hohlen Phrasengeklingel, ab. Unverständlich und
Marburg, Mittwoch, 7. Juni 1893.
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Wöchentliche Beilagen: Kreisblatt für die Kreise Marburg unb Kirchhain. Jllnstrirtes Sonntagsblatt. h
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Zur Wahlbewegung.
** eint erfreuliche Wahrnehmung.
3e mehr man Fühlung gewinnt mit der Stimmung der Wähler, besonders der ländlichen, desto mehr verstärkt sich der Eindruck, daß Herr Dr. Böcke! in unserem Wahlkreise abgewirtschaftet hat — hoffentlich für immer! Das war vorauszusehen. Wirkte schon längst seine ganze Agitationsweise, sein Auftreten in Preffe und Versammlungen auf Viele abstoßend und verletzend, so mußte die neuerdings mit ihm vorgenommene Wandlung in den radikalen Lolksmaun ihm notwendig auch die große Masse seiner bisherigen Getreuen entfremden und nur noch ein kleines Häuflein, meist Leute denen man ihre jugendliche Unreife auch ohne ihre eigene Versicherung glaubt, steht noch zu dem großen Volksbeglücker. Längst in Zwiespalt mit dem eigentlichen Programur seiner Partei, ist Herr Dr. Böckel jetzt ganz Volks mann und nur noch eine ganz dünne Scheidewand trennt ihn äußerlich von der Partei, in welcher Politiker seines Schlages regelmäßig und unvermeidlich endigen, in welcher mit gleicher Liebe Alle willkommen geheißen werden, die sich aus welchem Grunde immer, mit der Welt der Ordnung, Bildung und Gesittung in unlöslichen Gegensatz gestellt haben: von der Sozialdemokratie. Diese Erkenntnis bämmert. jetz auch dem schlichten Landmann, der für dergleichen eine sehr richtige Witterung hat. In seinem Herzen durch und durch loyal und konservativ, hat er kein Lerständnis für das Demagogentum unserer radikalen Volksbeglücker und wendet sich, angeekelt von ihrem
Durch Volke».
Erzählung von M. Widdern.
^Nachdruck verboten^ (Forts« tzung.)
„Wieder so spät, meine arme Margots sagte sie dann indem sie zärtlich ihren Arm um den Hals des jungen Mädchens schlang und sie durch das winzige, aber reich mit Blumen geschmückte Entree in das Wohnzimmer führte.
„Aber wie blaß und übermüdet Sie heute aussehen ! Ich wünschte, Sie geben mir endlich Gehör und quittierten die Beschäftigung bei „Arner und Setten!" O, es würde mir eine so große Freude sein, ganz für Sie sorgen zu dürfen! Sehen Sie, mein Kind, wenn man in meine Jahre kommt, hat man ja auch so recht das Bedürfnis, anderen eine Art irdischer Vorsehung zu sein, man möchte sich geliebten Personen gegenüber unentbehrlich machen, überhaupt etwas thun, womit man sich das Bewußtsein erringt, ein nützliches Glied in der Kette der Menschheit zu sein; und sagen Sie selbst, Margot, ist man das, wenn man nur daran zu denken hat, wie man der eigenen Person das Leben behaa- sich macht?"
Sie hatte unter den letzten Worten das Mädchen freigegeben und den großen Lehnstuhl an den sauber gedeckten Tisch gerückt, auf dem das Wafler m der goldblanken Theemaschine brodelte. Und uch selbst in die Sofaecke gleiten lassend, deutete sie mst der Hand auf den bequemen Sessel:
„Ta lassen Sie sich nieder, Herz, Ihre Sachen Vnnen Sie ja nachher in das Nebenzimmer tragen."
Das junge Mädchen hatte sich schnell der winter- »lchen Hüllen entledigt und erschien jetzt in dem eng- mlliegendm braunen Wollenkleid noch graziöser und ueblicher. Ihre Figur war zart und doch voll; zu
sein patriotisches Gefühl verletzend ist ihm auch die frivole Art und Weise mit der Herr Dr. Böckel den Stab bricht über die Militärvorlage, die dem Vaterlande doch den Frieden und die Sicherheit seiner Grenzen verbürgen soll.
So können wir denn mit Genugthuung konstatieren, daß der Abbröckelungsprozeß, der längst begonnen hat, sich Angesichts der entscheidenden Wahlen gegenwärtig unaufhaltsam vollzieht. Diesem unliebsamen Vorgänge gegenüber rafft nun Dr. Böckel seine letzten Reserven zusammen und unermüdlich preisen ihn seine Flugblätter als den wahren Retter des Volks und seiner bedrohten Rechte. Je mehr er den Boden unter seinen Füßen wanken fühlt, desto größer ist die Siegeszuversicht die er zu Schau trägt, desto größer die Unverfrorenheit mit der er die Kernsprüche seiner politischen Weisheit ausposaunt.
Man lese nur die mit einer Verschwendung von Fettdruck verbrämten Kraftstellen: „Willkürbehandlung des Volkes", „Auspressung des Volkes gleich einer Zittone", „Wahlrecht in Gefahr", „Preß- und Versammlungsrecht in Gefahr" und natürlich auch „die Redefreiheit der Abgeordneten", worunter offenbar nur diejenige Redefreiheit verstanden sein kann, welche Herr Bebel jüngst im Reichstage in der feigsten und nichtswürdigsteu Weise mißbraucht hat, indem er vor der ganzen Nation Männer vo» fleckenloser Ehre an den Pranger stellte. Es ist gut, zu wissen, wie Herr Dr. Böckel auch über diesen Punkt denkt. Daß alle jene Flugblätter regelmäßig mit einer Apotheose des großen Volkserretters Böckel beschließen, versteht sich natürlich von selbst und es ist bezeichnend, daß in ihnen nie ein warmer Appell an die Vaterlandsliebe zum Ausdruck kommt, immer nur von dem bedrohte» Volk, nie von dem bedrohten Vaterlande die Rede ist, ganz wie bei der Sozialdemokratie, die auch kein Vaterland kennt.
Tas Empörendste in Entstellung der Wahrheit ist die Behauptung: die Regierung wolle sich „durch Vorspiegelung falscher Thatsachen, wie Schonung der älteren Jahrgänge, der Landwehr u. s. in." einen gefügigen Reichstag schaffen. Diese Behauptung ist eine freche Lüge! Wie! — nachdem die Regierung ein halbes Jahr lang wie ein auf der Anklagebank sitzender Verbrecher über Alles und Jedes bis in die kleinsten Details Rede und Antwort gestellt hat, nachdem sie alle ihre Karten offen aufgedeckt hat, offener als cs vielleicht bei der unseren Nachbarn gegenüber gebotenen Diskretion wünschenswert war, dem feinen Gesichtchen mit dem seltsamen Teint, der an die Farblosigkeit der Theerose erinnerte, den großen träumerischen schwarzen Augen harmonierte vas ganze volle tiefdunkle Haar, auf dem ein fast »läulicher Glanz ruhte.
Es war zum Malen schön das zärtliche, so remdländisch erscheinende Mädchen, und die Augen der alten Frau hingen denn auch entzückt an der holdseligen Gestalt — dem süßen Gesicht ihres Lieblings, der, die Handschuhe von den feinen, aber jetzt rotgefrorenen Fingern ziehend, in weichem, zärtlichen Ton erwiderte:
,O, Frau Rätin, bitte, lassen Sie mich nach wie vor arbeiten: Meine Schützerin sind Sie ja doch und meine Wohlthäterin ebenfalls. Mir aber giebt die Arbeit ein gewisses Selbstbewußtsein und gewährt mir den Trost, wenn auch nicht vollkommener Vergessen — und dann — ach, Frau Rätin, ich muß auch sparen!"
Da waren sie wieder, diese Andeutungen, wie le so oft, manchmal wohl absichtslos über Mar- gots Lippen kamen und eigentlich störend in die richtige Zuneigung der Matrone zu dem Mädchen leien.
Die alte Rätin war gewiß nicht neugierig, der Lrnst des Lebens hatte diese Charaktereigenschaft ängst in ihr erstickt, aber es kränkte sie doch, daß Margot ihr nie von dem Vergangenen erzählte und trotzdem nicht unterließ, immer wieder anzudeuten, daß sie Schweres erlitten, trotz ihrer Jugend fchon von bitteren Schicksalen sprechen konnte.
Aber sie verriet wie stets so auch jetzt nicht, )aß sie die Rede des Schützlings befremde, und nur, um schnell auf ein anderes Gesprächsthema zu kommen, sagte sie nun, während sie das kochende Wasser in die Theekanne goß:
nachdem sie alle Einwände siegreich widerlegt und selbst die verbiffeosten Gegner zum Schweigen gebracht hat, da wagt es Herr Dr. Böckel, dem als Reichstagsabgeordneteu doch alle Mittel der Orientierung offen standen, jetzt die Regierung in der Militärvorlage des Betruges zu bezichtigen. So tief erniedrigt sie dieser Mann, so tief demüttgt er das nationale Gefühl und das bloß, um Reklame für sich und sein bedrohtes Mandat zu machen.
In der That, es ist ein kläglicher Anblick, den dieser überzeugungstteue Polittker in der Klemme darbietet. Wir aber und Alle, die eS wohl meinen mit dem Vaterlande, können uns nur mü tiefer Indignation von dem Scbahren eines Mannes ab- wenden, der in maßloser Selbsttäuschung über seinen eigenen Wert und völlig skrupellos in der Wahl seiner Mittel, um jeden Preis die Rolle als unser Ver- tteter im künftigen Reichstage weiter spielen möchte. Aber um so verdienter wird das Schicksal sein, das ihn am Tage der Wahlen der ferneren Bemühungen für unseren Wahlkreis überheben wird.
Daß wir mit unserem Urteil über Dr. Böckel nicht vereinzelt dastehen, zeigt folgende an den „Wetzlarer Anzeiger" gerichtete Zuschrift:
„In Nr. 118 des „Wetzlarer Anzeigers" schwingt ein Anttsemit seine Waffe für den Obersten der Antisemiten Dr. Böckel und behauptet, der Nattonal- liberalismus habe auf dem Schöffengrund abgewirtschaftet. Er hätte Auttsemittsmus sagen sollen, dann hätte er in die Kerbe gehauen; denn Dr. Böckels Stern ist im Erbleichen, seit er sich in seinem wahren Lichte gezeigt hat. Wie hat er mit seinem Anhänge vor 3 Jahren gegen die Freifiuntgeu geeifert, sie Judengenossen genannt — und heute zieht er mit ihnen an einem Strang, ist also ihr Genosse — ein Judengenosse; er hat sich „gemausert". Nach wieder 3 Jahren wird er sich wohl noch einfach „Genosse" nennen, denn seine Kampfesweise ist schon längst die derjenigen, die sich als „Genossen" bezeichnen, der Sozialdemokraten. Die Bewohner des Schöffen- grundes machen diese Mauserung nicht mit. Sie lassen sich auch keinen „Bähr" aufbinden, obwohl sie sonst für die Vogelsberger Rasse eingenommen sind.
Wenn Dr. Böckel in Schmalbach erklärt hat, wie seine Getreuen behaupten, er sei für die Militärvorlage, so führt er seine Anhänger hinters Licht. In der Reichstagsfitzung vom 6. Mai hat er erklärt: Keine neuen Soldaten und keine neuen Steuern! In Berlin stimmte er in Gemeinschaft mit dem
„Nun, meine Liebe, ich will ja auch nicht in Sie bringen, meine Wünsche zu erfüllen, weiß ich doch auch aus eigener Erfahrung, ein wie großer Segen in der Arbeit liegt! . . - Apropos" fuhr le dann fort, „Sie haben jetzt aber wohl ungewöhnlich viel zu thun Ich denke die herannahende Weihnachtszeit wird sich wohl in der Damen- önfektionsbranche und besonders in Ihrem Geschäft »emerkbar machen."
Das junge Mädchen nickte
„Gewiß," sagte sie, „und besonders von außer- jalb und von Seiten der reichen, vornehmen Besitzer der Nachbarschaft werden große Anforderungen an unsere Leistungsfähigkeit gemacht . . . Denken Sie Rätin," setzte sie dann lebhafter, als es %2ßeife, hinzu — „so wurde vorgestern von e..kcr Gräfin Anna Herzfeld ein schwarzes Spitzenkostüm für sechstausend Mark bestellt. Die Dame wohnt in Palais Treuden — sie soll eine geborene Komtesse dieses Namens fein, — und ich wurde von dem Chef dazu ausersehen, nach der Tiergartenstraße zu fahren und ihr heute die fertiggestellte Toilette zu überbringen."
„Ah —! Und haben Sie die Gräfin Herzfeld elbst gesehen?" fragte die Rätin in hohem Grade interessiert. Und während sie dann langsam für Margot ein Brötchen mit Butter strich, fuhr sie dann fort:
„Sie müssen nämlich wissen, Gräfin Herzfeld ist noch vor zwei Jahren die berühmteste Schönheit unserer vornehmen Welt gewesen, viel umworben wie keine andere Dame sonst, aber man sagt ihr nach, sie sei nicht blos die schönste, sondern auch die tolzeste Frau. Schon damals war sie Witwe und ebt seit dem Tode ihres greifen Gemahls, der eine )ohe militärische Stellung eingenommen, bei ihrem
Mußpreußen Dr. Lieber, E. Richter, Bebel und den elsässischen Protestlern gegen die Militärvorlage und gab mit ihnen das Vaterland dem Gespötte des Auslandes preis. In Schmalbach war er auch bereit, eine neue Steuer zu bewilligen. Verdient ein Mann Vertrauen, der hier so, dort anders spricht?
Früher stimmten die antisemitischen Macher in Volksversammlungen das schöne Lied au: „Deutschland, Deutschland über Alles." Wenn es aber gilt, statt der Worten Thaten zu zeigen, bann geht bem Antisemiteuführer Frankreich über alles.
Dr. Böckel brüstet sich mit bem Abbruch, ben er der Sozialdemokratie thue. Eitel Flunkerei! Er bereit ihr blos den Boden, wie jeder bezeugen kau», der bk Wirkung der Hetzerei, die er betreibt, beobachtet hat.
Auf dem Schöffengrunde ist mancher dem anscheinenden Biedermann nachgelaufen, und wenn er für die Militärvorlage gewesen wäre, fo würde er die meisten Stimmen bekommen haben. Das ist jetzt vorbei, nachdem unter seinem umgehängten patriotischen Mantel der Bocksfuß sichtbar geworben ist. Einer vom Schöffengrund."
Die „Schlesische Volkszeitung" veröffentlicht eine zweite Erklärung bes Abg. Freiherrn von Hnene, worin es heißt: „Die „Germania" spricht von meiner vollen Scheidung von bei Partei. Dies widerspricht der Thatsache, daß ich Mitglied der ZrntrumS- fraktton des Abgeordnetenhauses bin. Ich glaubte, aus meiner Erklärung ginge hervor, daß mir lediglich der Wahlaufruf mit seinem „Feldzeichen" den Einttitt in das neue Zentrum unmöglich mache, daß ich mich aber keiner anderen Partei anschließen könne. Die Folgen der durch den Wahlauftus geschaffenen Sage können nur dadurch geändert werden, daß die Fraktton zu ihrer alten Gepflogenheit zurückkehrt und die statutenmäßige Freiheit der Mitglieder in vollem Umfange anerkennt. Die „Germania" wirst mir gousememcntale Neigungen vor. Wenn das bedeuten solle, daß ich unter Schädigung der Interessen des Volks der Regierung zu Liebe gcwttkt habe, so weise ich diesen Vorwurf zurück. Das aber erkenne ich offen als Richtschnur meines Handelns, insbesondere als Ausfluß meiner katholischen Anschauung an, daß ich in allen den Fragen, in denen ich fachlich das Vorgehen der Regierung für richtig halte, mich freue, dieselbe zu unterstützen und in konservattvem Sinne zur Verteidigung und Auftechterhaltung der Ordnung und Autorität beizutragen."
zur Zeit nbch unvermählten jüngeren Bruder, dem immens reichen Grafen Guido von Treuden."
„Auch ihn hab' ich gesehen!" erwiderte bas unge Mäbchen schnell, unb sonderbarerweise färbte chattenhaft ein tiefes Rot das feine Gesicht.
Die Matrone sah befremdet zu ihr hinüber: „Sind Sie von bem vornehmen Manne beleidigt worden, ober hat das gräfliche Geschwisterpaar Ihnen auf zu bemerkliche Weise ben Unterschied zwischen ihrer gesellschastlichen Stellung und der kleinen Modistin gezeigt?"
„Nein, nein, Frau Rätin! Im Gegenteil, die Gräfin war überraschend lieb unb gut mit mir, ich empfand nichts von Stolz unb Ueberhebung, unb was den Grafen anbetrifft, nun, fo benahm er sich nur wie ein gebildeter Mann gegen eine gebildete Frau, wenn auch andererseits wieder etwas in seinem Wesen lag, was mich befremdete, ängstigte! '
„Befremdete — ängstigte?" Die Augen der alten Frau sahen sehr erstaunt in das bleiche Ge- icht ihres Gegenüber.
„Ja, Frau Rätin: befremdete, ängstigte. Doch Sie sollen alles wissen, hören Sie nur: Gras Guido war im Boudoir seiner Schwester, als ich zu ihr geführt wurde und kaum war ich in feinen Gesichts- reis eingetreten, als ein sonderbar unartikulierter Laut über seine Lippen tönte, seine Hände erhoben ich unb wie eine Geistererscheinung mit weit offenen Augen starrte er mich an. Nachdem die Gräfin mich dann aber auf das Freundlichste empfing, verbeugte auch er sich vor mir höflich unb chevaleresk.
Als hernach bie noch immer so schöne, vornehme Frau bie überbrachte Robe besichtigte unb manches Wort en mich richtete, bas sich nur auf Toilettenfragen bezog, fühlte ich unausgesetzt seine großen, geistvollen Augen auf mir haften, so daß ich mich