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j I Wöchentliche Beilagen: Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
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teufte und
Urn- tigeu kaße
Marburg,
Freitag, 18. August 1893.
vrscheist täglich «xßer <a Werküqe» «ch S«t»> xu6 i/e gderttgeu.—Dx«rttI«totEaeÄeat»»8teil bei der Expr»
JfÖ »ffin 9 Rk., bei «Leu PoftLmtm: 9 ÄL 9k (-xkl.
vrßeLzeld). Jnser«tterN«tbLhr fir die «spLtrse Zelle »der deren Stettin 10 Pf»., Äefieetn für die Zeile 9? Pf«.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition dieses Blattes,
sowie die Amroneeo-Bmeaur von Haasenstein u. Vogler tu vvthtt rv.t-, Krankfnrt «. M., Caffel, Magdeburg und Men; Rudolf AAVlll. -CQuTÜ. Moffe in Frankfurt a. M., Bcrlm, München u. Köln; G. L.
Daube «. Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover, Paris.
»d «Slug! Joh.«»»«och, UoiversttStS.»uchdnlckttri i«»«b«» <^1f**5^*4***NtÄ »ermümortlicher Redakteur: Christoph Rautenha»» ia Marburg.
Äetaßtex und Expedition: Markt 91. Redaktion und Expedition: Markt 91.
Gemeinsame Beratungen
! zwischen Vertretern der Reichsregiernng, solchen der iSWU deutschen Industriellen und Gewerbetreibenden, sowie i—55 ha deutschen Arbeiter sollen demnächst in Berlin staltfinden, damit die AuSführuvgsbestimmuugen zu y den Vorschriften der Sonntagsruhe für Industrie und | Gewerbe, einschließlich Handwerk, genau aufgestellt F werden können. Die Vorbesprechungen für den Aus- U sührungserlatz des zweiten Teiles der Sonntagsruhe Ai | schweben bekanntlich schon seit Jahr und Tag, haben * 1. indessen bisher nicht einer festen Einigung Platz r machen wollen; eine volle Verständigung ist bisher ltkum | Mt einmal unter den verbündeten Regierungen er- 0e in U Alt worden, denn eine Anzahl derselben ist unzwei- • 19, F deutig der Ansicht, daß es prinzipiell am besten wäre, , eine ff die Einführung der Sonntagsruhe für Industrie und 1 Handwerk vorläufig zu verlegen, da die betreffenden [TT 1 greife meist noch recht sehr mit der allgemeine» Ge- schäfts misöre zu kämpfen habe». Soll aber die d Sonntagsruhe für Industrie und Gewerbe in näherer I Zeit praktisch verwirklicht werden, so find diese Re- Wi ff giaungen der Ueberzeugung, es könne das nur tuner- V halb der heute möglichen Grenzen geschehen. Die Au- K Reichsregierung selbst steht wohl auf dem Standbitte W punkt, daß sie einen bald thunlichen Abschluß der rauen 3 schon so lange schwebenden Angelegenheit wünscht; 4925 | das Gesetz ist nun einmal vom Reichstage beschlossen, ■ muß also auch zur Ausführung gelangen. Es soll ff dies aber unter möglichster Vereinbarung zwischen L Sachverständigen und Interessenten geschehen und I eben zu diesem Zwecke werden ix Berlin die gemein« i samen Beratungen abgehalten werden. Ob sich die f nuzweifelhaft obwaltenden Meinungsverschiedenheiten, |L die aus der natürlichen Lage der Verhältnisse ent- . 28.] 1 springen, so leicht in diese» gemeinsamen Beratungen r werden beseitigen lassen, bleibt abzuwarten. Er- fahrungen und Erfordernisse des praktischen Lebens ! f lassen sich nun einmal wirklich nicht gut in Gesetzes- __ Paragraphen hineinzwingen; das hat man schon im
UW Reichstage bei der Beratung des neuen Gewerbegesetzes erkannt und dem Bundesräte des deutschen Reiches deshalb
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anzunehmen, daß eS bei der Sonntagsruhe für Industrie und Gewerbe nicht viel anders ergehen fcitb, als bei der Sonntagsruhe für deu Handelsstand, und es wird vor Allem darauf ankommeu, zu verhüte», daß es jetzt nicht noch mehr Streitig«
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xfihaü tag nicht machen konnte, wird der Bundesrat ebeuso- ~ wenig vollständig fertig bringen und deshalb ist
Pflicht.
Roman von C. Zoeller-Lionheart.
(Nachdruck verboten.]
(Fortsetzung.)
»Darf ich Ihnen anbieten?" fragte die un- Mierte Lo und präsentierte auf flacher Hand eine
« ziemlich umfasiende Befugniffe in der Festsetzung des lu.3 AuSsührungserlaffes gegeben. Aber was derReichs-
aber auf eine Versäumnis zu besinnen: „Baronin Pölten auf Groß-Pölten, stellte sie sich feierlich vor, ;—T* und die lebhafte Lo setzte mit einem persiflierenden |P|1 e tzosknix die Komödie fort: „Leonore von Alten, ' ' Rittmeister im Leibhusarenregiment," salutierte sie
lachend.
Erwartungsvoll, sie fühlte e» deutlich, waren der I beiden Damen Augen auf sie gerichtet. Daß sie ämwia ging grau ^rer Gesellschaft vor sich hatten, die die Gebräuche derselben kannte, hatten sie keinen Augen- t blick bezweifelt, das lag in der Art und Weise, wie «an mit ihr verkehrte, deutlich ausgesprochen. Diese sichere Unbefangenheit, dieses freie Sichgehenlaffen k, wäre sonst nicht erfolgt. Viktoria war in peinlichster Lage. Sollte sie für so viel dienstbereite LiebenSwürdigkeft die armen jungen Frauen in töd> lichste Verlegenheit setzen ober für taktlos und schlecht erzogen gelten? Viktoria geriet in seltsame Widersprüche mit ihren stets verfochtenen Lebensprinzipien unumwundener Aufrichtigkeit. Sie erlebte heute eine zweite moralische Niederlage, als sie vcr-
appetitliche Schnitte, und um nicht im Diensteifer tragt zurückzubleiben, reichte Fanny eine zierlich geschälte Apfelsine dar. Plötzlich schien sich die junge Frau
f »irrt nun stotterte:
„Ich bin, sozusagen, eine Gutsnachbarin von i Ihnen, meine gnädige Frau, mir gehört Schönst »er bei/
Die Schonungslose, ber bie Empfindung anderer 1 bisher keinen Gedanken wert war, sah doch ganz
kette» giebt, als es int vorigen Jahre bei der Einführung der Sonntagsruhe für das Handelsgewerbe schon gegeben hat. Von den bezüglichen, am 1. Juli 1892 erlassenen Vorschriften ist heute berestS ein größerer Teil abgeändert, weil bie ursprünglichen Vorschriften sich nicht aufrecht erhalten ließen, die auch thatsächlich in Gegenden mit schwierigen Ver- kehrsverhältnissen, so im Gebirge, für die rauheren Jahreszeiten gar nicht praktisch verwertbar find. Die Kritik der bisherigen Sonntagsruhevorschrifteu wird jetzt milder gehandhabt, als im vorigen Jahre, man hat sich an Manches gewöhnt, aber bis zur Zufriedenheit ist noch ein gutes Stück Weges. Und diese Sonntagsruhe für das Handelsgewerbe war noch sehr viel leichter und einfacher, als die für Industrie und Gewerbe.
Deutsches Reich.
W. Aerki«, 17. August. Die kaiserlichen Majestäten unternahmen am Dien stag Nachmittag eine Spazierfahrt im Tiergarten. Im Schlosse empfing der Kaiser sodann kurz vor der Galatasel den Staatssekretär des Reichs-Justizamts Nieberding und nahm nach dem Diner die Meldungen der Gesandten v. Winckler und von Bülow, sowie des Regierungspräsidenten Grafen d'Hauffonville und des Majors v. Funcke entgegen, worauf sich die Majestäten nach dem Neuen Palais bei Potsdam begaben. Am Mittwoch Morgen fuhr der Kaiser nach Perleburg und wohnte daselbst Kavallerie- Hebungen bei. Nachmittags traf der Monarch in Spandau ein und begab sich von dort auf dem Dampfer „Alexandria" nach der Matrosenstation bei Potsdam. — Die Kaiserin kam am Mittwoch von der Wildparkstation »ach Berlin und stattete hier Besuche ab, worauf die Rückkehr erfolgte. — Als der Kaiser dieser Tage die Arbeiten am Nord-Ostsee-Kanal besichtigte, konnte ihm die bestimmte Versicherung von der Bauleitung erteilt werden, daß der Kanal im Jahre 1895, dem von Anfang an in Aussicht genommenen Zeitpunkt, dem öffentlichen Verkehr übergeben werden wird. Der Kaiser nahm wiederholt Gelegenheit, seine hohe Befriedigung über den günstigen Stand der dortige» Arbeiten auszusprecheu. — Tie schwere Erkrankung des Herzogs Ernst vonKoburg-Gotha erregt am Kaiserhofe die größte Teilnahme. Wenn die letzten Nachrichten auch etwas besser lauten, so betrachtet man dennoch den Zustand des Herzogs als einen besorgniserregenden. — Der Kaiser ließ dem Konsul Meier in Bremen die goldene Hochzeitsmedaille über
scheu beiseite, als sie die lähmende Wirkung ihrer Worte bemerkte.
Tie arme junge Frau von Pölten war in einem bedauernswerten Zustand von Beschämung, Verwirrung, tödlicher Verlegenheit. Sie ward so rot wie eine Päonie, drehte ihr Taschentuch zum Strang zwischen fliegenden Fingern, und dem gepeinigten, unerfahrenen Ding schaffen die Thränen vor ratloser Hilflosigkeit in die Augen.
„Vergeben Sie, Frau von Brandenstein, wie konnten wir auch ahnen, voraussetzen — ich kannte Sie ja gar nicht persönlich. Sie hätten —* da brach sie kläglich nieder, faßte demütig Viktorias Hand und preßte sie krampfhaft in chrer Verlegenheit.
Lo, die Gewandte, schlug sich strafend auf den schwatzhaften Mund. „Was hast du wieder angerichtet," zürnte sie mit komischer Verzweiflung. „Papa sagt, ich red' mich noch an den Galgen. Frau Baronin, ich ergebe mich auf Gnade und Ungnade, indem ich aller Gesagte für Uebertreibung erkläre und mindestens fünftig Prozent davon zurücknehme/ «
ES war allen Teilen aber herzlich erwünscht, daß die lachlustige Lo auf ber nächsten Station sie schon verließ, und bie beiben zurückhaltenden Frauen auch nur eine kurze Strecke Weges noch zu teilen hatten, um sich dann steif von einander zu verabschieden. Der Pächter, ein ernster, wortkarger Man», dem man jede Silbe abfragen mußte (Viktoria hatte ihn einst einen Menschen so recht nach ihrem Geschmack genannt), ein Mann, dem die Lebenssorgen den Nacken gebeugt hatten und dessen ganzes Denken sich um den Erwerb drehte, nahm die Herrin auf der kleinen Station in Empfang.
Er half ihr in die altmodische offene Chaise,
reiche». Dieselbe war begleitet vo» einem Handschreiben, welches in warmen Worten einen Glückwunsch enthält. — Sein 5Vjähriges Dienstjnbiläum beging am Mittwoch ber General der Infanterie und Generaladjutant v. Parseval, kommandierender General deS 2. bayerische» Armeekorps. — Von den Mitgliedern des preußischen Staatsministeriums befinden sich z. Z. auf Urlaub: Justizminister von Schelling, KriegSminister v. Kaltenborn, Ministerpräsident Graf Eulenburg, der Vizepräsident von Bötticher, Kultusminister Dr. Bosse, Eisenbahnminister Thielen und Finanzminister Dr. Miquel. Vom Urlaub bereits zurückgekehrt sind LandwirtschaftSminister von Heyden und Handelsminister vo» Berlepsch, während der Reichskanzler Graf Caprivi ohne Urlaub noch in Berlin weilt und erst im nächsten Monat einen solchen antrete» wird. Vollständig versammelt, nach Beendigung des Urlaubs eines jeden Mitglieds, wird das Staatsmivisterinm erst Ende nächsten Monats sei». — Mit angeblichen Ergebnissen der Reichskommisfion für die Reform des Börsenwesens beschäftigten sich Aufsätze, die in letzter Zeit mehrfach in der Presse erschienen waren. Wie die Nordd. Allg. Ztg. hört, dürfte der Inhalt derselbe» den thaisächlichen Verhältnissen überwiegend nicht entsprechen, was um so glaublicher erscheint, als den Mitgliedern der Kommission bis zur Veröffentlichung des gesamten Materials, sowie der gefaßte» Beschlüsse und des vom Reichskanzler zu erstattenden Berichts Verschwiegenheit auferleg: ist. Der Bericht selbst ist, dem Vernehmen nach, sogar noch nicht einmal gänzlich vollendet, geschweige in seinen einzelnen Teilen zu einer Bekanntgabe an einzelne Preßorgane geeignet. — Kardinal Ledochowski, welcher sich gegenwärtig in Luzern aufhält, hat seine geplante Reise nach Deutschland völlig aufgegeben. — Prinz Alexander von Preußen, welcher im 78. Lebensjahre steht, sollte sich nach Meldung einiger Blätter mit einer abenteuerlichen jungen Schauspielerin aus München verheiratet habe». Diese Nachricht ist vollständig erfunden. Wir hatten diese Angelegenheit gar nicht erst erwähnt. — Fürst Bismarck wird am 27. August in Kissing en eine Huldigung seiner Verehrer aus Frankfurt a. M. entgegennehmen. — Die Postbeamten in Berlin sollen nach einem geheimen Erlaß des Oberpostdirektors Griesbach zu Weihnachten keine Geldbeträge als Geschenke mehr annehmen, es soll gegen diese zuwiderhandelnden Beamten, welche pflichtvergessen genannt werden, mit Strenge eingeschritten werde». — Der preußische Justizminister hatte bekanntlich im März d. I. angeordnet, daß an
bie hochbeinig in ihren Gurten schaukelte, flieg auf ben Bock, ergriff selbst bie Peitsche unb entschuldigte sich damit, daß man sehr in Feldarbeit stecke, alle Knechte in Thätigkeit seien, und er daher lieber selbst kutschierte. Viktoria, die jetzt gewöhnt war, mit Kutscher und Diener zu fahren, mutete das seltsam an. Sie war feit ihrer Verheiratung nur immer im Fluge während ber Jagden unb zwar mit großem Gefolge daheim gewesen und kannte bie länbliche Einfachheit, bie ihr einst so vernünftig erschienen, kaum mehr. Heute machte ihr das durch den heimischen Sand knarrende Fuhrwerk mit den Ackergäulen davor einen armseligen Eindruck, und bie heimatlichen Föhren, das weit sich hinbreitenbe flache Land erschienen ihr furchtbar langweilig.
Der Pächter blieb einsilbig, bie Gegenb eintönig, ber Himmel freudlos grau unb bie Landschaft unsäglich ermüdend
Viktoria dankte Gott, als endlich bas tote, einem großen Steinwürfel ähnliche Gebäube hinter steifer Pappelallee austauchte, bem man mit bem Namen „Schloß" im Dorfe schmeichelte.
Die ausgetretene Freitreppe, bie hinaufführte, an ber man rechts unb links an Latten kärgliche Bohnenranken laubenartig hochgezogen, sah keineswegs schloßartig aus, ber enge Flur nicht und auch ber vier- fenstrige Saal zur ebenen Erde mit ben verblauten, dünnen Zwirngardinen davor, der ihr einst der Inbegriff aller Majestät erschienen, ensprach den Luxusgewohnheften ber Frau von Brandenstein nicht mehr.
Die junge Frau des Pächters stürzte mit hochrotem Kopf au6 ber Küche, wo sie bem Gast zu Ehren große Vorbereitungen getroffen. Sie war in ihrem schwarzseidenen Sonntagsstaat schlecht angelegen unb schlecht frisiert. Die linkische Ver
Gefangene, die, ohne eigenes Reisegeld zur Verfügung zu haben, aus Gefängnisse» ber Justizverwaltung entlassen werbe», Fahrkarken »nd Zehrgelber zur Reise i» bie Heimat ober nach einem anbeten Bestimmungsorte auf Staatskosten gegeben werben solle», nun ist diese mit allgemeinem Beifall aufgenommene Verfügung auch auf mittellose Untersuchungsgefangene ausgedehnt worden, wenn die Entlassung aus der Untersuchungshaft auf Grund einer Aufhebung deS richterlichen Haftbefehls erfolgte. — Am Dienstag fanden an der Berliner Börse Besprechungen statt, um die russischen Papiere von der Berliner Börse auszuschließen. Die Anregung fand einhellige Billigung und dürste schon in allernächster Zeit Beschluß werden. — Sollte der Zollkrieg mit Rußland bis zum Wiederzu- faimnentritt des Reichstages anhalten, so würde, wie die „Post" mitteilt, nach ber Fassung des § 6 des Zolltarifgesetzes vom 15. Juli 1879 bie erste bem Reichstage zu machende Vorlage darin bestehe», daß der letztere nm feine Zustimmung zu ben gegen Rußlanb angeordneten Zollmaßregeln ersucht wird. In der Fassung, worin s. Z. die Regierung das qn. Gesetz dem Reichstage zur Beschlußfassung zugehen ließ, war übrigens die Handhabung vo» Retorsionsmaßregeln gegen einzelne Staaten nicht von der Zustimmung des Reichstages abhängig gemacht. Außerdem war nicht nur ein 5O°/o Zollzuschlag, sondern sogar eine Verdoppelung der tarifmäßigen Eingangssätze vorgesehen, und zwar sowohl gegen Staaten, welche deutsche Schiffe oder Maaren deutscher Herkunst ungünstiger behandel», als jene anderen Staaten, als auch gegen solche Staaten die deutsche Erzeugnisse mit einem erheblich höhere» Eiugangs- zoll belasten, als solcher von ausländischen Erzeugnissen bei der Einfuhr in das deutsche Zollgebiet erhoben wird. Der Reichstag lehnte jedoch ben Gesetzentwurf in biefer Fassung ab. — Tie „Nordd. Allg. Ztg." lenkt in ihrer gestrigen Morgenausgabe die Aufmerksamkeit auf einen Aufsatz in ber „Zeitschrift für lateinlose höhere Schulen", worin bie Hoffnung ausgesprochen wirb, baß bie RegiernngSbehörben bie richtige Vorstellung vom Wesen unb Ziel der höheren Bürgerschulen, der jetzigen Realschulen, mehr und mehr in die Praxis übertragen und auch hier und da Umwandlungen von Schulen vorzunehmen für angezeigt halten würden. Einleitend bemerkt das offiziöse Blatt, die fett einiger Zeit eingeführten neuen Lehrpläne und Prüfungsordnungen für bie höheren Schulen verfolgte» im Wesentlichen mit ben Zweck, bie betreffenden Lehr-
schämtheit ber jungen Frau Bremer nahm ber Baronin fast bie eigene Behaglichkeit unb machte sie nervös.
„Hoffentlich störe ich nicht mit meinem lieber» fall?" fragte sie infolgebeffen.
Es kam ein Wortschwall von großer Ehre, Freube unb so weiter, bem man bie Erzwungenheit anhörte.
„Na, musizieren Sie noch fleißig, liebe Frau Bremer?" lenkte Vittoria ab mtt einer Bewegung nach bem hochbeinigen Tafelinstrument hin, während sie sich ben eleganten Reisemantel abnehmen ließ.
„Na, bu meine Güte!" ereiferte sich mit zum Himmel erhobenen Augen unb Händen die junge Frau. „Dazu hätt' einer von uns auch wohl gerabe noch Zett! Solche Zeilvergeubung haben wir uns gottlob längst abgewöhnt, bie Störung brauchen Frau Baronin nicht mehr zu fürchten. Die Kinder, bas Jungvieh, bie Milchwirtschaft, bie geben von früh bis spät alle Hänbe voll zu thun, unb bas ba ist nur noch bas reine Paradestück, bas wir längst verkauft hätten, wenn nur ein Mensch für ben Klapperkasten 'was geben wollte. Wir finb nur noch fürs Praktische, bas was einbringt, gnäbige Frau!"
Wie vernünftig war da» elegische Pfarrers« töchterlein in ben Jahren ihrer Ehe geworben! Viktoria hätte es eigentlich anerkennen müssen, baß sie sich ihre bamaligen Vernunstprebigten so gründlich zu Herzen genommen Sie kam ihr aber grenzenlos nüchtern unb poesielos vor, unb mit einem geheimen Seufzer dachte sie ihres künftigen Lebens inmitten dieses ländlichen Kreises, bem sie burch ihre höheren Ansprüche boch nun entwachsen war.
(Fortsetzung folgt.)