Wöchentliche Beilagen: Kreisblatt für die Kreise Marburg nnd Kirchham.
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Marburg,
Donnerstag, 13 April 1893.
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XXVIII. Jahrg.
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Die Exped. der „Oberhess. Ztg."
Die konservative Partei und die Militärvorlage.
In der neuesten Nr. seines „Reichs-Herold" macht Herr Dr. Böckel der konservativen Partei den Vorwurf, fie habe die Militärvorlage zuerst bekämpft, als aber der Kaiser fich für dieselbe ausgesprochen, sei fie umgefallen und stimme seit jener Zeit für die Vorlage. Dieser Vorwurf der „Schwenkung" ist den Konservativen schon ftüher von anderer Seite gemacht worden und wftd nun von Dr. Böckel, der fich nm die thatsächlichm Vorgänge im Reichstag nur noch blitzwenig zu bekümmern scheint, einfach nachgeplappert.
Derartige Verdächtigungen entbehren jeder Begründung ; die Stellungnahme der Konservativen zur Militärvorlage war von Anfang an klar und korrekt. Bei der ersten Lesung des in Rede stehenden Gesetzentwurfs am 10. Dezember v. I. erklärte im Namen der konservativen Reichstagsftaktiou deren Vorsitzender, Herr Freiherr von Manteuffel, daß die Konservativen schwerwiegende finanzielle und militärische Bedenken gegen die Vorlage hätten. Hinsichtlich der ersteren äußerte der genannte Wortführer, „daß, ob wir uns für die Vorlage erklären können, davon abhäuge, daß die Kommifiare der verbündete» Regierungen uns die nötigen Aufklärungen geben und uns davon über- Mgeo, daß die Vorlage eine dringende Notwendigkeit für die Wehrhaftigkeit und damit für die Sicherheit des Landes und auch für die Erhaltung des Friedens ist". Diese Aufklärungen find in der Kommission erfolgt, die finanziellen Bedenken der Konservativen mußten also gegenüber der Notwendigkest der Erhöhung unserer Wehrkraft zurücktreten.
Die Bedenken militärischer Natm find schon vor Einbringung der Vorlage in der konservativen Preffe erörtert worden; dieselben bezogen fich tat wesentlichen
Der Sieg der Liede.
Roman von 3. v. Böttcherr
s Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
„Herrn von Dürrenstein? Ja, er war auch da," erwiderte Eva gleichgilttg.
„Und er war der Held des Abends, wie Sie die Heldin, nicht wahr?" fuhr Adelheid vor dem Spiegel stehend fort, indem fie eine Rose an ihrem Kleide befestigte und dabei ein Liedchen summte.
„Ich weiß es nicht. Ich glaube, ei waren noch schönere Männer dort al» er, obgleich ich nicht darauf geachtet habe."
„Aber keiner so distinguiert wie er," meinte Adelheid. „Ich habe noch keinen Mann gesehen, der so feine Manieren hätte, wie er. Freilich, ich sah auch noch nicht viele."
Eva schwieg, ihre Gedanken flogen zu Adalbert zurück und vor ihr erhob sich seine kräftige Gestalt in ihrem natürlich vornehmen Anstande, mit seinem «Men, schönen Gesicht.
„Ich weiß es nicht," sagte fie. „Ja, er ist ganz leidlich."
„Ganz leidlich! Laue» Lob ist schlimmer al» Tadel. Aber war haben Sie für heute vor! Wie denken Sie über eine Fahrt durch den Wald?"
„Ich kann heute Vormittag nicht ausgehen, Adelheid," sagte fie, während ihr das Blut in die Wangen stieg. „Ich — ich erwarte Besuch."
„So? Wen denn? Rechtsanwalt König etwa?"
„Nein, nicht Herr König," entgegnete Eva lieb- * kosend, ihre Hand auf Adelheid'» Arm legend. „Fragen Sie mich nicht, Sie »erben ei bald erfahren."
„Wie geheimnisvoll Sie heute find!" meinte
auf die Einführung der zweijährigen Dienstzeit. Herr Freiherr von Manteuffel erkannte in der erwähnten Reichstagssitzung vollkommen an, „daß auch die verbündeten Regierungen ihrerseits sich sehr schwer dazu entschlossen haben, die dreijährige Dienstzeit aufzu- gebe» und unS in der Vorlage die zweijährige Dienstzeit bei den Fußtruppen vorzuschlagen. Es ist ja — so äußerte der Redner weiter — geschehen, was niemand bestreiten wird, aus finanziellen Rücksichten, weil, wenn wft die dreijährige Dienstzeit mit der entsprechenden Erhöhung, wie sie als wünschenswert dargestellt wird, einführen müßten, dann allerdings die Lasten so groß wären, daß man von deren Unerschwinglichkeit mit vollem Recht sprechen könnte." Hierauf formulierte der konservative Wortführer den Standpunkt der Konservativen zu der Heeresvorlage folgendermaßen: „Kann uns uachgewiesen werden, daß die Vermehrung der Armee so notwendig ist, daß sie nicht unterbleiben kann, und daß Vorkehrungen getroffen find, welche eine Ausbildung der Truppen ermöglichen, die so ausgezeichnet ist, daß die Qualität der Armee dadurch nicht wesentlich leidet, gut, dann sind wir bereit, schließlich unsere Bedenken fallen zu lassen — aber auch nur dann; denn eine Armee, die zwar an Zahl stärker ist, wie unsere bisherige, die aber hinter ihr zurücksteht, halten wir nicht für eine Verbesserung, wir sehen darin nicht eine Verstärkung der Wehfikraft gegen unseren jetzigen Zustand, sondern lediglich eine Verminderung." Auch dieser Nachweis ist in der Kommission erbracht, also auch diese Bedenken fallen zu laffen, waren die Konservativen verbunden. Von einer „Schwenkung" der konservativen Partei in der Militärfrage kann demnach keine Rede sein; die Stellungnahme der Konservativen war auch in diesem Fall von Anfang an korrekt und loyal.
Zur Wiederlegung
der Broschüre „Die Militärvorlage und der Anttag Bennigsen" bringt die „Nordd. Allg. Ztg." zwei ausführliche Artikel, in denen es u. a, heißt:
„Ferner läßt die Belehrung darüber, wie die Regierung die Militärvorlage hätte vorbereiten muffen, erkennen, daß der Broschürenschreiber anch heute noch nicht über die Tendenz und den Kern der Militärvorlage im Klaren ist. Es wird verlangt, die Regierung hätte ankündtgen sollen, „daß fie bereit fei, die zweijährige Dienstzeit zu gewähren, daß fie aber auch im Interesse unserer Sicherheit nach außen eine wesentliche Verstärkung der Feldarmee erstreben muffe."
Adelheid in scherzhaftem Tone. „Was nennen Sie bald? Einen Tag, eine Woche, einen Monat?"
„Nur wenige Stunden," erwiderte Eva sanft, „bann werben Sie es erfahren, und ich hoffe, Sie werben ebenso glücklich barüber sein, wie ich."
„O, ich weiß ei!" rief Abelheib, entzückt in die Hänbe klatschenb. „Ach Eva, wie mich bai freut!"
„Sie wissen es?" fragte Eva glühenb, „war tviffen Sie?"
„Weshalb sollte ich es nicht erraten können? Herr von Dürrenstein hat um Ihre Hand ungehalten, und Sie haben feinen Antrag angenommen."
Eva erbleichte unb ihre Brauen zogen fich zu- farnmen.
„Herr von Dürrenstein hat nichts derartiges gethan —"
„Ach, wie bebauere ich bas! Welch' eine unbesonnene Närrin ich bin!" murmelte Abelheib.
„Unb wenn er wirklich um mich anhielte, würbe ich ihn ausschlageu," eoüenbete E»a kalt ben angefangenen Satz.
„Verzeihen Sie mir, liebste Eva. Meine Zunge geht auch immer mit mir burch unb bringt mich in Ungelegenheiten. Aber ich buchte wirklich — bas heißt, alle Welt weiß, rote er für Sie schwärmt, unb ich buchte —"
„An solche Dinge sollten Sie nicht benlen," entgegnete Eva freundlich, aber bestimmt „Nein, reden Sie nicht weiter. Ich mag diesen Morgen nicht an Herrn von Dürrenstein erinnert sein."
„Das sollen Sie auch nicht, wenn Sie e» nicht wünschen," versetzte Adelheid schmeichelnd. „Aber ba läutet bie Frühstücksglocke, ich muß mich beeilen, mein Haar in Orbnung zu bringen, wenn ich nicht wünsche, daß Frau Merlin mir eine Vorlesung
Das ist eine merkwürdige, schiefe Auffassung von dem Entstehen und Zwecke der Militärvorlage. Die Sache verhält sich genau umgekehrt, als wie dort angegeben wird. Die verbündeten Regierungen stehen nach wie vor auf dem Standpunkte, daß die volle dreijährige Dienstzeit der zweijährigen Dienstzeit als solcher vorzuziehen fei, und deshalb haben fie die Vorlage auch nicht eingebrucht, um „die zweijährige Dienstzeit zu gewähren", sondern fie haben fie eingebracht, weil fie überzeugt find, daß „eine wesentliche Verstärkung der Feldarmee im Interesse unserer Sicherheit nach außen unbedingt nötig fei". Da aber eine solche Verstärkung unter Festhaltung der gegenwärtigen Org«nisution schon allein ans finanziellen Gründen nicht durchführbar erschien, hat matt sich an den maßgebenden Stellen entschlossen, die zweijährige Dienstzeit zu adoptieren. Letztere ist also niemals „Selbstzweck" gewesen, sondern fie ist nichts als ein Annex, um den Hauptzweck zu erreichen — ausgiebige Verstärkung unserer Wehrmacht. Wer sich aber darin gefällt, die Militärvorlage in erster Linie unter dem Gesichtspunkte der zweijährigen Dienstzeit zu betrachten, der läuft eben Gefahr, zu einer Vorstellung zu gelangen, welche die Lebensinteressen der Armee in die zweite Linie schiebt. Wen» man aber im Bekämpfen solcher Vorstellungen „ein hartnäckig ablehnendes Verhalten des Reichskanzlers" erblicken will, so wird derjenige, welchem die Interessen des Heeres und damit des Vaterlandes höher stehen als die Partei und als jede Doktrin, darin nur eine Anerkennung erblicken können."......
Was nun die „zweijährige Dienstzeit" angeht, so wird in der „Beleuchtung", abgesehen von der bereits richtig gestellten falschen Vorstellung vom wirklichen Zusammenhänge zwischen zweijähriger Dienstzeit und der Militärvorlage, folgenden weiteren falschen Vorstellungen Ausdruck verliehen. Es wird gesagt, daß die Regierung zugestehe, daß „die Ausbildung der Fußtruppe in zwei Jahren durchweg möglich sei, wenn nur das Lehrpersonal dazu bereitgestellt und der Lehrplan durch Nebenbeschäftigung des Lehr- personalS nicht gestört werde". Diese Formulierung entspricht in keiner Weise den Regierungsabsichten hinsichtlich der Modalitäten der zweijährigen Dienstzeit. Das muß aber ausdrücklich hervorgehoben werden, weil diese einseitige Formulierung die Hauptschuld daran trägt, daß der Antrag Bennigsen weder in toto noch in den meisten Einzelheiten der wohlerwogenen Auffassung der Militärverwaltung darüber entspricht, in welcher Weise die zweijährige Dienst
über weiblichen Ordnungssinn hält," und lachend rannte fie au» dem Zimmer.
Eva stand eine Minute lang unb überblickte ben Rasenplatz. Vielleicht in zwei Stunden schon würde Adalbert über denselben daherkommen, und Alles würde bekannt werden. Ach, welch' eine glückliche, selige Zeit lag vor ihr! Was hatte fie je gethan, so viel Glück zu verdienen? Nicht allein Reichtum hatte das Glück ihr beschieden, es hatte feine Gabe auch jetzt damit gekrönt, ihr die Liebe des edelsten, schönsten Mannes zuzuwenden. Die Clemattsranke lag unter ihrem Kopfkissen, fie zog sie hervor und küßte sie leidenschaftlich, ehe fie dieselbe sorgsam in ein Fach ihres Schreibtisches verschloß.
„Bi» zu meinem Tode will ich Dich verwahren," flüsterte sie, „al» Erinnerung an den gestrigen glücklichen Abend I" Dann errötete fie, während ein selige» Lächeln ihre Züge verklärte. „Was würde wohl Frau von Raabe sagen wenn sie mich hören könnte? Sie, die mich dafür belobt hat, daß ich fo verständig fei, würde mich eine eben solche Thörin schelten, wie e» alle anderen Mädchen in meinem Alter find "
Dann begab sie fich in ben Hausgang, blieb aber an Betty'» Thür lauschend stehen. Nicht» regte fich brinnen, und auf ihr leises Klopfen an bie Thür erhielt sie keine Antwort. In bem Glauben, sie schlafe, erteilte sie einem ber ihr begegnenben Hausrnäbchen ben Befehl, Betty ja nicht zu wecken Frau Merlin, welche schon hinter ber Kaffeekanne thronte, nickte ihr freundlich zu.
„Man braucht heute nicht nach Ihrem Befinben zu fragen, Fräulein von Därenselbe," sagte sie. „Sie sehen au», wie ba» Bild ber Gesundheit. Ich bin überzeugt, Sie haben biese Nacht vorzüglich geschlafen."
zeit gleichsam mit Garantieen zu umgeben fei, »m durch ihre Einführung nicht das feste Gefüge des Heeres geschädigt zu sehen. Zu diesen Garantieen gehören aber nicht nur „Bereitstellung des Lehrpersonals" und ein „ungestörter Lehrplan", sonder» hierzu gehören die Bewilligung weiterer Kompensationen, als da find Durchschnittsstärke anftatt Maximalziffer, Trennung der Unteroffiziere von den Mannschaften bei Feststellung der Präsenzstärke, Etatserhöhungen, Aufstellung leistungsfähiger vierter Bataillone n. f. w. Erst wenn diese sämtlichen Kompensationen gewährt find, bann kann die Militärverwaltung mtt gutem Gewissen an die Einführung der zweijährigm Dienstzeit herantreten. Der Antrag Bennigsen gewährt aber diese Kompensationen nur in unvollkommener Form. In erster Linie gilt das hinsichtlich der „vierten Bataillone." Das Wese» und der Zweck dieser „vierten Bataillone" ist aber in der Broschüre nur teilweise richtig erfaßt. Wäre das in vollem Maße der Fall, dann würde wohl auch nicht für eine Verminderung der Etatsstärke dieser Bataillone eingetreten werden..."
„Zur „Kennzeichnung der Lage" wäre aber z» bemerken, daß von maßgebender Seite wiederholt angebeutet worden ist, wie die verbündeten Regierungen bereit seien, auf Vorschläge näher einzugehen, welche Zweck unb Ziel der Militärvorlage zu erreichen geeignet find. Nach den vorstehenden Darlegungen ist wohl kein Zweifel darüber, daß ber Antrag Bennigsen zwar ganz gewiß nach Tendenz und Form demselben Ziele zustrebt, aber um dasselbe substantiell auch wirklich zu erreichen, dazu bedarf er nach vorurteilsfreier und pflichtmäßiger Beurteilung nicht allein eine Erweiterung, sondern auch eine Vertiefung."
Deutsches Reich.
Aerki«, 11. April. Der Staatsminister und Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal- Angelegen heften Dr. Bosse ist hierher zurückgekehrt. — Der Staatsminister und Minister der öffentliche» Arbeiten Thielen ist aus Elsaß-Lothringen hier eingetroffen. — Der Königlich italienische Botschafter am hiesigen Hofe Graf Lanza hat Berlin mit Urlaub verlassen. Während seiner Abwesenheit fungiert der Erste Botschafts-Sekretär Marquis Dalia Valle di Pomaro als Geschäftsträger. — Der Kaiserliche Gesandte in Stockholm, General-Leutnant Graf v. Wedel hat einen Urlaub nach Deutschland angetreten. Während seiner Abwesenheit fungiert der Legations - Sekretär Graf v. Linden als Geschäfts«
„Das habe ich auch," sagte Eva lachend, ihren Platz am Tisch einnehmend.
„Ein guter Schlaf ist halbe Nahrung, pflegte mein Vater zu sagen," bemerke Frau Merlin.
„Das ist wahr, ber Schlaf ist ein gute« Ding," pflichtete Eva bei.
„Aber Träume finb besser," versetzt« Abelheib. „Wenn ich träume, so fällt mir immer ein fo großes Erbteil zu wie Ihnen, Eva, unb dann liegen mir, wieder gerade fo wie Ihnen, alle Männer zu Füßen."
Frau Merlin rümpfte bie Nafe.
„Es ist nur ein Glück, baß diejenigen, welche sich Ihres Vertrauens erfreuen, Ihre Worte nicht buchstäblich nehmen, Fräulein Braun."
„Halt! Heute dürft Ihr Beide nicht mit einander zanken," warf Eva lachmb ein. „Ich kenne Adelheid besser als Sie, Frau Merlin, und weiß, vaß sie nur fo spricht, um Sie herauszufordern. Adelheid, roo ist die Posttasche?'
Ein Diener nahm dieselbe von einem Nebenfische und überreichte sie ihr. Es befanden fich mehrere Briefe für fie unb einer für Adelheid darin.
„Welch' eigentümliche Handschrift," faate Eva, ihr denselben hinhaltend. Adelheid nahm den Brief unb legte ihn neben ihren Teller. Sie kannte Henn Josef Marttni's Handschrift nur zu gut
„Er ist von einer schrecklichen Schneiderin, welche zu glauben scheint, ich könnte vergessen, fie zu bezahlen; sie hält e» daher für notwendig, mich einen Tag um den andern zu mahnen."
„Mein Vater unterließ es nie, mir einzufchärfen, daß es die beste Art von Pünktlichkeit fei, feine Schulden sogleich zu bezahlen!" belchrte Frau Merlin.
„Wahrscheinlich vergaß er aber wohl, in* Er-