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Zweites Blatt.

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Arme Kleine"*).

®nt Ski,re au» Marburg von Edward Stilgebautri Er wohnte al» Chambregarnist im Hause ihrer Mutter. Sie war siebzehn Jahre alt, ein nettes, uumtereS Ding, und er war jung und lebenslustig, und daS ist man doch nur einmal. Warum sollte A sich nicht amüsieren, ein bischen mit ihr anbändeln, poussieren, wie man das nennt, ein kleines Techtel- «echtel, eine sogenannte Studentenliebe, weiter nichts. Schon als er das Zimmer mietete, war sie ihm aus­gefallen. AIS er mit ihrer Mutter sprach, steckte sie dm Kopf zwischen die Thür, den schönen, zartge- formten Kopf mit dem zarten Gesichtchen und den stammen, himmelblauen Augen, zwei lange blonde Zöpfe fielen vom Schettel bis über die Hüften herab. Seit einem Monat wohnte er da, morgens brachte sie ihm den Kaffee, erst war sie geniert und ein bischen unbeholfen »ach Backfischchen Art, einmal ward fie rot bis hinter die Ohren, als fie den Zucker fallen ließ. Daun wurde fie stcherer, er war so fteundlich mtt ihr. Er sprach so schön, so witzig und gebildet, das machte Eindruck auf fie. Sie hatte die Töchterschule besucht, aber die Mutter wollte nicht, daß fie sich weiter bildete, daß fie weiter laS und Musik trieb, sie sollte kochen, sticke» und nähen, daS sei nützlicher für ein Bürgermädchen, sagte die Mutter. Wenn sie einmal ihrem Mann keine Suppe kochen könnte, «ützten alle Gedichte nicht», war daS banal. Sie, die selber dichtete, freilich nur gang heimlich, abends, wenn alle» schlafen war, schrieb fie ihre Verse in ein eigens dazu gekauftes, von dem ersparten Taschen­geld erstandenes Album. Doch das durste niemand wissen, fie schämte fich so. Und doch ihre Verse waren gewiß nicht schlecht, davon war sie fest über­zeugt. Drum war eS ein Glück für fie und ihre Muse, al» er ins HauS kam, besonders, da fie ver- ttauter mit ihm ward. Er war so gescheit, auch er beschäftigte fich mit dm Dichtem, auch er schwärmte für Musik. Er las ihr vor, er hatte eine reichhaltige Bibliothek mitgebracht. Heine laS er ihr. All die schönen Lieder, die fie schon so oft gelesen. Aber jetzt verstand fie dm Dichter besser, wenn er mit seiner klangvollen Sttmme die Lieder vortmg, wenn fie so treuherzig ansah mtt seinen großm, imnkel- braunen Augen, in deren Tiefe fie so gern versank. Du bist wie eine Blume", gerade, als ob er zu ihr spräche, oderim wunderschönen Monat Mai", oder gar daSLted von denKüffen, wenn er das laS,überlief es sie bald heiß, bald kalt. Allmälig kam man öfters zusammen, die der Hausarbeit abgespartm Minuten würden häufiger, die Mutter merkte eS nicht, denn keine Mutter will ja dem Glücke ihrer Tochter im Wege stehen, und welches Mädchen aus dem Volke hoffte nicht, daß der junge feine Liebhaber sie so gem hat, daß er fie gewiß einmal heiraten werde. Anfangs hatten fie fich nur für Mnuten in seinem Zimmer gesprochm, wenn sie ihm dm Kaffee oder die Zeitung oder einen eben angekommmen Brief brachte, wie war fie neugierig, von wem er die vielen Briefe empfing, eifersüchttg, wenn die Adreffe von einer Dameichand geschriebm war, von seiner Schwester natürlich, bemhigte sie fich. Dann kam er hinüber inS Wohnzimmer. Nach einigen Wochen saß er Nachmittage lang an ihrer Seite und las ihr vor, vmn fie stickte oder nähte oder sprach mtt ihr, wmn fie daS Geschirr spülte.

So war eS einen Sommer gegangen. Wald- spaziergänge hatten mit den Tete-ä-tetes im trau­liche» Zimmer abgewechselt, Promenaden in der Vollmondbeschimmen Lindmallee mit Kahnfahrten auf dem an der Stadt vorüberfließenden Flüßchen. Dann kämm die Ferim, er ging nach Hause. Rührend war der Abschied am letzten Abmd, als fie zusammm auf der Bank im Schloßgarten saßen und niemand die glühenden Küsse sah, die er auf ihre feuchten Augm drückte. Niemand, sogar der Mond war so diskret, fich hinter ei»er weißm Wolke zu verbergen, aus der er nur ganz bescheiden hervorlugte. Im Winter werde er wieder kommen, schwur er ihr hoch und teuer, nnd wieder zu ihnen ziehen sagte er. Luch werde er ihr gerne schreiben, fie sollte die Briefe post restante schicken, da seine eitern es noch nicht wiffen dürstm. So hatte er sich in die Sache hineingeredet, so war er htneingekommen, er wußte er selbst nicht recht wie. Aber fie war so schön und gut und er so jung und lebenslustig, warum sollte er dar frische, muntere Ding nicht an seine Brnst drücken?

Der Herbst kam und er zog wieder ein im Hause ihrer Mutter. Die drei Monate, welche er in seiner Vaterstadt gewesm, hattm ihn ihr etwas entftemdet. Doch daS machte fich bald unter ihrem warmen Kusse, unter dem holden Lächeln ihrer blauen Augen. Nach einer Woche warenjfie wieder die Alten und er amüsierte fich köstlich mit ihr. Aufwärmen Ofen war es

*) AusVom Stege". Sechs Novellen von Edward Stilgebauer. Gera (Reuß), Gustav Leutzsch. 8°. 160 S. Preis 8 ML

zwar nicht so poettsch wie unter den Lindenbäumen m Sommer, aber es ließ fich auch da ganz gut küffm, und wenn der Herbstregtn gegen die Fenster chlug, rückten sie ganz nahe aneinander, als müßten te sich warm halten und sich schützen gegen das kühle Naß. Der Regen wich dem Schnee, eine Woche war eS bitter kalt.

Der Fluß, auf dem man die Kahnfahrtm ge­macht, erstarrte unter dem Hauche des Winters, da lud er fie zum Schlittschuhlaufen ein. Es war ein wundervoller Wintertag. Der Schnee hart gefroren knarrte unter den Sohlen des Wandrers, der Himmel war hellblau, der Rauch stieg kerzengerade in die Höhe und wie ein duftiger Schleier lag die kalte Luft vor den Bergen, die das Thal einschlossen. Hai, wie fie dahinflogtn Hand in Hand über die spiegelglatte Fläche unter den lustigen Klängen der Musik. Wit schön er Schlittschuh lief, meinte fie, schöner als alle andern. Stt würde gar nicht müde mit ihm dahinzurasen über das EiS, und als die Sonne hinter den Bergen, ein Feuerball, glutrot unttrglng, war fie verliebter denn je. Er zog ihr die Schlitt­schuhe aus, fie traten den Heimweg an.

Aennchen, du frierst, was ist dir, fragte er fie." O, nein, mir ist's warm, Rudolf, ich bin so glücklich, so selig mit dtt." Er küßte fie verstohlen, fie hielt bett Muff vor baS gerötete Antlitz.

Sie kamen nach Hanse.

Am Adenb war er in eine Gesellschaft gelaben. Er hatte seine Bekannte in ber Stadt. Er zog feinen schwarzen Rock an, so sah er sehr gut aus. Wie schön du bist", sagte Aennchen, als er ging. Er war ein flotter Tänzer, ein guter Gesellschafter. Er verstand sich ans die Mädels, sie waren gleich weg, wenn sie ihn sahen, dessen rühmte er sich, nicht offen, dazu war zu klug, aber in Andeutungen gerne. Aber ihm imponierte eigentlich Keine, er blieb stets ruhig und kalt, wie viele Herzen er gebrochen, war ihm egal, das äußerte er nur, wenn er angeheitert war.

Als man einige Tänze ausgeführt hatte, trat eine Erholungspause ein. Die Dame des Hauses kam auf ihn zu. Er machte eine tadellose Verbeugung.

Herr Dernbach, Sie haben vielleicht die Güte, meine Nichte auf dem Klavier zu begleiten, fie möchte gern ein Lied zum besten geben, ich weiß, Sie sind sehr musikalisch."

Mit Vergnügen, gnädige Fran." Er verbeugte fich abermals und ging zum Klavier.

AuS den Reihen der Anwesenden trat jetzt ein reizendes Mädchen anS Klavier. Gr hatte fie vorher kaum bemerkt, da er einige alte Bekannte in der Gesellschaft getroffen.

Ein flüchtiges Rot glitt über ihre Wangen, als sie an seine Seite trat. Er erhob den Blick, sein Herz pochte. Die war wirklich schön, ideal schön, rief es in seinem 3nnem, die könnte selbst ihm im­ponieren. Er begann die Begleitung. Sie fang mit einer wahren Engelsstimme, so rein, so weich, so melodisch schien es ihm.Auf Flügeln des Ge­sanges", das schöne Lied von Mendelssohn. Es kostete ihn die größte Mühe, seine Fassung zu be­wahren und die Begleitung richttg durchzuführen. Allgemeiner Beifall belohnte die Sängerin, als sie geendet, zu Rudolf sprach fie:Ich danke Ihnen, Herr Dernbach, ich habe selten eine so angemeffene Begleitung gehabt."

Und ich 'feiten Jemand so schön fingen hören, gnädiges Fräulein."

Den nächsten Tanz tanzte er mit ihr. Er war berauscht, als ihr zarter Busen so nah au seiner Brust wogte. Er führte sie zu Tische. Er senkte den Blick, als ihm ihr großes, dunkles Auge zu­blitzte:Prost, Herr Dernbach!" Er Vielliebchen mit ihr.

Jetzt reden Sie mich zum zweiten Male mit Sie an, Herr Dernbach, zum zweiten Male. Guten Morgen, Vielliebchen."

Er stammelte eine Erwiderung. Zum erftenmale, seit er in Gesellschaften ging, war er einer Dame gegenüber in Verlegenheit. Nach Tisch tanzte er wieder mit ihr. Er nahm gar keine Rücksicht mehr auf die Form, er dachte nicht, daß es auffallen könne, wenn er immer nur mit ihr tanzte, er sah nur fie.---

Die Nacht wälzte er sich unruhig auf seinem Lager. Sobald er die Lider schloß, blitzte ihm ihr dunkles Auge entgegen:Prost, Herr Dernbach."

Am folgenden Morgen jagte er Aennchen kaum Guten Tag.

Er muß sehr verstimmt sein", sagte fie zur Mutter.

Dann ging er aus, zu ihr, sein Vielliebcheu ein- zulöseu. Sie hatte mit einigen Freundinnen und ihrer Familie eine Schlittenfahrt für den Nachmittag verabredet. Sie war entzückt über das Buch, das er ihr brachte, die wein- und liebeglühenden Lieder des Mirza-Schaffy; fie lud ihn ein. Er nahm dankend an. Die Würfel seines Schicksals waren gefallen. Als er am Abend Abschied von ihr nahm, verabredeten fie fich für einen der folgenden Tage zum Schlittschuhlaufen. Er war so ungeduldig, sie wiederzusehen, zehnmal am Tage ging er an ihrem Fenster vorbei und fie stand hinter dm Gardinen. Die übrige Zett verbrachte er auf seinem Zimmer

und schloß fich ein; er habe zu thuu, sagte er zu Aennchen.

Zu Weihnachten ging er nach Hause. Er wollte noch dieses Semester Jura hören und bann in daS Bankgeschäft seines reichen Vaters eintreten. Seine Verhältnisse waren vollkommen geordnet, er konnte ein eigener Herr sein, wann er wollte. Er war jetzt rreiundzwauzig Jahre alt und fand auf einmal, daß er fich eigentlich genug amüfirt habe. Am Tage nach seiner Ankunft konferierte er lange mtt seinen Eltern, am Abend schrieb er einen kurzen Brief an Aennchen und legte ihr die Verhältnisse klar. Einige Tage vor Sylvester kehrte er nach der Universitäts­stadt zurück. Arn Neujahrsmorgen klingelt es vor Aennchens Wohnung. Es war der Briefbote, ein offenes Couvert. Sie zog die in Seidenpapier ge­hüllte Karte hervor und las:

Bertha von Bernheim Rudolf Dernbach Verlobte.

Der erste Neujahrsgruß.

Vermischtes.

Berlin. Ein seltsames Hettatsgesuch hat ein hiesiger Höker,dem die Frau weggestorben ist", veröffentlicht. Es lautet:Hettat! Aufgepaßt! Ein Witwer, habe Stand in der Markthalle. Suche eine neue Lebensgefährtin, mittleren Jahrgang. Be­dingungen: Es muß eine waschechte Berlinerin sein, welche das Herz auf dem rechten Flecken hat, arbeit­sam ist, schon gehandelt und den Mund derbe austhun kann, wenn es geschäftlich nötig ist. Schönes Ge­sicht und Geld ist Nebensache, die Hauptsache bleibt: tüchtig inS Geschäft und gutes Gemüt. Für anständige Behandlung bürgt mein Ruf. Adressen u. s. w." Es sollen hierauf zahlreiche Angebote aus dem Staude derTöchter ber Markthallen" eingegangen fein.

Eine neue Exerzierpatrone. Wie erinnerlich, waren in letzter Zeit bei militärischen Hebungen Unfälle dadurch herbeigeführt, daß an Stelle von Exerzierpatronen irrtümlich Platzpatronen oder scharfe Patronen in die Gewehre geladen waren. Vermutlich um dergleichen Vorkommniffe in Zukunft zu verhüten, ist nach einer Bestimmung des Kriegs­ministers eine neue Exerzierpatrone konstruiert worden, deren Hülfe mit Längsrillen versehen ist, um sie von den scharfen Platzpatrone noch leicht unterscheiden zu können.

Di«Tugendrose" so«, wie die Pariser Autoritö" meldet, in diesem Jahre vom Papste der Erzherzogin Margarethe von Oesterreich, der am 13. Mai 1870 geborenen Tochter des Erzherzogs Karl Ludwig, Nichte des Kaisers, verliehen werden. Die Erzherzogin ist Aebtissiu des adligen Dameustifts auf dem Hradschin zu Prag.

(Mit der Zunge angeboren.) Heber einen seltsamen kleinen Uuglückefall, deffeu Mttteilnng zur Warnung dienen kann, berichtet dasMülh. Tagbl." was folgt: Mit der Zunge angefroren ist heute ein Mädchen an einem Eisengitter in der Asyl­gasse. Das Kind hatte von den Stäben den Schnee­staub ablecken wollen, als es seine Zunge festkleben fühlte. Die durchdringenden Hilferufe lockten einen Mann herbei, welcher durch Anhauchen und Speichel­benetzung das Kind befreien konnte. Immerhin blieb Haut am Eisen fitzen und das Kind erlitt großen Bluttverlust. Möge der bedauerliche Vorfall eine ernstliche Mahnung an die Kinder zur Folge haben.

(Mädchenhandel.) Der PesterNernzet" meldet au» Ternesvar: Die Polizei entdeckte eine ganze Bande von Mädchenhändlern, die ganz junge Mädchen vorn väterlichen Hause entführten und meistens nach dem Orientlieferten". Das Haupt der Bande Namens Julie Roseustock, und deren Ge­nossen wurden verhaftet.

Eine fatale Unterbrechung derFWer- wochen erfuhr zu seiner nicht geringen Ueberraschung der Stabshoboist H. ans Thorn, welcher acht Tage Urlaub erhalten hatte, um in Altona die Erwählte seines Herzens heimznführen. Die Hochzeit war vorüber und das junge Ehepaar dampfte ftohen Herzens dem gemeinsamen Heim Thom zu. Auf dem Hauptbahnhofe daselbst, wo zur Begrüßung Bekannte, Musiker 20. anwesend waren, trat dem jungen Ehe- paare das Schicksal im militärischen Gewände ent­gegen, nahm den jungen Ehemann in Obhut und entführte ihn seiner jungen Gattin. Er wurde auf acht Tage nach der Beobachtungsstation des Gamison- lazaretts gebracht. In seiner Abwesenheit war näm­lich der kriegsministerielle Befehl eingetroffen, alle beurlaubten Militärs, welche auf ihrem Urlaube choleraverdächtige Städte besucht hätten, beim Ein- treffen in ihrer Garnison acht Tage lang unter Be­obachtung zu stellen

(Konstantinopeler Geschichten.) Aus Konstantinopel wird geschriebm: In der Nacht zum Freitag wurde Eveddin Pascha in einer dunklen Seitenstraße am Hafen tot aufgefunden. Der Un­glückliche war augenscheinlich durch Dolchstiche er­mordet toorben. Sein Geld und seine Wertsachen fehlten. Als des Mordes verdächtig erschienen zwei Zirkassierinnen, welche man Tags vorher in Begleitung des Pascha» erblickt hatte. 68 gelang, der Beiden

auf einem Dampfer habhaft zu werden, welcher im Begriffe stand, nach Alexandria abzufahren. Die Wertsachen des Ermordeten fand mau bei ihnm. Als die Mörderinnen verhaftet werden sollten, entriß sich die eine den Polizisten^ und sprang ins Meer, wo sie erttank.

(D i e K r i n o l i n e.) Aus London wird berichtet: Biele Zeichen sprechm dafür, daß die Zett der Krinoline wieder zurückkommen könnte, und die Angst davor ist in gewissen Frauenkreisen so groß, daß fie emstlich eine Anti-Krinolinmliga planen, die für ihre Bestrebungen den «llerhöchstm Schutz der Prinzesfiu von Wales erstreben soll. Erklärt sich diese gegen die Krttwliuen, so ist, glaubt man, diesen bestgehaßten Röcken der Prozeß gemacht. Leute, die eS wissen müffen, sagen, daß der Einfluß der Prinzessin von Wales auf die englische Mode sehr groß ist, sich sogar gegen die Ukase der Pariser Modefiirstm sieg- reich behauptet.

(Politischer Philosoph.) Sachse: Was ist des Deutschen Vaterland? Ist's Bayerland, ist's Steierland?" fragt der beriembe Emst Moritz Arndt in einem Liede. Weeß Gnebbchen, wmn er heite zu Miquels Zeiden gelebt hädde, wüßt er'sch: 's ist's Steierland.

Ein Vater, der seine Tochter selbst in jenen gewissenHeimts - Markt" zu betttelndm Annoncenteil bringt, ist eigentlich teert, daß ihm ein Dutzend heiratsfähiger Mädchen vom Schicksal be> scheert worden wäre. Wenn es aber in so witziger Form geschieht, als es kürzlich in einem süddeutschen Blatte geschah, so kann man dem verehrten Herrn Papa ob seines außergewöhnlichen Thuns schon Ent­schuldigung angebeiben lassen, benn folgendermaßen lautet sein Au-Preisgedicht:

Wenn Jemand meine Tochter will.

So ist fie zu vergeben;

Sie ist ein Mädchen zart und still

Und wunderhübsch daneben,

Bescheiden ist fie und gelehrt

Ist 100000 Mark wohl wert.

Sie ist ein Mädchen comme-il-faut,

Du kannst auf sic vertrauen,

In Einfachheit fühlt sic fich froh, Die Mode macht ihr Grauen Ein Weib, das Modetand entbehrt. Ist 30000 Mark wohl wert ®H. 80000

Sie liebt nicht Tanz, o keine Spur,

Nicht Spiel und derlei Sachen D'rum nehme meine Anna nur, Sie wird Dich glücklich machen Ein Weib, das keinen Tanz begehrt, Ist 20000 Mark wohl wert . . . . . . . . ML SO000

Willst Du ein Weibchen tugendreich

Als Gattin acceptieren:

Dann nehme meine Anna gleich, Sie wird Dir konvenicren. Ein Weib, das hoch die Tugend ehtt, Ist 30000 Mark wohl wert . ML 80000

Willst Du ein Weib, dar niemals Dich

Mit bösen Launen quälet, Nimm meine Anna, sicherlich Hast Du dann recht gewählet.

Ein Weib, das launcnftei verkehrt,

Ist 20000 Mark wohl wert . ....... Mk. 20000

Summa Summarum ML 100000

Hoffentlich wird ber Vater dieses Gedichtes und der Tochter bald mit einem entsprechenden Schwiegersougekrönt" werden.

-Litterarisches.

EdwardStilgebauer's NovellenVom SB ege" (Gustav Leutzsch, Gera (Reuß)i 8. 160 Settern Preis 2 Mark) schildern in packender, intereflantcr und sesielnder Darstellungsweise Bilder aus dem modernen täg- lichen Leben. Aus Schritt und Tritt führt un» der Ver­fasser in die wirkliche Welt mtt ihrem Leben und Treibern Besonders anschaulich sind auch bie Naturschilderungen. Man fühlt fich bei der Lektüre der Novellen selbst an einen heiteren warmen Sommertag versetzt, man glaubt da» Säuseln der Blätter, das Rauschen des Wasser» zu hören. Man ist mit vollem Herzen mtt den geschilderte» Personen und Verhältniffen beschäftigt. Alle» ttttt mtt drastischer Sinnlichkeit vor die Seele des Leser». Stet die geheimen Pfade de« GroßstadtlcbenS kennen lernen, wer fich einen kleinen Einblick in zeitliche soziale Verhältnisse verschaffen will, und wen Dinge interessieren, die wir fast täglich erleben und sehen müssen, wenn wir nur ein offene» Auge und Ohr dafür haben, der lese Sttlgebauer» Novellen: Vom Stege".

Herode», historischer Roman von Edward Stilgebauer. Gustav Leutzsch, Gera (Reuß). 8. 908 Seiten. Preis 3 Mark. Ueber dieses Werk schreibt der Rhein. Cour.": Ein junger Frankfurter Schriftsteller bietet uns in diesem Roman sein Erstlingswerk dar. Er enttollt un» darin ein farbenprächtige», überall eine mehr al» ge­wöhnliche Vertrauthett mtt der späteren israelitischen Ge­schichte verratendes Bittkau» harter Zett, die große Tragödie, welche in den Tagen der Religionswende sich im jüdische» Lande abspielte und welche die Geschichte mit dem Namen HerodcS des Großen überschrieben hat. HerodeS gehört al» Mensch zu den größten psychologischen Problemen der Weltgeschichte; seinen Charakter einheitlich aufzufaffen und künstlerisch zu reproduzieren, ist zweifellos eine dankbare, aber äußerst schwierige Aufgabe Stilgebauer hat sie gelöst. Mtt feinem Takte hat er eS verstanden, selbst gelegentliche Andeutungen der Quellen zugunsten einer harmonisch«! Gesamtwirkung zu verwerten. Niemand wird dieses Seelen­gemälde ohne innere ErgriffenhcÜ betrachten und ohne die großen sittlichen Konflifte gleichsam mitzuerleben. Die Darstellungsweise ist von edler Einfachheit; und doch ist die hochpoetische Sprache eingetaucht in die ganze Farben­glut de» Orients. Man übersieht daher gerne die wenige» lugendlichen Ueberschwenglichketten der Diktion. Wtt wünsche» dem Romane ein verständnisvolles Publikum.