Wöchentliche Beilage«: Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
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Jts. 207
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33. Jahra.
Streik - Statistik.
Die von der Sozialdemokratie begründete General- Kommission in Hamburg veröffentlicht eine Zusammenstellung der im Jahre 1897 vorgekommenen Streiks. Nach den allerdings nicht vollständigen Aufzeichnungen der General-Kommission gab es im Vorjahre 578 Streiks, an denen 63119 Personen betheiligt waren und die über einen Zeitraum von 1921 Wochen sich erstreckten. Die durch die Streiks bedingten Ausgaben bezifferten sich auf 1257 300 Mk., die zu drei Biertheilen von den Verbandskassen aufgebracht wurden. Wenn auch 1897 die Zahl der streikenden Personen und die Gesammt»Ausgabe beträchtlich zurückblieb hinter den entsprechenden Ziffern des Vorjahres, so ist das Jahr 1897 dennoch ein „äußerst streikreiches". Man wird wohl nicht fehlgetzen, wen» man die Häufigkeit der Ausstände mit den Vorbereitungen für die Reichstagswahlen in Zusammenhang bringt.
Die sozialdemokratische Statistik unterscheidet die i Streiks, je nachdem fit zur Abwehr oder zum Angriff insceuirt waren. Von den 248 „Abwehrftreiks", welche zumeist in einer Herabsetzung der Löhne ihren Ursprung gehabt haben solle», werden 96 als „erfolgreich" und 101 als „erfolglos" bezeichnet, während 45 einen theilweisen Erfolg erzielt haben sollen.
Die 330 als „Angriffsstreiks" gekennzeichneten Ausstände find durchweg durch das Verlangen einer Verkürzung der Arbeitszeit oder einer Erhöhung der Löhne hervorgerufen worden. Nur 53 dieser Streiks sollen ohne Erfolg geblieben sei», während alle anderen Ausstände wenigstens theilweise den Willen der Streikenden zur Anerkennung gebracht haben.
Aus den vorliegenden Ziffern glaubt die Sozialdemokratie folgern zu könne», daß „die deutschen Unternehmer trotz günstiger wirthschaftlicher Konjunktur nur dann eine Verbesserung der Arbeitsverhältnisse eintreten zu lassen, weun die Arbeiter das letzte Mittel, de» Streik, anwenden." In dieser Allgemeinheit ist die Behauptung ganz entschieden falsch. Jedenfalls darf niemals den Arbeitnehmern allein die Entscheidung darüber zugestanden werden, ob die „Konjunkturen" eine Lohnaufaufbesserung angezeigt erscheinen lassen oder nicht.
DaS kann um so weniger einseitig beurtheilt ; werden, als die Arbeiter cS für selbstverständlich ansehen, daß ungünstige Konjunkturen de« Tagelohn der Arbeitenden nicht schmäler» dürfen. Soll die Steigerung des Arbeitsverdienstes in engem Anschluß ? an den größern Gewinn der Kapitalisten sich vollziehe», dann müssen die Arbeiter auch bereit sein, eine Kürzung ihres Lohnes bei eintretendem Verlust der Unternehmer sich gefallen zu lassen. Davon redet jedoch die General - Kommission kein Sterbcns- wörtleiu. In ihren Auge» ergiebt sich aus der Streik-
Machdnick verboten.)
Wie es endete.
Roma» von Maria Theresia May, Lrrf. de« preisgekrönten Romans „Unter der Königstanne. " (Fortsetzung.)
Eine Mnute später saß Graf Laudskron in dem kleinen Fauteuil, und vor ihm kniete Gertrud, beide Arme um den Hals des Satten gefchluuge«, das Haupt an seine Brust gebettet, und die furchtbare Spannung machte sich in einem Strom erlösender Thränen Luft. Sanft drückte Herbert das schöne Haupt an sein Herz. Feucht schimmerte auch sein Auge und leise wiederholten seine Lippen die Worte: . , „Weil Du mich liebst; Meine Gertrud!"
Und dann schüttete die junge Frau ihr ganzes volles Herz vor dem geliebten Manne auS. Wie ein Beichtkind vor einem Priester, enthüllte sie ihm all ihr Denke» und Fühle», ihr Zürnen und Grollen, r die Wandlung ihrer Gesinnung, daS Erwachen ihres Herzens, daS Bewußtwerden ihres Unrechts, ihre tiefe, bittere Reue. Zwischen all den Bekenntnissen von I Schuld und Jrrthum klang aber immer wieder voll s süßen Flehens um Vergebung, bald betheuernd und ■ überzeugend, bald tröstend und jubelnd, daS holde beglückende Wort: „Ich liebe Dich!"
Zum zweiten Male hatte Herbert sein Weib l erobert, wenn eS auch viel bitteren Kampf und Herzeleid gekostet hatte. Er zog sie zu sich empor und küßte die Stirn, die Augen, den blühenden, stammelnden Mund in Schauern des Entzückens. Gertrud, Gerttud, welch' ein Jahr des Glückes haben wir durch Deine Schuld verloren!"
„Wir werden jetzt erst doppelt glücklich sein, mit 2 vollem Bewußtsein! Werden wir da die verlorene y Zeit nicht bald zehnfach wieder eingebracht haben?
Statistik einzig die Verpflichtung, die gewerkschaftliche Organisation derart auszubauen und zu stärken, daß dieselbe ihre Forderungen ohne Weiteres de» Unternehmern aufzunöthigen im Stande ist.
Umschau.
Leider ist wieder von einem Untergang eines Torpedo-Bootes, 885,zu berichten. In der Nacht zum Donnerstage hatte die ganze Torpedoflotte auf der Fahrt von Danzig nach Kiel mit einem schwere» Nordweststurm zu kämpfen. Die Sturzseen gingen ununterbrochen über Bord und richteten an mehrere» Boten Beschädigungen an. Auf dem Boote 8 19 wurde ein Deckoffizier durch einein den Heizraum eiufallende See erschlagen, und auf dem Divistonsboote D 9 wurden mehrere Leute erheblich verletzt. In diesem Sturme scheint 8 85 leck geschlagen zu fein. Das Boot versank bei sehr heftigem Sturm an der Küste von Fehmarn bei Staber Huk; in Folge fortwährenden Ueberschlagens großer Waffermaffen war es allmählich vollgelaufen, bis es unterging. Die Besatzung wurde durch das Divisionsboot gerettet. Da das Schiff in sehr flachem Wasser liegt, wird bei ruhigem Wetter die Hebung leicht sein. Drei andere Torpedoboote, die vermißt wurden, haben sich unter die Küste von Möen in die Hjelmsbucht gerettet; eins mutzte ein anderes, dessen Maschine beschädigt war, schleppen. Man kann es fast als ein Wunder befrachten, daß die Rettung der ganzen Besatzung in offener See bei schwerem Sturme gelungen ist, und man sieht de» Einzelheiten über das jedenfalls ungeheuer schwere Rettungswerk mit Spannung entgegen. Torpedoboote werden von Lieutenants zur See kommandirt; es ist das erste selbstständige Kommando, daS einem See- Osfizier anvertraut wird. Damit die Torpedoboote bei schweren Stürmen und hohem Seegang nicht immer auf sich allein angewiesen find, ist in der deutsche» Marine die Anordnung getroffen, daß immer zwei Boote zusammen manövriren. Wie erinnerlich, ist es etwa ein Jahr her (Ende September), daß 8 26 mit dem Herzog von Mecklenburg kenterte. August 1895 ging mit der Hälfte der Mannschaft 8 41 unter, im April 1896 infolge Zusammenstoßes 8 48. Leider muß man immer mit der Thatsache rechnen, daß bei hohem Wellengang die Gefahr des Kenterns eines Torpedoboots sehr nahe rückt; die ganze Bestimmung der Boote bringt es aber mit sich, daß sie keinen großen Tiefgang haben können.
Der Vorstand des deutschen Kriegerbuudes erklärt seine Zustimmung zu dem Rundschreiben des mecklenburgischen KriegerverbandeS, daß die Be- thätigung sozialdemokratischer Gesinnung in irgendwelcher Art und selbverständlich
Ein Sttahl jubelnden Frohsinns brach aus den Zügen, an deren langen Wimpern noch Thränen hingen.
Rhoden hatte sich den Unmuth von der Seele geschrieben, »nd seiner Braut so überzeugend vor- demonstritt, wie Herbert sich unmöglich von seiner Frau scheiden lassen könne, daß er verhältnißmäßig ruhig den Brief schloß und dem herbeigerufencn Zimmerkellner zur Besorgung übergab; der Dienstbeflissene versicherte, daß die Post in einigen Minuten abgehe, das Schreiben also unverzüglich die Reise nach seinem Bestimmungsorte antreteu würde. Dann überlegte Rhoden, ob er nicht alle Konvenienzregel» über den Haufe» werfen, in das Zimmer der jungen Gräfin gehen und den beiden Leuten, die sich wahrscheinlich im schönsten Disput befinden würde», sage» sollte: „Ich verbiete Euch im Name» des gesunden Menschenverstandes, Euch zu trennen!"
Ja, wenn die Fran Fürstin Gertrud, — wie Rhoden sie mit Vorliebe nannte, etwas von jener Eigenschaft beseffen hätte, die man Nachgiebigkeit, liebenswürdige Schwäche, Fügsamkeit oder so ähnlich heißt. Aber davon gab es bei ihr keine Spur, und darum war wohl auch eine Vermittelung unmöglich. — Wie lange Herbert ousblieb. — War das ein gutes ober em schlechtes Zeichen? Seine Erfahrung sprach für das Erstere. Wenn zwei Gegner über ihre Streitfrage lange miteinander Verhandeln, kommt in der Regel eine Ausgleich zu Stande. Hoffnungslos waren nur jene Fälle, wenn die Gegner jede persönliche Auseinandersetzung ablehnten. Doch freitich, Herbert wie Gertrud waren keine Alltagscharaktere, für welche daS Durchschnittsmaß paßt.
Noch immer kam der Freund nicht! Rhoden sah auf die Uhr, fie zeigte die dritte NachmittagSstunde. Zwei Stunden wartete er bereits auf Herbert. Von seinem Fenster aus konnte er in den großen, dem
daher auch die Abgabe eines sozialdemokratischen Stimmzettels schlechterdings «nd unter allen Umständen unvereinbar sei mit dem Geist und dem Wortlaut der Satzungen aller Vereine des mecklenburgischen KriegerverbandeS und unvereinbar daher auch mit dem ferneren Verbleibe» in der Vereinsgemeinschaft. Weiter erklärt Herr General der Infanterie v. Spitz in einem Rundschreiben an die Kriegerv erbände in den O st m a r k e n, es fei ihm selbstverständlich nicht in den Sinn gekommen, die braven deutschen Krieger und Soldaten polnischer Zunge, die, ihrem Fahneneide getreu, an Kaiser und Reich hängen, die gute Preußen sind, aus den Kriegervereinen verdrängen zu wollen; „dagegen gehören alle diejenigen Preuße» polnischer Zunge — mögen fie katholischen oder evangelischen Glaubens sein — allerdings nicht zu uns, die es mit ihrem Fahneneide für vereinbar halten, sich an großpolnische» Agitationen und an Bestrebungen zu betheiligen, deren letztes Ziel eine Lostrennung vom Reich und von Preußen ist, und die deßhalb hochverrätherischer Natur sind".
Der „Figaro" schildert die in Frankreich herrschende Stimmung folgendermaßen: „Seit zwei Tagen hat Paris ein anderes Gesicht. Alles, was Paris an Einwohnern zählt, wartet angstvoll auf die Zeitungen, spricht ziemlich einmüthig über die Lage und ist niedergeschmettett. Kein Mensch spricht mehr von der Abrüstung. ES ist lange her, daß Paris derartige Fiebergefühle gekannt bat." General Pellieux hat feinem unmittelbaren Chef, dem Militärgouverneur von Paris, General Zurlinde», fein Pensionirungsgesuch überreicht, da er nicht geneigt fei, mit Leuten ohne Ehre in denselben Topf geworfen zu werde». General Zmlinden bat Pellieux, von seinem Entschlüsse abzustehen, da derselbe in der Oeffentlichkeit falsch aufgelegt werden könnte, worauf General Pellieux fein Abschiedsgesuch zurückzog. Der „Gaulois" versichert, daß General Pellieux nunmehr entschieden eine Revision des Dreyfnsprozesses wünsche. Pellieux erzählt mit soldatischer Offenheit die seltsamsten Dinge. Während des ZolaprozesseS vermittelte ein Advokat dem General Pellieux die Wünsche der Geschworenen, welche anfingen, an Dreyfus' Schuld zu zweifeln. Pellieux wandte sich an de» Kriegsminister Billot, er möge den Hauptmann Lebrun Renaud zur Zeugenaussage ermächtigen. Billot verweigerte dies aber. In einem sehr kritischen Momente machte dann Pellieux von dem famosen Attachebrief Gebrauch. Diesen hatte ihm General Gonse mit den Worten übergeben: „Hier, General, etwas, um Ihr Gewissen vollständig zu beruhigen". Pellieux vertraute Gonse und rief die Effektszenen vor bett Geschworenen hervor. — Der „Temps" spielt der Anklagekammer
Hotel gegenüberliegenden Speisesaal sehen, der jetzt nahezu leer war. Die meisten der Gäste hatte» gespeist und sich in ihre Zimmer zurückgezogen. Das eilige Hin und Her der Kellner hatte aufgehört. Jetzt mochte die Dienerschaft ihre Mahlzeit halte» und die Stille der Siesta lagerte über dem Hotel.
„Wenn die Leutchen wenigstens daran dächten, daß ich Hunger habe," brummte Rhoden, wieder von verzehrender Ungeduld ergriffen, vor sich hin. „Ich begreife ja, daß man nicht an das Essen denkt, wenn man im Begriff ist, einander die Freundschaft zu kündige»; aber daS ist doch kein Grund, mich fasten zu lassen. Und je länger eS dauert, desto schlechter wiid daS Essen, gewärmte Suppe, hartes Fleisch, abgestandener Salat," brummte er, „ich kenne solche verspätete Gasthaus - Diners, Gott bewahre einem in Gnaden davor. Na endlich!"
Herbert trat ein. Ruhig und gelaffen wie immer schloß er bedächtig die Thür hinter sich. Rhoden stürzte auf ihn zu. „Nun, wie ist's, so rede doch, was sagte sie?"
Mit fest-m Drucke hielt Herbert die Hand des Freundes und seine Stimme bebte ein wenig, als er lächelnd erwiderte: „Meine Frau läßt Dich um Entschuldigung Bitten, daß wir Dich so lange warten ließen, fie ist nämlich Überzeugt, daß Du in der Zwischenzeit nicht gespeist haben wirst. Sie überläßt es unS, nun zu entscheiden, ob wir im Saal drüben ober im Freien diniren wollen, sie macht nur ein wenig Toilette."
Eine Seknnbe noch schaute Rhoben bem Grafen in daS bewegte Antlitz, bas zu de» scheinbar gleich- giltigen Worten, bie doch in diesem Augenblicke olles bedeuteten, schlecht paßte, dann umarmte er stürmisch den Freund: „Gott sei gelobt, Herbett, nun ist alles gut!"
in Sachen der Klage Picquarts gegen Esterhazy und du Paly de Clam wegen Fälschung der Esperanza- briefe und Drahtungen den Stteich, des Unter« suchungSrichters BertuluS Anklagebeschluß »nd bas ihn aufhebende Uttheil der Anklagekammer wörtlich zu veröffentlichen. Diese sechs Spalten Gerichtsprvsa werden ein dauerndes Denkmal bleiben. Bertulus stellt die Schuld der Angeklagten durch Zeugenaussagen und theilweise sogar durch eigene Geständnisse fest, die Anklagekammer aber führt kühl ans, Geständnisse bewiesen nichts und Zeugenaussage» könnten verschieden gedeutet werden. Deßhalb sei die Verfolgung einzustellen. Die Verhaftung Esterhazys und du Paty de Clams wird stündlich erwartet. Esterhazy soll das Bordereau geschrieben und den ganzen DreyfnShandel mit du Paty de Elam auf- gebaut habe». Eine Ministerkrisis ist uu- vermeidlich. „Libre Parole" und „Jntransigeant" sind gegen, die anderen Blätter für eine Revision des DreyfusprozesseS.
Die Centralstelle für Vorbereitung von Handels- oerträgen weist in ihrer neueste» Mittheilnng auf ein Unternehm en von großer wirthschaftlicher Tragweite hin, das in England zur Zeit im Entstehen begriffen ist, nämlich eine englische AnSknn ftsstelle für Handel und Industrie. In der Einsicht, daß genaue Kenntniß der Absatzmärkte und Bezugsquellen die erste und wichtigste Voraussetzung für eine gedeihliche Entwicklung deS einheimischen Witth- schaftslebens und seiner Stellung auf dem Weltmarkt ist, hat das britische Handelsministerium Ende Juli d. I. eine Kommission eingesetzt, deren Aufgabe es fein soll, als centrale Nachrichten- und Auskunsts- stelle für alle wirthschafilich bedeutsamen Erscheinungen und Vorgänge des In- und Auslandes zu bienen. Als Hauptzweige biefer Thötigkeit, auf bie bie neue Anstalt ihre befonbere Aufmerksamkeit zu richten gebeult, sind vorderhanb nachfolgende ins Auge gefaßt: 1. Die Ein- und Ausfuhrzölle der verschiedenen Länder; 2. Accisen, Verbrauchssteuer u. bergl.; 3. Hafengebühren, Tonnengelder und sonstige Schifffahrtsabgaben ; 4. Zollgesetzgebung, Zollentscheidungen, Aenderungen in der Klassifizirung des Maaren- Verzeichnisses; 5. Anstalten und Behörden der Zollerhebung ; 6. Einrichtung und Aufwand der KonsulatS- behörden; 7. Formulare und Erforderniffe der erforderlichen Ursprungszeugnisse; 8. Maße und Gewichte; 9. Währung, Agio, Wechselkurse; 10. Verkehrsmittel ». f. w.; 11. Versicherungs-Bedingungen und Kosten; 12. Bestimmungen über HandlungS- reifenbe; 13. Kreditverhältniffe; 14. Handelskonzessionen, Gewerbescheine, Patente u. s. w.; 15. SckifffahrtS- zuschüsse und sonstige Unterstützungen des Handels; 16. Handels-, Post-SchifffahttSverfräge; 17. Ein- und Ausfuhrprämien; 18. Handelsmuseen, Auskunfts-
Die kleine Gesellschaft speiste im Saale, und Rhoden erklärte nie ein vortrefflicheres Diner gegessen zu haben. Er sprudette von Uebermuth, plauderte unaufhörlich Geistreiches und ThörichteS durcheinander, allerdings hatte er anch fast allein die Koste» der Unterhaltung zu fragen. Gertrud wie Herbert, waren viel zu erregt, um Gleichgiltiges zu reden, und auf daS, was zwischen den beiden vorgegangen war, wurde natürlich mit keiner Silbe hin- gewiesen. Aber beide erfüllte jene Stimmung andachtsvollen Glückes, das nvr Auserwählten und in den weihevollsten Augenblicken des Lebens zu theil wird. Nicht nur Herbert und Rhoden glaubten, die junge Frau nie schöner gesehen zu habe», als heute. Ihr Antlitz war leicht geröthtt; die Augen leuchteten, als hätten die vergossenen Thränen ihren herrlichen dunklen Goldglanz noch erhöht; waS aber der Schönheit Gertruds in den Augen der beiden Freunde eineu völlig neuen Reiz verlieh, war ein Zug von Weichheit »nd Milde, welcher heute verklärend auf ihrem Antlitz lag, und hold und gütig klang ihre Stimme. So hatte Herbert fie noch niemals gesehen, nicht einmal an dem Tage, da er sie zum ersten Male in seine Arme geschloffen.
„Herrgott!" sprang Rhoden plötzlich auf. „Verzeihung, Frau Gräfin, ich muß nur zwei Worte an Jngeborg telegraphiere», fie erschrickt sonst zu Tode!"
„Das ist mir etwas unverständlich," sagte Gertrud mit leichtem Erstaunen.
„Ja heute ist mir die Logik abhanden gekommen, ich habe vorhin, als ich auf Herbert Wartete, an Jngeborg geschrieben; aber die Befürchtungen, welche ich in dem Briese aussprach, find glücklicherweise nicht eingetroffen."
(Fortsetzung folgt.)