Deutsches Reich.
W. Aerlirr, 21. Septbr. Kaiser Wilhelm entspricht noch für einige Tage einer Jagdeinladung deS österreichischen Kaisers und reist dann über Potsdam zur Elchjagd nach Schweden. Das Hauplgewich: bei den große» ungarischen Manövern beruhte bisher immer noch auf einer schneidigen Verwendung der Kavallerie; zeitweise waren 10000 Mann Reiterei vereinigt. Der Kaiser stattete auch dem österreichisck- ungarischen Botschafter ia Berlin, Grafen Szechenyi einen längeren Besuch ab. — Die Kaiserin wird, wie man der „Kbg. Hart. Ztg." witteilt, während der Dauer des Aufenthaltes des Kaisers im Jagdschloß Rominten in Trakehnen wohnen und sich von da aus täglich in das Jagdterrain begeben. Die Gemächer im Gestüt Trakehnen, die zum Aufenthalt der Kaiserin bestimmt sind, werden von einer Gumbinner Möbelfabrik zweckentsprechend ausgestattet. Wie von anderer Seite gemeldet wird, trifft die Kaiserin am 31. d. M. vormittags bestimmt in Trakehnen ein Der Kaiser wird am 1. k. M. daselbst ankommen und sich sofort nach seinem Jagdschloß in Therbude begeben. — Der Reichskanzler, in Vertretung Staatssekretär v. Bötticher, hat, nackdem Erhebungen über Arbeitszeit und Kündigungsfristen der Gehilfen und über die Verhältnisse der Lehrlinge in offenen Ladengeschäften stattgefunden haben, nunmehr Fragebogen an die interessierten Kreise, Korporationen und Vereine versandt, um festzustellen, in wie weit die gegenwärtig üblichen Arbeitszeiten mit Rücksicht auf die körperlichen und geistigen Fähigkette» der in Ladengeschäften lhätigen Personen als übermäßige anzusehen seien, auf welche Weise ohne jedwede Schädigung die Kürzung gegenwärtig üblicher übermäßig langer Laden- und Arbeitszeiten sich ermögliche» lassen und welche Gründe für oder gegen die gesetzliche Einführung einer Minimal - Kündigungsfrist sprechen. — Dem deutschen Reichstage sol, wie mitgeteilt wird, schon in kommender Session eine Vorlage über die Wiedereinführung der Berufung gegen Landgerichts urteile unterbreitet werden, ebenso ein Gesetz- ertwurf, welcher den Zweck hat, die Verletzung von Fabrikats- und Geschäftsgeheimnissen zu bestrafen. — Die Veihandlungen der Reichsregierung über die Bestimmungen bezüglich der Sonntagsruhe wurden Mittwoch Vormittag im Reichstagsgebäude mit den Vertretern von Arbeitgebern und Arbeitnehmern aus der Gruppe: Bergbau, Hütten- und Salinenwesen ausgenommen. Den Vorsitz führte der Unterstaatssekretär von Rothenburg. Die Sitzungen
der Kunstreiterin gelegen. Bei Annemaries Namen hatte sich der Marquis allerdings verfärbt, er konnte ein unbehagliches Empfinden nicht los werden, im nn er jenes amerikanischen Duelles gedachte, obwohl er sich noch immer einreden wollte, er sei völlig im Rechte gewesen.
Aber die Freifrau! Es mußte die Mutter jenes ernsten, stattlichen Mannes gewesen sein, den er damals im Bade H .... an Ines Seite gesehen; sie würde die Heirat verhindern können, er mußte jedenfalls mit ihr reden. Jedoch, wie konnte er das bewerkstelligen, ohne der Gräfin zu begegnen. Hm — ein falscher Name! Ein Pseudonym! Er besaß mehrere Visitenkarten von Freunden, deren eine er fick für Stunden borgen wollte.
„Ah, schöne Ines, ich werde Dir ein Paroli bringen; nicht immer find Frauen allein listig."
* *
Frau von Thielen, die sich auf der Durchreise vierundzwanzig Stunden in München aufhalten wollten, war heute Abend sonderbar unruhig und aufgeregt; ihre Augen glitten unstät im Zimmer umher, die Finger spielten nervös mit der goldenen Uhrkette, und zerstreut beantwortete sie Annemaries Geplauder, so daß diese, heimlich besorgt, das fiebergerötete Antlitz beobachtete.
„Du solltest zeitig schlafen gehen, Tantchen", schlug sie vor, als die Uhr neun schlug, „die Reife hat dich angegriffen, Du mußt für morgen neue Kräfte sammeln und ich will indes — Rudolfs Brief mit einigen Zeilen beantworten."
„Ja, Kind, thue das; aber wenn ich im Bett liege, kommst Du noch einmal zu mir, nicht wahr? Ich muß Dir etwas erzählen; nein, nicht hier im Hellen, wenn es dunkel ist — ganz dunkel."
Sehr besorgt begleitetete die Gräfin die Tante
werden mehrere Tage in Anspruch nehmen. — In der Weinsteuerkonferenz sind die Schwierigkeiten größer gewesen, als man angenommen har. Es sollen die verschiedensten Vorschläge gemacht worden sei», wie die Steuer nach der Fläche der Gemarkung, oder den Weinlagern oder nach den Weinpretsen abzumeffen sei. Eine Einigung ist bisher nicht erzielt worden. — Dem Kaiserlichen Gesundheitsamt wurden aus Hamburg am 20. September 10 Neuerkranknngen au Cholera, darnnler 2 mit tötlichem Ausgange gemeldet, außerdem 1 Sterbefall unter den früher Erkrankten. Auch in Altoua ist 1 Cholerafall festgestellt worden. — Der Präsident der Reichsbank hat für nächsten Dienstag eine Sitzung der Reichskommisston für die Reform des Börsenwesens etnberufen, worin in Bezug auf die Feststellung des Enquete-Berichts weitere Beschlüsie gefaßt werden sollen. Der Bericht, der mehrere Bände nebst einer große» Anzahl statistischen Maleriais umfassen wird, ist eine sehr schwieriae Arbeit, besonders aus dem Grunde, weil die Ansichten und Darlegungen der Minorität eingehend berücksichtigt werden müsse». Gleich nach Fertigstellung des Berichts wird er dem Buchhandel übergeben werden, doch dürften bis dahin mehrere Wochen vergehen. — Der deutsche Kolonialrat hat seine am Dienstag begonnenen Sitzungen am Mittwoch fortgesetzt. Den ersten Gegenstand der Tagesordnung bildete der Entwurf einer Enteignungs- Verordnung für Teutsch-Ostafrika. Nach einer eingehenden Generaldebatte wurde der Entwurf einer Kommission von fünf Mitgliedern überwiesen. Sodann wurde in die Beratung über eine Vorlage bett, die Unterbringung, Erziehung und Versorgung befreiter Sklaven eingetreten. An der Debatte beteiligten sich u. a. Professor Schweinfurth, Staatssekretär a. D. von Jakobi und Ehreudowherr Dr. Hespers. Letzterer erstattete insbesondere Bericht über die auf diesem Gebiete von den Missionen entfaltete Thätigkett. — Das seitens des preußische» Staatsministerium unter dem 18. d. M. erlassene Reglement über die Ausführung der Wahle» zum Abgeordnetenhause weicht von den ftüheren Bestimmungen in einigen Punkten ab, die nicht durch das neue Wahl gesetz bedingt sind. Zunächst sollen die Urwähler zu einer für die Wahlbeteiligung „möglichst günstigen" Stunde des Tages zusammenberufen werden; bisher hieß es generell um 9 Uhr vormittags. Sodann sollen bei Beginn der Urwahlen und der Abgeordneten- wablen nicht mehr, wie bisher, die hauptsächlichen Bestimmungen des Gesetzes und des Wahlreglements
ins Nebenzimmer, wo die Jungfer sie schon erwarte.
„Rusen Sie mich nur, Agnes, wenn die gnäeige Frau Sie entläßt; ich bleibe hier nebenan."
Unruhig holte sie die Schreibmappe aus dem Koffer, nahm Papier, Feder und Tinte, um den bei der Ankunft vorgefunden Brief des Vetters zu beantworten; doch als sie eben den letzteren suchte, fand sie ihn nicht. Ein Gefühl der Angst und des Unbehagens kam über sie; wenn er verloren war, der ihre Adresse trug, wenn fremde Augen die warmen, treuen Worte gelesen! Aber es half nichts, er war und blieb verschwunden, so daß sie endlich sich wieder an den Tisch setzen wollte, um mit Schreiben anzufangen.
„Annemarie", tönte da aus dem Nebenzimmer die fchwache Stimme der Tante, und wieder erhob sich die Gräfin; es schien, als sollte sie heute nicht zu dem Briefe gelangen.
„Nun, liebes Tantchen, wie fühlst Du Dich?" fragte sie liebevoll und neigte sich über das blasse Gesicht mit den seltsam leuchtenden Augen; „soll ich Dir noch etwas vorlesen?"
„Nein, ach nein", flüsterte die Freistau, schwer atmend, „aber — Du sollst alles wissen. Ich habe — sie gesehen, die ich damals — in den Hexensee gestürtzt hatte — weil sie Rudolf bethörte. Wie ist Sie denn wieder zum Leben erwacht? Ist es denn wirklich — eine Hexe? O, sage es mir, Annemarie, mein Kind, Du liebst ihn ja auch, und er wird elend, wenn sie ihn wieder umgarnt. O, Kind, Kind, hilf mir. denn es hämmert hier drin in den Schläfen als wäre lebendiges Feuer dahinter "
Gräfin Rotenau worb totenbleich, dann kniete sie nieder und sprach leise eindringlich in die Kranke
und die Namen aller stimmberechtigte» Urwähler resp. Wahlmänner verlesen werden. Die eigentliche Wahl beginnt sofort mit der Sttmmabgabe »ach der Reihenfolge der Wählerliste.
— Im Anschluß an das gestern mitgeteilte Schreiben Seiner Majestät des Kaisers cm Seine Majestät den König von Württemberg veröffentlicht der „St.-A. f. W " nachstehendes Schreiben deS Königs an den Kriegsminister:
Indem Ich vorstehende Worte Seiner Majestät des Kaisers zur Kenntnis Meines Armee-Korps bringe, spreche Ich auch Meinerseits sämtlichen Offizieren und Beamten, Unteroffizieren und Mannscha'ten des Armeekorps für ihre erfolgreiche Thärigkeit und ihren hinqebende» Eifer und Fleiß, wodurch insbesondere solch erfreuliche Resultate erzielt werde» konnten, Meine volle Anerkennung und Meinen warmen Dank aus, und gebe Ich Mich der Hoffnung hin, daß das Armeekorps durch treue Pflichrerfüllung und unermüdliche Arbett sich auch fernerhin des ihm von seinem obersten Kriegsherrn gespcnderen Lobes würdig eitoetien wird.
Stuttgart, den 16. September 1893. Wilhelm.
An den Kriegs-Minister.
— Die deutschen Kaisermanöver werden in der Londoner „Times" von ihrem militärischen Berichterstatter in einem längeren Aufsatz eingehend besprochen. Der britische Offizier ist des höchsten Lobes für das deutsche Heer, Offizier wie Mannschaften, voll. Wir heben aus dem Arttkel folgende Sätze hervor: „Die deutschen Generale sind nicht auf dem Standpunkt von 1870 stehen geblieben. Was insbesondere die Taktik betrifft, so sind einige Vorschriften denen von 1870 diametral entgegengesetzt. Verbesserung aber zeigt sich in Allem. Die Grundlage, worauf die Tüchtigkeit jedes Dienstzweiges des deutschen Heeres beruht, bildet ein System, welches gründlich verstanden und allgemein durchgeführt wird. Dieses System ist regelmäßig, wie eine Uhr, ist verständlich und fortschritrlich. Jeder Soldat und jeder Ojfizier weiß im Januar, welche Hebungen er bis zum Dezember durchgemacht hat. Taktische Hebungen über durchbrochenes Gelände bilde« die Hauptsache. Obgleich aber die Vorbereitung für einen Feldzug die Hauptaufgabe bleibt, werde« Exerzitien i» geschlossenen Kolonnen nicht vernachlässigt. In dieser Weise glaubt man der losen Verbindung, welche die moderne Kampfweise mit sich bringt, am besten entgegentreten zu können unb ben gewohnheitsmäßigen
hinein; wie es nur eine Täuschung, ein Traum gewesen, baß die Spanerin im Hexensee ertrunken sei, daß die Kunstreiterin, der sie heute aus der Treppe begegnet, eine ganz Fremde sei; aber Frau von Thielen schüttelte nur traurig das Haupt.
„Nein, ach nein, ich täusch mich nicht; aber wir wollen fort, so bald es Tag wird, Kind, um ihr nicht zu begegnen — denn siehst Du, diesmal würde ich sie wirklich töten."
Der Ausdruck des großen, blassen Gesichtes, umrahmt von den graueren Haaren, war ein ent- setzlicher, und Annemarie erschrak im Herzen davor; nur langsam glückte es ihr, die Freifrau endlich zu beschwichtigen, aber noch im Einschlafen murmelte sie halb unverständlich: „Sie ist'S, ohne Zweifel, sie ist'- — und diesmal — wehe ihr!" —
Das Champagnerfest des Direktors war zu Ende. Sehr ermüdet kehrte Donna Ines heim, doch auch sehr beftiedigt, denn man hatte sie auf die denkbarste Weise gefeiert und ihre Eitelkeit stark geschmeichelt. Beim Entkleiden fand sie den gefundenen, fast schon vergessenen Brief und die Neugier siegte über alle Würdigkeit. Sie trat ans Licht, um zu lesen, doch schon die Adresse ließ sie jäh zusammenfahren. Was war das? „Absender: Freiherr R. von Thielen, Schloß Neuendorf bei H." Die Adresse dagegen lautete: „Frau Gräfin von Rotenau geb. von Thielen, z. Z. München, Hotel N."
„Von ihm", murmelte sie erstaunt, „und an jene blonde Gräfin, meine einstige Nebenbuhlerin l Sieh da, das wird interessant; aber lesen wir, was er schreibt."
Und sie überflog hastig die treuen, warmen Freundschaftsworte, welche Rudolf an die Cousine gesandt; ein spöttisches Lächeln kräuselte hier und
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Freitag, 22. September 1893
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Am
Roman von Hella Limpurg sNachdruck verboten.! (Fortsetzung.)
Marquis be la Tour war doch im Zirkus, ber Beine, grüne Lorkeerkranz, ber dumpf polternd »itten unter all den Blumenspenden zu Füßen des Aerdes bei Diva fiel, als sie am Schluß sich «ifenb verneigte, kam von ihm unb enthielt ein prachtvolles, brillant besetztes Medaillon. Sie lächelte kirn Betrachten desselben, und der verliebte Geber *äre am liebsten sogleich ihr zu Füßen gestürtzt. Der sie ließ sich nicht ohne weiteres versöhnen, sie ^wollte ganz energisch; bei dem der Vorstellung »lgenden Souper sah sie niemand als den strahlenden Direktor, der ihr auch ganz unumwunden huldigte, kie stieß mit ihm an, lächelte ihm zu und ließ sich vdlich von ihm bis zum Wagen geleiten, seinen ^lsagenden Handkuß duldend; für den dicht daneben stehenden, zornbleichen Marquis hatte sie *tbei Blick noch Wort, so daß der erste Schulreiter ihm achend zurief: „Nun, Herr Marquis, heute *ar's nichts mit der schönen Ines; das schien doch
gründliches Fiasko zu sein, und ich kondoliere ^ch herzlich dazu."
Wutschäumend kehrte be la Tour in sein Hotel kück unb griff zur Zeitung; schlafen konnte er nicht, er mußte erst ruhiger werben, sich zer- «euen, um nicht fortwährend an die treulose Spanierin zu denken. Ta fielen seine umher- ^enden Blicke auf die Fremdenlisten und innen Wb dieser auf einen Namen: „Gräfin A. von ’btenau geb. von Thielen, Freifrau von Thielen, ttls unb zu Neuenborf bei H . . ."
Seltsames Spiel bes Zufalls. Die Gemahlin die Mutter zweier Männer, bie in ben Fesseln