Wöchentliche Beilagen: Kreisblatt für Die Kreise Marburg und Kirchhai«.
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Sonntag, 11. Z)ecember 1898.
AnMgen nehm« entgegen. Ne Expedition dieser Blatte«, bk Annoncen»
Bureaux von HaafenSrin 4 Vogler, Frankfurt «. M., Laffel, Magd» oo
dura, Wien; Rudolf Mofi«, Frankfurt a. M., verli», München, Köln; Or). ^Ui)lg.
1. L. Da»« & tto., Fraükstirt a. 8t.. Berit», Hmmover, Darts x.
(Nachdruck verboten.)
Schule des Lebens.
Roman von Marie Bernhard.
(Fortsetzung.)
Erstes Blatt.
Pflichten vor dem Weihnachtsfeste.
* Zn »US Christen redet wohl kein Fest eine unstete Sprache, und läutt kein Fest uns mit seinen -lockenklängen so ernst und nachdrücklich die Mahnung ins Gewissen: in Bethätigung wahrer Nächsten- liebe uns bewußt zu sein, daß wir Menschen ins- gefammt eines Gottes Kinder, einer gioßen Familie Glieder find. Nun steht es wieder nahe bevor, das WrihnachtSfest, ahnungsfroh und hoffnuugsselig ist die Adventszeit ins Land gezogen, schon zählen die Linder die ihnen viel zu langsam dahingehenden Lage und der Kinder Freude theileu die Eltern- Herzen, im wahrsten Sinne deS Wortes begehen Jung und Alt eia Familienfest.
Ader nicht nur ein Familienfest soll uns das thristfest sein. Wir fühlen da auch eine Reihe socialer Pflichten, deren Erfüllung es zum wahren Kiste macht. Wohl ist um diese Zeit eine rege Aedesrhätigkeit bemerkbar, aber eS fehlt ihr doch »sch an gar mancher Stelle die tiefere Auffassung, fie trägt vielfach noch ein zu unpersönliches, ge- jchäftS- und gewohnheiismäßigeS Gewand an fich. Ran glaubt heute noch vielfach, daß es zur Genüge gethan sei, wenn wir auf dieser oder jener Sammelliste unsere Namen eintragen. Nein, daS wahre, von Herzen kommende Wohlthun ist persönlicher Art, ts sucht ohne Bequemlichkeitsrücksichten die Armuth in ihrer Behausung auf, besonders die Armuth, die fich scheu vor der Oeffentlichkeit verbürgt und das Licht der Gaffe scheut. Fast jeder HauS hat ja doch schließlich auch seine Hausarwen, die zur Weihnachtszeit bedacht sein wollen. Und wenn am Mgen Abende in den Borderzimmern daS Kerzenlicht deS Christbaumes hell aus den Fenstern erstrahlt, dann soll auch ein Freuden schimmer bringen »'s Souterrain und Dachstübchen, wie in die Hinter- »ohnuugen der Armen.
Dies ist jedoch jetzt, vor der Weihnachtszeit nicht unsere einzige Weihnachtspflicht, andere Pflichten ergeben sich , aus ihr als einer Zeit der Einkäufe und Sendungen. Sie gemahnt uns, bei jedem Einkauf s und bei jeder Sendung unserer socialen Pflichten eingedenk zu sein. Für die Geschäftsleute, wie für nufere Postbeamten sind diese letzten Wochen vor'm Keste Zetten einer oft schlimmsten Ueberbürdung, und dies oft gerade deßtzalb, weil die meisten Leute ledig, lich aus Bequemlichkeit ihre Besorgungen und Bestellungen bis auf die letzten Tage, ja sogar bis aus die letzten NachmiltagSstunden vor dem Feste verschieben. Auch in dieser Hinsicht ist es ein nur der Nächsten-Pflicht entsprechender Entschluß, Alles, was
Sie bewunderten ihr Haar, ihre Augen, ihre lauge» Lörmpern, ihre Hautfarbe, eine Dame, die ihr Kind von kt Schule heimholte, hatte Erni gefragt, ob fie gern lerne, mit dem Zusatz: „Wer so schön ist wie Du, meine Kleine braucht ja gar nichts zu lernen!" — Ich hatte den gangen Tag nichts weiter zu thun, 18 alle Dummheiten aus der Schule zu vertauschen und tot zu machen 1 Auf die Dauer ging das nicht »ehr, sie hätte» mir doch aus dem Stabe eine eitle Närrin gemacht, und daS durfte nicht fein/
„Gleicht bie Kleine dem Vater?"
„Aeußerlich nicht, bis auf die Farbe und Fülle k8 Haares. Es wäre mir furchtbar gewesen, durch kn Anblick des Kindes stündlich an diesen Menschen «innert zu werden . . . ich hätte ja auch daS ertragen müssen!"
Und ihr Charakter? DaS, waS Eie mir bisher von dem Kinde erzählt haben, läßt mich hoffen —'
Frau Wallis hob abwehreud die Hand.
.Hoffe» wir nicht zu viel! Wie ost täusche» wir ans in einem erwachsenen, ausgereiften Menschen — vnd Erni ist ei» Ki»d ... was läßt sich da sage»? 6ie ist, wie eS ja wohl ihr Alter mit sich bringt, ganz Merkwürdig unausgeglichen — ich kann behaupten, fe ist unberechenbar: heute ganz toller, kindischer fiebermuth, voll ausgelaffeuer Lustigkeit, an jedem Spielzeug Freude findend, wie ein achtjähriges Mädchen — morgen urplötzlich, ohne jede erkennbare Ursache, verständig und gesetzt wie eine Erwachsene, mit einem Urtheil, einer Beobuchtungsgabe, daß es
irgendwie vorher besorgt werde» kann, rechtzeitig auch zu erledige». ES würde dadurch einer ganzen Anzahl von Leuten athemlose Ueberhastung und gesundheitswidrige Ueberarbeitung erspart bleibe«.
Ei» socialeS Pflichtgebor ist es ferner, die Weihnachts-Einkäufe möglichst bei den kleinen Ge- werbetreibenden der Heimathstadt zu besorgen. Manche Leute, die sich sonst scheuen würden, ei» Großwaaren- hauS aufzusuchen, gehen vor Weihnachten hin, nur weil sie dort alles bequem beisammen finden. Wir laden aber damit eine sociale Versündigung auf uns. Ramschwaare und Massenschund gehören nicht unter den Christ bäum. Und ebenso ungerecht ist der vielgeübte Brauch, die Weihnachts - Geschenke von außerhalb, etwa durch Versand-Geschäfte, zu beziehen. Man überlege sich doch, daß die kleinstädtischen Gewerbetreibenden sich mit ihrem Geschäftsbetriebe und Waarenbestande vielfach auf die Weihnachtszeit einrichten, und daß sie es bitter empfinden müssen, wenn ihre Kunden gerade in der Zeit größerer Einkäufe anderwärts Befriedigung suchen. Endlich aber noch eins. Wer kleinere Geschäfte bei seinen Einkäufen in Anspruch nimmt, der breche ein für allemal mit dem leidigen Borg-System urd leiste, wenn es irgend geht, Baar- Zahlung; denn nur so werden die Vortheile, die er dem kleinen Geschäftsmann zuwendet, auch für diesen wahrhaft wirksam.
Wohl ist es möglich, daß all' diese Dinge gar Manchem nur geringfügig erscheinen, aber aus Kleinem setzt fich das Große zusammen. Erfüllen wir auch in diesen kleinen Dinge» möglichst unsere socialen Pflichten, so können wir damit auch Lanz wesentlich zur Milderung socialer Gegensätze beittagen. Es ist aber wohl keine Zeit besser dazu geeignet, unS mit beredter Sprache diese Pflichten »»'s Herz zu legen, als die nun wieder nahende, liebe Zeit des christlichen Weihnachtsfestes!
Umschau.
Die von der .Frankfurter Zeitung" gebrachte, von uns ihrer Unwahrscheinlichkeit wegen nicht beachtete Nachricht, daß zur Deckung der Reisekosten des Kaisers auf der Fahrt nach Palästina dem Landtage eine besondere Vorlage zugehen werde, entbehrt jeder Begründung. — Weiter hat nach Berichten Wiener Blätter ein Mitglied des ReichSrathS die österreichische Regierung vor Kurzem wegen eine« „bisher unbekannten" Ereignisses inter- p llirt, das sich während des Aufenthalts Seiner Majestät deS Deutschen Kaisers in Beirut abgespielt haben soll. Danach hätte es Se. Majestät gegenüber dem deutschen „Honorarconsul" in
Beirut als Pflicht - Vergeffeuheit bezeichnet, daß dieser neben den deutschen auch österreichische Firmen vertrete. Obgleich nach jenen Berichten der Interpellant seine Informationen von einem österreichischen Minister erhalte» haben sollte, ließ doch sofort die bekannte Thaffache, daß das Reich in Beirut nicht durch einen Honorar- ober Wahlkonsul, sondern durch einen Berufskonsul vertreten wird, jenes „unbekannte Ereigniß" als ein tenbenziösis Manöver erscheinen. Die „Nordb. Allg. Ztg." ist aber noch ermächtigt, ausdrücklich zu erklären, daß an der Geschichte von den angeblichen Aeußerungen Seiner Majestät des deutschen Kaisers kein wahres Wort ist.
In Wakefield hielt am 8. December Lord Chamberlain eine Rede, worin er mit Bezug auf Frankreich sagte, die Zukunft sei bis jetzt noch immer ungewiß und hänge von der Frage ab, bis zu welchem Punkte eS möglich sei zu einer Verständigung mit Frankreich z» gelangen und in welchem Geiste man an eine solche Verständigung heranttete. Ec wolle eine herzliche Freundschaft zwischen den beiden große» Ländern begründet sehen, doch halte er eS auch für nöthig zu erklären, daß diese Freundschaft unverträglich fei mit einer Politik der Erbitterung und Chikanen, welche feit so vielen Jahren verfolgt werde. Wir find nicht gesonnen, diese Freundschaft um den Preis von Conceffiouen, die ohne Gegenleistung für uns sind und die nur als Ausgangspunkt für neue Forderungen dienen, zu erkaufen. Sodann sprach der Minister über China und wies die an die Politik der Regierung von den Rednern der Opposttivn geübte Kritik zurück und fragte hierbei, ob England hätte Rußland einen Krieg aufzwingen sollen, weil eS seinen weiteren, bisher nicht offenbarte» Plänen mißttaue. Ob man mit Gewalt dem natürlichen' Streben Rußlands, einen eisfreien Hafen zu haben, hätte Widerstand leisten sollen? Die große Mehrheit deS englischen Volkes werde nicht solche Politik als unmoralisch und unheilvoll verur- theilen. Ich glaube, fuhr der Minister fort, eine Uebereinftimmung mit Rußland ist zu wünschen, ich kann sogar sagen, fie ist nothwendig. Wofern nicht sehr ernste Verwickelungen nurieten sollten, stellen sich keine unübersteiglichen Hinderniffe einer fteund- schaftlichen Regelung entgegen, welche die vernünftigen Bestrebungen Rußlands mit der entschiedenen Politik dieses Landes versöhnen würde, welche die folgende ist: Auftechterhaltuvg gleicher Gelegenheiten für den Handel aller anderen Nationen. Ich glaube, daß meine Hoffnungen in dieser Richtung wohlbegründete find, denn unsere Interessen werd.« von Japan, Deutschland und Amerika gethetlt; alle haben fie die gleichen Interessen." Chamberlain führte eine Stelle der
letzten Botschaft deS Präsidenten Mc Kinley an und sagte, er glaube, in Zukunft werden die Engländer nicht die einzigen Wächter der „Offenen Thür" sein. Chamberlain wandte fich sodann der Frage der Alliancen zu und sagte: „Wir find berett, unsere eigenen Besitzungen und unsere ausschließliche» Interesse» allein zu vertheidigen; dafür verlange« wir keine Beihülfe, dafür haben wir keine Alliance nöthig. Aber eS gtebt andere Interessen, welche wir mit Anderen theilen. .Ist es nicht vernünfttg, daran zu denken, daß eS ein gewisses Zusammenwirken gäbe, um diese Interessen zu fördern?" „Ich gestatte mir, gewissen unserer deutschen Freunde zu sagen, daß es müßig ist, von einer Allianz zu sprechen, wo der Vortheil gänzlich auf einer Sette ist. Wir verlangen nicht, daß fie unsere Kastanien anS dem Feuer holen und wolle» ihre Kastanien nicht auS dem Feuer hole». Aber was hat sich, was Deutschland betrifft, ereignet? Wir habe» mittelst eines freundschaftlichen und redlichen Gedankenaustausches festgestellt, daß es sehr wichtige Fragen giebt, welche die deutschen Jutereffeu ebenso wie die englische« Interessen berühre». Wir können uns verständige», uns helfen und können uuterlasse», in diesen Frage« Einer die Politik des Andere» zu behindern, und em Augenblick der Ueberlegung wird beweisen, daß die englischen und deutschen Interesse» in keinem Tüeile der Erde in ernstlichem Widerstreit st» d. Ich glaube daher, wir können hoffen, daß in Zukunft die beide» Nationen, die größte Flottenmacht der Welt und die größte mtlttärische Macht, sich häufiger einander nähern können, und daß unser gemeinsamer Einfluß im Interesse des Friedens und des freien Handels angewandt werden könne. Er wird in diesem Falle mächtiger sein, als der Einfluß der eine» oder der anderen Macht allein. Inzwischen ist angesichts der jetzigen Weltlage die Freundschaft Englands nicht zu verachten. Ich kann unteren deutschen -freunde» die Versicherung geben, daß, wenn jemals unsere Interessen nicht die gleichen' sind, wenn je unsere Ziele nicht von ihnen gebilligt werden, wir ihre Mtt- wirkung nicht von ihnen verlangen und sie nicht wollen werden. Aber einstweilen behaupte ich, daß diese Entente mit Deutschland ein Erfolg ist und nicht der geringste derjenige», die die Regierung erreicht hat. Wenn ich Sie, meine Herren, zu der Entwickelung der guten Gesinnungen zwischen unS und der großen Festlandsmacht beglückwünsche, so freue ich mich noch mehr über die Entwickelung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen uns und unsere» Colonieen, sowie zwischen uns und den Vereinigten Staaten. Wenn wir die Freundschaft der angelsächsischen Rasse besitzen, giebt es keine andere Combination, welche uns Furcht einflößen könnte.
beftemdend wirkt. Uebersprudelnde Lebendigkeit, die kaum zu zügel» ist, wechselt mti stillem, träumerischem Wesen; ich habe an einem Tag ein ganzes Kind vor mir und am nächste» ein junges Mädchen, oft ist sie auch Beides in einer Stunde. Bei Sorte, als sie in diesem Alter stand, ist mir dieser krasse Wechsel nicht annähernd so ausgefallen. Erni entwickelt sich eben in jeder Beziehung früher und auch ander» Ich beobachte sie mit einer wahren Angst. . ."
„Nun aber, ich bitte Sie, warum den» das?"
.Warum? Und das können Sie im Ernste fragen, lieber Freund? Der Segen ober Fluch der Vererbung hat immer feine Rolle in der Welt gespielt — unsere heurige Zeit beschäftigt sich fast ausschließlich bamit. Ich habe von jeher ein großes Interesse baffir gehabt, ich hätte nicht Jbse» zu lesen brauchen, «m es in mir zu bestärken. Keime zu bem, was wir mit bem landläufigen Ausdruck „gut" und .böse" nennen, liegen in uns; die Erziehung kann fie unterdrücken, am zunehmenden Wachsthum hindern. . . ganz fortschaffen wird fie fie schwerlich. Wir solle» darum, wie Sie selbst zuvor sagte», »icht Nachlässen, treu und wachsam da» bei der Erziehung eines Kinde» zu thun, was wir als unsere Pflicht ansehe» — wehe bem, ber an eine so wichtige Ausgabe nicht fein Alle» setzt, bem sein Gewissen nicht bittirt, hier mit voller Kraft zu färbet«, bort zu wehre«! Ich, ohne selbstgerecht zu fein, kann von mir sagen, ich habe da» gethan, ich habe mit Wort und Beispiel gewirkt, so viel ich es vermochte; ich habe bis jetzt noch keine gerade de- d-nklichen Anlage« bei meiner Großtochter feststelle» könne«. Aber fie ist im Eutwickluugsalter — es kann vieles, viele» »och komme», wovo» ich mir nicht» träumen ließ. Weiß ich, wie ihr Vater tu
ihrem Alter war? Kau» er nicht ein schöner, begabter, vielversprechender Knabe gewesen sein — dasselbe, wa» Erni heute als Mädchen ist? Und kann nicht gerade in den Jahren, da ein so junges Menschenkind am empfänglichsten, ich möchte sage», am gefährlichsten beanlagt ist, irgend ein vethängniß- voller Einfluß bie böse Saat, bie i» seiner Seele verborgen lag, rasch zur Reife gebracht haben? Wenn ich mir denke, an dies Kind» bas ich behütet habe wie mein Augenlicht, sollte sich ein solch' verderblicher Einfluß heranschleiche», untergrabe», was ich aufzuba»en bemüht war, vernichte«, waS heute die schönste Entfaltung verspricht."
Frau Magdalene konnte zunächst nicht weiter- sprechen; ihr versagte die Stimme, zwei schwere Thränen hopften ihr von den Wimpern herab. Begütigend neigte sich der Justizrath zn ihr herab.
.Zu einer so starken Erregung sehe ich keine« Grund, meine gute Freundiu. Sie werden fortfahre», »ach bestem Ermessen da» Ihrige für das Heranwachsende Blümchen zu thun, Sie werde» ihm Sonneu- schein und Tau spenden, Ihre behütende Hand darüber halten —"
Sie ließ ihn nicht zu Ende rede», faßte feine Hand und preßte fie stark in den ihren zusammen.
„Kanu ich das? Werde ich das wirklich? Und Sie errathc» nicht, mein kluger Werder, Sie ahne» wirklich »icht, wie . . . Habe ich Ihnen den« nicht geschrieben, daß ich Sie bäte, zu komme», well ich den Mensche», de« Freund u»d denn Juristen in Anspruch nehmen wüffe? Merken Sie wohl: auch den Juristen!"
Der alte Herr athmete tief nnb sah unsicher fort; mit einem Schlage erblickte er bie ganze Sache m einem neue« Licht.
»Ich habe mich bezwungen," fuhr Fran Walli» fort, .Ihne» alles, wie e» hat komme» müsse», möglichst folgerichtig mttzutheile«; Sie sollten ba» ganze Gewebe mit Einschlag nnb Durchzug, mit Schulb, Reue und Sühne durchschaue», Sie sollte» das erfahren, was ich Ihne» in all' de» langen Jahre» nicht zu schreibe» vermochte. Es ist mir schwer genug geworde«, Ihnen vo» bem Tode meiner Tochter zu erzählen, aber ber Hauptpunkt, um den eS fich handelt, ist die» nicht gewesen ... er soll noch komme». Wiffen Sie »icht, was ich meine?“
Er sah sie mitleibig an.
.Ma» will Ihne» das Kind nehme», nicht wahr?" fragte er mit halber Stimme.
„3a — ja — ja!" rief fie i» auSbrechender Leidenschaft. „Man toiö! Aber man soll nicht — kann nicht — soll nicht dürfe»! Sie, der erfahre»« Jurist, sollen e» mir sagen, daß man nicht darf!"
.Versucheu Sie er, ruhig zu spreche»! Mir auseinander zu setze» — mir zu sagen . . ."
„Ich kann nicht! Ruhig!-? Mein Sott, es ist daS einzige, was ich noch habe — da» letzte, daS fie mir nehmen wollen — mein ein unb alles in der ganzen weite» Wett, das einzige Wesen für da» ich gelebt habe . . und Sie komme» und rede» mit von Ruhe!" , „
„Ich muß e» »eiter thun! Sie müssen bestrebt fein, sich zu fassen, damit ich mehr höre» kann. Komme» Sie, Magdalene, ich habe Sie als ernt starke Seele gekannt —"
„Das ist früher gewesen, mein Freund, früher! Dann ist das Schicksal gekommen und hat mit eiserner Faust die starke Seele niedergedrückt und hat fie feig unb mürbe gemacht. Sie hat fich in Verzweiflung — ja, wahrlich, in tiefster Verzweiflung! — an ein einzige»