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33. Jahrg.

idolf Masse, Frankfurt e. M-, Berlin, München, Köln;

Lo., Frankfurt a. R Berkin, Hannover, Paris rc.

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Erscheint täglich außer an Werktagen »ach Sonn- und Feiertagen. *^<7 z-YY*Pk1 fVA Anreigm nehme» entgegen: die Expedition dieser Blatter, die Annoncen-

Quartalr-AbonnrmentS-PreiS bei der Expedition 2 Mk., bei alten Burcaux von Haasenftrin L Bögler, Frankfurt a. M., Cafiel, Magde-

Postänttem 2,LS Mk. (exkl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr: die ge- o iOaO bnra, Wien: Rudolf Masse, Frankfurt a. M., Berlin, München, Köln;

spalten« Zeile oder deren Raum 10 Pfg., Reklamen: die Zeile SS Pfg. DÜNNLlslllg, ö. öCptCttWCT 18"o. t. L. Daube & , ... ,

Wöchentliche Beilagen: Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhai«, ftttoe: 3»N lug, »och, Unipeefitätr-Buchdrmker« in Marburg Brmnüneortkich für die Rrdakti»»: Redakteur M. Hartman» i» Marburg

GUpedttion: Markt S1. Telephon 58. Redaktion: Markt 21. - Telephon 56.

Zweites Blatt.

Neue Enthüllungen über den Ursprung des griechisch-türkischen Krieges.

Vor einigen Wochen ließ fich im PariserGauloiS" der griechische Exminister des Innern im Eabinet Delyannis, MauromichaliS, über den jüngsten Krieg zwischen seinem Lande und der Türkei aus, und zwar mit einer ziemlich cynischen Verachtung der herkömm­lichen Schranken, die ei» gewesener Minister seiner Geschwätzigkeit zu ziehen hat. Mit kalter Lefrirdigung setzte er auseinander, wie die Balkanstaaten, Serbien, Bulgarien nud Griechenland im besten Zuge waren, eine Verschwörung behufs gemeinschaftlichen Vor­gehens gegen die Türkei anzuzetteln, als der Krieg auSbrach und die Verschwörung vereitelte; trotzdem glaubte MaromichaliS nach wie vor das Heil Griechen- lands in diesem Balkanbunde zu sehen. Unterdessen hat bekanntlich Ralli, der Nachfolger von Delyannis, einen ganz andern Ton angeschlagen, indem er das Heil Griechenlands in einer Verbindung mit der Türkei, dem bisherigen Feinde, suchte. Darob hat fich denn MauromichaliS veranlaßt gesehen, im GauloiS" vom 3. September ein wenig Wasser in seinen Wein zu gieße». Er spricht zwar noch von diesem Balkanbunde, aber da er dabei die unerläßliche Bedingung stellt, daß Serbien auf eine» Hafen am Aegätschen Meere und Bulgarien auf Salonichi Ver­zicht leiste» müssen, gesteht er selbst die Unmöglichkeit des BalkanbuudeS ein und schließt mit dem Stoß­seufzer:Rechnen wir nur »och auf uuS selbst und machen wir Alles nur von unS selbst abhängig!" Von dieser Selbsthülfe bis zu dem von Ralli an- gernfene» Bündnisse der Türkei ist nur ein Schritt. Im Folgenden fügt MauromichaliS noch einige intet» efsame Enthüllungen über den Ursprung des Kriegs hinzu. Zunächst nennt er den Krieg eine Art von Jugeudeselei, wie fie sich junge Individuen und Völker oft z« schulden kommen lassen. Dann bezeichnet er eS alS den Zweck des Krieges, von der Türkei bessere Bedingungen süc Kreta durchzusetzen. Diese Be­dingungen aber hätte Griechenland sogar von der Türkei ohne Krieg erhalten können, wen» die demagogische» Vereine der Ethnike Hetairia nicht gewesen wäre». Von dem Doyen deS diplomatische» Eorps zu Athen hatte MauromichaliS diese Be­dingungen erfahren, fie e.schiene» ihm völlig annehm­bar. Aber jene Geheimoereine wuchsen dem Mini­sterium Delyannis über de» Kopf; fie leiteten nicht allein die militärischen und diplomatischen Verhand­lungen, sondern bestimmte» ohne Rücksicht auf daS Eabinet Tag u d Stunde be8 Beginns der Feind­seligkeilen. Kurzum, die Vereine waren so allmächtig, daß die Cabinetsmitglieder sich oft verwundert an­schauten und fragten, ob sie nicht selbst zu diesen Geheimbünden gehörte». Aber leider waren eS nicht die Guten, die in den Geheimbünden das Wort fühtte«, sondern die Schlechten, deren Beweggründe das Licht scheuten. Natürlich hätten die Minister und dadurch will den» MauromichaliS die eigene Verbohrtheit decke» abdanken können, aber dann hätte» die Demagogen der Straße sich an ihre Stelle gesetzt und die Dynastie wäre verloren gewesen. Zu dem Kriege nach Außen hätte sich der Bürgerkrieg gesellt. Soviel über diese neueste« Streiflichler; sie beweisen; wie früher schon ost gesagt worde», daß der deutsche Kaiser eS am beste» mit ben Griechen meinte, als er durch die Blockirung der griechischen Häfen den Krieg unmöglich machen wollte. Hoffentlich wird de» athenischen Politikern diese Wahrheit zu ihrem eigenen Frommen bald einlenchteu.

Ermäßigung der Kosten für gerichtliche Bekanntmachungen.

Die verbreitete Klage über die Höhe der Kosten, welche mit gesetzlich durch denReichs- und Staats-Anzeiger" zu bewirkende» Bekannt­machungen verbunden zu fein pflegen und häufig in greifbarem Mißverhältnisse zur Bedeutung bei Sache stehe», haben, wie verlautet, in zuständigen Kreise» zu Verhandlunge» geführt nach der Richtung hin, ob vielleicht eine Herabsetzung dieser Einrückungs­gebühren zu erreichen sei. In Betracht kommen dabei vor Allem die kleinen Genossenschaften im Sinne der Bekanntmachung des Reichskanzlers über die Führung deS Genoffenschaftsregisters und der Anmeldungen dazu vom 11. Juli 1889 (Reichs­

gesetzblatt S. 150); gerade von dieser Seite hören Beschwerden über das Drückende der mit den vor- geschliebenen Bekanntmachungen im Reichs-Anzeiger verbundene» Kosten nicht auf. Abgesehen von den Eintragungen in das Firmenregister einschließlich der Löschungen und Veränderungen, die jedoch um des Gegenstandes und Werthes willen in der Regel hier weniger mitsprechen, sind es dann die zum Zwecke öffentlicher Zustellung mit Ladung auf Parteibetrieb demReichs- und Staats-Anzeiger" zuströmenden Bekanntmachungen und namentlich die Aufgebots­sachen, wegen deren eine Ermäßigung der Kosten gegenüber dem amtlichen Blatte mit Ernst angesttebt wird. Man hat sogar behaupten dürfen, daß in nicht seltenen Fällen die Höhe dieser Einrückungs­gebühren völlig die Rechtsverfolgung hinderte und Parteien bewog, ein Aufgebot zu unterlasse» oder eine Klage nicht anzustellen, mit Rücksicht auf die unverhältnißmäßige Höhe der Gebühre» insbesondere bei demReichs- und Staats-Anzeiger". Wohl haben die Gerichte in Aufgebotssachen durch Be­kanntmachung von sogenannten Sammelaufgeboten diese Gebühren zu mindern und auf mehrere Sachen zu vertheilen gesucht; allein dieses Auskuuftsmittel bietet sich einmal nicht immer, noch auch rechtzeitig dar, und dann versagt es bei kleinen Gerichten mit seltenen Aufgebotssachen gar zu leicht. Daß auch Eoncurs fachen von diesem Uebelstande häufiger berührt würden, wird sich weniger behaupten lassen, obwohl auch hier solche Fälle empfindlicher Belastung ein­treten können. Und bei dem allem wird nie ver­gessen, daß derReichs- und Staats-Anzeiger", ähnlich wie die öffentlichen Anzeiger zu den Re- gierungsamtsblättern, eine bevorzugte Stellung ein­nimmt und die den Parteien oder im betreffenden Verfahre» den Gerichte» vorgeschriebene und gebotene Stelle für unvermeidliche Bekanntmachungen ist, deren Länge zudem meistens wiederum nicht gerade von dem Einsender abhängig ist. So erfreulich nun auch Ermittelungen dieser Art sind, wenn sie von dem in amtlichen Kreisen verbreiteten Gedanken an eine Ermäßigung getragen werden, so bleibt daneben doch allemal das bekannte ceterum censeo auf dem Plane, um nicht zu verstummen, wir meinen die Klage über die hohen Gerichtskosten im engeren Sinne, daß diese noch viel mehr sich zu einem Hindernisse in der Rechtsverfolgung zu gestalten ge­eignet seien und vielfach nach Herabsetzung schreien. Man braucht durchaus nicht der Meinung zu huldigen, daß die Rechtspflege grundsätzlich kosten- und ge­bührenfrei vor fich gehe» solle, um sich denjenigen anzuschließen, welche dafür sind, Kosten und Aus­lagen den geringen Werth des Streitgegenstandes niemals völlig verschlingen zu lassen und lieber den Staat oder das Reich dieses kommt ja beim Reichs-Anzeiger" in Betracht auf Erstattung von Auslagen ganz oder zum Theile verzichten zu sehen, zumal auf der anderen Seite höhere und hohe Streitsummen wieder zu Ersatz und Ausgleichung Gelegenheit bieten werden.

Thierschutz in Schule und Gemeinde.

Vom Berliner Thierschutz-Verein mit dem ersten Preise gefronte Schrift des Lehrers Philipp Klent in Mainz.

DaS ist ein kleines, aber köstliches Buch, welches 1000 andere Bücher aufwiegt. Wir dürfen sagen, daß diese Arbeit geradezu eine Fundgrube für unsere Thierschutzbesttebungen darstellt. Sie gliedert sich nach folgende» Gesichtspunkten: Entsittlichende Wirkung der Thierquälerei. Welche Gefahren birgt die Gemüthsverwilderung für die menschliche Gesellschaft? Bekämpfung der Thierquälerei durch die Schule. Einwirkung des Lehrers auf die Jugend außerhalb der Schulzeit. Bekämpfung der Thierquälerei unter den Erwachsenen.

Es gab bisher schon ähnliche Leitfaden, doch der Kleuk'sche übertrifft die bisherigen allesammt. Man merkt, daß der Verfasser mit dem Herzen bei seiner Arbeit war, denn sie geht auch dem Leser zu Herzen. Was uns besonders erfreute, ist das klare, prinzipielle und konsequente Denken, welches in dem Büchlein zum Ausdrucke kommt. Und üoerall betrachtet der Verfaffer sein Thema von der hohen Warte des edlen Menschenthums. Dieser Philipp Kleuk ist sicher nicht nur ein scharfer Denker, sondern auch ein guter Lebenr Philosoph und dabei außerdem ein sehr angenehmer Schriftsteller, kein langweiliger Pedant oder Schwätzer. Wir wünschen dem Merkchen die größtmöglichste Verbreitung in ganz Deutschland und den deutsch verstehenden Theilen der Erde. Reiche Leute, die so oft nicht wissen, wie sie ihr Geld vortheilhast anlegen solle» den» mitnehme»

können sie es ja nicht, wenn sie sterben seien auf den Leitfaden von Philipp Klenk hingewiesen und auf den Berliner Thierschutzverein, der ihn ver­breitet. Diesen Samen ausstreuen, das heißt Segen stiften bis in die fernsten Zeiten. Hat erst jeder Lehrer den Klenk'schen Leitfaden in Besitz, dann rückt ein besseres Zeitalter heran, weil nun in den Bolkserziehern Gedanken geweckt und auf die künftige Generatton übertragen werde», die vorher schlummerte».

Der Bezugspreis ist für 1 Stück franco 30 Pfg., für 3 Stück 50 Pfg., für 12 Stück 1,70 Mk., für 70 Stück (5 Kilogr.-Packet) 7 Mk. Man schicke das Geld in Baar oder Briefmarken an H. B e r i n g e r, Berlin SW., Königgrätzer Straße 108.

(Thier- und Menschenfreund.)

Die Kaiserfahrt nach dem hell. Lande.

2. Konstantinopel. I.

Bon Venedig brachte unS der Dampfer zunächst nach Athen. Dan» schifften wir uns in Pyräus auf einem französischen Dampfer ein, der uns nach Konstanttnopel bringen sollte. Während der Nacht nmfuhren wir daS Kap Sunium und waren bei Tagesanbruch zwischen der Insel Andros und Euböa, fuhren dann zunächst auf die Insel Miiylene zu und an derselben entlang, bis wir an der kleinasiatische» Küste das Kap Baba erreichte«. Weiter ging er zwischen der Insel TenedoS an der Küste entlang und zwar so nahe an derselbe», daß wir gut die Ebene übersehe» konnte», auf der einst Troja, das herrliche Ilion, gestanden haben soll, selbst den Hügel, der als Grabmal des Aeschylus bezeichnet wird, und daS Gebirge Ida. Dann fuhren wir in die enge Straße bei Dardanellen ein und hielten etwa ein Stündchen an dem Orte Dardanelli, wo die bekannte» festen Dardanellen-Schlöffer, zu beiden Seiten der engen, ab;T sehr stark strömenden MeereSkanalS die Ein­fahrt beherrschen. Es war mittlerweile Abend ge­worden, sodaß wir nur die gute Beleuchtung deS Canals mit Baaken und Leuchtfeuern, nicht aber die Ufer sehen konnten und die alten Dardanellen- Schlösser, sowie die engste Stelle der Einfahrt, die nur 375 Klafter breit sein soll, wo einst die Städte AbyboS und Sestos lagen unb Leander zur Hero hinüberschwamm, TerxeS die Brücke schlug und der Sultan Soliman sogar auf einem bloßen Flosse von Asien nach Europa hinübersetzte. Als ich am nächste» Morgen auf das Verdeck tarn, waren wir am Meere von Marmara und erblickten auf dem europäischen Ufer desselben, in dessen Nähe wir einfnhre», schön angebaute Felder und Baumpartien bis an den Meeresstrand hinan, dazwischen einzelne Dörfer und Städte. Von dem Asiatischen Ufer waren wir noch zu fein, sahen abei den schneebedeckten bithynischen Olymp, der fich mit seiner stattlichen dreigipfligen Pyramide am Horizonte erhebt. Der Himmel war klar und blau, die See glatt wie ein Spiegel, so hatten wir die schönste Einfahrt in den Bosporus und die herrlichste Aussicht auf daS unvergleichliche Pauoroma von Konstantinopel, auf die beiden Seiten des Goldenen Horns, auf Skutari an der asiatischen Seite des Bosporus, auf Kadikoi, an Stelle des alten Lhalcedonien, auf die Prinzen - Inseln. Konstanttnopels Zauber liegt in der unvergleichlichen Lage, in d:n Einten, in den Farben, in dem bunten Leben. Der Blick schweift über das wundervollste MeereS- und Strandbild, das je einer großen Stadt bescheert worden ist. Links blickt man auf die Stadtwälle, deren Türme und Manern uralter Epheu umrankt. Mit wettgeschwungenem Bogen öffnet sich das Goldene Horn nach Osten unb verliert sich zwischen Stambul und Galata unter Brücken unb Schiffen, die sie belagern. Jenseits badet Skulari in den blauen Fluthen des fich öffnenden Bosporus, rechts dehne» fich dann die Vorstädte aus, denen sich die häuserbesetzte» Höhen von Galata und Pera anschließen.

Wer dieses Panorama einmal gesehen hat unb sich Rechenschaft über die geopraphischen Eigenschaften dieses wunderbaren Fleckes der Erde giebt, welche zu der nrveigleichlichen Schönheit hinzukommen, der begreift fortan baS Sehnen ber Russen nach bessert Besitz und nach der Erfüllung deS Testamentes PeterS des Großen. Btt ber Einfahrt erblickten wir zu­erst daS Schloß ber siebe» Thürme, die Südspltze der Stadt, dann die Umfaffungsmauer, in der fich amphitheatralisch die Häuser, Moscheen und Gärten erheben. Wir fuhren an der Mauer des Serail ent­lang, w.lcher die Spitze zwischen dem Bosporus und dem goldenen Horn entnimmt, und legten uns dann quer vor das nördliche Ufer desselben, vor Galata

und Pera. Nachdem die Erlaubniß zum Ausschiffe» gekommen, stiege» wir in die Barke, passierten bei der Douane durch, welche milde war, und gingen durch die steilen Straßen von Galata »ach Pera hinauf. Glücklicherweise war der Weg ttocke», sodaß wir ihn gut passieren konnten. Bei Regenwetter muß es in diese» enge», steile» und schlecht gepflasterte» Gasse» furchtbar fei». Nur in wenigen kann man fahre», die Männer reiten oder gehe», die vornehmen Dame» fahre» in Karossen auf buntbemalten Gestellen, deren Glasfenster dicht verhängt find, und die wie eine Schaukel in de» riesigen Feder» hängen. Der Kutscher geht nebenher und leitet die Pferde vor­sichtig am Zaum. Nachdem wir im Hotel Unterkunft gefunden hatten, schritten wir zur Besichtigung der Stadt.

3. Konstantinopel. II.

In ihrem Inneren bietet die nicht mehr im byzantinische« Geschmack geschmückte Stadt nicht viel SehenswertheS' Der Verkehr in den Straßen ver­bietet fich von selbst. So benutzen denn die Fremden jeden Augenblick, um das unvergleichliche landschaft­liche Bild zu genießen unb sich auf das Wasser zu begeben. Dies geschieht meistens in KaikS, Fahrzeugen, die Konstanttnopel eigenthümlich find, ähnlich wie die Gondeln Venedigs, ungemein schmal und lang gebaut, sodaß man mit ber größten Vorsicht ein- unb ans- fteigen muß; diese Kaiks werden mit trefflichen Ruderschlägen ungemein schnell Borangetrieben. Oder man nimmt einen der großen Lokaldampfer, die be­ständig von der Schiffsbrücke abgehen. Größere Ausflüge in die schöne Umgegend zu unternehmen, ist immer lohnend.

Hier auf ber Schiffsbrücke gehen die Fremde» spazieren. Man sieht hier viel Leben zu Wasser unb zu Lande. Schrill pfeifende Dapfer kommen an unb fahren ab, rasche Kaiks huschen wie Libellen über die blauen Wasser, Botschafterwagen mit gold­verbrämte» Kawassen (Gendarmen) »der Ministerwagen mit berittener Eskorte poltern donnernd io eiliger Hast über die Planken der Schiffsbrücke, schwere mit Ochsen bespannte Lastwagen ächzen daher. Zerlumpte, malerische Bettler taste» ihre Wege durch die Menge zu den Mildthätige»; nur die Frauenwelt fehlt. Wohl sieht man hier unb da verschleierte Frauen aus dem türkische» Volke ober moder» gekleidete Europäerinnen, aber sie verschwinden in der Menge. Die vornehmen Türkinnen bleiben zu Hause ober fahren in geschlossenen Wagen. Der Turba» ist in Konstantinopel die Ausnahme. Der schwarze Rock, der rothe Fez bilden die Regel in der türkische» Männerbekleidung und tragen nicht zur Mannig­faltigkeit bei. Man sieht belebte Straßen in Galata, die vom Windhauche bewegten Mohnfeldern, Fez neben Fez, wie rothe Blumen.

Konstantinopel eignet fich wenig zu längerem Aufenthalt. Der gesellige Verkehr beschränkt sich auf die Botschafter-Hotels und die Häuser der europäischen Kolonien. Es giebt kein Lokal, um ben Abend zu verkürzen, keinen Korso keinen Ort, an welchem fich die elegante Welt zu Wagen ober zu Fuß bewege» könnte, es sei beim, daß man die süßen Wasser von Europa" in den Sommermonate» bazu zählt So nämlich nennt in Konstanttnopel ber Volksrnnnb ei» von Wasser durchzogenes Wiesenthal am oberen Ende des goldenen HornS, w» sich am Freitag Nachmittag ein gutes Stück türkischen Volks­lebens abspielt, und wo bei Skutari an den süßen Wassern Asiens zwei kleine Flüsse münde», nachdem fie sich vorher vereinigt haben, die süßes Wasser enthalten, während das im goldene» Hoi» salzig ist. Die Flüßchen durchfließen das Thal Kiathanä unb hierher in dieses Thal, welches mit hübsche» Baum- gruppe» unb saftigen Wiesen geschmückt ist, wo zahl- reiche Kaffehäuser und Brücken sich finde«, pilgern an jedem Freitage, dem türkischen Wochenfeiertage, viele Tausende türkischer Frauen zu Fuß, zu Wagen, auf Eseln und Pferden, per Dampfer unb im schnell n Sait, um die Einförmigkeit ihres Daseins für einen Tag in der Woche zu vergessen.

Hier kann man daS türkische Volksleben betrachte»: Kinder in phantastischen Kostümen mache» den Ein­druck einer Maskerade, die auf dem Boden auSge- breiteten Teppiche und Strohmatten am Rande des Wassers, die fliegende» Kaffeeschänken, welche hin unb her Kaffee, Eis, Früchte und Gebäck anbieten, die fibelnben Zigeuner, die bulgarischen Hirten, welche die Sackpfeife mißhandeln, die bunten StaatS- karosien der Vornehmen, die jungen, auf der Fahr- straßc galoppierenden Reiter, das alles ist unhr dem Zusammenklingen ber Flöten, Geizen, Schalmeien, Pauken, Dubelsäcke und Tambour ins für den Fremden ein farbenreiches unb interessantes Bild.