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Wöchentliche Beilagen: Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
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Erscheint täglich außer an Werttagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartals-Abonnements-Preis bei der Expedition 2 Mk., bei allen Postämtern 2,25 Mk. (exkl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr: die gespaltene Zeile oder deren Raum 10 Pfg., Rettamen: die Zeile 25 Pfg.
^larßurg
Mittwoch, 20. Juli 1898.
Anzeigen nehmen entgegen: die Expedition dieses Blattes, die Annoneen- Bureaux von Haasenstein & Vogler, Frankfutt a. M., Cassel, Mägde- bnrg, Wien: Rudolf Moffe, Frankfurt a. M., Berlin, München, Köln; T. L. Daube & Co., Frankfutt a. M., Berlin, Hannover, Paris re.
33. Jahrg.
Sozialdemokratie und Ehescheidung.
Das bayerische Justizministerium veröffentlicht m jedem Jahre ein Tabellenwerk über die Ergebnisse der Civil- und Strafrechtspflege des Königsreichs Iayeru, von dem der neueste, die Ergebnisse des Jahres 1896 enthaltende Jahrgang kürzlich im Buchhandel erschienen ist. Wie darin mitgetheilt wird, ist im letztgenannten Jahre die Zahl der Eheprozesse um 146, nämlich von 634 im Vorjahre auf 780 gestiegen. Diese Zahl überragt die des Jahres 1885 mn 385, also um daS Doppelte. Seit 1881, so heißt es in dem Tabellenwerk, sei keine so erhebliche Steigerung der Eheprozesse wie von 1895 auf 1896 vahrgenommen worden.
Die Thatsache ist auffallend, weil die Bevölkerung Layerns zu drei Viertheilen aus Katholiken und zvar kirchlich geflnnten Katholiken besteht, die nach den Lehre» ihrer Kirche die Ehescheidung verwerfen. Ma» wird kaum irre gehen, wenn man das rapide Wachethum der Ehescheidungs-Prozesse mit den ehe- seindlichen sozialdemokratischen Strömungen in ursächliche Verbindung bringt: wenigstens scheint die Untersuchung, in welchen Oberlandesgerichts-Bezirken und bei welchen Landgerichten im Verhältniß zur Sevölkerungszahl die meisten Eheprozesse geführt werden, zu dieser Annahme zu berechtigen.
Bon den 780 Eheprozessen des Jahres 1896 schwebten im Oberlandesgerichts- Bezirk München mit 1,62 Millionen Gerichts-Eingesessenen 289, Nürnberg mit 1,25 Millionen Gerichts-Eingesessenen 205, Bamberg mit 1,19 Millionen Gerichts-Eingesessenen 83, Augsburg mit 982 949 Gerichts-Eingesessenen 65, Zweibrücken mit 765 991 Gerichts-Eingesessenen 138. Das Hauptkontingent zu den Eheprozessen 'stellen sonach die Oberlandesgerichts-Bezirke München, Nürnberg und Zweibrücken und in diesem wiederum die städtischen Hochburgen der bayerischen Sozialdemokratie. Vergleicht man nämlich aus diesen Punkt hin die diesjährigen Reichstagswahlen in Bayern mit den an den Ehescheidungs-Prozessen meistbetheiligte» Landgerichten, so gelangt man zu folgendem überraschendem Resultat:
Sozialdemokraten gingen aus der Wahl dervor in den Wahlkreisen München II, Nürnberg, Fürth - Erlangen und Speyer. Von den 780 Eheprozessen des Jahres 1896 entfielen nun auf die Landgerichte: München II 234, Nürnberg, 121, Fürth 34 und Frankenthal mit dem Amtsgerichts- Bezirk Speyer 58. Weit über d i e Hälfte aller Eheprozesse konzentrirt fich sonach auf diese vier ton der Sozialdemokratie eroberten Wahlkreise. Zieht aian ferner auch diejenigen Landgerichts - Bezirke in dir Berechnung, in denen Sozialdemokraten mit anderen Parteien in die Stichwahl kamen — es sind
(Nachdruck verboten.)
Wie es endete.
Roman von Maria Theresia May, $erf- des preisgekrönten Romans „Unter der Königstanne."
(Fortsetzung.)
Das Bild versprach herrlich zu werden, aber " es dauerte »och Wochen, bis etz fertig wurde, and — wovon lebte» sie mittlerweile? — Gewiß
Gastein er Bild mußte verkauft worden fein, und Harbert hatte ihr schon gesagt, daß gute Bilder oft
--sehr viel eiubrächten.
Gertrud blickte zu ihrem Manne empor, der ent- sückr die Wu»derwelt von Taormina betrachtete und da mit Begeisterung pries. „Zu Hause/ sagte sie seine letzte Bemerkung, „da bedeckt die rosig hübende Erika die Fel enabhänge oder schwellendes ! ^°os. Solch ein Teppich ladet zum Ruhen ein. fliese Kaklusblühten in ihrer Menge und in ihrer --endenden Farbe find wohl prächtig; aber niemand i®58 sich von ihnen traulich angezoge» fühlen. Mir meine Heimathberge lieber I*
„Sehnst Du Dich nach Böckstein zurück, Liebling?" , ™»gte Herbert und berührte mit seine» Lippen die Emmernden lockige» Härchen über ihrer Stirne. „Hier ein Spitzenhütchen Dein Haar, Dein weißes J’to bewegt der laueste Frühlingshauch; dort müßtest jetzt bis übers Näschen in Pelz gehüllt, durch 58 und Schnee wandern, und brausend rauschte der ^larm durch den Wald."
. „Auch das hat seinen Reiz, Herbert. Aber zu ante Friederike möchte ich nicht zurück; nach einer . A'ucn Häuslichkeit sehne ich mich. So schön es
ru reifen, so gefällt mir das Gasthausleben doch wenig. Deine Hausfrau möchte ich sein; Tu
das: Hof mit 21, Bayreuth mit 14, Bamberg (Wahlkreis Kronach) mit 17 und Würzburg mit 23 Eheprozessen (sämmtlich zum Oberlandesgerichtsbrzirk Bamberg gehörig) —, so treten den obigen 447 weitere 75 Eheprozesse hinzu, sodaß von der Ge- sammtzahl des Jahres 1896 522, also reichlich zwei Drittheile auf die acht sozialdemokratisch durchsetzten Landgerichts-Bezirke kommen.
Es soll damit allerdings nicht behauptet sein, daß jene 522 Eheprozesse sämmtlich aus den Kreisen der Sozialdemokratie hervorgegangen sind, aber ein reiner Zufall ist es sicherlich nicht, daß die große Mehrheit der Ehescheidungsprozesse auf 8 von den 28 bayerischen Landgerichts-Bezirken fällt und zwar gerade auf diejenigen acht, in denen die Sozialdemokratie ihren Sitz hat, und daß beinahe sämmt- liche Eheprozesse, welche im Oberlandesgerichtsbezirk Bamberg anhängig waren, auf die vier sozialdemokratisch durchsetzten Landgerichts-Bezirke entfallen. Es ist nur natürlich, daß die laschen Grundsätze, die bei den Sozialdemokraten über die Ehe herrschen und von den Führern und Agitatoren geflissentlich genährt werden, in der Ehescheikmngs - Zahl zum Ausdruck kommen.
Umschau.
Die „Krzzig." wendet sich in einer Zuschrift aus der Provinz Sachsen gegen den jetzt mehrfach empfohlenen Wahlzwang. Die wirkliche Meinung der Wähler würde nur dann zum Ausdruck kommen, wenn jedermann nach seines Herzen Meinung in der Lage wäre, einem Manne seine Stimme zu gebe», den er persönlich kennt und mit feinet» Vertrauen beehrt. Dazu sind aber die Wahlkreise viel zu groß: dazu ist der Gesichtskreis der überwiegenden Zahl der Wähler viel zu eng. Der Reichstagsabgeordnete soll die Interessen der Gesammtheit vertreten. Das setzt doch voraus, daß auch der Wähler seinen Blick auf das große Ganze zu richten gelernt, die Interessen der einzelnen Berufsstände sorgfältig gegen einander abzuwägen fich gewöhnt, seine einzelnen Interessen hinter dem, was dem V a t e r l a n d e frommt, hintanzufetzen sich vorgenommen hat. Kann man das wirklich voraussetzen? Es wird doch wohl Schiller Recht behalten, wenn er sagt (Demetrius, 1. Aufzug):
Was ift die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn; Verstand ist fters bei Wen'gen nur gewesen. Bekümmert sich umS Ganze, wer nichts hat?
Hat der Bettler eine Freiheit, eine Wahl? Er muß dem Mächtigen, der ihn bezahlt, Um Brot und Stiefel seine Stimm' verkaufen. Man ioll die Stimmen wägen und nicht zählen; Der Staat muß untergehen, früh ober spät. Wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet.
mußt allmählich daran denken, einen ständigen Wohnort zu wählen."
Ein Schatten verdüsterte Herberts Antlitz; Gertrud äh es, und ihr Herz klopfte. Wie oft schon hatte te in de» letzten Wochen ihn so verstimmt gesehen, uvd doch sagte er ihr nicht, was ihn bedrückte und quälte. Hatte sein Weib nicht ein heiliges Anrecht ans sein unbegrenztes Vertrauen? — Wohl hatte ie ihren Mann um den Grund seiner Verstimmung gefragt, als sie ihn zuerst i» solchen Momenten des UnmntheS beobachtet hatte; doch sein rasches Ausweiche» hatte ihr zu verstehen gegeben, daß er nicht gefragt ein wollte, und Gertrud war zu stolz fich einer zweiten Abweisung auSzusetze», — sie fragte also nicht wieder.
„Kind," sagte Herbert nach kurzem Stillschweigen, „als Künstler habe ich hiernach viel zu thun; überdies ist's jetzt im März in der Heimath das aller- unangeuehmste Wetter. Wir bleiben noch zwei bis drei Wochen hier, dann gehe» wir langsam nordwärts, und dann bauen wir unS ein Heim, und Du waltest darin als Herrin und Hausfta» — ob Du mich »ann ebenso lieb haben wirst wie jetzt? —"
Ein sonniges und ruhiges Lächeln wurde ihm als Antwort zutheil. „Du bleibst ja derselbe, Herbett, wo immer wir auch sein mögen! Wie sollte ich je anders gegen Dich .sein als jetzt. Doch komm, die Sonne fängt an zu brennen, wir wollen inS Hotel zurück."
Die schattige Gartenterrasse desselben bot in den Mittagsstunden einen köstlichen Aufenthalt und wurde von den Wintergästen Taorminas gern aufgesucht. Gertrud holte fich eine Arbeit — sie beschäftigte sich immer noch vorzugsweise mit der Anfertigung kunstvoller Stickereien, in denen sie ja Meisterin war, und ließ sich an einem reizenden, durch breitblätterige
Auch soll man nicht die wenige» Leute im Wahlkreise nur immer fritifiren, die wirklich für die Parteisache noch arbeiten. Es ist bequemer, sich gegen diejenigen, welche thätig sind, kritisch zu verhalten, als sie zu unterstützen, bis diese bann schließlich auch die Lust verlieren, einsam weiter zu arbeiten. Wo die Sozialdemokratie angefangen hat, die Arbeitermassen auf ihre Seite zu ziehen, muß man sich bemühen, sämmtliche Ordnungsparteien zu vereinigen. Es ist nicht richtig, daß, je mehr Parteien agitiren, desto mehr Wähler zur Wahlurne kommen. Der einfache Mann findet sich da, wo, wie es vorgekommen ist, 6 Kandidaten sich um's Mandat bewerben, schließlich nicht mehr zurecht. Wo nur zwei gegen einander stehen, findet er sich aber heraus. Die Quertreibereien der kleineren Parteien haben keinen Erfolg weiter gehabt, als daß sie von der konservativen Partei einige Tausend Stimmen ab g e sp litt ert haben, deren Abgang in manchen Kreisen gerade so weit gereicht hat, daß der Sieg dem Gegner zugefallen ist. Im Wahlkampf fällt manches scharfe Wort, und bei der Stichwahl geben manche nicht dem Kandidaten her zunächst stehenden Partei die Stimme, sonder» demjenigen, gegen welchen sie am wenigsten eingenommen worden sind. Daher die wunderbare Erscheinung, daß durch solche Absplitterung seitens antisemitischer und sozialer Parteien in der Stichwahl der Erfolg gegnerischer Kandidaten verursacht worden ist. Es ist daher rathsam, durch Kompromisse die Aufstellung zu vieler Kandidaten zu verhindern.
Die sozialdemokratische Heuchelei zeigt sich wieder einmal recht deutlich in einer Darstellung des „berühmten" Londoner „Genossen" Ed. Bernstein über die Umstände, die Eleanor Marx in de» Tod, d. h. zum Selbstmord getrieben habe». Darin wird erzählt, daß Aveling — der bis vor Kurzem hochgeschätzte „Genosse" — jahrelang ein ausschweifendes Leben voll von „sittlichem Schmutz" geführt habe. Ez habe sich schon vor langer Zeit der Tochter des großen Karl Marx ein „moralischer Ab gründ" eröffnet. Die Engelsche Testamentterung hatte darüber eine Zeit lang hinweggeholfen; später aber siegte bei Eleanor Marx „in dem Kampfe zwischen dem neu aufsteigenden Gefühl des Abscheucs und dem altgewohnten Gefühl des Mitleids das letztere", da Aveling es merkte, wurde er nur „umso arroganter*. Schließlich trat derselbe als „vollendeter Schuft" auf und trieb Eleanor Marx, die 14 Jahre lang mit einem solchen Manne in wilder Ebe „zusammenlebte", zum Selbstmorde. Welch ungeheuere Heuchelei hat die deutsche Sozialdemokratie getrieben, da sie diese Zustände, die den
Palmen und weißblühende Citronenbäume von der Sonne geschützten Plätzchen nieder, das einen köstlichen Ausblick gewährte. Herbert nahm sein Notizbuch und erklärte, auf einigen Seite» desselben einen Bries an Rhoden schreiben z» wollen; Lothar beanspruche kein besonderes „Briefpapier" und freue sich, überhaupt nur Nachricht von ihnen zn erhalten.
Saum hatte fich jedoch der Graf neben Gertrud gesetzt und zu schreiben begonnen, als eine kleine, korpulente, stark echausfirte Dame so schnell, als ihre Gestalt es erlaubte, auf das Paar znkamm. „Good morning, meine liebe Mrs. Kronau," rief fie schon von weitem, und Herbert klappte ärgerlich sein Notizbuch zu, was ihm einen vorwurfsvollen Blick seiner Frau zuzog. „Shake hands," fuhr die Dame, als fie bei dem Paare angelangt war, in ihrer sonderbaren Sprechweise, halb englisch halb in gebrochenem Deutsch, mit gelegentlich italienischen Ausdrücken gemischt, fort und schüttelle kräftig Gerttuds Hände, danach auch Herben den gleichen Gruß bietend. .Ich habe schon vor einer Stunde das Mädchen zu Ihnen geschickt, meine liebste Mrs. Kronau, um zu fragen, ob Sie von Ihrem Spaziergang zurückgekehtt sind, und ob Sie nicht auf die Terrasse kommen wollte». Ich sage Ihne», Mr. Krona», ich habe eine wahre Leidenschaft für Ihre Fran," w-ndetc sich die lebhafte, geschwätzige Dame an Herbert, „indeed, I am in luve with her!“
„Sehr schmeichelhaft für meine Fran," entgegnete Herbert kühl und spielre mit dem Notizbuch,
„O, haben Sie schreiben wollen?" fragte Mrs. CoSway, die es bemerkte. „Thun Sie das nicht hier im Freien, daS ift sehr schlecht für die Augen, weil das Licht und der Schatten durch die Bewegung in den Bäumen so schnell wechseln. Gehen Sie dazu lieber in Ihr Zimmer, dort ist es ruhiger; ich werde
leitenden „Genossen" jedenfalls bekannt waren, verheimlichte und Aveling als ehrenwetthen Mann behandelte ! Welch grenzenlose Heuchelei und Blasphemie ist es, wenn „Genosse" Bernstein über das „Mitleid" der Eleanor Marx, das richtiger Mitschuld zu nennen wäre, schreibt:
„Welche moralische Hoheit ist dazu nothwendig, um in solchen Fällen nicht zu verdammen, sondern begreifen zu lernen? Wem kommt dabei nicht von selbst der Vergleich in den Sinn mit den Worten, welche Christus an bie büßende Sünderin fvrach? Diese Frau zeigt sich noch edler gesinnt, weil sie bessern will, ohne erst die Reue abzuwarten!"
Die moralische Verkommenheit der Sozialdemokratie wird durch diese Sätze grell beleuchtet.
Eine mit großer Reklame angekündigte, von den Sozialdemokraten einberufene „Stndenten- Versammlung" Hot am Sonnabend im Feen- palast in Berlin stattgesunden. ES waren, so berichtet die „Post", etwa 2000 Menschen gekommen, Männer und Frauen, eine sehr bunte Gesellschaft. Die Zahl der anwesenden Studenten mochte sich auf ganze zwei bis zweieinhalb Dutzend Belaufen. Im übrigen sah man, so genau man auch die Versammlung zu mustern suchte, wesentlich Arbeiter, ferner sehr viele Leute, die wohl mehr aus Neugier gekommen waren, um einmal „sozialdemokratische Studenten" zu sehen, einige hundert Herren, die zweifellos dem Stande der Handlungskommis angehörten und endlich auch viele jnpge Damen, deren sehr bezeichnendes Aenßeres man ans großen Ftauen- rechilerinnen Versammlungen kennt. Der Saal wurde bald nach 8 Uhr polizeilich gesperrt, sodaß viele Hunderte von „Genossen" draußen bleiben mußten. Auf Vorschlag eines Herrn Dr. Semmel wurden zum ersten Vorsitzenden gewählt Or. Beutler, zum zweiten Dr. Cowitz, zum dritten Dr. Borchardt. — Dann kam Herr Liebknecht. Er wurde mit Beifall und mit etwas Zischen begrüßt. Sei» Thema, über das er reden sollte, war: „Die Stellung des Akademikers zur Sozialdemokratie". Wer irgend etwas Besonder es von Rede des „Alten" — wie ihn die „Genossen" nennen — erwartet hatte, erlebte eine gründliche Enttäuschung. Der alte Mann sprach in demselben matten, dozirenden Tone, wie man es jetzt schon feit Jahren von ihm gewohnt ist. Seine Rede brachte immer wieder die alten, abgebrauchten Phrase», die man von ihm immer zu hören bekommt. Er berührte alle möglichen politischen Fragen, und nur darau, daß er hin und wieder einmal das Wort „Studenten" in den Mund nahm, erkannte man das Ziel seiner Ausführungen. Nach einer Stunde etwa war er mit der Einleitung fertig, in der er fich bemüht hatte, das „Gestrüpp", die Voruttheile zu beseitigen, wie er sagte. „Meine Damen und Herren und, soweit es
Ihre Frau schon unterhalten. Sie sollen hier auch nicht sticken. Solche Augen müssen nicht verdorben werden. In der ganzen Welt finden Sie nicht noch einmal ein Paar so schöne!"
Herbert erhob fich. „Ich laffe Dich in der Gesellschaft der gnädigen Frau zurück," sagte er mit vollendeter Höflichkeit, aber mit eisiger Miene.
„Mrs. Cosway hat recht, daß man hier nicht schreiben kann. Vergiß aber nicht, mein Kind, um was ich Dich gebeten habe."
Gettrud verstand ihn: er erinnerte sie daran, sich gegen die Familie CoSways möglichst zurückhaltend zu benehmen, und die junge Frau erröthele tief.
„Watten Sie, Watten Sie," rief indeß Fran Cosway, da Herbert fich nach einer Verbeugung von den beiden Dame» entfernen wollte. „Ich habe ja eine ganze Stunde am Fenster gestanden, weil ich Ihnen die große Neuigkeit zuerst sagen wollte. AuS Rußland ist gestern die Großfürstin Katharine Paulowna angekommen. Die Stadt anangirt ihr zu Ehren ein großes Fest, ein Conzett; zu dem kommen Sänger und Sängerinnen aus Rom und Mailand und daran wird fich ein großer Ball schließen, Sie müffen auch gehen, mit Ihrer Frau, — oh yes, fie wird die Schönste sein!"
Ich glaube nicht, MrS. Cosway, daß wir abgesehen von allen übrigen Schwierigkeiten, in der Zeit, da das Fest hier voraussichtlich stattfindet, noch in Taormina anwesend find," entgegnete Herbert ablehnend und schritt nach einer Verbeugung so rasch davon, daß Frau Cosway ihn nicht länger zurückhalten, und ihm nicht sagen konnte, daß der Ball schon in den nächsten Tagen fein würde.
(Fortsetzung folgt.)