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Wöchentliche Beilagen: Kreisblatt für die Kreise Marbnrg und Kirchhain. Jllustrirtes Sonntagsblatt.
Schaden davon wird das rechtsuchende Publicum zu tragen haben.
Daher liegt es gewiß im Interesse der Rechts» pflege, daß diejenigen Richter, die wegen ihres vor» ,eschrittenen Lebensalters nicht mehr die Kraft haben, ich di« erforderlichen Kenntnisse deS neuen Rechts anzueignen, am 1. Januar 1900 aus dem Dienst chciden. Diese» Satz wird Niemand ernstlich bestreiten können. Ist aber dieser Satz richtig, dann ergiebt sich daraus von selbst die Nothwendigkeit, die Bedingungen für den Uebertritt in den Ruhestand zu erleichtern. Zwangsweise Versetzung in den Ruhestand ist bei dem Richterstand natürlich nicht möglich. Aber selbst wo eine solche möglich gewesen wäre, wie z. B. bei der Neuorganisation von Verwaltungsbehörden, hat mau doch stets auf die materiellen Verhältnisse der Betroffenen weitgehende Rücksicht genommen. Will mau ein Ausscheide» der älteren Richter aus dem Dienst herbeiführcn, so kann man dies nicht durch einen Druck von oben, sondern nur dmch eine materielle Erleichterung des UekertrittS in den Ruhestand erreiche». An Vorbildern hierfür fehlt es doch wahrlich nicht. Nicht nur hat mau 1879 diesen Weg bei der Einführung der Reichs justizgesetz- gebung eiugeschlagen, sondern man hat auch bei andern Gelegenheiten im Falle der Neuorganisation von Behörden derartige Maßregeln getroffen. Gewöhnlich hat mau den in den Ruhestand tretenden Beamten für die Dauer von fünf Jahren ihr Gehalt belassen und sie nach Ablauf dieser Jahre auf die höchste Pension gesetzt. Die Durchführung dieses Vorschlages würde gewiß ein finanzielles Opfer fordern. Aber dieses Opfer würde gegenüber dem so bedeutenden Interesse der Bevölkerung au der richtige» Ausübung der Rechtspflege nicht tu Betracht kommen.
Man darf doch nicht übersehen, daß die Rechtsumwälzung für die Bevölkerung so wie so nicht ohne Unannehmlichkeiten und Schwierigkeiten vorübergehen wird. Im Interesse des Staate- liegt es, und wir erachten eS für die Pflicht deS Staates, dafür zu sorgen, daß diese Erschütterungen auf das geringste Maß herabgedrückt werden. Dabet wird es aber eine große Rolle spielen, ob daS neue Recht gleich bei seinem Herrschaftsbegiun einen Richterstand vor» finden wird, der auf der Höhe seiner Aufgabe steht und das neue Recht richtig zu handhaben weiß. Ist dies nicht der Fall, so werden sich leicht Schädigungen der Bevölkerung zeigen, welche in lebhafter Unzufi iedenheit mit dem neuen Recht ihre» Ausdruck finden. ES ist gewiß der Mühe werth, dieser Seite der Sache die erforderliche Aufmerksamkeit zu schenken. Wir hoffen, daß dies geschieht und daß die Regierung aus eigenem Antriebe die erforderlichen Maßregeln treffen wird, um denjenigen Richtern, die sich in das neue Recht nicht mehr genügend einarbeiten können, den Uebertritt in den Ruhestand zu erleichtern.
Volke, welches unter dem Scepter seines Kaisers sich glücklich fühlte, das höchste Völkerglück. Die Kaiserreise werde im Herzen der OSmauen eingegrabe» bleibe».
Die gestern in Konstantinopel erschienene Zeitung „Sabah" hat zu Ehren deS Besuches des deutschen Kaiserpaares eine illustrtrte Beilage aus- gegeben, in welcher eS beißt, die Hauptstadt des Osmanischen Reiches sei glücklich über die Ankunft des glorreichen Kaiserpaares. Die Geschichte bewäse, daß zwischen beiden Reichen beständig freundschaftliche Beziehungen geherrscht hätten. Die Mitglieder des Hohenzollernhauses hätte» sich stets auftichtige Freundschaft im Orient erworben, so die Kaiser Wilhelm I. und Friedrich III. Auch das jetzt erwartete Kaiserpaar sei durch den Besuch vor 9 Jahren in unvergeßlicher Erinnerung geblieben. Alle Osmaneu begrüßten einmüthig Kaiier Wilhelm und Kaiserin Auguste Viktoria und wünschten dem Karserpaare bestes Wohlergehen und dem deutschen
Unser Richterstand und das Bürgerliche Gesetzbuch.
Im Verlauf dieses Sommers bis in die jüngste Zett hinein ist in unserer Presse wiederholt die Frage erörtert worden, ob mit Rücksicht auf das Inkrafttreten deS neuen Gesetzbuchs den älteren Richtern nicht der Uebertritt in den Ruhestand erleichtert werden sollte. Es hat sich in diesen Erörterungen dasjenige Iviedergespiegelt, was i» unseren Richterkreisen heute mit besonderem Interesse besprochen wird. Maa hat gesagt, daß viele der älteren Richter der bevorstehenden Umwälzung mit einem gewissen Bangen eutgegensähe», da sie nicht glaubten, daß sie den Anforderungen, welche diese große Reform an sie stelle, gewachsen seien, sie aber mit Rücksicht auf ihre materiellen Verhältnisse nicht in der Lage seien, bei dieser Gelegenheit in den Ruhestand überzutreten. Leider hat nun kürzlich eine Notiz durch die Blätter ihren Weg genommen, nach welcher man in den Steifen der Regierung nicht im entfernteste» daran denke, den älteren Richtern, die am 1. Januar 1900 in den Ruhestand treten wollen, gewisse Vergünstigungen zu gewähre». Wir hoffen aber, daß damit in dieser Sache noch nicht das letzte Wort gesprochen ist, und daß man int Landtag wie im Reichstag Gelegenheit nehmen wird, auf diese so wichtige Frage zurückzukommen.
Denn es handelt sich hier, wie die „Köln. Zig." sehr treffend ausführt, nicht lediglich um eine dem Einzelnen zu gewährende Vergünstigung, die lediglich für diesen von persönlicher Bedeutung ist; vielmehr kommt hier daS Interesse der Rechtspflege in ganz besonders hohem Grade in Frage. Unsere Rechtspflege hat das größte Interesse daran, daß unser Richterstand der Aufgabe, die ihm durch die gewaltige Rechtsumwälzung gestellt wird, möglichst gewachsen fei. Niemand wird bestreite» können, daß diese Aufgabe für einen Richter, der sich bereits in vorge» schrütenen Jahren befindet, keine leichte ist. Der Umfang der Veränderung des Rechtszustandes ist ein sehr bedeutender. ES gilt nicht nur, das neue Bürgerliche Gesetzbuch, sondern auch das neue Handelsgesetzbuch, die neue Civilproceß Ordnung und die zahlreichen Nebengesetze und Ausführungs- wie Einführungsgesetze zu bewältigen. Stellt das Studium dieses reichen Gesetzesmaterials schon an einen jungen Mann große Anforderungen, so erscheint es fast undenkbar, daß ein Mensch in hohem Lebensalter »eben seiner gewöhnlichen dienstlichen Beschäftigung sich die nöthigeu Kenntnisse des neuen Rechts erwerben kann. WaS ist dann die natürliche Folge, wen» die älteren Richter weiter im Dienst bleiben? Sie werden sich bemühen, allmählich den Geist des neuen Rechts zu erfassen. Aber dieses wird ihnen nur in geringem Maße gelingen, und den
Umschau.
Dem Kaiser wird in Konstantinopel von der deuffchen Kolonie eine Denkschrift über daS Vordringen der Deutschen in den deutschen Ländern deS Orients, in Kleinasien, Syrien und Palästina überreicht werden. Geradezu erstaunlich ist daS Vordringen in de» letzten zehn Jahren gewesen. In allen größeren Städten der Türkei haben sich deutsche Kaufleute und Gewerbetreibende niedergelassen und betreiben bedeutende Handelsgeschäfte. Der Eisenbahnbau in Anatolien befindet sich fast ausschließlich in deutschen Händen, lieber 1500 Kilometer dieser Eisenbahnen sind schon im Betrieb. Von Hamburg nach Angora über Skutari kann man jetzt in dreimal 24 Stunden mittelst Schnellzüge gelangen. In Eski-Schehir, wo die Eisenbahnwerkstätten sich befinden, ist eine richtige dentsche Stadt entstanden. In Konstantinopel befinden fich 120 deutsche Geschäfte. Aus Jerusalem wird gemeldet, daß trotz aller Hemmungsversuche rin enormer Andrang von Besuchern droht. Große Schaaren trafen schon au8 Deutschland ein, die Aufnahme in verschiedenen religiösen Hospizen fanden. Dar ftanzvsische Hospiz „Notre dame“ bot 200 Deutschen Unterkunft unter der Bedingung, daß keine deutsche Fahne gehißt werde. Die Vorbereitungen sind fast vollständig. Polizeiverstärkungen trafen ebenfalls in Jerusalem ein. Die Feststellung der Persönlichkeit jedes* eintreffenden Fremden wird auf das Strengste gehandhabt. Um das Lager wurde ein Zaun errichtet, um dem Kaiser Wilhelm das Ungestörffein darin zu sichern. Unter der deutschen Kolonie herrscht die lebhafteste Thätig- keit, zahllose Flaggen wurden entfaltet. Zur persönlichen Sicherheit des Kaiserpaares während der Reise durch Palästina ist nachträglich auch noch der Kriminalkommissar Wittmer in Thann im Bezirk Ober-Elsaß, der sich schon wiederholt als ein äußerst geschickter, umsichtiger und gewiegter Beamter erwiesen hat, beordert worden.
Die Novelle zum In validitätS- und Altersversicherungsgesetze, wie sie im BundeSrathe in Arbeit genommen ist, wftd zwei wichtige Nenerungen bringen. Einmal wird eine andere Vertheilung der Revtenlast vorgeschlagen. Die Gesammtbelastung aller Anstalten soll hiernach in eine Gemein la ft und in eine Sonderlast ge- theilt weiden: für erstere haftet ein als Gemeinvermögen auszusondernder Theil deS Vermögens der einzelnen Anstalten, für letztere dagegen der Rest des Vermögens jeder Anstalt als Sondervermögen. Ferner sollen zum Zwecke der Rentenfestsetzung in der Lokalinstanz besondere örtliche Organe der Versicherungsanstalten errichtet werden, welche auf Gründ der von ihnen vorzunehmenden thatsach- lichen Feststellungen unter Zuziehung von Vertretern der Arbeitgeber und Arbeünehmer über die Gewährung und Entziehung von Renten selbstständig entscheiden. _______________
Der Berliner Magistrat hat in Uebereinstimmung mit einer ministeriellen Anordnung der von der Stadtverordnetenversammlung vollzogenen Wahl des Herr» Singer als Mitglied der städtische» Schnldeputatio» die Bestätigung verweigert. Die Stadtverordneten haben den Antrag des Magistrats auf Vornahme einer Neuwahl unter Protest gegen die Nichtbestätigung an eine» Ausschuß verwiesen. Die linksnationalliberale „Natioual-Ztg." schreibt dazu:
„Wir erachten die Anordnung des UnterriLtsministerS nnd die daraufhin erfolgt« Nichtbestätignng der Singerschen Wahl durch den Magistrat für berechtigt nnd nolhwendigc Es handelt sich hier um eine Frage, deren Bedeutung weit über de» einzelnen Fall hinaurreicht; sie kann an vielen anderen Orlen und in mannigfach verschiedener Art auftauchen. Sehr viele Aemtcr der Selbstverwaltung haben gleichzeitig kommunale und staatliche Aufgaben; die Inhaber dieser Aemter haben einerseits wirthschaftliche Angilegen- heiten der betreffenden Kommunalverbände zu verwalten und andererseits staalliche, btr Selbstverwaltung übertragene Funktionen zu erfüllen. Deshalb hat der Staat sich die Bestätigung vieler Kommunalbeamten Vorbehalten, und es ist von vornherein verfehlt, wenn man, wie er einzelne Stadtverordnete gethan, eine Nichtbestätigung an sich als Eingriff in die Selbstverwaltung darstellt Wozu hätte di« Gesetzgebung das Recht zur Versagung der Bestätigung denn sestgestellt, we: n es niemals zur Anwendung kommen dürfte, wenigstens niemals aus politischen Grüncrn? Lediglich behufs Ferndaltung moralisch unwürdiger oder d r ihnen gestellten Aufgabe offenbar geistig nicht gewachsener Persönlichkeiten brauchte das Bestätigungsrecht nicht vorhanden zu sein; derartige Wahlen sind bisher kaum vorgekommen. Auch bei einer von parteipolitischer BeeinflussungSterdenz freien Behbrdluug der Selbbverwaltungs - Angelegenheiten wird jede -Regierung doch irdeudwo eine Grenz» für die Zulassung von Parteimännern zu Selbstverwaltungsämtern, mit denen staatliche Aufgaben verknüpft find, ziehen muffen.
Marburg 33. J-Hrg
M 245 xLk-LL'LLÄW' Mittwoch, 19. Oktober 1898.
(Nachdruck verboten.)
KerbstbLüLHe.
Roman von Clarissa Lohdei (Fortsetzung.)
Der Anfall war rascher überwunden, als man zu hoffen gewagt hatte. Der Präsident erklärte, nur noch Ruhe zu bedürfen, und erhob sich, um fich in sein Schlafzimmer zurückzuziehen.
„Darf ich bei Dir wachen?" fragte Elli, ihn herzlich zur Thür geleitend.
Er schüttelte mit einem traurigen Blick auf die Professorin den Kopf.
„Mein Diener wftd bei mir wachen."
„Aber Dn versprichst mir, im Falle es schlechter wftd, mich rufen zu lassen," bat Elli, immer noch beunruhigt.
Er nickte ihr fteundlich zu.
„Das verspreche ich Dir; aber ich hoffe, ft werde Deiner nicht bedürfen."
ES geschah, wie der Präfident gesagt hatte. Et hatte eine ziemlich ruhige Nacht und nahm am andern Morgen, obwohl etwas bleich, mit der Professorin und Elli gemeinsam das Frühstück ein.
„Ich glaube," sagte er, als die Schwester nach seinem Befinden fragte, „daß e» auf alle Fälle bester ist, ich breche meinen Aufenthalt hier ab und kehre Uach Berlin zurück, um mich wieder in die Behandlung Lutzens zu begeben. Ma» ist hier doch zu sehr von erfahrenem, ärztlichem Beistand abgeschnitten und ich möchte Euch nicht wieder einen solche» Schreck erregen wie gestern."
Die Professorin verstand ihn sogleich:
„Wann willst Du reisen?"
„Morgen, denke ich, dazu genug erholt zu sein." Damit war die Unterhaltung zu Ende. Elli hatte mit erstaunten Augen, wenn auch innerlich dem Entschlüsse des Präsidenten zustimmend, zugehört. Jedenfalls schien eS auch ihr für feine Gesundheit noth- wendig, daß die Geschwister fich trennten. Denn sicher war doch die Professorin schuld an feinem gestrigen Anfall gewesen. Was sie nur wieder gehabt haben mochte? Von Tag zu Tag wurde das Verhalten der Schwester zum Bruder unbegreiflicher. Sollte doch der Neid, der häßliche Neid auf die Liebe und das Vertrauen, das der edle Mann ihr schenkte, die alleinige Ursache ihres oftmals geradezu verletzenden Verhaltens sein?
Ohne fich indesten beirren zu lasten, fuhr fie in gewohnter Weise fort, mft dem Präsidenten zu verkehren, für ihn zu sorgen.
Er dankte ihr durch ein liebevolles Lächeln.
„Sie sollen Dft Nicht» anhaben," gelobte er fich im Stillen, ihren Bemühungen für feine Bequemlichkeit mit den Blicken folgend. „Frei will ich Dich machen, mein weißer Schwan — frei. Und die heute Dich anklagen und verleumden, weil Du Deinem gütigen Herzen folgst, fie sollen vor Dir fich noch Beugen. Das ist die Wirkung der bitteren Medizin, die mir die Schwester gestern gereicht hat.
18.
Ottomar war eben von einer längeren Studienreise nach Delphi znrückgekehrt, wo intereffante Ausgrabungen gemacht wurden. Er bewohnte zwei fteund- liche Zimmer am Anfang der HermeSstraße. Sein kleiner Diener — Frauen bedienen in Griechenland nicht — der auf de» hochklasfische» Name» Themisto- kles hörte, war ihm beim Auspacke» seines Koffers und dem Bergen seiner mft den in Delphi gemachten
Aufnahmen gefüllten Mappen behilflich. Nun fragte er in ziemlich geläufigem Neugriechisch nach den während seiner Abwesenheit eiugelaufenen Briefschaften.
Themistokles holte eine Anzahl Briefe herbei. Auch eine Karte fei darunter, berichtete er, die ein Herr am Vormittage abgeben habe. OttomarS Blick streifte natürlich zuerst die dort verzeichneten Namen. Mit froher Ueberraschung laS er: Doktor Ernst Hübner und Jrmgarde, geb. Lutzen. Darunter standen, von des Freundes Hand geschrieben, die Worte: „Wohnen Grande Bretagne, erwarte Dich heute Abend sieben Uhr zum Diner. Morgen früh dampfe» wft weiter nach Konstantinopel."
Ottomar wäre am liebsten gleich nach dem Hotel geeilt, die Freunde auS der Heimath zu 'begrüßen. Aber er sah nach der Uhr, die eben erst fünf zeigte, also beinahe noch zwei Stunde» der Erwartung.
Welch Glückskind dieser Ernst Hübner doch ist, ging eS ihm durch den Sinn; reich, ein liebes Weib im Arm, ftöhlich, gesund, was konnte man mehr wünschen? Während er? Wie dunkel lag die Zukunft noch vor ihm! Welche Wolken hatten.sich selbst über feine Liebe gebreitet.
Er durchmusterte die Adressen der Briefe; zwei entnahm er dem Packet: einen, der die Handschrift Ellis trug und einen anderen, der die der Mutter trug. Das Schreiben der Geliebten öffnete er zuerst.
Wie er schon ihre Schriftzuge liebte. Diese schönen, regelmäßige» Buchstaben, so klar, wie ihr Inneres; nichts von der modisch gezierten Art, die sich in Absonderlichkeiten gefällt. Aber eine Wolke zog auf seine Sttrn, als er das Blatt entfaltete, das kaum ganz gefüllt war. Hatte fie den» so wenig ihm zu sagen? Und wenn das war, wo war die Ursache der Erkaltung ihrer großen Liede zu suchen?
War es wirklich wahr, was man ihm andeutungsweise zugeflüstert, womit man den Glanz ihres reine» Bildes ihm entstellt hatte?
Er sftich mit der Hand über die Auge», als könne er damit alles Dunkle fortwischen, was seine Seele belastete. Dann warf er sich anfsenfzend in einen Stuhl und las. Ja, das war seine für alles Schöne empfängliche, begeisterte Elli, die auS jeder Zeile zu ihm sprach; aber immer der Onkel — immer er! Ihre ganze Seele schien nur von seinem Bilde erfüllt; was blieb bann für ihn, ihren Verlobten, noch übrig ? Fühlte fie wirklich so enthusiastisch für den alten Herrn, so wäre eS jedenfalls taktvoller gewesen, be- sonders da er schon in seinem letzten Briefe ihr sei» Mißfallen an diesem Verhältniß in möglichst zarter Weise ausgedrückt hatte, sich jetzt zurückhaltender zu äußern. Welcher Liebende hört wohl gern einen Anderen so überschwänglich von der Geliebten preisen und fei eS auch der eigne Onkel?
Welch vornehme Persönlichkeft dieser Onkel war, daS wußte er ja selbst; kannte er ihn doch so viel länger als fie und hatte oft schon seine Güte genossen, sein reiches Wissen bewunden. Wozu ihm das immer aufs Neue vorführen?
Verstimmt faltete er de» Brief zusammen und griff nach dem bedeutend umfangreicheren der Mutter. Aber was bedeutet das? OttomarS Augen wurde» immer größer, je Wetter er las, fein Gesicht verfärbte sich, die Hand, die den Brief hiett, begann zu zittern.
„Das ist nicht möglich!" stieß er leise hervor, „nicht möglich!"
(Fortsetzung folgt.)