Vom Rothen Kreuz.
Die Ausstellung vom Rothe« Kreuz, welche vom 1 bis 16. Oktober d. Js. unter Be- theiltgung des Kriegsministeriums und des Reichs- Mariue-Amts im Ausstellungspark am Lehrter-Bahn. Hof iu Berlin stattfindet, wird ein Bild der Einrichtungen des Kriegssauitäts- dieustes geben und insbesondere darstellen, wie die Ergänzung der staatlichen Einrichtungen durch die der fteiwilligen Krankenpflege bestimmungsgemäß sich zu gestalten bat. Bekanntlich ist auf Grund der Lehren der Kriegsgeschichte durch die Kriegs - SanstätSordnung und die Kriegs - Etapen- ordnung in ganz bestimmten Rahmen festgelegt, worauf die freiwillige Krankenpeflege bei ihrer Hülfe im Kriege sich zu beschränken hat. Innerhalb dieser Grenzen wird aber anf gewisse Leistungen mit aller Sicherheit gerechnet. Diese Leistungen der freiwilligen HülfSthätigkeit sind naturgemäß in derselben Weise planmäßig vorzubereiten und ficherzustellen, wie jede andere für den Krieg vorgesehene Einrichtung, und dazu bedarf eS in Friedenszeiten einer ebenso eifrigen wie nachdrücklichen Thätigkeit der betheiligten Kreise.
Nach den oben erwähnten Bestimmungen ist die Mitwirkung beim Kriegssamtätsdienst in der gedachten Weise ausschließlich zugewiesen den Ritterorden und den Vereinen vom Rothen Kreuz. Diese haben mithin ein großes Interesse daran, das Publikum von Zeit zu Zeit auf die Pflichten der freiwilligen Krankenpflege aufmerksam zu machen und immer wieder zur Mitwirkung auf diesem Gebiete anzuregen. Dazu wird hoffentlich die geplante Ausstellung umsomehr beitragen, als in der ersten Oktoberwoche in Berlin sowohl die Jahresversammlung der Führer und Aerzte der Sanitätskolonne, als auch der freiwilligen Krankenpfleger des Rothen Kreuzes stattfindet. Die Darstellung des Weges, den die Verwundeten und Kranken vom Schlachtfelde durch alle Einrichtungen des amtlichen Sanitätsdienstes und des ergänzenden Dienstes der fteiwilligen Krankenpflege bis in die Heimath zurückzulegen haben, wftd für die Besucher der Ausstellung einen besonderen An. ziehungspunkt biete».
Der im vorigen Jahre ernannte Kaiserliche Kommissar und Militärinspekteur der freiwilligen Krankenpflege, Grafz» Solms -Baruth, hat mit Genehmigung Sr. Majestät des Kaisers den Ehrenvorfitz der Ausstellung übernommen. In daS Ehrenkomitee, an dessen Spitze der Reichskanzler Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst steht, find die Chefs derjenigen Zentralbehörde», welche bei der Ausstellung betheiligt sind oder mit dem Wirken des Rothen Kreuzes in Beziehung stehen, eingetreten.
Die Ausstellung für verbesserte Frauenkteidung in Berlin.
Die großen Ausstellungen, die der Verein für gesundheitsgemäße Frauenkleidung alljährlich veranstaltet, geben ein sehr interessantes Bild der Fortschritte auf diesem Gebiete, zeigen aber auch klar die Grenzen, die derartigen Bestrebungen gesteckt sind. Anfangs nahm man bekanntlich die Sache allzu radical und wollte eine Art Uniform einführen, die keiner Mode unterworfen ist und nur ihre eigenen Gesetze kennt. Längst aber ist man von solcher Dictatur zurückgekommen, denn unsere Industrielle» kämpften dagegen mit allen Mitteln und unsere Dame» mochte» sich erst recht nicht zu dem Ausnahmegewand bequemen, das auf der Straße Aufmerksamkeit oder gar Spott erregte. Die losen Empirehänger mit kurz angebundener Taille, die «an anfangs als mustergiltig pries, mutheten unser modernes Auge doch gar zu altmodisch und unschön an.
JSBir bedürfen einer Kleidung, die dem Körper Halt giebt und seine Linien nicht ganz verhüllt. Zum Verstecken und Verbergen hat doch die Natur ihr „herrlichstes Kunstwerk", als welches Maler und Bildhauer die Frauengestalt preisen, sicherlich nicht geschaffen! Das erkannte der Verein auch bald nach de» erste» etwas mißglückten Versuchen und suchte mit der Mode Fühlung zu gewinnen oder vielmehr, sie als oberstes Gesetz anzuerkennen und innerhalb der hier gezogenen Grenzen, die immer noch eine weit auSgebreitete Thätigkeit gestatten, seine Bestrebungen fortznsetzen. Mit welchem bedeutenden Erfolge, bewefft eben die diesjährige Ausstellung. Mr finden die hübschesten Costüme, die allen Anforderungen moderner Eleganz und Kleidsamkest entsprechen und doch gesundheitsgemäß sind, d. h. den Körper in keiner Weise beengen. Daß sich Bluse und Musenjäckchen, Prinzeßkleid mit faltigem Vordereinsatz und ähnliche Anordnungen am besten dafür eignen, liegt auf der Hand, aber auch die ganz glatte TaUe, die tadellosen Sitz bedingt, ist nicht ausgeschlossen, nur, daß die Gürtelweite ein paar (Zentimeter mehr beträgt, weil eben von jedem Ein- schnüren Abstand genommen ist. Und wahrlich nicht zum Schaden einer schönen Frauengestalt, denn welcher vernünftige Mensch fände die unnatürliche Wespentaille schön! Wie sehr unvernünftiges Schnüren die Gesundheit untergräbt, ist zu bekannt, als daß hier noch ein Wort darüber gesagt zn werden brauchte. Das Corsett oder vielmehr das Anticorsett, d. h. ein Ersatz für den Stahlpanzer, nimmt denn auch den breitesten Raum der Ausstellung ein und verdient eingehendste Beachtung. Der Traum mancher radicalen Reformerin, daß es ganz ohne Grad- oder Büstenhalter, also jeden Zwanges eines Untermieters los und ledig, gehen würde, ist längst ebenso in Nichts zerronnen, wie der des völlig losen Gewandes. Ja, wenn alle Frauen sich der Jugend schlatcke Biegsamkeit bis ins Alter hinein
bewahren könnte»! Da dies aber nur bei sehr wenigen der Fall ist, braucht die Gestalt eben einen Halt und vernünftige Beschränkung, eS würde der Fülle sonst doch zu viel werden. Der Miedergürtel allein thutis nicht, und so hat man denn die dehnbaren Corsetis aus gegittertem Stoff, die statt der Stahlstaugen Schnureinlagen oder solche von biegsamstem Uhrfederstahl aufweisen, erfunden und weiß sie stetig zu verbeffern. Selbst einfache Untertanen mit der haltgebenden Schnurstepperei erzielen eine vorzügliche Figur und geben dem Stahlpanzer au elegantem Sitz nichts nach, falls deren Schnitt kunstvoll ist.
Natürlich genügt diese einfache Untertaille nicht für jede Figur, und ost muß ein complicirterer Apparat angewandt werden, um wünschenswerthe Formen zu erzielen. Aber nicht nur das Corsett, auch die Unterkleidung trägt ungemein viel dazu bei, den weiblichen Körper gesund zu erhalten. Deshalb der Kampf um den altehrwürdigen Uuterrock, den man durch die Pumphose ersetzt zu sehen wünscht. Alle dahin zielenden Bestrebungen, die Hüften zu entlasten und durch das mit Achselbändern versehene Untermieter die Last den Schultern aufzubürden, können daher vom gesundheitlichen Standunste aus nur gutgeheißen werden. Die Achseliräger sind freilich zu festlichen Toiletten, die ausgeschnittene Kleider erfordern, unmöglich, doch Hilst man sich dann durch den breiten, die Hüften straff umspannenden Gurt, an den die Unterkleider angeknöpft werden, wie ja auch die meisten Reformcorsetts eine der- artige Knopfvorrtchtung aufweisen. Da das viele Knöpfen aber nicht eben bequem ist, erscheint ein Mieder, an dem die Unterkleider durch Patenthaken angehängt werden, als eine praktische Neuheit.
Was die Leibwäsche anbetrifft, so hat man die praktische Hemdhose bisher durch nichts Besseres zu ersetzen gewußt. Nur bezüglich des verarbeiteten Materials sind Neuheiten zu verzeichnen; die porösen Gewebe in Wolle und Baumwolle sind ja bekannt, haben aber bedeutende Verbesserung in den feinen, leichten Stoffen erfahren. Sehr beachtenSwerth ist ferner die Abtheilung, in der derbe, arbeitsbequeme und billige Anzüge für Dienstboten, Fabrikarbeiterinnen, Wäscherinnen u. f. w. ausgestellt sind. Diese dunkel- gestteiften Drellanzüge mtt fußfteiem Rock und loser Blusenjacke, die durch ein gestricktes Untermieter Halt erhält und durch eine hübsche Wirthschastsschürze kleidsam gemacht wird, sind in der Thal ungemein praktisch für nufere Dienstboten. Im großen Ganzen ist nicht viel unbedingt Neues, aber jedenfalls bedeutend Verbessertes auf dieser Ausstellung, und somit ein weiterer Fortschritt auf dem Wege zu einer gesundheitsgemäßen und doch modern kleidsamen Frauenkleidung.
Volkswirthschaftliches.
Arbeitsnachweis-Konferenz zu Leipzig
Unter dem Vorsitze des Fabrikbesitzers Herrn M e n ck, Altona - Ottensen, fand in Leipzig am 5. September in den Räumen des Hotel de Prusse die auf Anregung des Arbeitgeber-Verbandes Hamburg- Altona gufammengetrene Arbeitsnachweis - Konferenz statt, zu der von Wien bis Metz, von Kiel bis zu den Alpen fast alle größeren wirthschastliche» Vereine, mehrere Handelskammern, sowie eine Anzahl von Innungen und Jnnungsverbände» Vertreter gesandt hatten. Nach einigen Worten der Begrüßung von Seiten des Vorsitzende» und nachdem Dr. Martens, der Generalsekretär des Arbeitgeber-Verbandes allen Denjenigen seinen verbindlichste» Dank ausgesprochen hatte, die ihn bei den Vorarbeiten zu dieser Konferenz unterstützt hätten, ttat man in die Tagesordnung ein.
Den ersten Punkt der Tagesordnung bildete das Referat des Herrn Dr. Martens: „Geschichtliches vom Arbeitsnachweis". In demselben wurde von dem Referenten ausgeführt, wie die Anfänge der unseren modernen Einrichtungen ähnlichen Arbeitsnachweise in de» Zeiten des mittelalterlichen Zunftwesens zu finde» seien, als die Wanderlust und der Wanderzwang allgemein Eingang gefunden hatten, und wie dann später bald dieser, bald jener Faktor in den einzelnen Ländern und Epochen mehr »der weniger ausschlaggebend wurde.
Als Arbeitsnachweis-Faktoren werden hingestellt: 1. die gewerbsmäßige Stellenvermittelung; 2. die Arbeitnehmer; 3. gemeinnützige Vereine und Gesellschaften mit oder ohne Verbindung mit Behörden und öffentlichen Körperschaften; 4. die Arbeitgeber. Die Arbeitgeber bildeten nach Dr. Martens ein neues zukunftreiches Entwickelungselement in der Geschichte des Arbeitsnachweises, nur ihnen dürste, soll nicht die Industrie und das ganze Gewerbsleben Schaden leiden, die so viele und weitgehende Spezialkenntnisse und Spezialrückfichten erfordernde Auswahl und Beschaffung von Arbeitskästen anbertraut werden.
Es folgte sodann in Erledigung des zweiten PunsteS der Tagesordnung das Referat des Seketärs des Verbandes der Eisenindusteie und Vorstehers des ArbettsnachweiseS berf eiben Vereinigung Herrn S. Thielkow: „Verwaltuagsprinzipien und Ver- waltungSpraxis beim Arbeitsnachweis". Herr Thielkow gab in feinem Bortrage ein treffliches, deutliches Bild eines Muster-Arbeitsnachweises; er schilderte die zu empfehlenden Einrichtungen für die Bureaus, Wartehallen, Verkehrsräume, sowie die Art und Weise der Prüfung der AnSweiSpapiere, der Eiu- ttagung und Registriruug der Arbeitsuchenden usw. Mit besonderem Nachdruck empfahl der Referent die obligatorische Benutzung des ArbettsnachweiseS von Seiten der Vereinsmttglieder oder der Arbetts- nachweis-Mitglieber; sie sei eine conditio sine qua non für die wirksame und ersprießliche Thätigkett des ArbettSuachweffes.
Ueber die „Erzieherischen Wirkungen des Arbetts« nachweises" sprach sodan» Herr Hauptmann a. D. Kleffel. In dem Vortrage wurde dargethau, wie die Verpflichtung der Nachweisstelle, die richtige Auswahl unter den Arbettsuchenden zu tteffen und immer möglichst die brauchbarsten Kräfte den Arbeitsstätten zuzuführen, zu einer Bevorzugung der technisch und moralisch brauchbarsten Elemente führe, dieses zur Nacheiferung ansporue und so erzieherisch wirke; alles dieses aber nur bann, wenn ber Arbeitsnachweis imstaube wäre, eine gewissen Druck auf bie arbeit suchenben auszuüben. Da bieses aber nur den Arbeitgebern möglich wäre, so müßte bie Errichtung dieser Nachweise dringenb empfohlen und mit allen Kräften unterstützt werden.
Nun folgte der Vortrag des Sekretärs ber Vereinigung Berliner Metallwaaren- Fabrikanten, Herrn L. Naffe. Dieser Herr legte in der überzeugendsten Weise klar, daß der Anschluß der Kleinmeister an Vereinigungen und Arbeitsnachweise im allgemeinen Interesse liege, denn nur so wäre eine einheitliche Stellungnahme gegenüber dem Anstürme der von der Sozialdemokratie verhetzten Arbeiterschaft möglich. Sowohl die Großbetriebe wie bie Kleinbetriebe zögen aus solchem Zusammengehen Vortheile; deßhalb müsse energisch barauf hinqewirkt werden, daß auch die Kleinmeister sich zu Verbänden zusammenschlöffen, um mit den Vereinigungen ber Großindustriellen Hand in Hand zu gehen.
In ber folgenden Diskussion traten prinzipielle, tief einschneidende Meinungsverschiedenheiten nicht hervor, so daß folgende Resolution leicht Annahme fand: „Die Versammlung spricht ihre Ueberzeugung dahin aus, daß im Interesse des Groß- und Kleingewerbes ber Arbeitsnachweis von ben Arbeitgebern zu organistren unb zu handhaben ist."
Die Kaiserfahrt nach dem heil.'Lande.
Von Konstantinopel »ach dem hl. Lande.
An einem Freitag Nachmittag schifften wir uns auf einem egyptischen Schiffe mit griechischer Bemannung ein unb genossen auf einmal bie Pracht des Sonnenuntergangs in Konstantinopel, bas in schillernber Farbenpracht einem eblen orientalischen Teppich zu vergleichen war. Aus ben leuchtend- blauen Wassern, auf denen bie Sonnenstrahlen spielten, stiegen die Hänsermassen empor und ragten mit schimmernden Kuppeln und Thürmen in ben vergottete» Aether, tausendstimmig murmelte es von ber Brücke, langsam sank Stambul zurück in graue Schatten, bas Meer färbte sich dunkler, bann erblich Pera, ber Genueser Thurm empfing ben letzten Sonnenstrahl, und leichte Nebel entstiegen dem goldenen Hom. Als wir die Spitze des Eski-Serai umschifften, verdüsterte sich ber Himmel; es war tiefe Nacht, als wir in ben Hellespont einfuhren unb bie Dardanellen passierten.
Am folgenden Morgen schien die Sonne fteundlich auf xnfer Schiff, das sich südlich gewendet hatte und am asiatischen Ufer entlang fuhr. Dasselbe zieht sich gebirgig unb kahl hin, natürlich baumlos wie alles, was zum ottomanischen Reiche gehört. Die Ufer sind sehr spärlich bewohnt, wenige ärmliche Dörfer und hier und da ein kleines türkisches Fort unterbreche» bie Einförmigkeit ber rauhe» Landschaft. Bald zeigte» sich jedoch bie ersten Insel» des griechischen Archipels und verließe» uns lange nicht mehr, so baß wir in eine« halb breiter bald enger werdenden Kanal dahinfuhren. Nachmittags erreichten wir Mytilene, das eite Lesbos, heute ein griechisches Städtchen ohne hervorragende Gebäude, und em Nachmittag den Meerbusen ben Smyrna mit seiner modern aussehenden Handelsstadt, auf welche der Berg Paphos mit einer Burgmine und dem von Cypreffen überschatteten Grabe des heiligen Polykarp herunterschaut. Bewunderungswerth find die Sage und Hasenbucht. In Smyrna befinden sich ein deutsches Waisenhaus, eine deutsche Schule und ein ErziehungshauS der Kaiserwerther Schwestern unb, unwett der Stadt in Karatasch, ein Schwester-Erholungsort. Stabt unb Bazar bieten nicht viel Eigenthümlicher. In ber Stadt bominirt das griechische Element, doch find alle Nationen vertreten, auch Juden, bie von ben ans Spanien vertriebenen abstammen unb noch ei» verdorbenes Spanisch spreche».
Aus einem österreichischen-ungarischen Lloydschiff steuerten wir weiter »ach Süden, dem gelobten Lande zu. Linker Hand ließe» wir bie große Insel SamoS, auf ber einst PolykrateS bie Langrnnth des Glückes erschöpfte; im nahen Magnesia wurde der zu Glückliche vom Sattapen OrSteS ans Kreuz geschlagen. Bei KoS, bem Geburtsorte des Arztes HippokateS und des Malers Apelles, verengt sich daS Jnselmeer. Felsige Kegel mit immergrünen Gesträuchen, Domänen, einsamer Hirtrn, drängen sich bis anS Schiff, bewohnte Insel» tauchen aus und verschwinden wieder und lasse» uns kaum Zeit, auf bet Karte ihre Namen zu forschen. Wir befanben u»S mitten unter jenen Inseln beS griechischen Archipels, bereu Städte einst durch ben Schmuck ihrer Tempel unb Plätze, durch de» Geist und bie Berebtsmnkett ihrer Philosophen unb Lehrer, durch bie Pinsel und Meißel ihrer Künstler bie Anziehungspunkte des gebildete» AlterthumS waren, und die jetzt noch, abscho» öde unb zerstört, durch unsterbliche Bildwerke ihre Name» jedem kommende» Geschlecht anfS neue in bewundernde Erinnerung znrückrufeu.
Wir können uns denken, welche hohe Freude diese Fahrt durch den griechischen Archipel bei schönem Wetter unserem kunstsinnigen Kaiser gewähre» muß, wo uicht nur Erinnernugen ber griechischen Kunstgeschichte unb Literatur, sonbern auch baS romantische Mittelalter eine so eindringliche Sprache reden. Gegen Abend wurden im
fernen Sübosteu weiße ins Meer tauchende Thürme sichtbar, über welche sich eine befestigte Stadt am niederen Uferabhange lehnte. Es war Rhodos, wo einst Julius Cäsar und Tiberius Rhetorik studiert haben, wo einst das Weltwunder, der Koloß, den Eingang zum Hafen überspannte, wo der 1291 aus Palästina vertriebene Johanntter-Orden sich zu neuer Macht und Ansehen emporgeschwungen. Der Orden der Spitalbrüder eroberte die Stadt Rhodos 1310 unter seinem tapferen Großmeister Foulques de Villaret, nachdem er seit seiner Vertreibung aus Palästina in Cypem Unterkunft gefunden hatte. Nach der Eroberung schwang sich der Orden von beinahe gänzlicher Vernichtung wieder zu ansehnlicher Macht empor. Viele Templer, deren Orden in Frankeich unterdrückt wurden, fanden in ihm berett- willige Ausnahme, und so wurden bie nunmehrigen Rhodiser Ritter neuerdings ein Schutz der ftteitbaren Kirche unter einem Großmeister, der Souveränitätsmacht besaß.
In der Geschichte der Stadt unb Insel nimmt trotz aller klassischen Erinnerungen die Zeil der Herrschaft deS Ritterordens die hervorragendste Rolle ein, denn sie spricht in beredter Sprache nicht nur zum Geschichtsfreuude, sondern auch zum Auge des Touristen. Hier fand der von Schiller verherrlichte Kamps mit dem Drachen statt, und der junge Drachentödter Dieudonrw de Gozou war später Großmeister des Ordens; hier war der letzte Hort des christlichen Glaubens in Feindesland, der mit dem Muthe der Verzweiflung vertheidigt wurde, bis zur Trauer der ganzen Christenheit auch dieses Bollwerk fiel und der letzte Großmeister nach ehrenooller Capitulation vor dem Sultan Soliman seine Ritter und eine Anzahl Bewohner nach der Insel Kreta führte, die später von dort im Jahre 1530 nach Malta gingen, wo sie den Namen Malteser-Ritter empfingen.
Nach Rhodos verließen wir die kleinasiatische Küste, fuhren ins offene Meer und gelangten nach C y p e r n. Diese Insel, an welcher der Apostel Paulus vorüberfuhr, als er als Gefangener nach Rom gebracht wurde, „darum, daß ihm die Winde entgegen waren", ist durch die Kreuzzüge bem Abendlande näher gerückt, nachdem Richard Löwenherz auf der Heimfahrt nach dem dritten Kreuzzuge sie erobert und den Templern verpfändet hatte. Sie wurde mit ihrer Hauptstadt Famagusta daS Land der Troubadours, der Dichter und Gesänge. Wer Cypem nannte, erweckte das Bild von schlanken Palmen, stolzen Palästen, duftenden Gärten, plätschernden Wassern, feurigem Wein und schönen Frauen in märchenhaft fremden Gewändern. Shakespeare ließ seinen Othello dort zu dem Helden werden, der Desdemona zu zaubern vermochte, und noch heute nennt der Dichter Famagusta, wenn er einen schönen Ort sucht, der seine Person in mystischen Zauber hüllen soll. Katerina Comaro, die Tochter des venetianischen Dogen, war hier Königin, und ihre von Tizian der Nachwelt überlieferte majestätische und schöne Gestalt tauchte vor unserem geistigen Auge empor.
Limisso, der kleine Ort, an dem die Schiffe anlegen, sah Richard Löwenherz im dritten und Ludwig den Heiligen im vierten Kreuzzuge landen und war 1291 der Zufluchtsort verschiedener Ritterorden. Hier fummelten sich die Johanniter unter Jean de Villicrs, schrieben mit zehn übrig gebliebenen Templern ein von den im Abendland ansässigen Rittern vollzählig besuchtes Kapitel auS und faßten den Entschluß, an dem Gedanken der Wiedereroberuug des gelobten Landes festzuhulten.
Anfänglich vermochten sie ihre wenigen Schiffe nur dem Dienste zum Schutze der christlichen Kirche zu weihen, doch bald gingen sie zur Bekämpfung der muhamedanischen Korsaren und der Flotte des egyptischen Sultans über. Statt zu Pferde kämpften die Ritter fortan zu Schiff, und in Limisso wurde die Erobemug von Rhodos vorbereitet.
Heute find es abermals die Johunniterritter, welche den Deutschen Kaiser auf seiner Fahri nach dem Helligen Lande begleiten, nicht zur kriegerischen, fentern zur geistigen Eroberung des Landes, um dort bas evangelische Banner vor aller Welt hoch- zuhebe», an ber Stätte, bie das Blut ihrer Vorfahren getränkt unb bie den Krankendienst so vieler frommer Ritter gesehen. Auf bem Muristan, wo bas alte Johanniterhospiz gestarrten, erhebt sich heute die Erlöserkirche zu einem Wahrzeichen für das Deutschthum im Orient und für die Glieder ber evangelischen Kirche in allen Ländern.
Der Dampfer wandte sich nach Oste», bald sahen wir Land. Das Schiff lag vor bem Hasen. Es lag vor Anker in dem große» Becke», das der weit ins Meer vorspringende Berg Karmel gegen de» Anprall der Wogen schützt. Nm ein paar Lichter funkelten aus der Finstemiß heraus, die ber beiten Leuchtthürrne ans der Landungsstelle und auf der Karrnelspitze, doch bald entschleierten sich unserrn Blicke die Berge und Thäler, auf denen das Auge Christi währmd der ersten 30 Jahre seines Lebens so oft geruht hatte. Palästina sandte seinen ftemrb- lichen Gmß zu nnS herüber. Drüben am Strande zog sich der lauge Häuserstreifen einer weißen, orientalische« Stadt malerisch hin. Die ganze Mitte der halbkeissörmigen Bucht aber nahmen wundervolle grüne Gärten ein, von prächtigen Palmen überdacht, über die hinweg die sonnenverbrannte Ebene zum Vorschein kam. Zur Linken schlossm die Landschaft die kahlen Kuppeln Niederer Berge ein, die mehr und mehr znm Meere hinabsteigen bis dorthin, wo ein Heller Trupp Häuser, von blaue» Wogen umgürtet, matt herüberschimmert; es ist Akka, das frühere Ptolemais, heute St. Jean d'Acre genannt, bie so oft kampfumtobte Kreuzfahrerstadt.