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XXVIII. Jahrg

nur Vermutung Ist, bleibt ebenfalls abzuwarten. Hier kann kein Raten helfen, sondern allein ein Ab­warten.

Der Reichstag hat wieder einmal eine außer­ordentlich stürmische Sitzung gehabt, sie galt der Beratung des nun endlich vom Abg. Ahlwardt ttn- gebrachteu Antrages, sein Aktenmaterial einer Kom­mission von 21 Mitgliedern zur Prüfung zu über­weisen. Der Antrag ist angenommen, aber inzwischen ist der Schwerpunkt der ganzen Angelegenheit total verschoben: Vor Ostern hat Ahlwardt zuerst nach dem stenographischen Bericht behauptet, bei der Errichtung des Reichsinvalidenfonds seien schlimme Dinge vorgekommen; die Reichsregierung habe von Börsenjuden sich beeinflnffen lassen, wobei das deutsche Volk Hunderte von Millionen verloren habe. Heute sagt Herr Ahlward, er wolle schlimme Geschichten aus der Zeit der Errichtung des JnvalidenfondS be­richten und trägt nun allerlei Börsengeschichten vor, die für weitere Kreise nur insofern ein Interesse haben, als der heutige preußische Finanzminister Dr. Miquel damit in Verbindung gebracht und ihm vor­geworfenwird, er habe in seiner damaligen Stellung als Syndikus der Berliner Diskontogesellschaft bei diesen Geschäften auchverdient". Dr. Miquel hat das entschieden in Abrede gestellt. Auch andere hervorragende Abgeordnete, namentlich Bennigsen und Rickert, zog Ahlwardt in den Kreis seiner Aus­führungen, und namentlich bei einer ziemlich unver­blümten Beschuldigung gegen Herrn von Bennigsen gab es einen Aufruhr im Reichstage, wie er bisher noch nicht dagewesen war. Kein Abgeordneter hat bisher Worte zu hören bekommen, so lange der Reichstag besteht, und die dem Abg. Ahlwardt in die Ohren schalten, wie Schuft, Lump und Ver- läumderi Die mit der Prüfung der Ahlwardt-Akten beauftragte Kommission wird dieselben genau unter­suchen und dann hierüber dem Reichstage Bericht erstatten. Das wird wohl alsdann die letzte Ahl- wardtsitzung sein. Im Uebrigen verliefen die Ver­handlungen des Reichstages sehr still; verschiedene kleine Anträge und auch einige Gesetze wurden er­ledigt, wie das Wuchergesetz, das Gesetz über den Verrat von militärischen Geheimnissen. Das neue Seuchengesetz wurde in erster Lesung beraten. Man hofft die definitive Fertigstellung noch vor der Reichs­tagsauflösung ermöglichen zu können. Im preußischen Abgeordnetenhause hat man die zweite Beratung des ehr umfangreichen Kommunalsteuergesetzes begonnen, )ie ruhig und gemeffen vorwärts schreitet. Ueber das Befinden des Fürsten Bismarck waren sehr be­

unruhigende Meldungen verbreitet, die sich aber als unbegründet herausgestellt haben. Der Fürst litt nur an einem Katarrh, hat aber, wie erst nachttäg- lich bekannt geworden ist, einen recht bösen Winter hinter sich.

Im Auslande hat man sich sehr hervorragend mit der Romfahrt des deutschen Kaisers beschäfttgt. Die Ansichten gingen vielfach dahin, daß der politische Schwerpuntt der ganzen Reise im Besuche des Monarchen im Vatikan zn suchen sei. . Mit recht unverhülltem Aerger ist besonders in Patts der Verlauf der Reise beobachtet worden, und die Zeitungen haben sich mit Wohlgefallen in der Er­findung von allerlei ntederttächtigen Geschichten hervorgethan. Uns kann das gleich sein. Die Pariser Kammern find mit dem Beginn dieser Woche nach längerer Pause ebenfalls wieder znsammenge- treten, doch ist es bisher zu keinerlei nennenswetten Erörterungen gekommen. In London hat Mr. Glad­stone nun allerdings die Freude gehabt, daß feine Homernlebill für Irland vom Unterhaus des Parla­mentes in der zweiten und entscheidenden Lesung angenommen wurde. Dies Votum hat aber sofott das Signal zn blutigen Ausschreitungen in Irland gegeben, in der vorwiegend von Protestanten, den sogenannten Arangisten, bewohnten Provinz Ulster ist der Pöbel über die Katholiken hergefallea und hat ihnen arg mitgespielt. Irland ist bekanntlich vorwiegend katholisch, und von den katholischen Provinzen ist die Forderung nach dem Selbstregiment ausgestellt, von welchem die Arangisten nichts wissen wollen, wttl sie dadurch nur Nachteile befürchten. In Ulster wird heute ganz offen mit dem Bürger­krieg gedroht. Zn schweren Ansschreitnngen ist es auch in Hüll bei dem Sttetk der Dockarbeüer ge­kommen, die große Brandstiftungen verursacht haben. Diese offenen Empörungen bereiten der Londoner Regierung sehr viel Sorge, eS ist die Absendung von Militär angeordnet. In Belgien dauert der Streit eines Teils der Bergleute fort, doch ist es zu größeren Krawallen nicht mehr gekommen. Arbeiter­ausstände mit tnmultuarischen Ausschreitungen find auch in Wien und Graz vorgekommen; In der ersteren Stadt streiken die Zimmerleute, in der letzteren die Maurer. Eine Einigung zu erzielen, ist bisher un­möglich gewesen. Im ungattschen Reichstage find jetzt die ersten beiden der neuen Kirchengesetze einge­bracht worden. Sie betreffen die Einführung der Zivilstandsregister und die Gleichstellung der jüdischen Religion mit den christlichen Kirchen. Aus dem Orient ist etwas Neues nicht zu vermelden. In Serbien,

Truppen konstatiert worden sein soll. Sehr ausgiebig haben der Kaiser, wie vor allem die Kaiserin ihren Aufenthalt in Rom dazu benützt, die Sehenswürdig­keiten der Stadt, wie die Naturschönheiten in der Umgebung zu besichtigen und der Enthusiasmus der italienischen Landbevölkerung ist hierbei in rührender, oft naiver Weise zu Tage getreten. Dem Besuche von Rom folgt ein solcher von zweitägiger Dauer in dem reizumflossenen Neapel, worauf die Heimreise nach Norden angetreten wird, die über Spezzia und Genna nach Luzern geht, woselbst am Vierwald­städtersee die offizielle Begrüßung der kaiserlichen Majestäten durch den Bundesrat der Schweizer <Äd- genossenschaft erfolgt. In Deutschland gedenkt das Kaiserpaar noch einen mehrtägigen Aufenthalt in Karlsruhe zu nehmen, bevor es für die Frühjahrszeit feine Residenz im Neuen Palais bei Potsdam aufschlägt.

ES hat nicht an Stimmen gefehlt, und sie werden besonders im Auslande von Tag zu Tag zahlreicher, die im vollsten Ernste behaupten, es fei dem Kaiser gelungen, den Papst zu bewegen, sich bei der Zentrums­partei des deutschen Reichstages für die Annahme der deutschen Militärvorlage zu verwenden. Der Umstand, daß der Kaiser dem Kardinalstaatssekretär Rampolla den Schwarzen Adlerorden, den höchsten preußischen Orden verliehen hat, daß der deutsche Staatssekretär des Auswärtigen Freiherr von Mar­schall vom Oberhaupte der katholischen Kirche in anderthalbstündiger Audienz empfangen worden ist, und endlich der Umstand, daß der Kaiser dem ftüheren Erzbischof von Posen, Kardinal Ledochowski bei Ueberreichung einer Tabatiere sehr verbindliche Worte gesagt haben soll. Alles das wird als Beweis dafür betrachtet, daß zu Rom in Sachen der Militärvorlage wirklich etwas geschehen fei. Demgegenüber hat nun die Regierung imReichsanzeiger" offiziell erklären lassen,daß weder in der Unterhaltung Se. Majestät des Kaisers mit Seiner Heiligkeit dem Papst, noch in der Audienz, welche Letzterer dem Staatssekretär Freiherrn von Marschall gewährte, der Militärvorlage irgend eine Erwähnung geschehen ist." In einer Woche wird man jedensalls überall klar sehen, denn, nachdem nun her Bericht über die Verhandlungen der Militärkommission des Reichstages festgestellt worden ist, wird am zweiten Tage des Mai in die zweite Lesung her großen HeereSvorlage im Plenum hes Reichstages eingetreten werden. Vielleicht zieht die definitive Entscheidung sich bis zur dritten Lesung hinaus, es heißt auch neuerdings, eine Anzahl deutscher Bundesregierungen sei her Reichstagsauflösung abge­neigt, aber ob auch haS nun wieder zutreffend oder

Einige der Damen waren bis zu Thränen ge­rührt, als seine sanfte Stimme sich in diesen glatten, anmutigen Phrasen erging; aber der alte Vetter saß da und betrachtete ihn mit einem seltsamen Lächeln auf seinem alten runzligen Gesichte, während er sich eine Prise nach der andern in die Nase stopfte.

Nur Eva saß da, die Angen auf das Tischtuch geheftet, die Hände in den Schoß gefaltet, als gingen sie die Worte des Redners nichts an. Die Reihe von Gesichtern vor ihr verschwand wie in einem Nebel und in jenem Moment stand, alles andere verdrängend, die hohe, ritterliche Gestalt Adalbert Valter'S vor ihr, wie er ihr in jenem Gewitter­turm die Geschichte seines Lebens und Liebens er­zählte, und die süßlichen Töne der Stimme ihres Gatten verloren sich in dem Geräusche des Regens, welcher auf Adalbert's entblößtes Haupt niedersiel.

Sie erwachte aus dieser Betäubung, erschrocken, 'ich nicht im Walde zu befinden, und sich ettnnernd, daß Adalbert Walter ein Verbrecher war, den sie nur dadurch vor der gerechten Strafe bewahrt hatte, daß sie die Gattin seines Feindes geworden.

Während des Geplauders und Gelächters wurde gemeldet, daß der Wagen, welcher die Neuvermählten zur Eisenbahnstation bttngen sollte, bereit sei und Eva ging hinauf, um ihren Brautstaat gegen ein Reisekleid zu vertauschen.

Es ist dies ein Moment, wo die Braut, indem ie von ihren Eltern und ihrem alten Heim Ab- chied nimmt, gewöhnlich in Thränen zerfließt. Aber Eva hatte keine eitern, welchen sie hätte Lebewohl ägen können, und dasHeim" war ein prachtvolles Schloß, welches erst seit wenigen Monaten ihr eigen war, und somit vergoß sie keine Thränen. Im Segenteile, sie verhielt sich io kalt und ruhig bei er Toilette, als kleide sie sich zum täglichen Diner

einem aus dem Herzen dringenden Seufzer der Er­leichterung und Befriedigung auf einen Stuhl, dann sprang sie auf und rief mit dem ihr eigenen mun­teren Lachen aus:

Ich muß die Erste sein, welche der Braut Glück wünscht," und ihren Arm um Eva schlingend, küßte sie dieselbe.Möge Ihnen das schönste Glück be- schieden sein, Frau Baronin von Dürrenstein !" sagte sie.

Eva zuckte leicht zusammen bei dieser Anrede, dann aber lächelte sie ihr nichtssagend und zerstreut zu und ließ sich von Dürrenstein an den Wagen führen, der, gefolgt von der Menge, die Neuver­mählten nach dem Schlosse brachte.

Das Frühstück, welches der Trauung folgte, war ebenso glänzend, wie die Gesellschaft, welche zugegen war. Der alte Vetter Dürrenstein hielt eine kapitale Rede, in welcher er von der Schönheit seiner Cou- sine, der jungen Gattin, sprach und des Ehemanns, den er vielleicht alle fünf Jahre einmal zu sehen bekam, erwähnte, als stände er ihm womöglich noch näher als ein Bruder Auch Rechtsanwalt König sagte einige ernste, herzliche Worte und Hauptmann von Planitz brachte in äußerst humoristischer und pikanter Rede einen Toast auf die Damen aus Aber am besten sprach der Bräutigam in seiner Dankrede. Er sagte, hie teuerste Hoffnung seines Lebens sei an diesem Morgen in Erfüllung xe gangen; obgleich die Schönheit seiner Gattin nie­mandem schöner erscheinen könne als ihm, so schätze er doch noch höher als die ihre Herzensgüte und Liebenswürdigkeit Er erkenne wohl seine Un­würdigkeit, einen solchen Schatz zu besitzen, dem er nichts entgegenbringen könne, als seine glühende Liebe und Verehrung und so weiter und so weiter.

Wochenschau.

Als eine frohe Fahtt nach dem Süden, deren Reiz durch keinerlei Störung beeinträchtigt, deren Genuß noch durch überaus herzliche Begrüßung des befreundeten und verbündeten Volkes unseres Herrscher­paares erhöht worden ist, stellt sich die Reise unseres Kaisers und seiner Gemahlin bar. Von Politik war btt der Reise wenig zu erkennen, wenn der Kaiser auch von dem Staatssekretär Frttherrn von Marschall begleitet war und die üblichen Ordensverleihungen an italienische Minister und an den Kardinalstaats- sekretär Rampolla stattgefunden haben; kann man bei diesem Fürstenbesuche, her zunächst der Teilnahme an der silbernen Hochzeitsfeier des italienischen Königs­paares galt, von der Politik reden, so liegt die politische Bedeutung vor allem in der Würdigung des deutsch-italienischen Bündnisses, unb damit des großen Friedens-Dreibundes, durch die italienische Nation. Ditte Würdigung ist mit dem ganzen, rauschenden Enthusiasmus des Südens Dertrcten worden. Wie die Festlichkeiten im italienischen Königs­palaste, dem Qnittnal, ist auch der Besuch des deutschen Kaiserpaares im Vatikan, der päpstlichen Residenz, ohne äußerliche Störungen vollzogen. Eine volle Stunde hat die unter vier Augen geführte Unterredung zwischen Kaiser unb Papst gedauert, unb es werben naturgemäß mancherlei Vermutungen über den Inhalt bieses so langen Gespräches laut. Bestimmtes hat barüber bisher nicht verlautet, man weiß aber, baß sowohl Kaiser Wilhelm II., wie Papst Leo XIII. nach dieser Unterhaltung sehr heiter nnb angeregt ausgeschaut haben. Zu Ehren des deutschen Kaisers fand auch eine große Parade über die Garnison von Rom statt, bei welcher ein wesent­licher Fortschritt in der Ausbildung der italienischen

Marburg,

Sonntag, 30. April 1893

an, während ihre Kammerjungser und Adelheid sich um sie beschäftigten.

Fehlt auch nichts mehr, Eva?" fragte Adel­heid.Ich werde Ihr Brautkleid sorgfältig auf­heben es wird Ihnen Freude machen, es anzu- ehen, wenn Sie wieder hierher zurückkommen. Aber haben Sie sonst keine Aufträge?"

Nein," sagte Eva,daß ich nicht wüßte"

Keine Bestellung an irgend Jemand?" forschte Adelheid, und mit teuflischer Lustigkeit neigte sie sich an ihr Ohr und flüsterte:Keine Bestellung an Adalbert Walter, wenn er zufällig wieder austauchen sollte?"

Die Farbe drang in Eva's Gesicht, und ihre ganze Gestalt erbebte; aber die jäh aufsteigende Röte wich ebenso schnell, und sie war wieder bleich und gefaßt, als sie ihrer Peinigerin voll in das anscheinend so harmlose Gesicht blickte.

Adalbert Walter?" sagte sie langsam und in eisigem Tone.Was sollte ich an ihn zu bestellen haben?"

Im nächsten Augenblick ließ sich Dürrenstein's Stimme hören, der ihnen zurief, sich zu beeilen, um den Bahnzug nicht zu verfehlen, und Eva ging stnunter-

Die ländlichen Festgäste hatten sich am Fuße der breiten Marmorstufen aufgestellt, um die Braut abfahren zu sehen, und brachen in lautes Hochrufen aus, als Eva erschien.

Sie sah sie zerstreut an; allein Dürrenstein zog den Hut und verbeugte sich mit herablassendem Lächeln.

Ich danke Ihnen, Freunde, ich danke Ihnen!" ägte er-Wir verlassen Sie nicht auf lange, son­dern werden bald wieder zurückkommen."

Als er Eva die Stufen hinabfühtte und der

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Die Exped. derOberhess. Ztg."

Der Sieg der Liebe.

Roman von A v. Böttcher.

(Nachdruck »erboten.] (Fortsetzung.)

Ein Bild, ja ein Steinbild," murmelte ein eiter Herr, ein entfernter Verwandter Dürrenstein's, welcher zu dem Feste geladen war.

Als der Wagen mit dem Brautpaar durch das Parkthor fuhr, wurden sie mit einem dreifachen Hoch begrüßt und nicht wenige in der Menge setzten ein von Herzen kommendesGott segne die Braut! hinzu; denn Eva hatte es verstanden, sich die Herzen ihrer Untergebenen zu gewinnen. Aber selbst das Hochrufen und die Segenswünsche der Menge konnten nicht Eva's starre Ruhe und chre eisige Zurück­haltung brechen. Sie beugte sich zwar vor unb winkte ein- ober zweimal mit her Hanb, sank aber bann wieher schweigend unb teilnahmslos in hie Polster des Wagens zurück.

Die kleine Kirche war gebrängt voll, aber trotz her eleganten Toiletten her Damen unb her glän­zenden Uniformen her Offiziere, welche sich unter den Gästen befanden, ragte Dürren stein vor allen anderen hervor, als er, ein Lächeln auf seinen bleichen Zügen, wattenb an den Stufen des Altars stand.

Türrenstein hatte nie in feinem Leben besser ausgesehen und es wurde allgemein bemerkt, mit welch' freudig glänzenden Blicken er auf seine Braut schaute.

Die feierliche Handlung begann, her Geistliche hielt die Traurebe unb sprach den Segen, feierliche Orgeltöne erklangen unb her eheliche Bund war ge­schloffen.

Als das junge Paar mit feiner nächsten Be­gleitung in die Sakristei trat, sank Adelheid mit