Wöchentliche Beilagen: Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain
«kart«: »oh. lag. Koch, Uawerfitätr-Bllchdruckertt in Marburg, ««mtvortttch für di» »Mtto*: Robaktmr M. Hartman» ta Marburg.
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Warkurg
Freitag, 2. September 1898.
Anzeigen nehme» entgegen: di« Expedition dieses Blatte®, die Annoncen- Bureaux von Haasenstein & Bögler, Frankfurt a. M., Cassel, Magde- bnrL Wien: Rudolf Moffe, Frankfurt a. M., Berlin, München, Köln; L. L. Daube & Lo., Frankfurt a. M., Berti», Hannover, Pari» x.
33. Jahrg.
Der russische Abrüstungsvorschlag begegnet in Deutschland in allen maßgebenden Kreisen hoher Sympathie. Nicht macht sich bei uns, wie in England und in Frankreich, Skeptizismus gegenüber etwaiger Hintergedanken bei der Friedenskundgebung des Zaren geltend, sondern vertrauensvoll und erfreut über diese neue Bethätigung der Friedensbestrebungen des mächtigen russischen Selbstherrschers geht man auf die Intentionen des Vorschlages ein und stimmt der Einberufung einer Friedenskonferenz zu.
Zweifellos hat man auch in Nußlaud die Aussichten des überraschenden Vorschlages reiflich erwogen. Ist man danach zu dem Ergebnisse gelangt, die Initiative zur Herstellung eines dauernden Weltftiedens und zur Äbminderung der — wie man weiß hauptsächlich durch Rußland und das rusfisch- ftanzöfische Bünduiß — hervorgerufenen starken Rüstungen zu ergreifen, so muß nothwendigerweise auch ein fester Plan vorliegeu, nach welchem vorgegangen werden soll. Wir müsse» gestehen, daß wir uns die Verwirklichung des großen Gedankens im „Europäischen Konzert", daS schon so manche Disharmonie, wie erst in letzter Zeit, hat hören lassen, nur schwer denken können.
Soll der geplante Weltfrieden auf der Grundlage deS Status qno zu Stande gebracht werden, so wird sich nicht nur in Frankreich und England, sondern auch in Rußland Widerspruch geltend machen. AuS ftanzösischen Blättern kann man heute schon ersehen, daß dort auf Elsaß- Lothringen nicht Verzicht geleistet wird; aber auch in Rußland wird man auf die Erfüllung des „Testamentes PeterS des Großen" keinesfalls zu gunsten eines „ewigen" Friedens zu verzichten gesonnen sein. Will man aber ei»e allgemeine „Regulirung" bezw. Theilung der Welt vornehmen? Der Gedanke an ein solches Unternehme» lehrt schon, daß eS unmöglich wäre.
Auch der Plau, eine gleichzeitige Abrüstung der Militärmächte herbeizuführen, ist nicht so einfach, wie es namentlich auch die' der Fahne Frau von Suttner'S folgenden liberalen Friedensfteunde sich vorstellen. Welcher Maßstab soll bei den einzelnen Nationen angelegt werden? Wie will man ein allgemein auerkanutes Verhältniß zwischen der maritime» und der militärische» Stärke festsetzeu? Soll ferner ei» allgemein zu adoptirendes System des Heerwesens io Aussicht genommen werden?
Das Alles sind Frage», die au sich schon zeigen, wie überaus schwierig es für die Friedenskonferenz sein wird, ein einigermaßen annehmbares Ergebuiß herbeizuführen. Allein die Hauptsache ist dann auch die Frage der Ausübung der Coutrolle. ES ist zu bezweifeln, daß ei» souveräner Staat eS sich gefallen
(Nachdruck verboten.)
Wie es endete.
Roman von Maria Theresia May, vrrf. de» preisgekrönten Romans „Unter der SönigStanne."
(Fortsetzung.)
Während Rhode» in seinem Unmothe so eifrig schrieb, daß ihm der Schweiß auf die Stirne trat stand Herbert im Zimmer Gertruds. Die Kassette, welche er mitgebracht, hatte er auf den Tisch gesetzt, seine Hände bliebe» »och trat Weile, wie eine Stütze suchend, traf dem Deckel liegend; denn diese starken Hände zitterte». „Ich bringe Dir de» Familien- schmuck der FrankenthuruS. Der Wiener Juwelier, dem Deine Großmutter de» gesammte» Schmuck zur Reinigung übergeben hatte, ist seinem Auftrage durch auS gerecht geworden. Ich habe vor Zeugen die Schmuckstücke revidirt, eS stimmt alle« genau. I» Deinem Name» übernahm ich den Schmuck wieder, stellte die EmpfangSbestättgu»g aus und beglich die Rechnung."
Gertrud, die i» begreiflicher Aufregung dem Be- suche ihre» MarraeS entgegengefehen hatte, hvtte erstaunt zu. Sie hatte überdacht, was sie ihm sage» wollte, hier auf dem Bode» ihrer Heimath, doch umsonst. Nicht einen Gedanken, geschweige denn eine Reihe derselbe» hatte sie ftstzuhalteu vermocht, und endlich hatte sie die Hände in stummem Gebet gefaltet uckd gedachtI Wozu sich vorbereite»? Für ben Geliebte» trifft man ja leicht daS rechte Wort. Und nun begann er von Geschäften, von dem Schmuck der Großmutter zu spreche» — war niteressirt da» alles fit jetzt?
Herbert »ahm einen zierlichen Schlüssel auS ferner Brieftasche. „DaS ist der Schlüsiel zur Kassette," sagte er, und reichte ihn Gerttud, welche ihn gleich-
laffen würde, wenn er hinsichtlich seiner militärischen Verhältnisse und Einrichtungen einer dauernden Beaufsichtigung unterworfen wäre. Man müßte aber Exekutionstruppen bereit stellen; allein Niemand würde dafür die Bürgschaft zu übernehmen im Stande sein, daß eine unter der Hand vollbrachte Koalition alles in Frage stellte.
Wenn man erwägt, daß nach beendeten Kriegen ebenfalls ei» „ewiger" Friede geschloffen zu werde» pflegt, und daß oft schon bald nach dem Friedensschlüsse auf's Neue kriegerische Anwandlungen laut werden; wenn man bedenkt, daß beispielsweise in Frankreich ein Regierungswechsel eintreten könnte, der zur Militärdiktatur, also zur „Eruption der Revanche" führen würde, so wird man zugeben müssen, daß ein „ewiger Weltfriede" sich wohl durch ein Bündniß zwischen stark gerüsteten Kriegsmächten erzwingen, aber kaum durch Paragraphen festsetzen laffen dürste.
Wenig glücklich erscheint namentlich uns Deutschen die Begründung deS russischen Vorschlags. Wußte die russische Regierung wirklich keine anderen als die schon längst burdj die Demokratie breitgetreten eri, aber dadurch nicht haltbarer gewordenen Argumente beizubringen, so hätte sie die Motivirung ruhig unterlassen und den nackten Vorschlag unterbreiten können. Wir glauben, daß sich auch die russische Regierung nicht wftd zu verhehlen im stände sein, daß daS russische Volk durch die übertriebene Schildemng der milttärischen Opfer und durch die auch nicht annähernd richtige Behauptung, daß — wie die Sozialdemokratie sich ausdrückt — der „Militarismus" als „Moloch" au der Bolkswohlfahrt zehre und die Entwicklung lähme, irregeführt und im Fall des Mißlingens der Konferenz demagogischen Richtungen in die Arme geworfen werden muß.
Das D e u t s ch e R e t ch ist vor allen anderen Nationen zuerst in bei Lage, der geplanten Friedenskonferenz mit aller Ruhe entgegen zu sehen. Die Friedensliebe der Deutschen, unseres Kaisers Be- sttebungen, den Frieden zu erhalten, find aller Welt bekannt. Ist es möglich, den Frieden zu verbriefen und zu besiegel», so wird dies nirgends lebhafter begrüßt werden als in Deutschland — stellt sich aber die Unmöglichkett der Lösung dieser herrlichen Aufgabe heraus — nun so bleibt eS, wie es ist. Das deutsche Volk wttd alsdann unwiderleglich davon überzeugt werden, daß das Sprichwort: „Willst Du den Frieden, berette den Krieg vor," auch heule noch Geltung besitzt.
Umschau.
Die Verhaftung des Oberstlieutenants Henry ruft in Frankreich die größte Erregung hervor. Diele Blätter halten eine Revision des
gtltig auf den Tisch legte. „Verliere ihn nicht," betonte der Gras. „Er ist sehr kunstvoll gearbeitet, und et» Ersatz würde schwer zu beschaffen fein."
Schweigend nahm daraus die junge Frau den Schlüsiel und verschloß ihn in ihrem Reise-Neeessatte.
„Einer der Etuis enthätt eine Rubin-Garnitur, die berühmt ist. Der Juwelier versicherte, daß ihm »och selten gleich tadellose Steine vorgekommen seien," sagte der Graf langsam. „Vor einem Jahre hattest D» noch keine» Rubi» gesehen, jetzt besitzest Du deren auserleseue. Und Du öffnest die Kasiette nicht einmal?'
„Wozu?" fragte Gerttud, zu ihrem Manne aus- blickeud.
„Wozu? — Um Deinen Schmuck anzuschauen."
Sie lächette flöchttg. „Ich habe zwar feit einem Jahre gelernt, daß es thöticht ist, jede» Mensche» zu verurthefle», der Schmuck trägt; ich habe auch die ästhetische Schönhett von Schmuckstücke» würdigen gelernt; aber beim Anblick gerade dieser Kasiette müßte ich mich fragen, wieviel Elend für das Gold, da» sie enthätl, schon hätte aus der Wett geschafft werden können."
„Nun, konsequent bist Du, dar ist wahr," entgegnete Herbert kurz, „immer auberS als andere Frauen. Sine jede würbe sofort bie Kassette geöffnet nnb ben Schmuck betrachtet habe». Du vertiefst Dich anstatt beffen in philanthropische Untersuchungen!"
Gerlrub entgegnete nichts, sondern schob einen der klemm Fauteuils zurecht. „Willst Dn Dich nicht setzen?" fragte sie. „Du bist doch jedmfallS nicht gekommen, nm mir den Schmuck zu zeigen, sondern Dn hast mit mtt Wichtiges z» besprech«; ben» Du wolltest mit mir allein fein. Willst Du mir nicht zuerst sagen, weshalb Du diese Kasiette hierhergrbracht und nicht in Wien gelaffm hast?"
Dreysus-Prozesses für gewiß. Der „Matin" erklärt, die Nachricht werde im ganzen Lande ttefe Bestürzung Hervorrufen. Der „Figaro" schreibt: Schmerz und Trauer werden die Armee erfüllen, wenn sie erfährt, daß der Chef des JnformationsbüreauS solche Misie- that beging und feine Vorgesetzten so elend täusche» konnte. Die „Petite Rcpublique" meint, die Ge- ständniffe deS Fälschers Henry bildeten die Lösung deS schrecklichen Dramas, von dem Franttcich schon allzu lange gequält wird. Der „Rappel" verlangt die sofortige Freilassung Piquarts und die Berufung Dreyfus' nach Frankreich, damit dieser vor seinen Richtern sich rechtfertige» könne. Ueber die Verhaftung Henrys werden folgende Details mitgetheilt: Cavaignac habe fett mehreren Tagen infolge einer von ihm eingeleiteten Untersuchung Zweifel an der Echtheit der von ihm auf den Kammerttibünen ver- Itfenen Schriftstücke gefaßt. Gestern ließ er Henry rufen und verhörte ihn in Gegenwart seines Kabinets- dttektors, des Generals Rose, über die Art, wie die Schriftstücke in seine Hände gekommen seien. Nach einigem Zögern habe Henry eingestanden, die Schriftstücke gefälscht zu haben nnb versuchte bann darzulegen, er habe es angesichts der Nothwendigkeit ge- than, um Beweise für die Schuld des Dreyfus herbeizuschaffen. Cavaignac war dmch die Enthüllung aufs Tiefste ergriffen, ordnete aber die sofortige Festnahme Henrys an nnb begab sich sofort zu Brffson, der das Vorgehen des Kriegsministers vollständig guthieß. Mehrere Blätter erinnern daran, daß General Pellieux im Prozeß Zola unter Eid die Echtheit der von Henry gefälschten Briefe bekräftigt habe und daß diese Aussage Pellieux von den Generale» Gonse und Boisdeffte unter Eid bestätigt wurde. Henry hatte keine Ahnung von dem ihm bevorstehenden Schicksal. Gegen Abend erschien ein Generalstabsoffizier im Auftrage Cavaignacs bei ihm. Henry nahm von seiner Frau mit dm Worten Abschied: „Der Minister läßt mich rufen. Ich glaube, es handelt sich um eine Mission". Esterhazy erklärte einem Reporter, der ihm noch in der Nacht die Nachricht von der Verhaftung Henrys überbrachte, mit größter Ruhe: „Er habe absolut nichts von der Fälschnng Henrys gewußt". Der „Eclair", der zu den vom Generalstabe inspirirten Blättern gehört, erzählt, Henry hätte vorgegebm, daß der Brief von einer sowohl militärische wie diplomattsche Fuuttionen ausübenden Persönlichkeit herrühre. Das Blatt verlangt rücksichtslose Züchtigung Henrys, der daS denkbar infamste Verbrechen begangen habe. Die radikalen Blätter sprechen die Hoffnung aus, daß Cavaignac nunmehr offen seinen Jrrthum eingestehen werde.
Heute wird mm aus Paris gemeldet, datz sich Oberstlieulenant Henry im Grsängnitz entleibt hat, indem er sich mit einem Rafirmesser
die Kehle durchschniti. Der Chef deS ftanzösischen Generalstabcs, General BoiSdeffre, reichte in Folge der Affaire Henry sein Abschiedsgesuch ein, das der Kriegsmiuister Cavaignac auf Boisdeffre'S Drängen unter Anerkennung von dessen Loyalität genehmigt hat. Daß diese Vorgänge eine entscheidende Wendung im Dreyfus- Prozeß herbeiführen muß, ergiebt sich sofort, wenn man bedenkt, mü welcher Ehrfurcht wette Kreise der ftanzösischen Nation auf bie famosen Beweisstücke CavaignacS bei Beantwortung der Interpellation CastelinS hingeschaut haben; wen» men sich erinnert, mit welcher lebhaften Freude man die Findigkeit deS SpionagebureauS pries, daS innerhalb sechs Jahren über 1000 Originalbriefe in die Hand bekommen haben wollte, darunter viele, die aus berühmte» Papierkörben stammten! Und nun stellt sich als Verfasser eines der Hauptbeweisstücke Oberstlieutenaut Henry heraus! Wer mag da wohl die andere» Dokumente, besonders dasjenige, welches Cavaignac zu verlesen sich weigerte, geschrieben haben? Und werden auch jetzt »och die „Pattioten" in helle Wuth geratheu, wenn ein unparteiischer Richter in Esterhazy den Schreiber deS vielgenannten Bordereaus sieht? Man darf gespannt darauf sein, welche Wendung die leidige Drehfus- Angelegenheit noch nehmen wird. Daß die Gemüther ob dieser Nachricht wieder in die höchste Erregung gerathen, ist unausbleiblich, und jene, die keinen Stein auf die Armee wollen werfm lasim, werden nun doch noch zugeben müssen, daß etwas nicht in Ordnung ist, wenn sogar im Kriegsministerium höhere Offiziere als Fälscher fitze», die nicht vor einer der niedrigsten Handlungen zurückschrecken. Dem jetzig« Kriegsminister aber wird man eS um so höher anrechnen, daß er den Muth gehabt hat, im kritischsten Moment — nämlich gerade da, wo man die Dreyfus-Angelegenheit durch jede mögliche Maßregel auS der Welt hat schaffen wollen — entscheidend einzugreifen und nicht gegen befleres Wiffen den wahrhaft Schuldigen als unschuldig der Justiz vorzuenthalten. Der Brief, d« Henry gefälscht, war von Cavaignac, BoiSdeffre, Pellieux, Gonse nnb Genossen dazu benutzt worden, um die Zweifel des ftanzösischen Volkes an der Schuld Dreyfus' zu beschwichttgen; die Echtheit deS plump« Machwerks war von General Pellieux im Prozesse Zola unter seinem Eide bekräftigt worden, die Generale Gonse nnb BoiSdeffre hatten bie Richtigkeit der Aussage Pellieux eidlich erhärtet und General BoiSdeffre seiner Erklärung durch seine Demisfionsbrohnng besonderen Nachdruck verlieh«. Die Stellungen aller dieser Herr« gelten natürlich als erschüttert.
Die Berliner „Volkszeitung" veröffentlicht b« Wortlaut bet entscheidend« Schlußsätze de8 Ober-
Die Ruhe in der Sprache bet jungen Fran reizte d« Grafen; baß Gertrnb diese Ruhe nur mühsam zu behaupt« vermochte, ahnte er nicht. Auch heute erschien ihm ihr Wes« ttotzig und abweisend, und selbst ihr blasieS G-ficht, ihre feuchtschimmernden Auge» verrieth« ihm nicht, wie nam«loS erregt ste war.
Mtt einer Handbewegung wies er ben angebotenen Platz ab. „Ich ziehe es vor, zu stehen," erklärte er schroff, unb nun stand auch Gertrud wieder auf. „Weshalb ich die Kasiette hierherbrachte, ist bald gesagt. Der Juwelier, bei dem sie in Verwahrung gewes«, löste sein Geschäft auf, und ich konnte fie ohne Deine Zustimmung Niemand anderem übergeb«. Dann dachte ich wirklich, Du würdest Verlang« haben, auch diese» Theil Deiner Erbschaft zu seh«. Ich habe mich i» dieser Annahme geirrt, wie leibet schon öfter in bet Beurtheilung Deines Charakters."
Sie hob lebhaft ben Kops. „Selbst wen» bies der Fall wäre, würbest D» ben Schmuck in Wien haben laffen können. Einige Tage hätte ihn bet Juwelier gewiß »och behalte», unb ba Du mich ab» holst, hätten wir auf unserer Rückreise gemeinschaftlich über einen »wen BerwahruugSort bestimmen, ober, weil dies ja eigentlich nicht mehr »öthig ist, bie Kasiette mit uns nehmen können.
„An Deiner Schlußfolgerung wäre nichts auS- zusetzen," entgegnete Graf Lands krön, „wenn bie Prämissen richtig wär«. — Ich kam nicht um Dich abznholeu."
„Nicht? -"
„Nein. Ich kam nm Dir Deine Freiheü znrück- zugeb«--"
ES flimmerte Gerttud vor b« Auge», ein tödtlicheS Erschrecke» hatte wie ein Blitzstrahl ihren Körper gelähmt, so baß fie nicht die Hand zu heben
vermocht hätte. Sie wußte ja längst, baß fich unter bet gütigen Ruhe Herberts ehe kraftvolle Energie, ja heiße Lcibenschaft barg, unb war auf Vorwürfe unb Anklagen, ja selbst auf einen heftigen Zornes- ausbruch gefaßt gewesen — endlich einmal mußte fich Unzuftiebenheit mit ihr, fein Umnuth über ihr Bettag« doch Bahn brech« — aber baß er ihr so kurz und bündig bie Trennung Vorschlägen würde, das hätte ste nie nnb nimmer geahnt. Und in bem lähmenden Entsetzen, das sie ergriffe« hatte, wollte kein anderer Wort über ihre Lippen, als ein armseliges, kaltes „Warum?"
„Warum?, wiederholte denn auch der Graf in schmerzlichem Zorn. „Das fragst Du? Dein Gedächtniß muß Dich besonders stark im Stich gelassen hab«. Bereits in Taormina hast Du verlangt, ich solle Dich fteigebeu, nnb vor ganz kurzer Zett bist Du sogar ohne meine Einwilligung babei gewes«, Dir selbst bie Freiheit toieber zu verschaff«, wenn ich nicht ganz uubewaßt Dich banen abgehalten hätte. Wäre mtt aber ber Inhalt deS Briefes bekannt gewesen," unb dabei reichte er ihr den Brief hin, ben fie am Tage der Ankunft bet Großmutter an ihn geschtiebm hatte, „so hätte ich baS sicher nicht gethan."
Gerttub war noch blasser geworb«, ihre Hänbe zuckten; boch fie griff nach bem Blatt Papier, baS Herbert ihr hinreichte nnb welches nun langsam znr Erbe flatterte.
„Wenn meine Mutter gethan hat, was auf bem Papier dort geschrieben steht, so hätte Dein erster Gang zu mir fein, Du hättest mtt Gelegenheit geb« müssen, Dich vettheidig« zu können; anstatt bess« willst Du ste mtt nehme», nnb willst ben Fleck auf mir sitz« lassen. Du, bie Du mich kenn« mußtest wie Dich selbst.
(Fotffetzung folgt.)