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Wöchentliche Beilagen: Kreis blatt für die Kreise Marburg und Kirchhai«,

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Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sann« und Feiertagen. QuartalS-AbonnementS-Preis bei der Expedition 2 Mk., bei allen Postämtem 2,25 Mk. (ejfl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr: die ge­spalten« Zeile oder deren Raum 10 Pfg., Reklamen: die Zeil« 25 Pfg.

Warkurg

Dienstag, 25^ Oktober 1898.

Anz«ig«n nehmen entgegen: die Expedition dieser Blatte«, di« Annoncen« Bureaux von HaasentzGn & Bögler, Frankfurt a. M., Tafiel, Magd«» htt«, Wien; Rudolf Moffe, Frankfurt a. M., Berkin, München, Köln; t. 5. Daube fc Co., Frankfurt a. R., Berkiu, Hannover, Pa^L x.

33. Jahrg.

Zweites Blatt.

(Nachdruck verboten.)

KevbstbtüLHe.

Roman von Clarissa Sohde, (Fortsetzung.)

Ottomar ließ den Brief staken. Er lachte jäh auf! Und um dieses Mädchen hatte er sich gesorgt die so gut ihren Vortheil zu wahren gewußt? Und an sie alle guten und schönen Gefühle der Jugend verschwendet? Er barg den Kopf in die Hände und brach in ein konvulsivisches Schluchzen aus.

Elli steht am Fenster in ihrem Zimmer, schwarz gekleidet, in Trauer um den Verlust ihres zweiten Baiers, wie sie den Prüstdenten in ihrem Herzen nennt. Ist es das düstere Kleid, das sie so ganz verändert erscheinen läßt gegen früher? Wie weg­geweht scheint von diesen feinen, fast durchsichtig ge­wordenen Zügen alle Jugendlust und Lebensfreudig- ksit. lieber das sonst so strahlende Gesicht hat es sich wie ein Schleier gebreitet, die Augen sind vom Weinen getrübt. Draußen auf der Straße liegt heller Sonnenschein, fröhliche Menschen gehen hin. Elli sieht es nicht. Sie kommt sich wie abgeschnitten vvn der Welt vor, als stehe sie auf einsamem Fels mitten im Meer, von der Fluth umbraust, sie allein

in der großen, öden Weite, verlassen von Allen; Allen. Zuviel ist über ihre junge Seele hereingebrochen, zu unsägliches, unnennbares Weh aber das Bitterste hat er ihr doch gethan, dessen Bild sie, so lange sie denken kann, im Herzen getragen, an dessen Liebe sie geglaubt hatte, wie an die göttliche Liebe selbst. Wenn einer, so müßte er sie gekannt haben, die keine Falte ihrer Seele ja vor ihm verbarg; und dennoch, dennoch ist er es gewesen, der zuerst der Verleumdung einer neidischen, lügnerischen Welt sein Ohr geliehen, der, statt an ihre Seite zu eilen, wie es seine Pflicht gewesen wäre, um sie mit starkem Arm gegen alle Unbill zu schützen, über sie den Stab gebrochen hat, wie die anderen auch.

Jedesmal, wenn sie an seinen letzten Abschieds­brief denkt, fühlt sie es noch wie einen Dolchstich im Herzen. Mit welchem Verlangen sie ihn ergriffen hatte, als Otti ihn ihr, gerade in jenen schmerzens­reichen Tagen der Angst um das Leben ihres Heim­gegangenen väterliche» Freundes, in der Hoffnung, sie damit aufzurichten, ins Zimmer brachte! Ach sie bedurfte ja so des Trostes und der Liebe in ihrem schweren Leide! Und nun, sie 'glaubte nicht ihren Augen zu trauen, diese bitteren, kränkenden Worte! Ottomar gab sie frei, weil er sie des schmählichsten Verrathes für fähig hielt.

Das also war die ihr mit so heiligen Schwüren gelobte Treue! Von einem Windstoß fortgeweht, von einem Windstoß, der, und das war es, was ihr den

Schlag doppelt schmerzhaft machte, von ihrer besten Freundin, von Irmgard, ausgegangeu war! Auch sie, die ihr stets als der Inbegriff von Güte und Milde vorgeschwebt, hatte das Verdammungsurtheil gegen sie gesprochen. War das auszudenken, zu begreifen?

»Die Welt ist schlechter, als Sie ahnen! Dieses Wort des Präsidenten, als sie mit beklommenem Herzen und doch im Grunde noch voll phantastischer Hoffnungen ihn zum ersten Mal in seiner Wohnung aufgesucht hatte, kommt ihr nicht aus dem Sinn. Wie recht er hatte, ja er kannte die Welt. Ach, wäre er nicht von ihr gegangen, könnte sie sich nur einmal noch an seinem gütigen Herzen, seiner Milde und Liebe aufrichten! Aber das treue Auge hatte sich für im­mer geschlossen, der edle Geist war in seine himmlische Heimath zurückgekehrt.

Er hatte sie allein gelassen, allein in einer Welt, die das Beste in ihr, die Liebe und Dankbarkeit, die sie aus warmem Herzen ihm gespendet hatte, herabzog in den Staub, sie für elende Gier nach Geld und Gut ausschrie, sie deßhalb verachten zu dürfen meinte Sie tritt vom Fenster zurück, und wie »ft jetzt, schreitet sie ruhelos in dem kleinen Raume auf und nieder. Vor einer Photographie auf ihrem Schreibtisch bleibt sie stehen. Es ist die letzte Aufnahme, die der Prä­sident von sich hat machen lassen, und die er ihr auf ihre Bitte während ihres Aufenthaltes am Comersee geschenkt hat. Sie zu betrachten, sich in den Anblick dieser edlen geistvollen Züge zu vertiefen, aus denen

sie nur Liebe und Wohlwollen gelesen, ist jetzt ihr ein­ziger Trost. Er hat sie hochgehalten, hat sie verstan­den, wie keiner sonst. Und doch in Einem vermag sie ihn nicht zu begreifen, daß er die freie Regung ihres Herzens, die sie zu ihm gezogen, mit Gold zu lohne» gesucht hatte. Wußte er, der Weise, Einsichtige denn nicht, wie man diese That seiner Liebe zu ihr in der Welt, der bösen Welt, die er ja kannte, beurtheileu würde? Daß man sie nun mit einem Schein des Rechtes des Eigennutzes bezichtigen konnte, nun, da er nicht mehr da war, sie zu vertheidigeu?

Freilich, wenn er geahnt hätte, wie Ottomar ge­gen sie handeln würde, wer weiß, ob er sein Testa­ment doch nicht anders gefaßt hätte. Seheimrath Lutzen zwarBetheuerte ihr das Gegentheil. Der Prä­sident habe vor Allem gewünscht, sie frei zu machen von den Fesseln irdischer Roth, weil er sie der Frei­heit für werth gehalten hätte. Eine Undankbarkeit wäre eS geradezu gegen ihren hochherzigen Wohlthäter. wenn sie aus mißverstandenem Stolz seine Absichten durchkreuzen, der Erbschaft etwa entsagen wolle. Der Familie könne nach dem Wortlaut des Testaments doch niemals daraus ein Nutzen erwachsen, da daun die andere Bestimmung, die Gründung einer wohl- thätigen Stiftung in ihr Recht treten würde.

(Fortsetzung folgt.)

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