem Schauspiele zu. „Tragödie" ist tt „Trauerspiel" zu verwandeln, daher „Tragödin" tt „ttaurige Schanspielertt." Ein schweres Wort ist „Salondame". Salon wttd in Deutschland die „gute Stube" genannt; Dame ist in „Frau" umzuwandeln, daher wird die „Salondame" zur „guten Stubenfrau" (was aber nicht ganz richtig „übersetzt" ist!) Da aber tt manchen Stücken die Salondame noch kette Fran, sondern noch Mädchen ist, so kann sie in diesem Falle auch „gutes Sttbenmädchen" genannt werden. Nun kommen wir zum Jntriguant, zu deutsch „schlechter Kerl" ober „Schurke". Es wird recht hübsch werben, wenn bie Voranzeigen ankündigen werden: „Herr X. A. ist als erster Schmke ange
worben." Der „Bonvivant" wirb zum „lustigen Liebhaber", unb ber „Komiker" zum „HeiterkettS- Slzeuger". Nun giebt eS aber verschiedene Arten von Komikern: „Charakter-Komiker, jugenbliche, Salon- unb drastische Komiker". Charakter ist mtt „Eigenschaft" zn übersetzen, somit wttd ber „Charakter- Komiker" zum „ Eigenschafts-Heiterkeits. Erzeuger", ber „Salon Komiker" zum „guten Sttbeu-Heiterkeits- Erzeuger" u. f. w. Die Choristen wirb man „@e» famtfangei" ober noch besser „Zusammensänger" nennen, benn eS ist unglaublich, was bie oft „zn- fammenfingen". Doch auch aus dem Verzeichnisse ber untergeorbneten Mitglieder will ich einen heraus- greifen, eS ist ber „Souffleur". Hier bleibt bie Wahl zwischen „Einsager", „Ohrenbläser" unb — „Kastengeist".
— (Zur Dienstbotenfrage im Kap- lanbe.) Folgendes Inserat ist in dem tt ber Kapstabt erscheinenden Cape ArgnS zu lesen: „Ein Dienstmädchen, 18 Jahre alt, ihr Vater rin Deutscher, ihre Mutter farbig (Bastard Hottentottin), sucht eine Stelle. Sie ist willens, nach irgend einem südlich vom Zambefi - Lande gelegenen Teile von Afrika zn gehen. Sie ist willig, fich im HauShatte nützlich zu machen unb verspricht, große Befriedigung zu geben. Sie versteht Handarbeit, ist eine gute Wäscherin, lebhaften, heiteren Temperaments und hat Kinder sehr lieb. Sie rechnet gut, spricht Englisch, Holländisch, Deutsch unb Kaffir (Sixosa unb Sesuto). Sie verlangt den gewöhnlichen Lohn, steht aber besonders auf gute Behandlung. Kein Fluchen und Schwören, sobald fie irgend einen Fehler begeht, sonst könnte ihr 6 Fuß 4 Zoll großer Bruder, welcher jetzt tt Maschonalaud ist und darauf wartet, gegen Lobeugula zu fechten, fich dreinmischen! Herrschaften, die von Der fich jetzt darbietenden Gelegenheit, ein gute» Mädchen zu engagieren, Gebrauch machen wollen, werden ersucht, fich schriftlich zu wenden an: 6. S., KieSkama Hoek rc."
Litterarisches.
— Univrrsallexikon der Kochkunst. Wörter- buch aller in der bih pertidjen und feinen Küche und Backkunst voikommenden Speisen und Getränke, deren Statur« geschichte, Zubereitung, Gesundheitsweit und Verfälschung. Leipzig. I. S. Weber. 8. Aust. 12 Lieferungen & 1,20 M. Diese» „Kochbuch" ist nicht nur das vollständigste — dasselbe enthält über 10000 Rezepte — sondern dabei auch das praktischste der bisher erschienenen Bücher dieser Art; letzteres insbesondere deshalb, weil e» dem bürgerlichen Haushalte besondere Berücksichtigung zu teil werden läßt und von dem Fehler frei ist, an dem die Mehrzahl der anderen Kochbücher leidet, welche eine Masse Rezepte enthalten, von denen aber nur der kleinste Teil mit Erfolg benutzt werden kann. Dabei ist die Art der Darstellung ebenso anregend wie unterhaltend und belehrend. Der Reiz der Neuheit in der inneren Anordnung, das Massenhafte des Inhalts, das alle bisher bekannten Kochbücher um etn Vielfaches an Untfana übertrifft, besonders aber die außerordentlich praktische Verwendbarkeit für alle, große ober kleine Küchen, und für außergewöhnliche Gelegenheiten werden dem Buche überall Eingang verschaffen.
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