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Marburg
Freitag, 25. März 1898.
Wöchentliche Beilagen: Kreisblatt für die Kreise Marbnrg und Kirckkai»
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Graf Herbert Bismarck ist bekanntlich jüngst im Jerichoer Kreise wiederum als ReichStagSkandidat aufgestellt worden. 8m 20. d. Mts. hat nun der Sohn unseres Altreichskanzlers in Schönhausen eine Rede gehalten, welche wir, da sie zweifellos auch die Auffassung seines Herrn Vaters über den vvm Fürsten mit noterzeichneten Wahl-Aufruf des wirthschaft- lichen Ausschusses wiedergiebt, an dieser Stelle viedergeben, zumal auch ihr sonstiger Inhalt unserer politischen Denkweise voll und ganz entspricht.
Reichstagsabgeordneter Graf Herbert Bismarö leitete seinen Vortrag mit der Feststellung ein, daß die kommenden Wahlen unter wesentlich anderen Auspicien, als vor annähernd fünf Jahren statt- siuden würden; er habe zunächst auf die erfreuliche Thatsache des bekannten Aufrufs hinzuweisen, der die Unterschrift des Fürsten Bismarck trage «nd in klaren Sätzen das Programm zusammenfasse, das er im Einvrrständniß mit seinen Wählern stets vertreten habe, das heißt, die Aufforderung zur Rückkehr zu der 187 8 inaugurirten nationalen Wirtschaftspolitik die dem letzten Jahrzehnt der glorreichen Regierung Kaiser Wilhelms I. ihre» Stempel aufgedrückt habe. Die Durchführung jener Politik sei nur ermöglicht worden durch den festen Zusammenschluß der Vertreter aller Produktionszweige im Reichstage; damals habe sich auch das Zentrum wesentlich daran be- cheiligt, welches in den letzten Jahren mehr bei Seite gestanden habe, vielleicht aus dem Grunde, daß es inzwischen demokratischer geworden sei. Wenn nun bisder auf dem Aufruf die Unterschriften der Zent? umSabgeordneten fehlte», so sei doch in den Wahlkreise» vielfach so starke Stimmung für seine Ziele, daß auf seinem Boden die Gewinnung einer Majorität im Reichstag zu erhoffen sei. Bisher hätten,bfe Freihändler und Advokaten des fremden Imports trotz ihrer Minorität in der Bevölkerung uach dem Spruch „divide et impera“ unser Wtrthschaftslebcn nachtheilig beeinflußt: unsere Gegner könnten nur bei Trennung der Produzenten Erfolg haben; wen» Industrie und Land- virth schäft nnitis viribus zusammenhielten Md dabei beiderseits das Wort „leben und leben- laffen" nicht vergäben, so würden fie viele Wahl- Krise gewinnen können. Redner habe sich stets be- «üht, in diesem Sinne zu wirken; wenn in der z» Ende gehende» Legislaturperiode für seine BerufS- rrnoflen wenig geschehen sei, so hätte das anfänglich
Wachdruck verboten.)
Getrennte Sterne.
Roman an» der Gesellschaft von H. Waldemar.
(Fortsetzung.)
„Und wo weilte sie?" fragte Dony athcmloS.
„Weiß nicht. Den Brief an Adriemie brachte * Erpreßbote; kein Ort, kein Dalum war angefügt der Geschmack ist verschieden, aber das weiß A, daß solche unergründliche Naturen nicht meine «ebhaberei find. Adieu! Heute Abend im Kafino." Und er eilte davon.
„Anch ich muß mich verabschieden; habe ich auch killen Dienst, so doch die Verflichtung, ein Versprechen «ri gegenüber zu halten," sagte Dettmar, als der mge Graf außer Hörweite war. Er ist wieder ^mal Feuer »nd Flamme! Wo mag er nur daS Dornröschen kennen gelernt haben, von dem er spricht?"
„Solche Schnellfeuer verlöschen sehr bald. Georg hat uns den Beweis schon unzählige Male geliefert," Widerte Dony mit ernstem Lächeln, den Händedruck *8 Kameraden kräftig erwidernd.
Nach verschiedenen Richtungen gingen fie davon.
Dettmar hatte die kleine Episode rasch vergeffen. ” kam an einem Blumenladen vorüber, trat in den- Wea ein and erstand einen reizenden Beilchenstrauß, er seiner Lori mitbringen wollte. Sie war ikar bisher mit Blume» so überhäuft worden, daß unterlassen hatte, ihr welche zu schenken. Die Enlchen aber liebte fie besonders, und er pflegte fie mit benselbcn zu vergleiche», da fie ihm ebenso finnig und ^scheiden erschien.
Mit einem glückstrahlendem Lächeln flog er die Dr^pe» empor; er wußte, daß er sehvsüchtig er. *vtrt wurde, «nd auch sein Herz klopfte stürmisch unruhig.
■ a» den damals Regierenden, dann aber auch an der durch Verträge und Konventionen geschaffnen Zwangslage gelegen, die späteren guten Abfichten hindernd im Weg gestanden hätten. Hierin Wandel zu schaffen, würde der nächste Reichstag berufen sei».
Unsere Gegner seien von Alters her Demokratie und Sozialismus; diese würden jetzt noch enger zusammenstehen, als früher, es hieße, sie wollten ein Wahlkartell schließ:». Im Reichstage votirten auch heute schon beide Richtungen in der Regel gemeinsam. Um so mehr müßte, unter patriotischer Zurückstellung der etwa trennenden Momente, alles zu sammenhalten, das unter den Bcgrif Fabrikant, Landwirth, Handwerker Gewerbetreibender fiele. Wenn einer davon »och den Demokraten seine Stimme gebe, so könnte das nur an mangelnder Information liegen Denn bei Prüfung der R.den und Abstimmungen der radicalen Linken ergebe sich, daß ihre Mitglieder nicht nur für den Landmann, sonder» auch für den Landsmann fein Herz hätten; fie redeten und stimmten „unentwegt" für fremden Import und ftemde Konkurrenz, einerlei, ob der deutsche Industrielle, Gewerbetreibende, Handwerker, Landwirth darüber z u Grunde gehen könne: selbst verseuchtes Vieh und krankes Obst interessire die Demokraten und sei ihres Fürwortes gewiß, sobald es nur aus dem A u s l a n d e komme.
Daß alle Landwirthe — ob Groß« oder Kleinbesitzer — identische Interessen hätten, bedürfe keiner Begründung: es handle sich um die eminent national: Frage, den Grund und Boden a n s i ch — der mit vielen Milliarden Werth einen großen Theil unseres Nationalvermögens darstelle — vor weiterer Ent- werthung zu schützen, auch unabhängig von dem momentanen Besitzer: der Landmann und seine Scholle müßten auch für event. Kriegszeiteu, in denen der Handel darniederliege, leistungsfähig erhalten werden. Redner sprach die Hoffnung aus, daß viele kleine Besitzer und Gewerbetreibende im nächsten Reichstag erscheinen würden, die am besten wüßte», wo sie der Schuh am eigne» Fuß drücke.
Umschau.
Morgen, am 25. März feiert unser Marburger Ehrenbürger Fürst Bismarck sein sechzig- jähriges Militärdienst.Jubiläum.
Stimmen, die aus dem Salon zu ihm heraus- drangen, dämpften jedoch jäh feine Freude, und wie angewurzelt stockte fein Fuß, horchte er auf die Laute, die an fein Ohr klangen.
Drttmar's Ueberrafchung dauerte nur Sekunden. Was er vernahm, gab ihm rasch seine gehobene Stimmung zurück, und als er eintrat und in den Anwesenden seine kleine Schwester und einen seiner liebsten Freunde erkannte, gewann seine Heiterkeit schnell wieder die Oberhand und seine enttäuschte Miene klärte fich auf.
Ehe er fich »och seiner BonquetS entledigen konnte, flog ihm Marianne an de» Hals und küßte ihn herzhaft ab.
„Bist Du nicht furchtbar erstaunt, Hansel, mich hier zu sehen? Ganz allein, als große, erwachsene Dame?"
Dazu machte fie ein so drolliges Gesicht, di- blauen, von dunklen Wimpern umsäumten Augen blickten so schelmisch umher, daß die übrigen in Lache» auSbrache«.
„Na, weißt Du, Marianne, bii Du eine erwachsene Dame bist, vergeht noch manche» Jahr. Da sieh Dir Lori an und nimm Dir an ihr ein Beispiel. ®an» wirst Du bald Dich so tadellos benehmen wie re und eine große Dame sein."
„Vorläufig aber, gnädige» Fräulein," fiel nun Dettmar'» Freund, Assessor Baldenstein, ein, „gestatten Sie uns, an Ihrer köstlich frischen Laune uns zn «freuen ?"
Marianne verzog schmollend da» Mündchen, „Ihr seid alle unausstehlich mit Eurem Spott!" .Aber nichts liegt un» ferner als Spott, Schwesterchen, nicht wahr Lori?"
Han» überließ da» junge Mädchen fich selbst und dem Assessor und wandte fich seiner Braut
Im „Militär-Wocheublatt" schildert her General v. Bogulawski ans diesem Anlaß in einer Engeren Abhandlung die militärische Laufbahn des Fürsten Bismarck und seine Verdienste um die Armee. Der Aufsatz führt fich mit folgenden Sätzen ein: „21m 25. März werden es 60 Jahre fein, daß Fürst Bismarck in die Armee und zwar in das Garde- Jägerbataillon eintrat, um seiner Wehrpflicht zu ge- nüge», und der damalige Einjährig-Freiwillige wird nicht geahnt haben, daß er einst im Heere eine dem Feldmarschall gleichstehende Würde erreichen sollte. Er verdankte dies Aussteigen seiner glorreichen Laufbahn als Staatsmann. Aber diese brachte es mit stw, daß er der Armee und der Erhöhung der Wehrmacht nicht ein Mal, sondern vielmals seine Kräfte weihen mußte, und daß seine thatkrästige, auf große 3iele genchtete Politik nach langem, nur durch kurze Kriegsepisoden unterbrochenen Frieden Gelegenheft gab, der Welt feine Ebenbürtigkeit mit den Siegern von Fehrbellin, Leuihen »nd Belle-Alliance zu beweisen Die Vorbedingung dieser großen Heldenzeit war eben die staatsmännische Kraft und Weisheit, mit der Bismarck die vorn Könige beschlossene Reorganisation des Heeres gegen die Majorität der Volksveitretung ""b eme falsche Anffaffung in der Nation selbst that- sächlich durchzusetzen wußte, wobei er mit seiner Perlon die volle Verantwortlichkeit übernahm; sodann aber das nnüberftcffliche Geschick, mit dem er später die politische Aktion einleitete. Wie der Name Bismarck ein Palladium der nationalen Größe geworden ist, so verkörpert sich auch in der Person des Fürsten die die eigenartige Kiast seines engeren preußischen Vater- landiS. Bismarck ist, während er die staatsmännische Laufbahn einschlug, doch Soldat, Wehrmann geblieben. Schon seine kriegerische, hünenhafte Gestallt stellt dies Jedermann vor Augen. Stets wird in der Erinnerung der Deutsche» so fortlebend, wie er bei Sedan dem gefangenen Kaiser entgegentrat, in der Felduniform der schweren Küraßreiter. Viele Staatsmänner haben ihren Monarchen in's Feld begleitet, aber keiner ““6er Bismarck ist mit in's Feuer geritten, ist dem Konig-Feldherm in den Schlachten zur Seite geblieben. Wer wollte es tadeln, wenn der Staatsmann s'ch von den Kämpfe» fern hält? Aber in Bismarck lebte d.r kriegerische Geist des märkischen Adels und da» Gefühl des preußischen Oifiziers. Er ist nicht aufgestiegen zu diesem Rang aus Rücksicht auf Geburt und Ettkette, sondern jeder deutsche Soldat kann voll anerkenne» daß Fürst Bismarck seine» militärischen Rang dmch seine Verdienste um die Armee erworben hat.
zu, die mit glücklich aufleuchtendem Blick seinen duftigen Gruß in Empfang nahm, dem Stürmischen aber lachend wehrte, al» er sie nun in seine Arme schließen wollte.
.Was sollten der Asseflor und das Kind davon denken?"
Dettmar sah zurück und bemerkte, daß die beiden miteinander sich prächtig unterhielten, und so suchte er, entgegen Lori's Abwehr, ihr Köpfchen zu er. faffen unb ihren frischen schwellenden Mund herzhaft zu küsse».
.Aber, Hans!" rief fie strafend.
„Sttll, Schatz, wen» ich die Strafe nicht wieder- ;ole» soll. Meinst Du, ich habe ben ganzen Vormittag mich »ach biefent Augenblick gesehnt, um ihn mir jetzt raube» zu lassen?"
.Ist fie nicht entzückend, Herr Assessor? fragte Marianne, nachdem fie über den Punkt des Schmollen» hinweggekommen war.
„Wer?"
«Fragen Sie doch nicht so fonbe* bar! Wer oust als Lori, tiefe himmlische, einzige Lori, die mein Herz im Sturm gewann I"
„Gewiß, Fräulein Halden ist eine sehr liebe, junge Dame, die Ihren Bruder jedenfalls recht glücklich machen wird."
„Fräulein Halde» 1" ahmte ihm Marianne nach. „Thun Sie doch nicht so! Al» wenn ich nicht wüßte, >aß Sie sonst immer nur von der Lori gesprochen »ätten! Ich weiß da» ganz genau, denn Hans, o, der hat mir viel von ihr erzählt, früher schon. Er hat immer gemeint," hier rückte die Kleine so nahe an Baldenstein heran, daß ihre lockigen, gold- chirnrnernden Haare seine Wange» berührten mb et einen entzückten Blick tief in die klaren Kinderaugen tauche» konnte, „die Marianne sei so dumm n»b
Der im hiesigen Wahlkreise wohlbekannte Landwirth Herr Lucke- Patershausen veröffentlicht in der „Corresp. des Bundes der Landwirthe" unter der Aufschrift „Nationale und wirth- schaftliche Einheit" nachstehendes Eingesandt:
„Als Adam Smith seine damals epochemachende» nationalökonomischen Theorien veröffentlichte, da gab es »och keine Dampfschifffahrt, keine Eisenbahnen, kerne Telegraphen, und alle jene Mfttel, die heute dem Verkehr dienen, fehlten »och gänzlich. Der Güteraustausch vollzog sich äußerst langsam zwischen den Völkern, und es war ganz natürlich, daß Adam Smiths zu der Meinung kommen mußte, daß alle einschränkenden Fesseln im Güteraustausch unter den Völkern zu Falle gebracht werden müßten, sollte» sich Handel und Wandel gedeihlich entwickeln und der erstere seine Kulturmissto» erfüllen, nämlich die Art und Weise der Güter-Veredelung der einzelnen zum Gemeingut aller Völker z» machen. Würde Adam Smith in unserer heutigen Zett leben, mit ihrer modernen DerkehrSentwickelung, wo die Schnelligkett, mit der die Güter von einem Orte zum andern gelange», unsere Erde, so paradox es auch klingen mag, gewissermaßen auf das Zehntel ihrer Größe reduzirt hat, er würde zu ganz anderen Regeln, nach denen die Volkswirthschaft in der Volksgemeinschaft, d. h. im nationalen Staate einzurichten, kommen müssen. Seit Mitte des scheidenden Jahrhundert» hat Deutschland innerlich und »ach außen um seine nationale Einheit gekämpft und sie endlich auf den Schlachtfelder» von Frankreich mit Blut und Eisen geschmiedet. Dagegen ist auf wirthschaftlichem Ge- bitte im deutschen Vaterlande eine immer größere Anarchie eingerissen und in dem freien Spiel der wirthschaftlicken Kräfte hat sich ein Jnteressenkampf Aller gegen Alle entwickelt. Die Kämpfe der Gegenwart mit ihren Interessengegensätzen, fie bedeuten nichts anderes, als das Ringen des deutschen Volkes um wirthschaftliche Einheit. Die Parteien find anf dem Gebiete der Politik immer zerfahrener geworden und verbrauchen ihre Kräfte in gegenseitigem öden Parteigezänk, und sich anklammernd an Vergangene» haben sie die Fähigkett verloren, zu erkennen, daß eine neue Zeit herange- tiochen ist, _ welche der Lösung wirthschastSpolittscher Fragen gehört. Nur ganz langsam beginnt e» in ben politi'chen Parteien zu tagen, daß die eingerissene wirthschaftliche Anarchie durch die Macht deS Staate» beseitigt werden muß, daß es seine, des Staate», Schuldigkeit und seine Aufgabe ist, die Interessen der einzelnen Erwerbsgruppen weise gegen einander
merke nicht, was er eigentlich wolle. Und ich natür- lich, ließ ihn bei dem Gedanken, »nd so kramte er na$ und nach alle» aus, was er hoffte und ersehnte. Sagen Sie mal, Herr Assessor, haben Sie nicht auch so eine stille Liebe, die Sie mir vertrauen könne» ? Ich sag' ganz gewiß niemand etwas davon, in meiner Brust ist es wie in einem Grab aufgehoben. Nun?"
Baldenstein verwandte kein Auge von dem reizende» Backfisch und er fühlte fich versucht, ihr seine heim- liche Liebe in daS rosige Ohr zu flüster», da» ihm so nahe war, daß er e» leicht mit den Lippe» hätte erreiche» könaev.
„Jetzt weiß ich wieder, wa» Sie denken, Sie abscheulicher Mensch!" rief Marianne schmollend n»d machte eine Bewegungen, al» wolle sie ihn strafend auf den Arm klopfen, während fie seinen Augen be- geguete, die voller Bewunderung, voll heimlichen Glücks auf ihr ruhten. Dieser strahlende »lick machte sie betrete», verwirrt, doch ebenso rasch war diese Stimmung auch wieder verweht, al» er sagte:
.Sie wissen gar nicht», gnädige» Fräulein, gar nicht», und im Gedankenlesen können Sie es noch lange nicht mit Cumberland aufnehme»."
,Nu» also, bann heraus mit der Sprache I Für toen klopft Ihr Herz?"
Wie verlockend das ganze Persönchen mit ihrem bewegliche» Gefichtcheu vor ihm stand! Baldenstein mußte fich die größte Gewalt anthn», nm nicht diese» köstlichen Schatz in feine Arme zu nehmen und dahin zu tragen, wo kein unreiner Hauch feine Keuschheit trüben konnte.
(Fortsetzung folgt.)