mb
XXVIII. Jahrg.
Frettag, 27. Oktober 1893.
isch-7
Frau Petzold wurde unruhig.
Es liegt mir fern," sagte sie nach kurzem lieber-
Windel über die Prozesse, die mein verstorbener
Die Exped. der „Oberhess. Ztg."
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition dieses Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von Haasenstein u. Vogler in Nankstrrt a. M., Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a. M., Berlin, München u. Köln; G. L. Dauben, Co. in Frankfurt a.M., Berlin, Hannover, Paris.
um nicht die drückende Lage und die mißlichen ormen Winzer genau zu kennen, »der wir haben eS immer betont, wenn man den Schnaps und das Bier des gewöhnlichen Mannes besteuert, dann ist es ei» Akt der ausgleichenden | Gerechtigkeit, daß diejenigen, welche die feineren ! Weine Champagner zu 10 Mk. die Flasche trinke», auch ein Opfer aus den Altar des Staates legen. " Sei der ausschlaggebenden Stellung des Zentrums im Reichstage erscheinen durch die Worte Liebers die Aussichten der Steuerprojekte augenblicklich wesentlich
So gebietet es denn neben wirtschaftliche» Gründen auch der politische Vorteil, daß wir nicht so fix in den Handelsvertrag mit Rnßland htneinspiingen, wie
I Diese Mitteilung überraschte Konrad in hohem I Grade. Er gedachte unwillkürlich des Mißtrauens, I dessen er sich Frau Kalhanek gegenüber nicht hatte I erwehren können.
I Frau Petzold war über die Wendung des für sie unerquicklichen Gesprächs offenbar erfreut, bennj I sie gab Konrad eine fo detaillierte Schilderung über die Vergangenheit Kalhaneks, und trug dabei mit fo grellen Farben auf, daß dem Zuhörer schließlich bei dem Gedanken grauste, der Verbrecher verweile in dem Hause seines Vaters. Gleichwohl aber kam er auf den eigentlichen Grund feines Besuchs zurück und stellte Frau Petzold wegen ihrer Aussagen zur Rede.
I »Der gute Ruf meines Vaters hat unter den! versteckten Anschuldigungen schwer gelitten. Durch! Sie erfuhr Rauchfchindel, daß mein Vater an ver>!
I Frau Petzold wurde sehr verlegen. Sie zupfte Ian ihrem Kleid herum und sagte: .Herr Rauch-
I schindel muß mich offenbar falsch verstanden haben."
L ist mir lieb, dies von Jhnm zu hören. Vorläufig nur noch ems: was haben Sie zu Ihrem ehemaligen Mietsherrn hinfichtlich des von der Firma Frank u. Sohn verlorenen Prozesses geäußert?"
F/au Petzold, .gar nichts EÄJS eben der alte Herr Frank damals "S-ß ?brlor und dadurch in finanzielle Be- drängm» geriet*
-War mein Vater daran schuld?"
.Er führte doch ben Prozeß gegen ihn —* u*m, widersprach Konrad heftig, .er führte ihn gegen die Aktiengesellschaft, aber nicht gegen die
einzelnen Teilhaber. Aus dem Schrttbm Ihre»
verstorbenen Gatten geht klar und deutlich hervor,
^ß jenes Aftienunternehmen auf durchaus unsolider
Basis ruhte, und daß mein Vater nur schwer und
«von keinerlei Ahnung, daß die russische Flottille u erster Reihe deshalb »ach Frankreich gekommen
Roch einmal blickte er sich mißtrauisch in der »nen Stube um, dann verließ er dieselbe und Bob sich nach der Wohnung der verwitweten Frau ichtsanwalt
Ehrenmann. Ein solcher aber würde nie unlautere Prozesse geführt haben. Oder glauben Sie das von Ihrem Gatten?"
Der Mr Rttf.
Erzählung von Oskar Höcker,
^Nachdruck oeiBottn.] (Fortsetzung.)
.Unter solchen Umständen bleibt mir nichts ideres übrig," erwiderte Konrad nach kurzer Ueber- igung, .als der Frau Rechtsanwalt meinen Besuch t machen und mit ihr über die Angelegenheit zu rechen." i
i Frau Kalhanek erschrak.
Ausland.
Italien. Hier wird her Eröffnung der italieui-
scheu Kammer von hervorragenden Parlamentarier»
Konrad, .schlimm für Jeden, der sich nicht zu erd Konrad teilte ihr"nunmehr kurz und bündig mit, nähren vermag. Seine Misöre geht mich indessen IroaS i^n Vater und er durch Kalhanek erfahren.
Neubestellungen
aus die „Oberhessische Zeitung" für den Monat Novbr. werden von allen Postanftalten, Landbriefträgern, in der Expedition (Markt 81), sowie von unseren Mal-Expeditionen in Kirchhain, Neustadt und Wetter entgegengenommen. Neuzugehende Abonnenten erhalten die „Oberhessische Zeitung" bis zum 1. Novbr. unentgeltlich.
mrg und Kirchhain.
Deutsches Reich.
I Aerli», 25. Oktbr. Unser Kaiser machte 1 gestern Nachmittag mit dem Prinzen Heinrich einen längeren Spaziergang. Bis zur Abendtafel arbeitete seine Majestät allein und erledigte Regienmgs- geschäste. Um 8 Uhr fand im Neuen Palais zu Ehren des Erzherzogs Tafel von 30 Gedecken statt, an welcher der österreichisch-ungarische Botschafter von Szögytzuy-Marich, der Reichskanzler Graf von Caprivi, der deutsche Botschafter am russischen Hofe General von Werder und andere teiluahmeu. Heute Morgen um 8i/4 Uhr wohnte der Kaiser mit bem Erzherzog Albrecht dem Exerzieren einer Kom-1 pagnte des 1. Garde-Regiments z. F, vor dem Neue»! Palais bei und nahmen hierauf ben Vortrag des! Chefs des Zivilkabiuets entgegen. |
.M Wtt n>4t g-fltalbt, äui-rl- Äontab, .daiskühl.'.!» mrdm"S>^^^geftaU-n^müff-n,°"dab
ifi.i gsir fi.r "r einm Augenblick inne, dann fließ sie die
-stel. Die Auskunft fiel für denselben nicht! Frage hervor: .Woher wissen Sie überhaupt, daß
, -Ich muß sehr bitten," unterbrach Frau Petzold
Ki- äs«.»» r.rta , i unb sich gleichzeittg erhebend, .ich habe die
•s -
.*9® ins Rimmer geführt, fragte er zuerst nach I =— ~ ■ ■ - - p
.Ach du meine Güte,* begann sie zu klagen, >enn ich nur nicht dadurch meine Stelle als Auf- itterin einbüße."
»dienst entbehren zu können.
j .Glauben Sie mir nur, Herr Weber, wir müssen
I letzte Wort über Krieg und Friede» in Europa — aber wie hat er den» feine Stellung ausgenutzt? Er setzt ! wenigstens dem ftauzöstschen ChanvinismuS keinen ernsteu Damm entgegen, und daS ist schon schlimm genug. Heute geht daS Feuer der Unruhe durch! — Nach einem unm sßhnfl« ..
"Ä SÄÄ - .WÄ’
I fetae Probefahrt auf dem Nyassa mit gutem Erfolge bestanden. Obwohl das »och ungeübte Personal die volle Dampfkraft noch nicht zu halten vermochte, ^«machte der Dampfer in der Stunde doch bereits acht I Seemeilen und konnte nach Beendigung der Probe- I fahrt als betriebsfähig in Dienst gestellt werden.
I - Das kaiserliche Gesundheitsamt macht folgende ^°lerafälle bekannt: In Ragnit, Ostpreußen, starb ein Arbeiter an Cholera. I» Tilsit zwei Neu- | erkrankungen. 3n Stettin wurde bei einer am 18. b. M. erkrankten Person Cholera festgestellt:
I ^“be” früher Erkrankten starben zwei. In Stepnitz I*?"* Kammin, eine Neuerkrankung. Bei einem I Schiffer, welcher auf einem havelabwärts kommende» I Flußfahrzeuge bei Plötzensee int Schleusenwege des Berlin Spandauer Schiffahrts-Kanals erkrankte, wurde im Krankenhause Moabit Cholera nachgewiesen.
KSt» 25. Okt. Auf dem sozialistischen Partei- ©infler über die parlamentarische Thatigkeit der Frakttou. In einer Resolution wurde ber Fraktion bas Vertraue» bes Parteitages ausgesprochen. Ein Antrag, bie Frakttou möge im Reichs- tage bie Regiemug aufforbem, eine Statistik ber [Arbeitslosen aufzunehmen, wurde der Frakttou zur Berucksichttgnng überwiesen. Ein Antrag auf Be- seittgung des Impfzwanges, sowie ein Antrag, ben Reichstag zu ersuchen, für bie obligatorische Einführung ,, SRflnbigcn Arbeitstages einzutreten, wurde abgelehnt, desgleichen sprach man sich gegen ben An- »ag, betr. Verstaatlichung des Getreidebaues und Getreidehandels, ans.
GLC mir nur nerr „tener mir Erfahrung gebracht habe, daß Sie ihm dabei
- !ümm-,lich durchs L-bm schlag-n'JchkasnI um uAtk2"unft^,uch-?'° * i * * * * * * *“*W
Ä ff* “ M.‘b
| ® febcr verlassen hat, wird das neue Anleihe-1 verhängnisvoll genug gewirkt. Nachdem sich Frank-
nahintffl™nQ Rf<n,nt werden, und alle! reich blindlings dem russischen Selbstherrscher zur
w«. wÄÄÄ «..** Kt? «?>-<*** -! hartbedrängten Rußland unter die Arme zu greifen. Mau wird hinzufügen, Frankreich sei ja reich genug um diesen Liebesdienst leisten zu könne».
Rußland ist außer Stande, dauernd eine rationelle Fiuanzwirtschaft — b. h. nach russischer Auffassung I rationell — zu betreiben, wenn es nicht von Frank- I reich als seinem einzigen Freunbe in Europa, Geld Ierhält, ober aber, wenn es nicht mit Deutschland I einen Handelsvertrag abschließt, ber es ihm gestattet, I seine Hanptlanbesprobnkte, bie heute wertlos unb labsatzlos baliegen, zu versilbern. Kommt der Handels vertrag nicht zu Staube, so gebraucht Rnßlaub im nächsten Jahre so viel Selb, baß selbst bie Franzosen sich besinnen würben, biese Summen ohne Weiteres! herauszugeben. Die rnsfisch-ftanzösische Freundschaft ist heute, wenigstens aus französischer Seite, Hagel-1 dick, aber am Ende hört boch in Geldsachen bie Freunbschast auf. Deutschlanb kann durch nichts! die Russen eher mit den Franzosen veruneinigen, in| [bie beiberfeitgie Freundschaft einen Keil treiben, als! indem es die Moskowiter zwingtdauernd ben| Franzosen auf der Tasche zu liegen. Daß dadurch! schnell die Dinge zum Aeußersten gebracht werden I könnte», brauche» wir nicht zu befürchten, bie Franzosen haben allerbiugS heute augenscheinlich bie Furcht vor! einem neuen Kriege verloren, was aber boch nicht! ! bedeutet, daß sie ihn sofort anfangen wollen. Die, Russen find aber zu einer wirklich energischen Krieg-1 suhrung infolge ihrer Geldverlegenheiten heute nicht ! befähigt. Wir müffen versuchen, bie Russen und Franzosen bahin zn bringen, daß sie selbst erkennen, J j was sie einander wert find. |s
uen nicht alles so sagen, aber — * Sie stockte, rate verlegen vor sich nieder und fuhr erst nach ter Weile fort: .Es werden ja bald für uns» •"■s* —i*.»», juyit im nuu> mi^cm ueoer« «ber beffere Zetten kommen, jetzt aber heißt es,liegen, „in Abrede zu stellen, daß- ich Herrn Rauch- »ch jeden Pfennig zusammen nehmen.* |r,-k*r LI. ....:.....7«,»™
.Beruhen Ihre Angaben auf Wahrheit," ent« | Gatte im Auftrage Ihres Herrn Vaters geführt, gnete Konrad, die Stirne faltend, ,fo wird mein | verschiedene Mitteilungen gemacht habe, aber unter »ter Jhnm jedenfalls den Ausfall erfetzm, wenn | bem Vorbehalt strengster Diskretion. Daß er bie« * wirklich Ihre Stelle bei Frau Petzold. verlierenI^^e nicht wahrte, ist nicht meine Schuld." ®en * • -Gewiß nicht," pflichtete Konrad bei. .Was
rhm aber sagten, beruht zumeist auf falscher I Darstellung."
bet allen Postämtern 2 Mk. 25 Pfg. (erK. Bestellgeld). JnserationSgebühr für die gespaltme Zelle oder deren Raum 10 Pfg., Reklamen für die Zeile 25 Pfg.
.Ihr Mann schickt Ihnen doch gewiß aenuJ nur wegen Äußerungen! .Au» dieser Quell,
eld," wandte Konrad ein, .um diesengerinam ,9eslffer nachteiliger Gerüchte, die meinen Vater be- Frau Petzold verächtlich, ^dienst entbehren 7u tönnen ” geringm „ffen, zur Verantwortung zu ziehen, - und da ich, Ihnen nicht weiter
— Mit Rücksicht auf die sonstige ablehnende Haltung ber ZentrnmSpresse gegenüber ben Reichssteuerprojekten ist ein Bericht ber «Köln. Volksztg." von Interesse über einen vom Abg. Dr. Lieber am Sonntag i» Krefeld gehaltenen Vortrag, toorin ber Redner erklärte: .Um unsere Finanzen zu ordnen, brauchen wir jährlich 100 Millionen Mark mehr. ... Nur zwei ber hervorgetretenen Stenerentwürfe will ich erwähnen, zunächst bie Tabackstmer. Wir haben immer gesagt, bie Gewichtssteuer sei eine Ungerechtigkeit. Es ist eine
V wenn ber arme Arbeiter für fein| Päckchen .AB" bie gleiche Steuer bezahlen muß,!
U* «E Michl,ch .0« ÄI Ä'S ft- dl- M-
Geben wir in überstürzter Weise nach, so lachen uns! baß an Stelle bec Sewichtssteuer die I
bie Moskowiter einfach aus, Dank von jenen haben I treten müsse Was nun bie Weinsteuer betriff? fn I
„Sie haben aber dadurch dem Andenkm Ihres Gatten einen schlechten Dienst erwiesen," bemerke Au» dieser Quelle also schöpfm Sie?" rief!Ronr,ab ruhig, die Witwe aber scharf fixierend.
* 7' )■ .Dann allerdings bedauere! »Mein Vater kannte den Verstorbenen als einen und dalrch, Ihnen nicht weiter Rede stehen zu können." ......
.Und warum nicht?"
„Weil Kalhanek ein entlassener Sträfling ist, der erst feit kurzem nicht mehr unter Polizeiaufsicht steht."
-e Die Pariser Russenfeste und der deutsch-russische Handelsvertrag.
In Parts haben bie Russenfeste ihr Enbe erreicht, unb bas Houptresnttat habet ist, daß sich bie Pariser unb auch ihre Gäste gut unterhalten haben »nb daß bei allen Redereim inter pocula kein * Wort von ernst zu nehmender Seite gefallm ist, bas direkt eine ungünstige Rückwirkung auf bie politische Lage haben könnte. Was bas Resultat der merk- würbigm Verbrübemug Frankreichs mit .jenem barbarischen Lande, welches I» fo vielen Punkten in schroffem Gegensatz zu Frankreich steht", wie ber greife Senator Barthelemy St. Hilaire sagt, so würben die Franzosen, wenn fie bie wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse in bem weiten Gebiete Üjre8 vermeintlichen Bundesgenossen besser kennten, | sich wahrscheinlich gehütet haben, mtt beiden Füßen
f in diese Bundes ftenndschast, die ihnen viel Geld! kosten wird, und von welcher sie geringen praktischen | Rutzen haben werden, hineinzuspiingen. |
, Man kümmert sich in Frankreich nur sehr ober-! siächlich um die staatlichen Verhältnisse anderer Länder. | Den» z. B-, daß bie Russen in ber tiefsten wirt-! schaftlichen unb finanziellen Verlegenheit stecken, baß! sein bentsch-rnssischer Hanbelsvertrag für, das Zarenreich materiell zehnmal wichtiger ist, als die ganze Freunbschast mit Frankreich, bation wissen | di« allermeiste» Franzosen gar nichts unb wollen auch!, Än ?re welkest hierunter dm ^anoeisvenrag mu Rußland htneinspiingen, wie I Gewichtssteuer
»Luf. die Wenigen, welche in dieser | die Franzosen in ihr russtsches Freundschaftsverhältnis I Unaerewtwkrit
fe”aUCr inf”r™iert siud, hüten sich weislich, I hineingesprungen sind. Wir können schon noch etwas I Päckchen 9AB J ^ÜSlich als Vater- warten, und je fester wir bleiben, um so größer wtt^ wie WM
t! N?ri^ ?^e» wurden Natürlich unser Vorteil schließlich nach allen Seiten hin sein, habe» es tmu unter solchen Umstanden auch Geben wir in überstürzter Weise nach, so lachen undtfe «?
Siebenen Bankerotten schuld sein sollte. Der Sitz der Aktiengesellschaft war damals hier in Pieschen, und von Herrn Doktor Petzold ging meinem Vater !der an bescheidene Verhältnisse gewöhnte Kantors! ich' mich Ihnen gegenüb^''in^^demselben"Falle "b» ! da schleunigst zurückzuziehen,
lf* über ta Strang h-u.n Ed-.- He. Benn Sie” rfÄ ffiSÄWt1'
»Das hat er eigentlich auch nicht gethan," er-1betreffenden Person nicht entgelten zu lassen, werde!Besitz." m unserem
roiberte Frau Petzold, „aber sein Verdienst ist ebenM Ihrer Aufforderung gern nachkommen." I grau Petzold zuckte die Achseln Ick w, fo gering geroefen, daß er Schulden machen mußte."! »Ich verspreche es," entgegnete Frau Petzold I nur, was ans den Asten hervorgina." Ich selbst bin
»In diesem Falle ist er zu mtschuldigen," meinte kurzem Ueberlegen. Ija keine Rechtsgelehrte."