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Marburg, Dienstag, 20 Juni 1893.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition dieses Blattes,

sowie die »imoncen-Bureaitt von Haasenstein Vogler in ,

Frankfurt a. M., Cassel, Magdeburg und Men; Rudolf AaVIII. «SuuHfl. Moste in Frankfurt a. M., Berlin, Mnchen u. Köln; G. L. 9

Daube u. Co. in Frankfmt a. M., Berlin, Hannover, Pari«.

«MchWje Jeifunt;

Wöchentliche Beilagen: Kreisblatt für die Kreise Marburg unb Kirchhai«.

*"* 8<rtM xab Jlluftrirtes Sonntagsblatt. & Redaktion und Expü>itüm^ Markt"»" ®el6uiR'

Erscheint täglich außer an Werktagen mich Sann» und MF * 14 Feiertagen.Qnartal-AbeunrmeutS-PrriS bei der Ecpe-

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Amtliches ErgebnisderReichstagswahlimWahlkreise Marburg-Kirchhain-Frankenberg-Vöhl am 15. Juni 1893.

Lucke Böckel Kaiser Schott John Martin Müller Summa. 2754 6736 809 1425 357 166 1600

Von den 18745 Wahlberechtigten sind 13851 gültige Stimmen abgegeben.

Die Stichwahl zwischen Lucke und Böckel findet am 24. Juni statt.

Das Wahlresultat des 15. Juni liegt vor; etwa die Hälfte aller Abgeordneten ist definitiv gewählt, in der Hälfte der Wahlkreise wird die Stichwal entscheiden. Soweit das Ergebnis der Neuwahl für die Wahlstreitfrage in Betracht konimt, so kann es kaum «och einem Zweifel unterliegen, daß mit Ablauf der Stichwahlen eine, wenn auch Mir kleine Mehrheit für die neue Miltärvorlage vor­handen sein wird. Das giebt sogar Herr Eugen Richter in seiner Freisfinnigen Zeitung zu, der au Srund seiner langjährigen praktischen Erfahrungen wohl der beste Kenner in der Beurteilung der Wahl­kreisverhältnisse genannt werden kann. Herr Richter geht sogar noch wefter, er hält es nicht für ausge­schlossen, daß die Stichwahlen eine neue Kartellmehr­heit ergeben werden, eine Mutmaßung, die freilich weniger Wahrscheinlichkeit für fich hat und auch wohl kaum eintreten dürfte Die Annahme, daß eine Mehrheit für die Militärvorlage in den Stich­wahlen zu erwarten ist, wird besonders da Ueber- raschung Hervorrufen, wo angesichts des Zuwachses der Sozialdemokraten angenommen wurde, der Reichs­tag vom 15. Juni 1893 würde ein ganz anderes Gesicht erhalten, als der aufgelöste. Im Eifer des Wahlstudiums ist eben übersehen, daß die Zunahme der Sozialdemokraten nicht auf Kosten der Freunde der Militärvorlage erfolgt ist, sondern auf Kosten

Inrch Volke».

Erzählung von M. Widdern.

sRachdruck verboten^ (Fortsttzung.)

Der Graf fuhr fort:Beatrix Herlo war nicht Mwe, wie sie geglaubt, und eines Tages kam ihr Gatte und zog sie mit sich hinab in feine Niedrig­keit. Sie hatte mit mir nie von ihm gesprochen nie war ein Wort über die Vergangenheit über ihre Lippen gekommen, ich kannte keine ihrer Be ziehungen und hätte sie für unvermählt gehalt-n, wenn mir nicht eine unüberlegte Aeußerung dieses verschlossenen Mundes verraten, daß sie verheiratet »ar, sich verwitwet glaubte.

Seitdem find viele Jahre vergangen, in welchen ich nichts von der einst so Heißgeliebten gesehen bet gehört, bi» ich Ihnen im Boudoir meiner Schwester begegnete. Wie ein Zauber faßte er wich da, im ersten Augenblick glaubte ich, die Ge­siebte selbst wieder vor mir zu haben, aber ich be­sann mich schnell: Sie waren ein junges Mädchen tob Beatrix mußte fich j tzt schon bemerklich dem Datronentume nähern so konnten Eie nur die Tochter der Geliebten sein und Sie waren er ja auch. Aber wenn ich geglaubt hatte, Sie mür­ben meiner Schwester von Ihrer Mutter erzählen, so irrte ich mich. Das Geheimnis, in welches Sie sich hüllen, ließ den wunderlichsten Gedanken Raum tod da ich mich endlich über das Geschick Beatrix'» informieren wollte, so wandte ich mich vor einiger Zeit an ein bekannte» Auskunftsbureau und dem findigen Vertreter desselben gelang es, mir Ihr ganze« traurige» Geheimni» zu enthüllen. Vor rinn Stunde erst war der Mann bei mir und ich »eiß auch, we»halb Sie damals der Brief meine» Kreunde» so erschreckte: E» war Ihre eigene Mutter,

der Gegner, nämlich der freisinnige« Paitei. Diese und zwar die Gruppe Richter und die Gruppe Rickert, hat gewaltige Verluste erlitten, di: in den Stichwahlen in keiner Weise mehr ausgewetzt werden können; von den freisinnigen Kandidaten, welche in die Stich­wahl kommen, haben zudem die der Militärvorlage geneigten größere Aussichten, als die der Mililär- vorlage feindlichen. Von der Richterschen frei­sinnigen Volkspartei ist bisher kein Mitglied gewählt, eine Thatsache, die in der deutschen Parlaments­geschichte bisher ohne Vorbild ist, während die ftei- finnige Vereinigung (Gruppe Rickert) drei der Ihrigen durchgesetzt hat. Wenn nun auch die bisher 24 Mann starke Sozialdemokatie (früher 36) in der Stichwahl Zuwachs erlangen kann, so hat fich doch bessere Aussichten fast nur in Wahlkreisen, in welchen sie mit den Freisinnigen in die Stichwahl kommt oder in solchen, in denen bisher freisinnige Abgeordnete gewählt waren unb wo nun statt der letzteren konservative oder nationalliberale Kandidaten zur Stichwahl kommen. Deshalb ist eben für die Anhänger der Militärvorlage kein nennenswerter prackttscher Nach­teil zu erwarten und dies wird auch von gegnerischer Seite offen eingeräumt. Zudem hat die Strömung bei der Hauptwahl schon gezeigt, daß eben nächst den Sozialisten die Anhänger der Militäroorlage die meisten Stimmen erhalten.

von der er Ihnen erzählte . . . Aber ich weiß noch mehr, die Unglückselige wird in Wochen schon noch auf ein Gnadengesuch ihres früheren Direktor« au» der Anstalt entlassen.'

Er blickte teilnehmend zu Margot hinüber, und al» er sie mit leisem Lächeln den Kopf neigen sah, uhr er fort:So ist Ihnen auch da» keine Neuig- eit und ich hätte mir die Mitteilung ersparen önnen."

Eine kleine Pause entstand, dann erhob fich Graf Guido plötzlich, und die Hand des Mädchens ergreifend, setzte er mit vibrierender Stimme hinzu:

Sie bedürfen jetzt eines aufrichtigen Freunde», Fräulein Margot, und ich bitte Sie, meinen Schutz und meine Hilfe für die Arme anzunehmen . . . Sie sind viel zu klug und viel zu vernünftig, daß Sie nicht einsehen sollten, wie Ihre Mutter für )a» Lcben mit anderen Menschen unmöglich gewor- den. Sie müßten denn über den Ocean mit ihr gehen und unter angenommenem Namen leben Zsth denke aber, da» beabsichtigen Sie nicht, um so we­niger, als der Gesundheitszustand Ihrer Mutter vielleicht auch nicht einmal die Verwirklichung eines olchen Planes zuläßt Darum will ich Ihnen denn auch einen anderen Vorschlag machen. Und ich hoffe, Sie werden Ihrer Mutter zuliebe jede Prüderie bei Seite setzen und ihn acceptteren, wenn ich Ihnen von vornherein die Versicherung gebe, ich werde Sie nicht in Ihrer Ruhe stören, und Ihre arme Mutter soll durch meine Person nicht an ver­gangene Zeiten erinnert werden.'

Und al« die großen Augen des Mädchen« so erwartungsvoll an seinem Gesicht hingen, strich er mit der Hand über den dunklen Vollbart «nd fuhr nach kurzem Zögern fort:

Sie wissen, ich bin reich, Besitzer vieler Güter

Zur Wahlbewegung. Der letzte Kampf.

Von allen Seiten, besonders auch aus der Mitte anderer Parteien, erhalten wir ermutigende Auf­forderungen mit aller Kraft in den Kampf um die Stichwahl einzutreten und nicht nachzulaffen in unserer Arbeit. Wir find um so freudiger hierzu bereit, haben die Agitation bereÜS in erhöhtem Maß wieder ausgenommen und werden nichts unterlassen, was zum endlichen Sieg führen kann. Freilich bedürfen wir hierzu der weitgehendsten Hülfe. Jeder der jetzt für uns ist, muß in seinem Kreis wirken und alle ihm z« Gebot stehenden Hebel in Bewegung setzen. Es kommt jetzt hauptsächlich auf die kleine Agitation von Mund zu Mund au. Durch sie läßt sich viel erreichen. Vor Allem rechnen wir auch auf die 5000 Wähler, die von ihrem Stimmrecht bei dem ersten Wahlgang keinen Gebrauch gemacht haben. Bon ihnen möglichst Viele zur Wahlurne zu bringen ist die wichtigste Aufgabe. Denn unter ihnen werden sich vorwiegend Freunde unserer Sache finden, da erfahrungsmäßig die oppositionellen Parteien alle ihre Leute schon bei dem ersten Wahlgang zur Wahlurne bringen.

Die Gelegenheit ist geboten, Dr. Böckel aus dem Sattel zu heben, ein Wunsch, den alle seine Gegner im bisherigen Wahlkampf mit uns teilten. Deshalb sollten jetzt auch alle anderen Parteirück- sichten zurücktreten, um dieses erste Ziel einer Gesundung unserer hiesigen Verhältnisse zu erreichen. Der Verlust Dr. Böckels im ersten Wahl­gang von 2000 Stimmen zeigt deutlich, wie viele seiner früheren Anhänger sich schon von ihm abgewandt haben. Die Hoffnungen, die von so vielen Seiten auf Dr. Böckels Wirken gesetzt waren, sind eben trotz seiner sechsjährigen Thättgkeit im Reichstag noch immer nicht erfüllt und die richtige Ueberzeugung bricht sich immer breitere Bahn, daß dieses auch in Zudmst nicht geschehen wird und kann, weil Dr. Böckel eben hierzu doch der richtige Manu nicht ist.

Das geben wir auch denen zu bedenken, die im ersten Wahlgang ihre Stimme noch Dr. Böckel ab» gegeben haben, nrb auch von ihnen werden uns gewiß jetzt Biele Recht geben. So gehen wir denn nicht ohne Siegeszuversicht in den Kampf und Haffen die Mehrzahl auf nuferer Seite zu finden.

Von großer Wichtigkeit ist gegenwärtig die Stellung­nahme der einzelnen Patteien zu dm am 24., in nahe der österreichischen Grmze, eine» derselben trägt ein weltabgeschiedenes Schlößchen, umgeben von einem prachtvollen Park mit uralten Bäumen.

E» ist der Stammsitz meines Geschlecht«, früher eine düstere unheimliche Burg, welche mein ver­storbener Vater aber restaurieren ließ und die jetzt genug der behaglichst eingerichteten Räume bietet, um mehrere Familien darin aufzunehmen. Weder mein Vtter noch ich haben je permanent auf der Netterburg gewohnt, wir ließen das Gut in den Händen tüchtiger Administratoren, das Schlößchen aber unter der Aufsicht von ehrenfesten Kastellaninnen, bereit letzte mir nun vor einigen Wochen geftorben. Ihre Stelle vertritt aber momentan die Witwe eine« früheren mecklenburgischen Pastors, die feit >em Tode ihre« auch lange verwitweten Sohnes, der ebenfalls Prediger in Mecklenburg war, auf da« Schloß übergesiedelt ist."

Hier zögerte der weltgewandte Mann einen Augenblick, ehe er fortfuhr wieder blickten feine Augen fest und forschend auf sein junge« Gegen- iber, er mochte wohl ergründen wollen, ob Margot ihm auch wirklich vertraute und nicht Absichten in einer Seele vermutete, die seine edle Natur nimmer­mehr zu hegen vermochte. Dann aber sagte er ent» chloffen:

Margot, ich wollte Ihnen den Vorschlag machen, nach der Netterburg zu gehen und für Ihre Mutter sie Stellung der Kastellanin zu acceptieren. Sie ist mit wenig Mühen verknüpft, da Ihnen Tiener- chaft zur Genüge zur Verfügung steht außer- >em bleibt auch die Pastorin an Ihrer Sette. Für Ihre arme Mutter, auf die Sie in erster Linie Rücksicht nehmm müssen, könnte kaum ein geeigneterer lufenthalt gesucht werden an der Pastorin und ihrer Enkelin beide» hochgebildete grauen

Bayer» am 26. Juni statifiudeudeu Stichwahlm. BIS jetzt haben sich zu diesem Punkte nur der Vorstand der sozialdemokratischm Partei unb dieGermania" geäußert und zwar giebt

der Vor st and der sozialdemokra» tischen Partei seinen Genossen die Wei­sung, fich an dm Stichwahlen zwischen gegne­rischen Kandidaten zu beteiligen; jedoch nur bann, wenn der gegnerische Kandidat, der um ihre Stimmen wirbt, fich tu klaren, nicht mißzudeuiende» Worten verpflichtet, falls er gewählt wird, im Reichstag rückhaltslos eutgegmjuttetm: 1. jeder Vermehrung des stehenden Heeres über dm gegenwärtigen Präsenz- stand hinaus; 2. jeder Vermehrung der Steuerlast; 3 jeder Beschränkung der Volksrechte, namentlich jedem Angriff auf das allgemeine, gleiche, geheime unb direkte Wahlrecht.Wer sich diese« Mindest -Bedingungen nicht unter­wirft, kann keine sozialdemokratische Stimme erhalten. Und die Ehre und das Interesse der Partei gebieten unseren Genossen, in allen denjenigen Fälle«, wo unsere Bedingungen nicht klipp und klar angenommen werden, sich der Wahl zu enthalten und mit allem Nachdruck für Wahleut- Haltung thätig zu sein".

DieGermania" giebt folgende Parole ans:

In Stichwahlkreisen, in denen das Zentmm selbst nicht beteiligt ist, muß nach der Rücksicht ver­fahren werden, daß die Zenttumsziele möglichst er­reicht werden, d. h. bei diesen Wahlen in erster Linie der Sturz der Militärvvrlage, und daß ferner das Zentrum das Zünglein in der Waage im Par­lament bleibt. Bei dem ungünstigen Stande der Wahl für die Linksliberalen (insbesondere die frei­sinnige Volkspartei) eiforbern beide Rücksichten die Unterstützung Linksliberaler in der Stichwahl gegen jede andere Partei, es sei denn, die Person des linksliberalen Kandidaten mache das unmöglich. Mittelparteiler, d. h. National- liberale und Freikonservative, und die Sozialdemo­kraten können unter keinen Umständen unterstützt werden, unb wo also diese unter fich zur Stichwahl stehen, müssen fie allein gelassen werden und die Zentrumswähler sich der Stimmen enthalten. Kon­servative können, wenn die Person nicht als besonderer Kulturkämpfer, Zeutrums- feiud und dergleichen bekannt ist, da unterstützt werden, wo ihr Gegner zweifel­los das größere liebel ist."

findet sie passende Gesellschaft und in der wunder­schönen Lust Erholung nach den fürchterlichen Jahren."

Ohne ein Wort zu erwidern, blickte das Mäd­chen in ihren Schoß. Sie konnte nicht so ohne weiteres das Anerbieten Graf Guidos acceptieren es lag etwas so wunderliche« in dem Gedanken, ihre Mutter da als Dienerin einführen zu sollen, wo man gewillt gewesen, fie zur Herrin zu machen. Und dann Margot war so stolz und so glücklich gewesen in dem Gedanken, für die Mutter arbetien zu können, nun sollte das alles so anders werben, nun sollten sie beide alles, alles hinnehmen aus der Hand des Manne«, den Frau Beatrix geliebt.

Margot konnte fich wenigstens nicht denken, daß, wer einmal einem Guido von Treuden nahe ge­standen, einmal den Kopf an seine breite Brust ge- legt unb feinen Worten gelauscht hatte, je je anher« an ihn denken könnte al» mit den heißen Gefühlen der innigsten Hingabe.

Margot, Sie schweigen? So hegen Sie doch nicht da» rechte Verträum zu mir? So denken Sie vielleicht," unb eine heiße Blutwelle färbte da» Marmorgestcht,ich wollte mich noch einmal Ihrer Mutter nähern, ttotzdem ich er jetzt leider )in, der gebunden ist? Mein Ehrenwort darauf, Mädchen, ich will nicht« weiter, absolut nichts, al» da« arme unglückliche Weib, das ihrem Verhängnis ; um Opfer gefallen, verborgen sehen vor den furcht- ittren Demütigungen, denen fie ohne alle Frage die Stirn bieten müßte, wollte fie in der Wett leben. Ich persönlich werbe ihrm Weg nicht mehr kreuzen, e« sei beim, fie selbst verlangte e«, ober die 83er» jältnisse zwingen mich dazu.'

(Fortsetzung folgt.)