Einzelbild herunterladen
 

* Wöchentliche Beilagen: Kreisblatt für die Kreise Marburg «nd Kirchhain.

-»«-" Jllustrirtes Sonntagsblatt. ***"t",

WÄtagm nachonn« und Feiertagen.DSTrtlffiltTTI n$°£"®«,ebiSM*Blatte«,die«nnoncrn-

z. txi .3 ^^ials-AÜnnnnents-Preis bei der Exp-diti-n 2 Mk bei allen SSftfe SÄSTS?"33 Jahrg.

® 248 rSZl.'L'LLRAI-LÜkALM Sonntag. 16. Ottober. 1898.

Zweites Blatt.

Das. jetzige Jerusalem?)

Jerusalem ist gegenwärtig Sitz eines selbstständigen MutessarifS, der daS früher zur türkischen Provinz Syrien gehörige Sandschak Jerusalem (mit 292 Ort­schaften, 2430,000 Häusern und 300,000 Ein­wohner») unter sich hat, und gilt noch jetzt nicht nur den Christen und Juden, sondern auch den Bekennern des Islam als eine heilige Stadt. ES liegt 725789 m ü. M. auf und au dem Abhang eines SalkfelfenS, der nur auf der Nordseite sanft ansteigt, sonst nach allen Seiten steil abfällt. Mit Jafa am Mittelländische» Meere ist eS seit 1892 durch Eisen- bahn verbunden, die jährlich über 40,000 Personen und ca. 25,000 Ton. Güter befördert. Von den die Stadt umgebenden Bergen ist der Oelberg, au der Ostsette, der höchste (828 m ü. M., 148 m über dem Kidron); an ihn schlicht sich südlich der Berg des AergernifseS,.(Dschebel Batu el Hawa), wo Salomo dem Moloch geopfert haben soll. Im Süden liegt der Berg des bösen RatheS, wo »ach fränkischer Sage in einem Landhaus des Kaiphas die Kreuzigung Christi beschlossen worden sein soll. Auf drei Seiten, gegen Osten, Süden und Westen, ist Jerusalem von tiefen Thälern umgeben: im Osten vom Thal Josaphat (jetzt Wadi Sttti Mariam), das sich zwischen dem Oelberg und dem Berg Moria hinzieht, im Westen und Süden vom Thal Ben Hinnom (heute Wadi er-Rababi), das sich mit jenem vereinigt. Ein drittes, weniger tiefes, von Norde« nach Süden gerichtetes Thal, das Tyropöon oder Käsemacherthal, thetlt die Stadl in eine westliche Hälfte (97 m über dem Kidron und eine östliche mit den Höhen Moria und Bezetha. Die aus großen Werkstücken erbauten Mauern, welche von 34 viereckigen Thürmen überragt werden, stammen aus der Zeit Sultan Solimans, messen etwa 4 km fan Umfang und sind etwa 12 m hoch. Von sieben Thoren find nur fünf im Gebrauch, nämlich das Damaskusthor im Norde», daS Stephansthor im Oste», da» Moghrebiner od.r Mistthor und das ZionSthor im Süden und das am meisten benutzte Jafathor im Westen. Dazu kam 1889 an der Nord­westecke da» neu durchgebrochene Bab Abd ul Hamid. Die belebtesten Gassen sind die Suks oder Bazare, welche meist überwölbt find, dann die zum Damaskus thor führende und die die Stadt vom Jafathor zum Haram von Westen »ach Osten durchschneidende Sttaße. Dadurch zerfällt Jerusalem in vier Quartiere, die nach den vorhrrrschendeu Konfessionen benannt werden: im Osten das mohammedanische mit dem Tempelplatz (Harem esch Scherif), der sogen. Via dolorosa, zwei Kasernen und der Amtswohnung des Paschas; im Nordwesten das christliche mit der Kirche deS Heiligen Grabes, dem Hiskiasteich, de» Wohnungen de» lateiuischeu und griechischen Patrt- urchen, der deutschen Kirche, vielen Klöstern rc.; im

Südweskn daS Quartier der Armenier, mit der Citadelle, eiuer dritten Kaserne, der englischen Kirche uud dem JakobSkloster, der Residenz des armenischen Patriarchen; endlich das Judenquartter, im Thale zwischen Haram und dem ttaditionelle» Zion, mit mehreren Synagogen. Die Straßen sind eng, ab- schüsstg und vielfach gebrochen, schlecht oder gar nicht gepflastert und voll Unrat. Häufig geht man durch dunkle, dumpfige Kellergewölbe und an Trümmern einstiger Prachtbauten vorüber. Die Häuser sind durchweg von Stein, aber klein und niedrig, meist mit Kuppeln gekrönt oder mit flachen Dächern ver­sehe». Schmale, niedrige Thüren und Fensteröffnungen, die nur zum Theil mtt GlaStafel», meist mtt eisernen oder hölzernen Gittern geschlossen sind, geben den Häuser» ein gedrücktes, gefängnißartigeS Aussehen. Verräucherte Kaffeeschenken, düstere Bazare und Sack- gassen, stalla^ttge Erdgeschosse, der Mangel an ge­räumigeren Plätzen, die Stille der meisten Straßen vollenden das trübselige Bild der Stadt, die, vom Oelberg oder von Norden gesehen, sich sonst stattttch genug auSnimmt. Erwähnenswerthe öffentliche Ge­bäude weltlicher Bestimmung hat Jerusalem, mit Ausnahme der Citadelle, nicht aufzuweisen. Diese zeigt, namentlich an dem viereckigen Nordostthurm, in gewaltigen Quadern Spuren hohe» Alterthums nud ist sehr wahrscheinlich der Thurm Phasael, von dem der jüdisch- Geschichtschreiber Joiephus berichtet, während die Tradition in ihr de» .Thurm Davids' steht. Da» reichste und größte Kloster Jerusalems

) Aus Meyer's neuestem Conversations-Lexikon. (Bibliographisches Jnstttut, Leipzig)

i t da» armenische Kloster auf dem (traditionellen) Berge Zion, daS in seinen umfangreichen Gebäuden zur Osterzeit außer dem Patriarchen und den 180 »Suchen mehrere tausend Pilger beherbergen soll und außer Druckerei, Seminar rc. auch die mit Fayencen getäfelte Kirche des heil. Jacobus enthält.

Hetltgthümer.

Die vornehmsten Hetltgthümer Jerusalems sind in der sogen. Via dolorosa (Schmerzensweg) ver­einigt, einer 1 Kilometer langen, vom Stephansthor zur Kirche des Heiligen Grabes hinführendcn Straße, welche nach der aus dem 16. Jahrh. stammenden Sage Jesus auf seinem Gange zum Tode durch­wandelt haben soll. Zuerst liegt rechts eine moderne Kapelle der Lateiner, die an der Stelle erbaut sein soll, wo die Kriegsknechte JesuS geißelten; links eine Kaserne, wo angeblich einst das Prätorium, deS Pilatus Wohnung stand; w-iter folgt der Platz, wo man Jesus das Kreuz auflegte. Unweit davon ist die Straße von einem Bogen überwölbt, worauf ein kleines Häuschen steht, nach der Hegende die Stelle, wo Pilatus seinEcce homo ausrief. Dann folgen die Stelle», wo Jesus unter der Last des Kreuzes zusammenbrach, wo er seine Mutter traf, wo ihm die heilige Veronika ihr Schweißtuch reichte, rc. Die Ueberlieferung betreffs dieser Stationen hat übrigens im Laufe der Zeit verschiedentlich gewechselt. Die letzten fünf der vierzehn Stationen befinden sich io der Heiligen Grabeskirche selbst. Vor dem Thore derselben ist ein mit Steinplatten gepflasterter Hof, wo Händler mit Wachslichten, Jerichorosen, Rosen­kränzen rc. ihre Maaren anpreisen. Die Fassade der Kirche (im Süden) hat zwei Portale, von denen das eine jetzt zugemauert ist, und darüber zwei jetzt eben­falls fast ganz vermauerte Fenster mit flachen Spitz­bogen. DaS flache Dach wird von einer großen und weiter zurück von einer kleineren Kuppel überragt, während sich zur Linken ein halb eingefallener Glocken­thurm erhebt. Jeder der verschiedenen Sekten ge­höre» einzelne Theile des verzwickten Kirchen- und Kapellenkomplcxes. Die erste Reliquie dieses .größten Reliquienschreins der christlichen Welt' ist eine röth- liche Marmorplatte, auf welcher die Salbung des G-kreuzigten durch NicodemuS stattgefunden haben soll (Der jetzige Stein datirt von 1808). Eine Treppe zur Rechten führt von da nach Golgatha, welches 41/, Meter über dem Boden der Grabeskirche liegt, den Grieche» gehört und i» eine Kapelle verwandelt ist, die durch weiße Marmorpfeiler in zwei Hälften geschieden wird. Die westliche Hälfte enthält die Stelle, wo man Jesus ans Kreuz schlug, die östliche diejenige, wo die drei Kreuze aufgerichtet wurden. Die Vertiefung, in welcher das Kreuz Christi staud, ist in Silber gefaßt. Zu beiden Seiten steht man die Löcher, wo die Kreuze der Schächer standen, und dicht dabei im Felsen den beim Verscheiden Jesu entstandenen Riß, welcher der Legende nach bis in den Mittelpunkt der Erde hinabreicht. Eine Messtng- leiste verdeckt die (in Wahrheit 20 Zentimeter tiefe' Spalte. Steigt man wieder hinab, so führen etwas weiter zur rechten Hand 29 Stufen aus einem Rund- gang (s. unten) in den östlichen, den Abessiniern ge­hörigen Theil des Gebäudes, die ziemlich geräumige Helena-Kapelle, hinunter. Noch 13 Stufen tiefer steht in einer Felsenhöhle ein Altar über der Stelle, wo das Kreuz mit der Dornenkrone, den Nägeln rc. gefunden worden sein soll. In besagtem Rundgaug finden sich die kleineren Kapellen der Verspottung, der Kleidertheilung und deS Kriegsknechts Longinus, der Christi Seite mit dem Spieß durchstach und, später bekehrt, hier jahrelang als Büßender gelebt haben soll. Alle diese Kapellen find je nach ihrer Bedeutung in der Legende mtt einer größeren oder geringeren Anzahl Lampen, meist auch mit Bildern, welch- aber allen KunstwertheS entbehren, ausgestattet. Dieser Rundgang mit seinen Kapellen gehört zu der von der eigentlichen Grabeskirche ursprünglich ge­trennten, 144049 erbauten Kreuzfahrerkirche, deren Hanptthcil das sogen. Katholikon ober Griechenchor, der imposanteste Raum des ganzen Baues, ist, in besten Mitte eine Kugel den .Mittelpunkt der Welt' bezeichnet. Gold und Silber, Bronze und Marmor sind hier bis zur Ueberladung verwendet.

Westlich von dieser Kirche liegt die große Ro­tunde der Grabeskirche; 16 Pfeiler bilden die Rippen des Rundbaues und haben Arkaden zwischen sich, welche sich in einer Galerie darüber wiederholen und sich oberhalb der Hohlkehle al» Nischen fortsetzen. Die oben offene Kuppel drohte lange dem Einsturz, bis Rußland und Frankreich ihre Ausbesserung durchsetzten; dieselbe wurde 1868 vollendet. Un­mittelbar darunter befindet sich die das Heilige Grab umschließende Kapelle, ein längliches Viereck, das

mit röthlichem Marmor überkleidet, ringsum mit Pilastern und andern Zierraten im Rococcostyl ge­schmückt und oben mit einer durchbrochenen Brüstung versehen ist, hinter welcher eine kleine Kuppel her­vorragt. Die ganze Kapelle ist 8 m lang und 5l/ä m »rett. Vor der Thür derselben, die gegen Osten liegt, befindet sich ein von zwei Steinbänken und großen Leuchtern umgebener Vorplatz. Das Innere der Grabkapelle ist in zwei Abtheilungen geschieden, von denen die vordere, die sogen. Engelskapelle, den Stein umfaßt, auf welchem sitzend der Engel den Jesu Leichnam suchenden Frauen die Worte zurief: Warum suchet Ihr den Lebendigen bei den Tobten?'; die zweite Abtheilung, ein niedriger Raum von 2 m Länge und 1,8 m Breite, enthält das heilige, ganz mit neuen Marmorplatten bedeckte Felsengrab selbst, an welchem täglich Messe gelesen wird. Von der Decke des Gemachs hängen 43 Ampeln von edlem Metall herab, welche durch die Wappen Oesterreichs, Spaniens und anderer katholischer Mächte als Ge­schenke des Abendlandes bezeichnet und stets brennend erhalten werden. Je 13 davon gehören den Griechen, Lateinern und Armeniern, 4 den Kopten. Durch die Arkaden des nördlichen Theiles der Rotunde gelangt man in einen den Lateinern gehörigen Vor­raum, auf dessen Fußboden ein Marmorring die Stelle bezeichnet, wo der Auferstandene der Maria Magdalena als Gärtner erschien, und gleich nördlich daneben befindet sich die Kapelle, wo er sich seiner trauernden Mutter zeigte. Außerdem wird hier hinter einem Gitter die eine Hälfte der Säule ver­wahrt, an der Christus gegeißelt ward. Eine be­trächtliche Anzahl von Heiligthümern zweiten und dritten Ranges wird außen an der Mauer gezeigt, darunter eine Kapelle, wo Maria und Johannes der Kreuzigung zusahen, eine Jakobskapelle, eine Kapelle der 40 Märtyrer und sogar eine Kapelle über der Stelle, wo Abraham seinen Sohn Isaak opfern wollte. Ueber die Möglichkeit der Echtheit der Grabeskirche ist viel gestritten worden; Bestimmtes läßt sich aber nicht behaupten, ehe nicht der ganze Boden im Zusammenhang untersucht worden ist, was durchzusetzen wiederum kaum im Bereich der Mög­lichkeit liegt. Was die Geschichte der Kirche an- langt, so sind die Hauptdaten folgende: Zuerst liefe Konstantin d. Gr. nach der angeblichen Auffindung des Heiligen Grabes hier eine 336 eingeweihte Basilika errichten, die aber 614 von den Persern zerstört ward. Nachdem um 620 ein Abt Modestus den Bau wiederhergestellt hatte, wurde derselbe im 10. Jahrhundert zweimal durch Feuer und 1010 von den Türken völlig zerstört. Bis 1055 war sie indessen schon wieder neu aufgebaut, und nun, zu Anfang des 12. Jahrhunderts, geschah durch die Kreuzfahrer viel zu ihrer Erweiterung und Ver­schönerung. Diese letztern Bauten haben sich, nur durch spätere Zuthaten entstellt und theilweise ver­deckt, bis heute erhalten. Von Neuem wurde die Kirche zerstört, als 1244 die Charesmier die Stadt eroberten; gleichwohl besafe sie um 1310 wieder viele reich geschmückte Altäre. 1664 liefe sie der griechische Patriarch gründlich ausbessern. Die Grab kuppel ward besonders durch Beiträge aus Frank reich hergestellt, uud zwar durch Franziskanermönche, doch ganz in der alten Weise; auch durften die Griechen und Armenier in ihrem Mitbesitz der Grab­kapelle nicht beeinträchtigt werden. Dieser Neubau ward 1719 beendet. Am 12. Oktober 1808 ent­stand durch eine Kerze ein Braud, welcher die Kirche so schwer beschädigte, dafe man sie ganz neu auf­zubauen beschloß. Die Kosten wurden vornehmlich von den Griechen und Armeniern besttitten, und 1810 war derselbe vollendet. Von Alters her hat der konfessionelle Hader sich in der Kirche des Heiligen Grabes in den widerwärtigsten Händeln Luft ge­macht, und oft wurde der weiße Marmor, der das Grab des Friedensfürsten deckt, mit dem Blut seiner Bekenner befleckt. Die höchste Feierlichkeit findet von Alters her am Osterheiligabend statt, wo das an­geblich Wunder wirkende heilige Feuer vom Himmel herabgebetet wird und unter den Gläubigen, welche,

jeder womöglich zuerst, ihre Kerzen daran anzünden wollen, das schrecklichste Gedränge, oft wilde Prügelei veranlaßt.

Die Stätte deS alten jüdischen Tempels bezeichnet auf dem heiligen Tempelplatz im Südosteu der Stadt, dem Haram ech Scherif, eine 3 m hohe Plattform von 160 m Länge und 125155 m Breite, die mit bläulichweißem Marmor getäfelt ist, und zu welcher marmorne Stufen führen. In der Mitte derselben steht der achteckige, noch bis znrn Krimkriege für jeden Christen verschlossene Felsendom (auch Omar-Moschee genannt), ein leichter, schöner

Bau aus dem 7. Jahrhundert mit 30 m hoher und 20 m int Durchmesser haltender Kuppel, nächst der Moschee zu Mekka die heiligste der ganzen nmhamme- danischen Welt, an welche, wie an den darin befind­lichen heiligen Felsen sich viele Sagen knüpfen. Eine andre Moschee, El Aksa, ehemals die schöne, der Jungfrau Maria geweihte Basilika Justinians, legt im südlichen Theil des Tempelplatzes.

Bevölkerung.

Die mächtigste christliche Gemeinde in Jerusalem ist die griechische, 4000 Seelen stark; sie besitzt einen Patriarchen, 18 Klöster, welche Raum für 2500 Pilger bieten, eine Mädchen- und eine Knabenschule, ein Hospital, eine Druckerei rc. Selbstständig ist die russische Mission, der ausgedehnte Baulichkeiten (Kirchen, Pilgerhäuser, Spital) nordwestlich von der Stadt und auf dem Oelberg gehören. Die Katho­liken (2000 Seelen) besitze» das Patriarchat mit großer Kirche, daneben 4 Kirchen und Kapellen, 8 Schulen, 2 Hospitäler, 4 Pilgerhäuser, das Saloator- kloster im Westen der Stadt mit Pilgerherberge, schöner Druckerei, Schule und Spital und 8 Kon­vente. Die armenische Kirche zählt etwa 500 Be­kenner unter einem Patriarchen und hat 2 Mönchs­klöster (darunter das erwähnte Jakobskloster) und ein Nonnenkloster; die 100 koptischen (ägyptischen) Christen unter einem Bischof haben 2 Klöster, die Jakobite» ein kleines Kloster mit einem Bischof; des­gleichen haben die wenigen (75) Abessinier einen Bischof. Eine protestantische Gemeinde (ca. 300 Seelen) besteht in Jerusalem seit den 40er Jahren. Die deutsche evangelische Gemeinde (190 Seelen) besitzt eine Kapelle (Kirche im Ban), eine Schule, das Johanniterhospiz, ein Hospital der Kaiserswerther Diakonissinnen, ein Kinderhospital, ein Aussätzigen­haus, 2 Waisenhäuser, einen deutschen Verein, die englisch-protestantische Gemeinde (140 Seelen) Kirche, Schule und Druckerei, die englische Judenmission Kirche, Schule und Spital. Die Sekte der Templer' (300 Seelen) hat ein Lyceum mit 9 Lehrern. Jerusalem ist Sitz eines deutschen Berufs­konsuls.

Die Gesammtzahl der Einwohner wttd auf über 40000 (ja bis zu 60 000) angegeben, davon 7560 Muhammedaner und 28 000 Juden. Die Hanpt- sprache ist die arabische; außerdem hört man italienisch, griechisch, französisch, englisch, deutsch und russisch, sowie türkisch sprechen. Im allgemeinen stehen die Bewohner Jerusalems nicht im besten Ruf, indem sie für träge, ränkesüchtig, lügenhaft und feig gelten. Doch halte» sie streng auf Beobachtung ihrer verschiedenen kirchlichen Gebräuche. Von In­dustrie ist kaum die Rede, man treibt nur etwas Weberei und Pantoffelmacherei. Ausgeführt werden Pilgermuscheln, Rosenkränze, Amulette, Kruzifixe, Reliquien, doch nicht mehr in solcher Menge wie früher. Der neuerlich im Wachsen begriffene Handel ist unbedeutend, wiewohl es in Jerusalem manche reiche Kaufleute, namentlich unter den Armeniern, giebt.

Umgebung.

WaS die Umgebung Jerusalems anbelangt, so fehlt, wie bemerkt, der Stadt an der Nordseite der natürliche Schutz durch ein tiefes Thal, da stch hier eine Hochebene anschließt. Hier sind die sogen. KönigS- gräber, die aus Christi Zeit herrühren mögen, und dieGräber der Richter'; näher der Stadt zeigt man eine geräumige Höhle, worin Jeremias seine Klagelieder gedichtet haben soll. Im Nordwesten liegen die ausgedehnten Gebäude des rujfischen Kon­sulats und Hospizes, die verschiedenen fremden Kon­sulate, das evangelische Mädchenwaisenhaus Talitha Kami rc. Hier hat stch in den letzten Jahren eine große, zumeist von Inden bewohnte Vorstadt gebildet. Im Westen liegen die beiden, vielleicht altjüdischen, in den Felsen gehauenen viereckigen Teiche Mamilla und Birket es Sultan im Felsenthal Er Rababi (Ben Hinnom), wo zahlreiche Felsengräber sich er- halten haben; im Süden der Töpferacker (nachher Blutacker oder Hakeldama genannt). Auf der Ost- seite der Stadt erstreckt sich daS Thal deS Baches Kidron oder Thal Josaphat. Ganz im Südosteu liegt der Teich Siloah, der von der intermittirenben Quelle Siloah gespeist wurde. Das Thal Kidron wird im Osten vom Oelberg begrenzt, an dessen süd­westlichem Fuß das Dorf Keft Silwan mit meist in den Felsen gehauenen Wohnungen liegt. Nördlich davon das sogen. Grab Absalows, Zacharias' und viele andere alte Gräber. Weiter thalaufwärts kommt man nach dem den Franziskanern gehörige Gethsemane, einem etwa 70 Schritt int Quadrat großen, mit einer Mauer umgebenen Garten mit einigen sehr alten Oelbäumen, wo verschiedene durch die Leidens­geschichte Jesu geheiligte Lokalitäten gezeigt werden.