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Wöchentliche Beilage«: Kreisblatt für Ne Kreise Marburg ««- Kirchhai«.
**** Illustrirtes Sonntagsblatt.
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Grschetvt täglich «mfctr en Strittigen nrch Conn* und Kettriegen. Qusrtalr-Lb»nuemeutr-Pre!r bei der 6$»ebtti»n 3 DL. bei alle» Postämter» 2,26 Mk. (etft Bestellgeld). JnsertionSgebühr: die ge- PÄÜene Aelle oder der« Stan» 10 Psg„ Äefiamett: die Aelle S5 Pfg.
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Freitag, 9. December 1898.
«NMgeii nehme» «tifleg«: die Expedition diese» Wette», die Knnencee» 8hiteeu$ von Haesenstä« L Bo^er, Frankfurt e. M., Eaffel, Megdo- !■«, Wien: Rudolf Moste, Krtuckstnt e. R., Berit», München, Köln: T. 8. Senke fc te„ Frmckfnrt e. M., Berkin, Hemmver, Peri» x.
33. Jahrg.
Zur Frage der Unterbeamten- Gehaltsaufbefferung.
♦ Unsere Leser erinnern fich, daß im vorigen steichstage ein Beschluß gesoßt worden war, das gehalt der StaatssecretärS des Reichsschatzamts iii6t eher zu erhöhen, bis auch die erwünschte Auf- desieiung der Unterbeamten - Gehalte zugefichert sei. Die Unterbeamten im Reiche schweben seitdem in etwas Hoffnung, und wir haben vor Kurzem schon es anderer Stelle melden können, was für die Unterbeamten der Post- und Telegraphen-Berwaltung an Aufbesserungen in Aussicht genommen ist: das Endgehast der Landbriefträger soll von 900 auf 1000 Mark steigen, der Aufaugssatz für die Klasse der Postschaffner von 800 auf 900 Mk. erhöht werden.
DieS ist doch ein kleiner Fortschritt zum Beffern für diese Kategorien von Unterbeamten. Nun sollen aber weiter für ca. 5000 Stellen, wie es heißt, für He R-ichspostbeamte» widerrufliche Stellen- znlage» bis zu der Höhe von 300 Mk. auSge- »oifen werden, auch soll bei den ReichSeisenbahn- llnterbeamten für den fehlenden peufiousfähigen »ohnungsgeldzuschuß 120 Mk. hinzu kommen. Man kann die beste Absicht, die bei Festsetzung dieser Ver- defferungeu den Herrn Staatssecretär des Reichsschatz- rmts Im Einvernehmen mit den Chefs beider Ressorts geleitet hat, nicht verkennen. Wir müffen aber hier «rserer Meinung Ausdiust verleihen, daß wir das System solcher widerruflicher Stellenzulagen durchaus nicht eingeführt sehen möchten, denn es hat die bedenklichsten Seiten.
Für denjenigen Unterbeamten, auf welchen nach km Berichte seines Vorgesetzten solche Stellenzulage -uffällt, hat sie natürlich die angenehmste Seite. Für alle diejenigen, am gleichen Orte dem Reiche dienenden Unterbeamten aber, welche diese Stellenzulage nicht iihalten, muß dies doch mindestens den Eindruck einer Unbilligkeit machen. Warum, fragen sie fich, sollen gerade die Bedachten — e8 find dies bei 5000 in Summa, in den Einzelorten natürlich nur wenige — diese angenehme Zulage haben, und die andern nicht? Man bedenke hierzu noch, daß mit dieser Art Auf- besserung von nur einer Reihe von Unterbeamten die Leamten-Gehalts-Aufbesserungen nach »fficiösen Verlautbarungen überhaupt zum endgültigen Abschlüsse gebracht werden sollen. Damit wäre den von der Gehaltsaufbesserung durch Stellenzulagen nicht betroffenen Unterbeamten, und diese sind die Mehrzahl, die Aussicht auf Aufbesserung ihrer Lage überhaupt abgeschnitten — und zwar in höchst mißgünstig wirkender Weise.
Diese Stellenzulagen sollen widerruflich sein. Schon dies ist eine Bestimmung, die zu den höchsten Bedenken Anlaß giebt. Wir wissen, daß ein höherer
Machdruck verboten.) Schute des Levens. Roman von Marie Bernhard.
tKortsttznng.)
4. Kapitel.
„Können Sie dasKinb lieben, Frau Magdalene? Sie mißdeuten diese Frage wohl nicht nach allem, was Sie mir berichtet haben?"
„Keineswegs, lieber Werder, ich finde Ihre Frage vollauf berechtigt und muß sie darauf hin beantworten, daß ich es erst habe lernen müffen, dieses And zu lieben. Recht mühsam sogar lernen müssen — es wollte durchaus nicht damtt gehen! Fürs erste: Ich wollte mein Herz an kein Wesen mehr mit Liebe hängen, in mir gährte alle» von Bstterkeit nud Jammer — wohin hatte meine zärtliche Liebe für meine Tochter geführt? War sie ihr nicht zum Fluch geworden, mußte sie nicht jedem zum Fluch werden, der sie fich erwarb? Wester aber: ich hielt mich überhaupt nicht mehr für fähig, Liebe zu empfinden, treue, zärtliche Fürsorge zu spenden. In mir schien alles ausgestorben; meines Lories entsetzlicher Tod halte, so glaubte ich fest, alle warmen Quellen in meinem Herzen für immer »erichüttet. Ich wollte, hoffte nichts mehr vom Leben, glaubte <m nichts, wünschte nichts mehr für mich! Endlich — es war nicht LorleS Kind allein, es. war das Kind dieses verhaßten Menschen, bei mein und meiner Tochter LedenSglück vernichtet, sein junges Weib in eine» schimpflichen Tod getrieben hatte! Und dies Kind sollte ich sorgsam aufziehen? Ihm Muttectreue, Muttersorge widmen, damit es mir vielleicht lohnte, wie sein Vater es gethan hatte? Mir schien dieser Gedanke wie der krasseste Hohn, und ich war feft entschlossen, das Kind fortzugeben, weit fvrt, irgend
Postbeamter, der zu entscheiden hat, wer schließlich die Stellenzulage von seinen Unterbeamten erhalten soll, ebenso sehr nach Gerechttgkeit entscheiden, wie er die Gründe genauest prüfen wollen wird, die schließlich zum Widerruf der Stellenzulnge führen. Aber vollkommen sind auch die höheren Postbeamten gerade so wenig, wie wir übrigen Menschen alle; Gunst und Mißgunst find Dinge, die nur zu leicht jedes Menschen Entscheidung, oft aus geringsten Ursachen herstammend, beeinflussen. Deßhalb möchten wir überhaupt statt Stellenzulagen für jeden Unterbeamten der Post eine bestimmte Erhöhung des Gehalts, und lieber für ganze Orte, in denen der Unterbeamte wirklich iheurer leit, weil es in diesem Orte iheurer ist, eine Wohnungsgeld- und Theuerungs- zulage. Dies kann kein böses Blut unter den Unterbeamten geben. Jedenfalls find fie alle am festen Gehalt gleichmäßig zu bedenken, und wo dies Gehalt dann wirklich zu Bestreitung der Miethe und zum Unterhalt wegen hoher Preise im Orte nicht langt, da muß eine Wohnungs- und Theuerungszulage hinzukommm.
Weiter aber ist eS im Allgemeinen uöthig, die Gehalts-Altersstufen so einzurichten, daß die Unterbeamten die höchste Altersstufe nicht erst, wie dies jetzt geordnet ist, mit dem 21. Jahre ihrer Anstellung, sondern mit etwa dem 14. oder 16. schon erreichen. Man hat doch, als diese höchsten Altersstufen für die Unterbeamten festgesetzt worden sind, gewiß nicht gewollt, daß fie ihnen unerreichbar seien und nur Einzelnen (Militär-Anwärtern) zu Gute kommen, die wirklich es zu einigen Jahren Genuß der obersten Gehalts-AlterSstufe bringen. Wer als Unterbeamter das 14. oder 16. Anstellungsjahr aufweifen kann, der ist unserer Anficht nach wohl schon werth, in den Genuß dieser höchsten Altersstufe zu treten, und wir erinnern hierzu daran, daß man ja auch den höheren Beamten die Erreichung der höchsten Gehalts-Altersstufe um 3 Jahre heruntergefetzt hat.
Umschau.
Der Pariser „Figaro" vergleicht die Thronrede Kaiser Wilhelms mit der Botschaft Mc Kinleys und sagt, man würde in der Thronrede vergeblich jene anmaßenden Ge- finnungen suchen, die die Botschaft kennzeichneten. Die 3t.be des Kaisers sei sehr weise, maßvoll und von praktischem, beinahe utilstärischem Geiste erfüllt. Die Botschaft Mc Kinleys sei fast monarchisch, die Thronrede dagegen vom Gefühl demokratischer Fürsorge befeelt. — Steele erklärt, falls die Friedens- eonfcrenz wirklich den gegenwärtigen Zustand der Dinge auftecht erhalten solle, so würde dieS die Begeisterung der Franzosen für das Bündniß mit Rußland sehr abkühlen. — In Paris ist dieser
Tage eine Flugschrift »Die protestantische Gefahr" erschienen, welche die Namen und Adressen sämwtlicher protestantischen Beamten, Professoren und Lehrer in Frankreich enthält. Wie in Kammerkreisen verlautet, will ein radicaler Deputirter die Regierung aufforderu, gegen derarttge hetzerische Unternehmungen scharfe Maßregeln zu treffen.
Der Präsident des jetzigen Reichstages, daS Centrumsmitglied Graf B a l l e st r e m hielt gestern vor Schluß der ReichLtags-Sitzung eine Rede, in der es heißt: »Der Gründer des Deutschen Reiches, der geniale Staatsmann (die Anwesenden erheben sich mit Ausnahme der Abgeordneten Riutelen, Graf Hompesch, Dr. Lieber und Fritzen-Rees), welcher feit dem Entstehen des Reiches an der hervorragendsten Stele desselben gestanden hat, ist, wie Ihnen Allen bekannt, durch die Vorsehung zu einem Zeitpunkte abberufen worden, wo kein Reichstag versammelt war und selbst kein Reichstag existirte, der an der Bahre des großen Tobten dem Schmerze unb ber Trauer hätte Ansbruck geben können, der bie Vertreter deS deutschen Volkes im Namen dieses Volkes befeelt. In sehr dankenswerther Weise Hai zwar ein Mitglied des früheren Präsidiums deS Reichstags, der Herr College Spahn, diesem Mangel abzuhelfen sich bemüht und wir find ihm dafür zu vielem Dank verpflichtet; jedoch kann dieser Umstand den neugewählten Reichstag nicht davon entbinden, noch vvr Eintritt in seine geschäftliche Thätigkeit seinem Schmerz und seiner Trauer über den Verlust des großen Deutschen Ausdruck zu geben. Wenn schon alle Angehörigen des Deutschen Reiches es fich angelegen fein ließen, den großen Todten und das Andenken an seine unsterblichen Verdienste um das deutsche Vaterland zu ehren und dieser Verehrung einen feierlichen Ausdruck zu geben, so tritt für die Mitglieder deS Deutschen Reichstages noch ein Grund ganz besonderer Dankbarkeit hinzu. Meine Herren! Wenn wir hier als Vertreter des deutschen Volkes tagen, so haben wir dies in erster Linie dem verewigten Kanzler zu verdanken. (Lebhafter Beifall.) Es ist eine geschichtliche Thalsache, daß die Basis, auf welcher der Reichstag beruht, bas Wahlgesetz, auf Grund dessen die Abgeordneten gewählt werden, lediglich dem maßgebenden Einfluß des ersten Kanzlers zu verdanken ist. Meine Herren! Fürst Bismarck war ein großer, gewaltiger Staatsmann, der fich bie höchsten Ziele zur Einigung unb zum Wohle des Vaterlandes gesetzt hat. Daß er bei der Wahl ber Mittel, um diese Ziele zu erreichen, sowohl mit Parteien als auch mit Personen dieses hohen Hauses in scharfe Korflicte gekommen, wer könnte es leugnen! Jedoch, meine Herren, auch für diejenigen, welche dem großen Kanzler in diesen Konflikten scharf gegenüber
standen, liegt kein Grund vor, dem großen Reformer eine feierliche Ehrung zu weigern. (Beifall.) Die Majestät deS Todes verklärt alles. Was Parteien und Personen an dem Fürsten Bismarck bei seinen Lebzetten bekämpft, ist, so wett es persönlicher Natur war, mit seiner sterblichen Hülle begraben. Das Andenken des Fürsten Bismarck steht vor uns als das eines großen Staatsmannes , des hervorragenden Mitbegründers des Reiches, deS Vorbereiters und Ausnutzers der unsterblichen Siege unseres unvergleichlichen HeereS. (Lebhafter Beifall.) Betrachten Sie fein Bild als das des Erhalters eines Jahrzehnte lang dauernden segeuS- reichens Friedens. So steht das Bild Ottos v. Bismarcks vor unserer Seele, unb unter biefeS Bild könnte man die Worte deS römischen Dichter setzen: Quis tot sustinuit, quis tanta negotia solus! Zur feierlichen Ehmng des verstorbenen großen Kanzlers habe» Sie sich von de» Plätzen erhoben. (Jetzt erst erheben sich die Centtumsabgeordueten Graf Hompesch, Dr. Lieber, Fritzen und Riutelen.) Ich konstattre er, daß der Reichstag in Verehrung des große» Kanzlers gedacht hat. (Lebhafter Beifall.)
Der in der Thronrede nicht erwähnte Gesetzentwurf über die privaten Versicherung»« Unternehmunge» wird dem Reichstag in dieser Session sehr wahrscheinlich noch nicht zugeheu. Der Entwurf wurde im „Reichs-Anzeiger veröffent- licht, um ihn der öffentlichen Kritik zu unterbreüeu. Die Reichsregierung wird die Gutachten Seitens des VeisicherungSbeiraths und anderer berufenen Körperschaften abwarten und den Entwurf eventuell den Aenderungen unterziehe», die fich aus der Begutachtung durch Sachverständige als berechtigt herauS- gestelll haben sollte». Uebrigeus ist es verfehlt, aus dem Umstande,, daß die Thronrede nur gewisse Vorlagen erwähnt, den Schluß zu ziehen, daß alle die erwähnten Vorlagen gleich in der ersten Session des Reichs tages erledigt werden sollen, ober daß außer den erwähnten keine andrren Vorlagen dem Reichstag zugehen würden. So geschieht z. B. in d-r Thronrede einer lex Heinze keiner Erwähnung; ttotzdem befindet fich ein solcher Gesetzentwurf in Ausarbeitung und wird auch dem Reichstag zugehen.
Die Organisation der Wasserwirth- schäft wird abermals in einem längere» Artikel der „N. A. Z." besprochen und dabei die Unterstellung der zu schaffenden einheitlichen Centtalstelle unter das Landwirthschaftsministerium empfohlen. I» dem Artikel heißt es: „Es läßt fich indessen mit Sicherheit auuehmen, daß bei einer Angliederung der Wasserwirthschast an das Landwitthschaftt Ministerium sowohl in den Fragen der Regulirung vorhandener, wie in denjenigen der Schaffung neuer Wasserstraßen
wohin in Pflege — es sollte es gut haben unter den fremden Leute», besser als bei mir, die ich es ja nicht lieben konnte! Fürs erste freilich, so lange ich in Wie» blieb, mußte ich das Kind noch um mich dulden; meine ganze Zeit war vollauf beansprucht von der Eniwttrung all dieser schreckliche» Geldgeschäfte, von meinen Gängen und Fahrten zu Menschen, deren Schweigen ich mir, so oder so, sicherte. Ich hätte keine Muße gehabt, gut für das Kind zu svrgen, und das wollte ich doch, ich hielt dies für meine Pflicht. Täglich brachte mir die Amme auf ihren Armen das kleine Geschöpf ins Zimmer, täglich laS ich dasselbe Erstaunen, denselben Vorwurf in den Augen der gntmüthigen Person, wenn ich das freundlich lachende, sich prächtig entwickelnde Kind kaum ausah, nach wenigen Minuten schon wieder fortschickte, ohne cS mit meiner Hand berührt zu haben — kaum daß ich ein paar Fragen an bie Amme that, bie Gesundheit, bie Pflege ber Kleinen betreffend. Der erste Zahn, ber erste schwankende Schritt, diese Wunder der Kinderwelt ließen mich hier ganz kalt; unbarmherzig ließ ich daS Köpfchen ber Kleinen bis auf die Haarwurzeln scheren, als sich zeigte, daß sie die Üppig geringelte, lichtbraune Lockenpracht bekam, die ihr Vater gehabt, — äußerlich bis dahin die einzige Sehnlichkeit mit ihm — ich schob sie zurück, wenn fie mtt auf Händen und Füßen entgegenstrebte, fich au meinem Kleide aufrichtete und meine Kuiee umfaßte. Ich nahm meine Mahlzeiten allein ein unb ging allein ans, nie durste mich das Kind begleiten. Ungeduldig sehnte ich die Zeit herbei, da meine Enkelin etwas größer, verständiger sein würde, um sie fvrtzugeben — ein so kleines Kind konnte ich doch nicht unter Fremde schicken. Dann nahm die Amme einen anderen Dienst an, der sie ihrem Bube» näher brachte, und bei der
neuen Märterin, die ich genommen, erkrankte daS Kind, zum erstenmal, so lange eS lebte. Elend und schwach, wie es in wenigen Tagen geworden war, sträubte es sich dennoch ans allen Kräfte» gegen die fremde Person, bie eS warten unb pflegen sollte — eS schrie kläglich, sobald jene eS an- rührte, unb wehrte sich mit Hänben unb Füßen bagegen. Trat ich indessen in's Kinderzimmer, so richtete das kleine Geschöpf einen erwartungsvollen, sprechenden Blick auf mich, einen Blick, ber deutlich genug sagte: „Nicht wahr, Du nimmst Dich meiner an? Ich habe auf der Welt niemand als Dich!" ein mattes Lächeln schlich sich um die kleinen Lippen, die Aermchen streckten fich mir entgegen . . . mir, die ich diesem Kinde nie Liebes erwiesen — lieber Freund, was sollte, was konnte ich thun? Widerstrebend that ich, waS das kleine hilflose Wesen, in dem vielleicht die Stimme des Blutes sprach, von mir verlangte . . . nun aber . . . ich that es doch! Ich stellte den Korbwagen neben mein Bett, ich reichte dem Kinde die Medizin, seine Suppe — ich badete es, ich fing, als es fich ein wenig erholt hatte, bann unb wann mit ihm zu spiele» an. Es ließ jetzt auch bie neue Wärterin mehr gelten, aber es fiel mir nicht mehr ein, ihr meine Pflichten abzutteten. Ich rcbetc mir vor, das Kind sei doch noch krank, recht krank sogar, und Kranken müsse man nun einmal den Wille» thun, jede Aufregung könne schädlich sein! Und wie ich eines Mittag» von einem Ausgange heimkehrte, da bekam ich auch meinen Lohn! Zum eiftenmal tarn mir das Kind ohne Hilfe entgegen, zum erstenmal nannte es mich laut und deut, lich: „Großmama!"
„Ich erzähle Ihnen dies absichtlich so ausführlich, lieber Werder, solche Geschichten find vielleicht ganz und gar nicht nach Ihrem Geschmack."
„Doch, meine Beste, doch! Erstens sind fie sehr charakteristisch, zweitens find Sie e», die diese Geschichten erlebt; drittens endlich habe ich Kinder immer lieb gehabt — und da sollte ich mich für dieS Kind nicht interessteren? Sie gaben es nun selbstverständlich nicht fort?"
„Nein, ich konnte nicht mehr! Als Erni gesund genug, alt genug, verständig genug geworden war, um sie zu ftemben Leuten in Pflege zu geben, als ich keine einzige Ausrede mehr fand, meinen festgesetzten Plan noch länger hinauSzuschieben, da legte mein Herz ein lautes Veto ein. Schwach, charakterlos, erbärmlich, wie ich mich schalt — eS half mir alles nichts, ich mußte es mir zugestehen: das Kind hatte mich erobert, ich hatte es liebgewouneu. Lange Zeit ging ich, sozusagen um diese Thatsache herum, wollte sie mir nicht eingestehen, ich nannte meine Empfindung für die Kleine Mitleid, Erbarmen, allgemeine Menschenliebe — ich kann sage», ich habe lange Zeit hindurch mtt mir selbst Komödie gespielt, so wenig Humor ich auch zur Verfügung hatte.
„Wir waren längst von Wien fort und lebten hier in Posen, das Kind wuchs heran, entwickelte fich geistig überraschend früh, viel früher, als seinerzeit die Mutter, die immer ein wenig weich und träge gewesen war, und es geliebt hatte, wenn Andere für sie dachten und handetteu. DaS hatte ich hier auch erwartet und wollte kräfttg dagegen steuern, doch hatte ich dieS gar nicht nöthig. Erni wollte alles ihn», meldete fich zu allem! „Darf ich daS nicht besorgen? Kann ich nicht dies ober jenes übernehme» ?" hieß es zehnmal am Tage.
(Fortsetzung folgt.)