freunde Folge leistend, habe sich der Vorstand der Konservativen Partei beeilt, eine Versammlung zwecks Erör- terung der schwebenden Tagesftagen einzubemfen unddie wichtigsten derselben auf die heutige Tagesordnng gesetzt. Was zunächst die Judenfrage anbelange, so könne man sich die Beantwortung der Frage „ob eine solche überhaupt existiere" hier in Marburg ersparen, da man den Kampf um das Für und Wider in der extremsten Form ja täglich vor Augen habe. Die Judenftage selbst bestehe in der Konzentration eines großen Einflusies in den Händen weniger Personen, wodurch der Gesamtheit des Volkes eine ernste Gefahr erwachse, zumal diese Wenigen (die Juden) uns durch Religion, Sitte, Charakter und andere Anschauungen fremd gegenüberständen. Die Gefahr dieses Einflusses, wie ihn der Besitz von Geld und Geldeswert heutzutage ermögliche, zeige sich beinahe auf allen Gebieten, indem überall, unterstützt vom jüdischen Kapital, ein Vordringen der Juden wahr- zunehmen sei und kaum ein Erwerbszweig des öffentlichen und privaten Lebens davon verschont bliebe. Ueberall stoße man auf biefen Einfluß und als absolut frei davon könne man eigentlich nur den Osfizierstand des stehenden Heeres und die praktische Landwirtschaft bezeichnen, dagegen seien andere Branchen total in den Händen der Juden. Unter diesen Umständen seien nicht wir die Angreifer, sondern diejenigen die sich auf allen Gebieten dieses verderblichen jüdischen Einflusies zu erwehren hätten. Namentlich habe die Konservative Partei, ihren Grundsätzen getreu, hiergegen Front zu machen, da sie vor allem die Bedeutung des christlichen und deutsch- uaUoualen Staates zu erhalten und die deutsch- nationale Gesinnung in demselben zur Geltung zu bringen habe. Dementsprechend habe die konservative Partei neuerdings auch die Judenftage in ihr Programm ausgenommen und zwar gipfele die Forderung derselben in den Sätzen: „Wir wollen die Erhaltung und Kräftigung der christlichen Lebensanschauung in Volk und Staat und erachten ihre praktische Bethätigung in der Gesetzgebung als eine unerläßliche Grundlage jeder gesunden Entwickelung. Wir bekämpfen de» vielfach sich vordrängenden und zersetzenden jüdischen Einfluß auf unser Volksleben. Wir verlangen für das christliche Volk eine christliche Obrigkeit und christliche Lehrer für christliche Schulen." Es sei dies nicht etwas Außergewöhnliches und Neues, sondern die konservative Partei habe in gleicher Weise auch gegen jeden anderen auf unser Staats- und Volksleben eindringenden fremden schädlichen Einfluß vorzugehen und hätte in der Judenftage schon früher vorgehen sollen. Er empfehle in dieser Angelegenheit die Beherzigung der Worte des Herrn von Minnigerode, welcher sagte: „WernochJdeale hat, wessen Herz noch höher schlägt bei dem Gedanken an die Größe des christlichen Volkes deutscher Nation, der verlangt eine christliche Obrigkeit und verlangt christliche Lehrer für christliche Kinder!" (Lebhaftes Bravo!) Die Stellung der Konservativen zur Landwirtschaft sei hinreichend bekannt, sie seien es gewesen, welche stets und energisch die Interessen der Landwirtschaft im Parla- mente vertraten und den Wünschen derselben mit Erfolg Gehör verschaffte». Die konservative Partei erstrebe die Hebung der Landwirtschaft, sie habe bereits jetzt gegen die in Aussicht stehende Schädigung derselben durch den russischen Handelsvertrag Stellung genommen und stehe auch den neueren Bestrebungen des Henn Rupprecht-Ransern, welche auf die Bildung eines einheitlichen deutschen Bauernbundes zur nachdrücklichen Vertretung der landwirtschaftlichen Interessen abzielten, sehr sympathisch gegenüber. Be- züglich des Gewerbes nehmen es die konservative Partei vorwiegend als ihr Verdienst in An- spmch, die schädlichen Bestimmungen der Gewerbeordnung, durch welche das Jnnungswesen vernichtet wurde, stückweise, durch Einführung neuer Paragraphen abgeschwächt und beseitigt zu haben. Dieselbe erstrebe ferner noch die Einführung des Befähigungsnachweises, sowie die Beseitigung der Auswüchse des Haufierwesens und der Abzahlungsgeschäfte. Alle diese Ziele aber könnten nur durch eine Abänderung der bestehenden Gesetze auf dem gesetzlichen Wege der Einflußnahme auf die Gesetzgebung erfolgen und nur dann erreicht werden, wenn jeder konservativ gesinnte Mann zur Ausbreitung und Kräftigung seiner Partei nach besten Kräften beizutragen gewillt sei. Jeder der Anwesenden möge sich dies zur Aufgabe machen, dann werde der Erfolg nicht ausbleiben. (Lebhafter Beifall). — AuS der Mite der Versammlung ergriff hiernach Herr Pfarrer Tewaag aus Betziesdorf daS Wort, um seine große Freude darüber auszusprechen, daß die Judenftage nunmehr in das konservative Parteiprogramm ausgenommen worden sei. Derselbe versuchte sodann vom christlichen Standpunkte aus uachzuweisen, daß die Judenemanzipation ein am deutschen Volk begangenes Unrecht sei und dementsprechend wieder beseitigt werden müsse. Der Liberalismus habe die Emanzipation durchgeführt in der Unterstellung, daß Deutschland ein Rechtsstaat sei. Dieser Standpunkt fet aber grundfalsch. Die Geschichte Deutschlands beweise, daß unser ganzes Staatswesen auf dem Chrfftentum beruhe und wenn der Liberalismus diesen christlichen Boden des ^deutschen Reiches verließ, so habe er damit einen Fehler begangen, der sich bitter am deutschen Volke rächen müsie und desien schädliche Folgen schon jetzt deutlich zutage treten. Die
Schäden, welche das Judentum dem deutschen Volke in seiner Gesamtheit bereits zngefügt habe seien geradezu ungeheuere. Woher komme eS denn, daß neben Deutschland auch Oesterreich und Franfteich eine Judenftage hätten? Es sei dies nicht der böse Wille des Volkes, sondern die Empörung des durch die Emanzipation der Juden verletzten christlichen Gefühls! (Lebhaftes Bravo!) So wie die Geschichte des watsche» Volkes eine christliche sei, so sei die Ge- chichte deS Judentums eine spezifisch jüdische, eine Verschmelzung beider Völker sei ausgeschloffen, liege auch gar nicht in der Absicht der Juden. Ebenso weise die Geschichte dem jüdischen Volke eine Sonder- tellung unter den Völkern der Erde ein. Sei dies aber der Fall, so habe kein Jude das Recht eine Gleichberechtigung mit uns Christen zu verlangen. Man brauche nicht zu russische» Mittel» der Aus- tteibung zu greifen, man könne den Juden gestatten als Gäste im Lande zu verweilen, allein nicht nur vom deutsch-nationalen, vom wirtschaftlichen und materiellen, sondern auchvom christlichen Standpunkte des deutschen Volkes empfehle er dieWiederbeseitigung derJudenemanzipation! (AnhaltenderBeifall.) — Zu Punkt II der Tagesordnung: „Wollen wir für die Entfaltung der vollenWehr- traft des deutschen Volkes unter Be- chänkungderDienstzeit aufzweiJahre ein« reten?" nahm hieraus Herr Justizrat Dr. Grimm das
Wort, um in längerer Rede etwa folgendes auszuführen: „Einen hochwichttgen Gegenstand bildet zur Zeit die Militärvorlage im Reichstage. Der antisemittsche Wortführer, welcher hier in den Reichstag gewählt ist, hat dort und in hiesigen Versammlungen — soviel ich aus den Zeitungen weiß — sehr lebhaft gegen Annahme der Vorlage geredet — ich werde heute zeigen können, wie wir Konservattven gegen- iber den demokratischen Antisemiten die öffentlichen Angelegenheiten behandel». Die Reichsverfassung ruft jeden wehrpflichtigien Deutschen 12 Jahre zum Kriegsdienst, das gäbe indeß soviel Krieger, daß wir die Ausbildung Aller uns aus Geldrücksichten nicht eisten können. 1887 ist die Zahl der einzustelleu- den jungen Mannschaft auf 186 000 festgestellt worden, 90—100000 bleiben frei vom Dienst. Die neue Gesetzvorlage will alle Diensttauglichen zur Fahne einberufen, aber Fußtruppen und Artillerie nur zwei Jahre dienen lassen. Diese zweijährige Dienstzeit entlastet den Einzelnen, sie entlastet aber auch die älteren Jahrgänge der Landwehr,, die Familienväter, die jetzt gleich ins Feld rücken müssen. Denken Sie, daß ein Bataillon Landwehr 4000 Kinder und Angehörige znrückließ, als es 1870 ins Feld zog. Wie kommen wir gerade jetzt zu dieser Vorlage? In Franfteich predigt seit 1871 Jedermann den Racheftieg gegen Deutschland — unbesehen bewilligt die Depuüertenkammer ungezählte Millionen — 21/2 Mlliarden sind für Herstellung der Armee ausgegeben, mehr als ein Vierteil (27°/0) aller Staatseinnahmen werden jährlich auf die Armee verwendet. Franfteich stellt jährlich 220 000 junge Mannschaft ein. Die französische Armee ist im besten Stande, die Offiziere gut besoldet (die Leutnants bekommen 650 Mk. mehr als die deutschen). Rußland hat gewaltige Heeresmassen längs der deutschen Grenze aufgestellt. Die Freundschaft mit Frankreich ist offenkundig. Wir find zurückgeblieben gegenüber dieser Machtentwickelung und an Zahl der ftanzösischen Armee nicht gleich. Der Reickskanzler hat konstatiert, daß bei einem Krieg nach zwei Seiten nach Westen ein Verteidigungsftieg notwendig sei, d. h. Preisgabe des linken Rheinufers — wir hier liegen dicht genug bei Mainz, so daß toir direkt beteiligt sind. Was hat uns aber 22 Jahre den Frieden bewahrt? Die Furcht der Franzosen vor uns, daß wir den letzten Mann, den letzten Groschen daran setzen, das Vaterland zu verteidigen! Die Furcht ist offenbar im Abnehmen, damit die Kriegsgefahr gewachsen — sie wird noch mehr abnehmen, wenn wft diese Vorlage ablehnen. Der antisemittsche Volksredner spricht das große Wort gelassen aus: es giebt keinen Krieg! — ob wohl die Kurse auf diese Prophezeiung steigen? Ernsthaft kann man mit solchen Redensarten nicht rechten. Die neue Heereseinrichtung ist notwendig, denn sie zeigt unfern Nachbarn, daß wir willens sind, Alles für unser Vaterland einzusetzen. Dieselbe ist gerecht, weil sie Jeden zum Kriegsdienst heranzieht, sie ist billig, weil sie dem Einzelnen geringere Lasten auferlegt, sie ist menschlich, weil sie die Familienväter schont. Diese Vorzüge der Vorlage werden auch im Wesentlichen anerkannt, aber die Kosten derselben stoßen auf Bedenken. 60 Millionen jährlich — ist ein großes Wort — aber sie müssen aufgebracht werden. Die nüchterne» Rechner mögen sich sagen, daß es eine VerflcherungSgebühr gegen Kriegsgefahr ist. — Krieg ist das schlimmste aller Uebd, der glückliche Krieg raubt uuS tausende Brüder und Söhne, der unglückliche ist nationale Vernichtung! Die Kosten der Heereseinrichtung müssen aufgebracht werden. Die Vorschläge der Regierung — Erhöhung der Börseusteuer, Brausteuer und Brennsteuer — sind doch diskutabel. Von konservativer Sette totrb die Börsensteuer mit Freuden begrüßt, die jetzige Erhöhung ist eine alte Fordemng der Partei. Mancher der anwesenden Herren wird sich erinnern, wie in diesem Saale diese Börsensteuer verlangt wurde, die von uns beantragt, damals nur auf die Hälfte bewilligt wurde; heute nehme» wft gern bie Erhöhung
auf 20 Pfg. von 10 000 Mark Umsatz. Und die Brausteuer? Herr Böcke! soll gesagt habe», wen» sie bewilligt totrb, „müsse man sich Wasser in den Bauch mmpen". Diese Folge würde mir selbst für Dr. Böckel leid sein (Hetterkeit), denn ich verachte einen guten Trunk Bier auch nicht. Solche Uebertreibmtgen oll man nicht öffentlich sagen. In Deutschland werden ährlich für 1500 Millionen Mk. Bier getrunken (das Liter 25 Pfg. gerechnet) und wie es der Konsument im Wirtshaus bezahlt noch 500 Millionen mehr. Erhöhen wir die Brausteuer — die in Baiern, wo das beste Bier ist — 5 Mk., in Preußen 0,80 Mk. pro Kops beträgt, um 30 Millionen, so trägt >as den hundertsten Teil, auf das Liter */4 Pfg., der ür den Konsumenten nicht zum Ausdruck kommt, eine Steuer, welche mit dem „Feldwebel" bezahlt wird, den der Wftt verdient, ist keine Beschwernis. Die Branntweinsteuer ist viel schwieriger zu beurteilen, da kommen die Jntereffen der landwirt- chaftliche» Brenner in Betracht und liegen mancherlei Vorschläge vor; immerhin vergessen wir nicht, daß ür 500 Millionen Mk. Branntwein jährlich bei uns >erbraucht wird. Solange ein Volk 2500 Millionen ährl. für Bier und Branntwein ausgiebt, darf man nicht agen, es könne keine 60 Millionen für seine höchsten Zwecke ausgeben um das Vaterland zu schützen, Haus und Hof, Frau und Kind zu bewahren vor Kriegsgefahr. Können wir das nicht mehr, bann wollen wir uns ausstreichen lassen aus der Zahl der großen Völker, die heute die Geschicke Europas lenken. M. H.! Wenn der Kaiser mit seinen erprobten Heerführern auftritt und sagt: Ich kann mein Volk nur schützen, wenn dasselbe die Lasten einer vollen Ausnutzung einer Heeresftaft tragen will — bann sollen wir nein! sagen, weil wir zu arm finb? Arm an Gelb unb Gut sind wir bann nicht, aber arm an Liebe zum Baterlanbe! (Lebhaftes Bravo!) Ich sehe, baß ich Ihrer Zustimmung gewiß bin, wenn ch Ihnen Vorschläge, bie Bitte an ben Reichstag zu richten, berfelbe möge ber Heeresvorlage seine Zustimmung geben." (Auhaltenber Beifall!) — Die beanftagte Resolution lautet:
„Die Versammlung beschließt, ihren Vorstaub zu ermächtigen
An ben Reichstag das Ersuchen zu richten, den von den verbündeten Regierungen vorgelegten Gesetzentwurf zur Ausnutzung ber vollen Wehrkraft bes Deutschen Reichs in ben wesentlichen Punkten seine Zustimmung zu erteilen im 1 Interesse ber Erhaltung des Friedens, dem wirksamen Schutze des Vaterlandes und der Erleichterung der persönlichen Lasten des Dienstes für den Einzelnen.
Die zur Deckung der Kosten der neuen Heereseinrichtung erforderlichen Mittel unter thunlichster Schonung der bereits schwer belasteten Landwirtschaft und des bürgerlichen Gewerbes zu beschaffen." Herr Landrat von Trott zu Solz dankte dem Vorredner für feine vortrefflichen Ausführungen und wies nochmals auf die schwerwiegenden Folgen einer negativen Entscheidung in Sachen der Milttärvorlage hin. Da die Entscheidung gegenwärttg aber noch ans- stehe, so sei es eine Pflicht aller patriotisch gesinnten Männer ihre Meinung zu äußern, was namentlich im hiesigen Kreise umsomehr erforderlich sei, als man von anderer Seite der Milttärvorlage der Regierung ein rasches Nein entgegengesetzt habe. Diese Ge- finung, wie sie sich heute bei der Besprechung der Milttärvorlage doknmenttert habe, im hiesigen Kreise Borgefunben zu haben, freue ihn ganz besonders und gebe er ber Hoffnung Ausdruck, daß auch die Marburger Stimme in Berlin nicht ungehört bleibe und im Verein mit anderen zürn Wohle und Gedeihen unseres deutschen Vaterlandes beitrage. — An der Diskussion beteiligten sich ferner noch die Herren Lieberknecht-Marburg, Brettstadt-Hassenhausen, Herrmann-Hermershausen und Tewaag-Betziesdorf. — Als letzter Punkt der Tagesordnung erfolgte hiernach die „Wahl der Vorstandsmitglieder und Vertrauensmänner deS Kreises", worauf die Versammlung, welche bei allen Teilnehmern ersichtlich einen angenehmen Eindruck hinterließ, mit einem Hoch auf die konservative Sache geschlossen wurde.
Marvurg, 17. Febr. (Warnung.) Kaufleute wollen sich merken, daß Streichhölzer und ähnliche Gegenstände, deren Transport mit Gefahr verbunden ist, nicht mit der Post versandt werden dürfen. Ein Kaufmann in Dortmund hatte ein Packet schwedische Streichhölzer an einen Abnehmer in Schwerte gesandt; in Hagen erkannten die Postbeamten jedoch, da das die Umhüllung des Packeis bildende Papier einen Riß bekommen hatte, den Inhalt des Packetes. Aus Antrag der Oberpostdirektion wurde gegen den Absender die Untersuchung etngeleitet und ein Strafbefehl in Höhe von 100 Mk. gegen ihn erlassen. Hiergegen hatte der Kaufmann Widerspmch erhoben, er erzielte auch seine Freisprechung, da nicht er, sondern der Buchhalter dem Lehrling den Auftrag gegeben, die Streichhölzer mit der Post zu versende». Die Amtsanwaltschaft will inbeffen in ber Sache Berufung einlegen.
Maröurg, 15. Februar. (Strafkammer.) Ein Bienenzüchter aus Rapoldshausen, nämlich ber Schmied Heinrich Haßler, steht unter ber Anklage bes Diebstahls, weil er am Abenb bes 23. Juni v. I. ein bem borkigen Wagner Mölbert gehöriger Bienenschwarm entroenbet haben soll. Der Angeklagte, welcher bie That bestreitet, vielmehr behauptet, an bem fragt. Abenb einen Schwarm eingefangen zu haben, den et für einen ihm entflogenen gehalten. habe, wurde vom Schöffengettcht zu 2 Tagen Gefängnis
verurteilt, wogegen er Berufung einlegte. Zwecks Vorladung neuer Zeugen wird anbertoetter Termin anberaumt. — Es erscheinen sodann zwei feindliche Nachbar», der Bäcker Heinrich Schneider und der Sattler Johannes Glarholz aus Oberaula, um sich wegen gegenseitiger Körperverletzung zu verantworten. Wegen eines Neubaues, den der erstere dicht an bem Wohnhaus des letzteren errichten liefe, liegen beide in hartnäckigem Streit. So kam es benn, baß, als Glarholz am 10. August v. I. einen seinem Gegner gehörigen Holzhaufen eigen- mächttger Weise umwarf, ein Bombarbement mit Holzklibbern zwischen Beiben entstaub, bas zur Folge hatte, daß jener blutenden Hauptes ben Kampfplatz verließ. Vom Schöffengericht würben beide zu je 15 Mk. Geldstrafe verurteilt, wogegen dieselben Berufung einlegten, die jedoch verworfen wftd.
Mariiurg, 17. Febr. (Witterung.) Ein wahrer Frühlingstag war ber gestrige, er brachte 10 Grad C. Wärme. Von dem kriiischen Tag erster Ordnung nach Falb war gestern nichts zu vermerken, auch der prophezeite starke Schneefall ist ausgeblieben. Nachts waren 2,5 Grad C. und heute Morgen find 5 Grad C. Wärme bei bedecktem Himmel und Südwestwind. Barometerstand 747 mm.
§. Wltteksöerg, 16. Febr. Vor einiger Zeit teilte die „Oberhesfische Zeitung" mit, daß die Gemeinde Heskem auf das Einfangen von Sperlingen eine Geldprämie gesetzt habe. Dies veranlaßte auch einen hiesigen Knabe» mit vieler Mühe ei» Dutzend des genannten Schädlings lebend einzufangen und mit ihnen nach Heskem zu marschieren in der Hoffnung dort den versprochenen Lohn in Gestalt einiger blanken Nickel einzuheimsen. Aber 0 weh, dort angelangt erklärte man ihm, daß nur für Heskemer Spatzen eine Fangprämie bezahlt werde, nicht aber für solche aus der Gemarkung Wittelsberg. Das verdroß unfern kleinen Vogelfänger aber sehr, er ging kurz entschlossen von bannen, versäumte aber nicht vorher auf bem Hofe des Vicebürgermeisters sein Taschentuch zu öffnen unb bie gefangenen Sperlinge bavonfliegen zu lassen. Ob biefelben wieder nach Wittelsberg zurückgekehrt sind ober nunmehr in Heskem ihr Standquartier aufgeschlagen haben, weiß der Einsender dieses nicht anzugeben.
ßaffek, 15. Febr. Wie aus Leipzig von gestern gemeldet wird, wurde vom Reichsgericht die Revision des Staatsanwalts in der Strafsache des Pfarrers Hops-Melsungen, Redakteurs der „Hessischen Blätter", den das Landgericht Caffel von ber Anklage aus Majestätsbeleidigung und Verächtlichmachung von Staatseinrichtungen fteigesprochen hat, verworfen. Die Verhandlung war nicht öffentlich. Ein erstes Urteil war ftüher aufgehoben. — Eine vor dem Frankfurter Thor wohnende Frau hatte geftern Mittag, ehe sie fortging, um Verschiedenes in der Stabt zu erledigen, ihren Kindern die Streichholzschachtel zum Anzünden der Lampe für den Abenb bereit gestellt. Die Kleinen konnten bem Reiz nicht widerstehen, mit den Zündhölzern zu spielen unb dieselben anzuzünden. Hierbei geriet die Tischdecke in Brand und mit rapider Schnelligkeit verbreitete sich das Feuer im Zimmer. Bald standen Vorhänge rc. in hellen Flammen. Auf das ängstliche Schreien der Kinder eilten Hausbewohner herbei, welche mit Mühe das Feuer erstickten.
Hieße«, 16. Febr. Der von dem Abgeordneten Dr. Schröder erstattete Bericht des ersten AusschuffeS der zweiten Kammer über die Abänderung der Linie und Bau der Bahn über Alten-Buseck, Wieseck— Gießen gipfelt in dem Anträge: Die Kammer wolle dem Gesuch ber Großherzoglichen Bürgermeisterei Gießen um Abänderung der Linie ber bereits gesetzlich festgelegten Nebenbahnen Lonborf-Lollar und Londorf- Grünberg in eine solche von Londorf über Alten- Buseck — Wieseck nach Gießen, keine Folge geben.
Mainz, 15. Febr. Der Direktor des hiesigen römisch-germanischen Zentralmuseums, Professor Dr. Lindenschmitt, ist gestern gestorben.
Landtag.
Berlin, den 16. Februar 1893.
(Abgeordnetenhaus.) Die Beratung deS Berichtes der PetitionSkommifsion über die Petition des laud- wirtschastlichen ZentralvereinS der Provinz Sachsen gegen den Abschluß eines Handelsvertrages mit Rußland und der dazu vorliegenden Anttäge wird fortgesetzt. Abg. V0 pe linS (freikons.): Der Herr Reichskanzler hat gestern im Reichstage über meine hier gethanen Aeußerungen über den Geh. Rat Huber, der bei den Hanbelsvertragsverhanblungen als Kommissar thätig war, gesprochen unb meine Bemerkungen rrnqualifizierbare Verdächtigungen genannt. Ich halte eine solche Aeußerung gegenüber einem Mitgliede dieses Hauses für unberechtigt. (Sehr richtig!) Ich mache zu dieser Behauptung des Herrn Reichskanzlers ferner nicht blos ein großes Fragezeichen, sondern ich behaupte possitiv, daß Fürst Bismarck den Geheimrat Huber seiner fteihändlerischen Richtung wegen bei HandelsoerttagSverhandlungen nicht mehr so verwendet hat, wie früher. Wenn der Herr Reichskanzler sagt, durch meine Aeußerung müsse das Selbstvertrauen eines Beamten erschüttert werden, so sage ich, daß cs besser ist, das Selbstvertrauen eines Beamten zu erschüttern, als durch eine solche Handelspolitik alle produttioen Stände zu erschüttern. (Beifall rechts.) — Abg. Schmieding (natlib.): Die Landwirtschaft befindetWich zweifellos in einer Krisis, und zwar nicht bloS bei uns, sondern in allen Kulturstaaten. Diese Krifis hat eine unverkennbare Aehnlichkett mtt der Krifis im alten Römerreich beimUeber- gang zum Kaiserreich. An den Pttnzipien der Zollgesetzgebung des Fürsten Bismarck kann heute nicht mehr überall festgehallen werden, die Zeiten haben sich dazu viel zu sehr geändert. Die Lebeasmtttelzölle sind als Finanzzölle nicht mehr haltbar, und gerade bei diesen Zöllen muffen wir uns hüten, den Bogen zu ftraff zu spannen. Als Kampfzoll mag ein Kornzoll von 5 Mark angebracht sein, als Vertragszoll genügt ein solcher von 3*/« Mark völlig. Der Landwirtschaft werden schon durch unsere Steuergesetzgebung große Lasten abgenommen. DaS erkennen die Herren aber
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