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Bierbrauereibesttzer Bopp teilt uns iubezug auf di« im gestrigen AuSschußfitzuugsberichte enthaltene Be­merkung über die Verbreiterung der Sybelstraße mit, daß er für Abtretung des in die Straße fallenden Terrain- weder eine Zahlung noch sonst eine Ent­schädigung verlangt habe, wohl aber die Erstattung der Kosten, die durch Herstellung einer neuen Futter- und Einfriedigungsmauer entstehen, welche allerdings bei der Länge nnd teilweise sehr abschüssigen Lage des Grundstückes recht große seien.

5. Mai. (Theater.) Wir mache» unsere Leser darauf aufmerksam, daß die Termine und Stücke für die drei Gastspiele von Mitgliedern des Königliche» Theaters zu Cassel folg, Übermaßen festgesetzt find: 1. Gastspiel „Iphigenie auf Tauris" Dienstag den 9. Mai, 2. Gastspiel „Die Heimat von Sudermann" Sonntag den 14. Mai, 3. Gast­spiel „Er muß aufs Land", Lustspiel von Friedrich, Donnerstag de» 18. Mai. Im übrigen verweisen wir auf daS heutige Inserat.

Marburg, 5. Mai. (Preuß. -Klassen- Lotterie.) Alle Liebhaber von Losen der Preuß. Klaffeulotterie wird es interessieren zu erfahren, daß bei der jüngst stattgehabten Vermehrung dieser Lose anch die hiesige Verkaufsstelle (Herr Universitäts- buchhäadler W. Braun) bedacht worden und nunmehr in der Lage ist, den Wünschen des Publikums bester als seither gerecht zu werden.

Marv«rg, 5. Mai. (Witterung.) Immer noch weht der kalte Wind, wen» auch das Thermo­meter am gestrigen Tage 15 Grad C. Wärme zeigte. Nachts blieben 6,25 Grad C. und fiel auch geringer Regen, zum richtigen regne» scheint es nun einmal nicht kommen zu wollen. Heute morgen find 10 Grad C. Wärme bei bewölktem Himmel und Nordwestwind. Barometerstand 752 mm.

Sonnen-Aufgang 4,22 Mond-Untergang 6,11 V.

Sonnen-Untergang 7,32 Mond-Aufgang —

ß-ff-r, 4. Mai. Heute beging unsere alte Real­schule in der Hedwigsstraße, die kürzlich zur Ober- Realschule umgewandelt wurde, in festlicher Weise den Tag ihres 50jährigen Bestehens.

Iiererrfierg, 2. Mai. Ein Verbrechen ist hier entdeckt worden. Ein Mädchen hat sein neugeborenes Kind, das bereits Freitag zur Welt gekommen sein soll, mutmaßlich getötet und in dem Keller verscharrt. DaS Mädchen, sowie der Stiefvater desselben sind verhaftet worden.

Komfiirrg v. d. K., 2. Mai. Vor etwa zwei Jahren verstarb hier der Deutsch-Amerikaner Braun ohne Hinterlassung von direkten Erben; das Ver­mögen, das er hatte, betrug über eine Million Mk. Braun war mehrere Jahre uijstät in Deutschland ümhergeirrt, hatte bald hier, bald dort gelebt und niemals Steuern gezahlt. Die der Mehrzahl nach in Hersfeld wohnenden deutschen Erbberechfigten be­stritte» de» in Amerika lebenden die erhobenen An­sprüche auf den Nachlaß. Infolge besten kam es zwischen beiden Parteien zu einem Prozeß, der sämt­liche Instanzen durchlaufen und in den letzten Tagen durch Urteil des Reichsgerichtes zu Gunsten der Amerikaner seinen Abschluß gefunden hat. Das höchste Gericht entschied, da Braun nirgends ein festes Domicil gehabt habe, so sei anzuuehmm, daß er nicht der Absicht gewesen sei, dauernd außerhalb Amerikas sich niederzulasten, nnd es müsse daher das amerikauische Erbrecht Anwmdung finden.

Warönrg, 28. April. Gestern Nachmittag brannten bei Welda schon wieder ca. 6 Morgen Wald, dem Herrn Baron v. Brakel gehörend, nieder, während am Sonnabend ca. 2 Morgen abgebrannt waren. Nur dem energischen Eingreifen der Feuer­wehr stt es zu verdanken, daß das Feuer auf diese

es für ihn ebensoviel und mehr wert. Ich meine den Erben, Adalbert von Dürrenstein, mein Bester!

Dürrensteins ganze Gestalt erbebte und seine Augen funkelten haßerfüllt. Er war im Begriff, zu sprechen, als die Thür sich öffnete und Eva eintrat.

„Der Wagen wartet," sagte sie, brach aber so­gleich ab, als sie Herrn Martini bemerkte. „Ah, entschuldige, ich glaubte, Du seiest allein."

„Bitte," erwiderte Dürrenstein, „es ist nicht so gefährlich. Dieser Herr hat Geschäfte —"

Allein Herr Martini hatte sich schnell erhoben und mit einer theatralischen Verbeugung vor Eva sagte er mit einschmeichelndem Lächeln:

„Ich bin ein alter Freund Ihres Herrn Ge­mahls, gnädige Frau."

Eva sah ihn etwas erstaunt an. Dieser Mensch ein Freund ihres Gatten, des elegante» Herrn von Dürrenstein, schien ihr etwas sonderbar, allein sie grüßte ihn dennoch mit leichtem Kopfneigen.

„Ich stehe gleich zu Deiner Verfügung," sagte Dürrenstein, ihr die Thür öffnend. Eva sah ihn und dann Herrn Martini an, grüßte kurz und ging

Dürrenstein stand regungslos da, er war noch Gleicher als gewöhnlich und große Schweißtropfen standen auf feiner Stirn.

„Es ist allerdings etwas hart für Sie," höhnte Marttni befriedigt „Dies kleine Stückchen Papier beraubt Sie Ihres Namens und Ihre Frau des Vermögens."

Dürrenstein, welcher bis dahin dumpf vor sich hingestarrt hatte, trat jetzt auf Martini zu und blieb vor ihm stehen.

„Hunderttausend!" sagte er. „Es ist ungeheuer, ein ganzes Vermögen!"

Parzelle» beschräntt blieb. Dem hiesige» berittenen Gendarm Horch gelang es, die Brandsttster, drei 14- bis 16jährige Burschen, zu ermitteln und zur Anzeige zu bringe».

Hrimfierg, 2. Mai. Auf dem benachbarten Warthof ereignete sich gestern ein schrecklicher Un­glücksfall. Ein Sohn des Besitzers fiel so unglück­lich in eine im Gang befindliche Häckselmaschine, daß ihm ein Teil der Nase vollständig weggeschnitten wurde.

In der Provinz Hessen-Nassau haben nachbeuaunte Direktoren von Mchtoollaustalten und Professoren an höheren Unterrichtsonstalteu d e n Rang der Räte vierter Klasse erhalten: die Direktoren Hermann Wagner am Real-Progymnafium zu Ems, Dr. Hermann Baerwald an der Realschule der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt a. M., Dr. Christoph Hempfiug am Real - Progymuafium zu Marburg, Professor August Chuu am Real-Pco- gymnafium zu Diez, Peter Haas am Real-Progym- nafium zu Limburg, Dr. Emil Scholderer an der Adlerflycht-Schule zu Frankfurt a. M., Karl Homburg am Real-Progymnafium zu Schmalkalden, Dr. Adolf Bergmann am Real-Progymnafium zu Fulda, Dr. Mendel Hirsch au der Realschule der israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M, Dr. Adolf Gruno am Real-Progymnafium zu Biedenkopf, Friedrich Krösch am Real-Progymnafium zu Hofgeismar, Dr. Simou Widmann am Real-Progymnafium zu,Ober­lahnstein, Profeffor Dr. Karl Schirmer am Progym­nasium zu Eschwege, Dr. Ludwig Kaiser an der Real schule zu Wiesbaden, Dr. Karl Ackermann an der Realschule I zu Cassel, Dr. Ernst Schulze am Pro- gymnafium zu Homburg, Dr. Ferdinand Schmidt an der Realschule zu Hanau, Ludwig Strttter am Real- Progymnafium zu Biebrich, Joseph Mathi am Pro­gymnasium zu Höchst a. M.,

die Professoren Dr. Johann Balthasar Wagner am Real-Progymnastum zu Fulda, Franz Ruetz am Real-Progymnafium zu Schmalkalden, Dr. Georg Krebs an der Musterschule zu Frankfurt a. M., Friedrich Heuser am Realgymnasium zu Cassel, Joseph Johannis am Real-Progymnafium zu Fulda, Friedrich Otto am Gymnasium zu Wiesbaden, Dr. Julius Scheer an der Realschule zu Hanau, Dr. Abraham Sulzbach an der Realschule der israelitischen Religionsgesell­schaft zu Frankfurt a. M., Joseph Hillebrand am Gymnasium zu Hadamar, Dr. Ferdinand Friedrich Hornstein am Realgymnasium zu Cassel, Ferdinand Henrich am Realgymnasium zu Wiesbaden, Christian Israel an der Realschule zu Hanau, Hugo Simon am Real-Progymnastum zu Schmalkalden, Dr. Ernst Berich am Städtischen Gymnasium zu Frankfurt a. M., Dr. Gustav Wachenfeld am Gymnasium zu Hersfeld, Dr. Wilhelm Glaser am Realgymnasium zu Homburg v. d. H., Dr. Heinrich Flach am Gymnasium zu Wiesbaden, Dr. Christian Prätorius am Wilhelms- Gymnasium zu Cassel, Dr. Reinhold Müller am Gymnasium zu Wiesbaden, Joseph Hetzel am Gy mnasium zu Dillenburg, Richard Foertsch an der Realschule II zu Cassel, Wilhelm Schmitlhenner an der Ober-Real­schule zu Wiesbaden, Dr. Joseph Körber am Gym- uaflum zu Fulda, Franz Leyendecker am Gymnasium zu Weilburg, Dr. Robert Hoburg an der Wöhler- schule zu Frankfurt a. M., Dr. Ferdinand Lorey an der Klingerschule zu Frankfurt a. M., Dr. Karl Zuschlag am Friedrichs-Gymnasium zu Cassel, Dr. Eduard Auth am Wilhelms-Gymnasium zu Cassel, Dr. Bernhard Schmidt am Gymnasium zu HerSfeld, Dr. Hugo EuerS am Stöbt. Gymnasium zu Frankfurt a. M., Heinrich Breuer am Gymnasium zu Montabaur, Dr. Bernhard Spieß am Gymnasium zu Wiesbaden, Dr. Theopald Ebstein an der Realschule der israelitischen

„Nur ein Scheibchen von Ihrem Kuchen," lächelte Martini.

„Aber Sie sollen es haben," fuhr Dürrenstein fort

„Recht so," rief Martini, „geben Sie uns einen Check"

Dürrenstein schüttelte den Kopf.

„Nicht jetzt gleich. Ich habe bas Geld noch nicht."

„Machen Sie doch keine Umstände," wendete Martini ein.

Dürrensteins Augen blitzten zornig auf.

„Ich habe bas Geld nicht," sagte er, „aber ich werde es mir verschaffen "

„Gut, gut," versicherte Martini liebenswürdig, „es hat keine solche Eile, einen Tag o'er eine Woche kann ich schon warten. Unterdeffen werben Sie es mir nicht verdenken, wenn ich Sie im Auge behalte. Leute, die, wie Sie, in ber Klemme sitzen, schlagen einem zuweilen ein Schnippchen. Nicht wahr, es ist Ihnen nicht unangenehm, wenn ich hin und roieber einmal vorspreche?"

Eine erdrückende Last schien plötzlich auf Dürren- siein gefallen zu sein und ihn der Sprache beraubt zu haben.

„Ich werde Sie zuweilen ganz freundschaftlich besuchen, bis bas Geld beschafft ist," sagte Herr Martini zuvorkommend. „Wenn es Ihnen behebt, können Sie ja auch bis dahin einen Abstecher nach H machen und im Kirchenbuche dort nachschlagen. Ich glaube, das wäre das Beste Ich will Sie gern dahin begleiten Sie brauchen sich durchaus nicht auf mein Wort zu verlassen," schloß er, seinen Hut nehmend, „sondern Sie könne» sich zu Ihrer eigenen Beruhigung durch den Augenschein über- zeugen." (Kattsetzunz folgt )

Gemeinde zu Frankfurt a. M., Bernhard Grebe am Realgymnasium zu Cassel, Dr. Valentin Kramm am Realgymnasium zu Cassel, Dr. Karl Weidenmüller am Gymnasium zu Marburg, Dr. Alexander Riese, am Städttschen Gymnasium zu Frankfurt a. M., Johann Peter Schmitz am Gymnasium zu Montabaur, Dr. Ludwig Adam am Gymnasium zu Wiesbaden, Karl Schenck am Gymnasium zu Hadamar, Dr. Hermann Siebert am Realgymnasium zu Caffel, Dr. Harald Schütz am Städtischen Gymnasium zu Frank- ß»rt a. M., Karl Heinrich Meyer am Real-Progymnasium zu Geisenheim, Dr Eduard Weber an der Wöhler- schule zu Frankfurt a. M., Otto Range am Gymnasium zu Fulda, Friedrich Werner Held am Real-Pro- gymuasium zu Diez, Dr. August Fritsch an ber Klingerschule zu Frankfurt a. M., Dr. Joseph Wahle am Gymnasium zu Montabaur, Dr. Arweb Klippert am Gymnasium zu Hersfelb, Dr. Joseph Ferwer an ber Realschule ber israelitischen Gemeinde zu Frank­furt a. M., Robert Zwirnmann am Realgymnasium zu Caffel, Dr. Karl Zeibler an ber Musterschule zu Frankfurt a. M., Alfred Berlit am Gy nuafium zu Rinteln, Karl Kegel am Gymnasium zu Dillenburg, Dr. Ludwig Oelsner an der Wöhlerschule zu Frank­furt a. M., Audust Schlimbach an der Wöhlerschule zu Frankfurt a. M., Dr. Veit Valentin an der Wöhler­schule zu Frankfurt a. M., Friedrich Stange am Realgymnasium zu Cassel, Adolf Wagenknecht am Gymnasium zu Hanau, Dr. Bernhard Pontani an ber Friedrich - Wilhelms - Schule zu Eschwege, Johann Püttgen am Friedrichs-Gymnasium zu Cassel, Dr. Albert Becker am Gymnasium zu Hersfelb, Dr. Anselm Braun am Gymnasium zu Hadamar, Gustav Wertheim an ber Realschule ber israelitischen Gemeinde zu Frankfurt a. M., Dr. Georg Wolff am Kaiser- Friedrichs-Gymnasium zu Frankfurt a. M., Lic. Richard Oertel am Gymnasium zu Hersfelb, Dr. Ferdinanb Friedrich Schantz am Realgymnasium zu Cassel, Dr. Heinrich Thormann an der Selectenschule zu Frankfurt a. M., Waldemar G llhausen am Städtischen Gymnasium zu Frankfurt a. M.:

Deutscher Reichstag.

Berlin, den 3. Mai 1828.

Haus und Tribünen find stark besetzt. Am Burdes- ratstische: Graf Caprivi und zahlreiche Mitglieder des Bundesrates aus allen deutschen Bundesstaaten. Die zweite Beratung der Militärvorlage wird fortgesetzt. Abg. Richter-Hagen (freis.): Nach der gestrigen Erklärung des Herni Reichskanzlers kommt von den zur Vorlage eingebrachten Anträgen nur noch der des Abg. v. Huene in Frage. Der freisinnige Antrag AlthauS unterscheidet sich von diesem dadurch, daß er die zweijährige Dienstzeit für die Infanterie verfassungsmäßig festlegen will, während sie nach dem AMrage Huene vorläufig nur für die Dauer von fünf Jahren eingeführt wird. Der freisinnige Antrag setzt ferner die erhöhte Friedenspräsenz nur auf l'/i Jahre, während sie der Antrag Huene auf fünf Jahre festsetzt. Die Regierungsvorlage fordert eine Erhöhung der Friedens­präsenzstärke von heute um 89 000 Mann tncl. der Unter­offiziere, der Huene'sche Antrag gewählt 70 000 Mann, also ’/• der Regierungsvorlage, bei Berücksichtigung weiterer Punkte deS Antrages aber ’/«. Alles, was heuie in dem Anträge Huene steht, war bereits vor Ostern seitens der offiziösen Journale zugestanden worden, etwas thatsächlich Neues enthält er mithin nicht. Die Kommission, welcher der Entwurf überwiesen war, hat denselben außerordentlich sorgsam geprüft und rein sachlich diskutiert, nicht aber, wie der ReichSkrnzler in seinen gestrigen Ausführungen durch­blicken ließ, oberflächlich und deklamatorisch. Die Hervor­hebung der Autorstät der Generale, wie sie gestern durch den Reichskanzler erfolgte, gegenüber der Militärkommission bedeutet nur die Negation des Parlamentarismus. (Sehr richtig! links und im Zentrum.) Ein großes Gemeinwesen, wie das deutsche Reich, hat heute zahlreiche Aufgaben zu erfüllen, und da muß die Verteilung der vorhandenen materiellen Mittel mst Vorsicht erfolgen. Für die Armee können wir da nicht Alles aufwenden. Berufsleute können in solchen Dingen auch nicht die maßgebende Entscheidung haben, da fie immer einseitig urteilen werden- Der Herr Reichskanzler hat gestern fast gethau, als ob wir uns eine Armee neu schaffen müßten; so weit sind wir aber doch nicht. Diese Rede war auck wohl der Anfang der zu er­wartenden Wahlagitation. Unsere Armee ist heute nicht schwach, sie ist thatsächlich dreimal so stark, wie vor 1870 71, es sind seitdem 16 Milliarden darauf verwendet worden, also eine Summe, die beweist, daß Deutschland ificht hinter anderen Staaten zurückglieb. 1870 71 waren wir noch dazu isoliert, heute aber können wir bei einem Kriege nach zwei Fronten zuversichtlich auf den Dreibund rechnen. Die Kriegsgefahr ist auch gar nicht groß. Der Herr Reichs­kanzler hat geredet, wie alle Kriegsminister reden, wenn sie Militärvorlagen zu verteidigen haben. Das ist also der Kern seiner Worte. Die militärischen Anforderungen selbst haben eine Steigerung erreicht, die nachgerade ins Uner­meßliche geht, heute schauen wir schon nicht mehr nach dm Nachbarstaaten, sondern eS wird gesagt: Wir müssen so stark werden, wie nur irgend möglich! Mst den gestrigen Ausführungen deS Herrn Reichskanzlers läßt sich schließlich auch die dreifache Erhöhung der jetzt geforderten Präsenz­ziffer rechtfettigen. ES fehlt heute schon an Mitteln für die nötigsten Kulturarbeiten; so haben in Preußen die Zu­schüsse zum Fottbstdungsschulwesen gekürzt werden müssen, es ist kein Geld zur nötigen Vermehrung der Baugewerks- schulen da, und was dergleichen Dinge mehr find. Beruht aber nicht die Wehrkraft eines Staates auf dem Produkt der materiellen und intellektuellen Kräfte deS Landes? Dagegen sucht die Militärverwaltung die Dinge heute so d-rzustellen, als ob lediglich die Ziffer der eingezogenen Soldaten die Wehrkraft auSmacht. Die freisinnige Partei hat die zweijähttge Dienstzeit im Interesse der Entlastung des Volkes schon seit Langem geforbert; wie die zwei­jährige Dienstzeit aber hier in dem Anttag Huene gefordert wird, bringt sie nur eine schwere Belastung. Auch nach dem freifinnigen Antrag ergiebt sich übrigen« ein: Kriegs­stärke von über 4 Millionen. Die Regierungsvorlage be­zweckt aber weniger eine Erhöhung unserer Kriegsstärke, als vielmehr eine Erhöhung der Kriegsbereitschaft. D:r Kriegsminister von Verdy hat im Jahre 1890 in der Militär- kommifsion des Reichstages klargelegt, daß wir Frankreich militärisch gewachsen sind. WaS hat fich denn sestdem so gewaltig geändett. Die F.'rifinnizeu find berest, Alles zu bewilligen, was zur Durchführung der zweijährigen Dienst- zeir auf der Grundlage der heutigen Friedensstärke der Armee erforderlich ist. Mst dieser Vorlage werden Tausende von Sollutten mehr verlangt, die wir nicht gebrauchen, denn man entzieht heute schon Tausende ohne Not dem Dienst mit der Waffe, indem man fie zu Dienstleistungen

verwendet, die mit dem Militärdienst nichts zu thuen haben. Unsere Milstärlasttn find heute schon größer, als die k Oesterreich Ungarn, Italien und Rußland, die Finanzlage ist ungünstig, ober trotzdem ist der Reichskanzler fX cavalierement über die Deckungsfrage fortgegangen: Wem, der Reichstag die Vorschläge der Regierung nicht will, s, accepttert die Regierung auch andere Steuern; wir neunte, was wir kriegen, heißt es bei den Herren. Herr v. Huene hat auf einen Einkom nensteuerzuschlag hingewiesen: nun, in Preußen würde bann ein Zuschlag von 60 % zur D-ckuw, ber Kosten ber Militärvorlage erforderlich sein. Ob da, die Steuerzahler so ohne W.stereS geben werden, bezweifle ich. Der Herr Rrichskauzler hat die Konservative, wegen ihrer Haltung zur Mfltiärvorlage belobt I, dem Augenblick, in welchem dem Volk die neue Militör- last auferlegt werden soll, gründen die Konservottven noch dazu den Bund der LebenSmittelverteuerer. Die Unsicherheit, durch welche nach den Worten des Herrn Reichskanzlers unser Verkehrsleben beeinflußt ist, hat ihre Ursache in den neuen Steuerprojetten und den Sttasgesetzen, wie die jüngst hier angenommenen, durch welche in Handel und Wandel störend eingegriffen wird Kein Programm kann heute tu der Bevölkerung populärer sein, als das: Keine neuen Steuern, keine neuen Soldaten, keine neuen Strafgesetze. War sollte das auch gestern heißen: Wir stehen vor einem Konflikt? Wenn der Reichstag eine Maßregel ablehnt, so hat sie z„ unterbleiben, sonst kommt der Grundsatz zur Anwendung daß Gewalt vor Recht geht, sonst wird VersaffungSbruch geübt, und die Revolution von oben herab eingeleitet Davor mag ein gütiges Geschick die Regierung doch bewahren. Ich kann nur sagen: Gott mag die Regierung vor ihren Freunden schützen, am meisten vor dem Abg. v. Huene. (Beifall links, Zischen rechts.. — Reichskanzler Gras Caprivi: War der Abg. Richter soeben gesagt hat, ist bis auf den letzten Teil von ihm in bett letzten Monaten wiederholt aus­geführt worben. Der Einbruch bieser Darlegungen wird also nicht allzu groß sein. Wenn der Abg^ Richter in Bezug auf Herrn von Huene äußerte: Gott schütze die« Regierung vor ihren Freunden!, so mag daS seiner Auf­fassung entsprechen. Die Regierung kann sich nur glücklich schätzen, einen solchen Mann, der sich so mutvoll benommen, zu ihren Freunden zu zählen. (Bestall rechts.) Ich muß gestehen, daß der Abg Richter eS versteht, gewisse Dinge nicht zu hören, so meine Ausführungen über die militärische Offensive. Ich habe ausdrücklich hervorgehoben, daß wir stark sein müssen, um kurze Kriege führen zu können. Wst müssen vor allen Dingen auch zu verhüten suchen, daß der künftige Krieg innerhalb unserer Rcichsgrenzen geführt wird; eine solche Thatsache würde unter allen Umständen eine schwere Drangsalierung der Bevölkerung im Gefolge haben, denn bann werden die Lasten auferlegt, ohne Rücksicht darauf, ob st: auch getragen werden können, und zwar vom Freund, wie vom Feind. Von beiden Setten werden in solchen Fällen große Schäden angerichtet, bie et ft in langen Iahten wieber ausgebessert werden können. Heute wollen wir nm Lasten auferlegen, die recht wohl getragen werden können, und, wie ich hoffe, auch gern von Vielen getragen werden, weil sie uns den Frieden und im Ernstfälle nach mensch­licher Berechnung den Sieg sichern werden. Daß bei uns bie Milttärlasten größer, wie in anderen Staaten find, ist nicht richtig, bas Gegenteil ist vielmehr ber Fall. Einen Konflikt strebt bie Reichsregierung ihrerseits nicht an, fie wirb auf verfassungsmäßigem Wege zu erreichen suchen, was fie für notwendig hält im Interesse ber Sicherheit und bes gebeihlichen Fortbestehens deS beutschen Reiche«. Ich habe gestern gefugt, daß, wenn es zu Neuwahlen kommt, die mit der Zusttrnmung zu dem Anttag Huene gemachte Konzession ber verbündeten Regierungen vielleicht nicht wird aufrecht erhalten werden können: ich kann und will heutt dazu konstatieren, daß bei den Neuwahlen ber Antrag Huene unsere Wahlparole bilben wird. Ich hoffe auch, die Be­völkerung wird das Entgegenkommen der Regierung anzu­erkennen wissen. 'Beifall rechts.) — Abg. Frhr. von Stumm (freifonf.): Wir werden für den Antrag Huene stimmen, weil derselbe in ber That einen befriebigenben Ausgleich ermöglicht unb bie Kosten der Vorlage ermäßigt, ohne doch die Verteidigungskraft des Vaterlandes zu schwächen. Daß Deutschland sich gegenüber feinen Nachbarn in militärischer Beziehung im Hintertreffen befindet, ist nicht zu leugnen und wir müssen deshalb darauf bedacht sein, uns in eine Reihe mit jenen zu stellen. Unsere Finanzlage ist allerdings nicht eben günstig, aber sie ist doch auch bei Weitem nicht so schwarz wie sie der Abg. Richter geschildert hat; zur Sicherung des Vaterlandes müssen die erforderlichen Mittel beschafft werden und können zweifelsohne auch be­schafft werden. Es ist selbstredend, daß man nur den Frieden dann sichern tarnt, wenn man die Macht besitzt, im Kriege einen sicheren Sieg zu erringen. Die neue Militärvorlage ist vom Abg. Richter sehr abfällig kritisiert worden, sie hat doch aber zweifellos ihre großen Vorzüge, und die heftigen Bemerkungen des Herrn Richter sollen auch wohl nur den Zweck haben, diese Vorzüge zu verdunkeln. Vor allem wird die neue Heeresorganisatton uns eine Ver­jüngung ber Armee sichern, bie im Kriege von befonberent Werte werben kann. De» Mut, Alles baran zu setzen für bie Ehre unb Sicherheit des Vaterlandes, diesen Mut habe auch ich. (Beifall rechts.) — Abg. Bebel (Soz.): Ge­rade als Sozialdemokraten haben wir das größte Interesse, dafür zu sorgen, daß die Integrität Deutschlands geschützt wird, denn wenn es auswärtigen Gegnern gelingt, aus Deutschland Stücke herauszureißen, werden unsere Ziele hinausgeschoben. Aber wenn wir auch die Jnttgrttät de« deutschen Reiches erhalten wollen, so gehen doch unsere An­schauungen und die der Reichsregierung über die Mittel und Wege auseinander. Wir sind der Meinung, daß eilte weise Politik die llebcrlaftung des Volkes vermeiden muß, wie wir sie heute leider haben. Die Mehrheit deS Reichs­tages wird deshalb auch nur auS Angst vor ihren Wählern gegen die Vorlage stimmen. Es wird auf einen Konflikt hingewiesen für den Fall, daß die Vorlage abgelehnt werden sollte; in gewissen Kreisen diSkuttert man sogar schon die Befestigung deS allgemeinen diretten Wahlrechtes. Hüte» Sie sich mtt solchen Dingen, der Revolution von oben könnte leicht eine Revolutton von unten folgen. Wir sind überall in ganz Europa an ber Grenze der Leistungsfähigkeit auf militärischem Gebiete angekommen. In Oesterreich Ungarn und Italien sieht man schon mit einer gewsssen Besorgnis auf Deutschlands neustes Äorgehm. Man fürchtet in diesen Ländern, daß nun auch ihnen entsprechende HeereSver- ftär fangen werden zugemntet werden, die fie unmöglich tragen können. Auch Frankreich ist an ber Grenze feiner militärischen Leistungsfähigkeit angelangt, wie bas Defizit, bie Sparkassen - Rückgänge und andere Vorkommnisse be­weisen. Interessant in ber gestrigen Rede des Reichskanzlers war mir besonders, daß er gegen das Milizsystem nicht militärische, sondern politische Gründe angeführt hat. 3» Milizsystem würden die Soldatemnißhandlnngen fortfallen, die Kosten würden bei rationeller militärischer Jugender­ziehung geringer fein, und von Privilegien wäre keine Rede. Man stellt sich dem Mflizsystem seitens der Regierung und ber Mehrheit bei Hauses deshalb ablehnend gegenüber, weil man in demselben, ob mit Recht ober Unrecht mal dahingestellt bleiben, befürchtet, daß eS sich gegenüber ber bestehenden Staatsordnung, dem bestehenden System feind­lich stellen werde. Die große Rüstung, in ber Europa feit Jahrzehnten starrt, steht tat Gegensatz zu ber ganzen mobernen Kullurentwicklung. Wenn eS in der nächsten Zett zu Neu­wahlen geht, so hoffen wft, daß die Ideen der deutsche»