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Wöchentliche Beilagen: Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchham. Jllustrirtes Lormtagsblatt. •—* * »
M 65
Telephon 65.
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal-Abonnements-PreiS bei der Expedition 8 Mk., bei allen Postämtern 2 Mk. 25 Pfg. (exkl. Bestellgeld). JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile »der deren Raum 10 Pfg.. Reklamen für die Zeile 25 Pfg.
Marburg
Freitag, 18. März 1898.
Telephon 56.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition diese» Blatte«, sowie die Annoncen-Bureanx von Haasrnstein & Vogler in qq Frankfurt a. M., Cassel, Magdeburg und Wim; Rudolf 33. ^llhrg.
Mosse in Frankfurt a. M., Berlin, München u. Köln, C L. Daube & Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover, Pari»
Zweites Blatt.
Versammlung des Bundes der Land- wirthe in Fronhausen.
r. Fronhausen, 16. März.
Zur bevorstehenden Neuwahl zum Reichstage sucht jede Partei ihre Mttgliederzahl an maßgebender Stelle zu vermehren. Redner in all»n politischen Farbenkleidern ziehen von Ort zu Ort, von Dorf zu Dorf, um Stimmung für ihre Sache zu machen. Auch der Bund des Landwirthe hatte eine Versammlung tu unserem Orte auf sein Programm geschrieben. Um l/e4 Uhr Nachmittags wurde die Versammlung in der nur meistens der größere Grundbesitz von FronhausenS Umgegend vertreten war — Kleinbauern waren in der unrecht gewählten Stunde fast gar nicht am Platze — durch den Bürgermeister a. D. Herrn Ruth- Frouhausen mit einem Hoch auf Se. Majestät eröffnet, alsdann dem an Stelle de» im Programm angekündigten und nicht erschienenen Bundeswander, redner Ooerstetner, Herrn Müller da» Wort zu seinem Vortrage ertheitt. Demselben entnehmen wir Folgender: Der Mittelstand, d. i. der Bauern-Hand- werker- und Gewerbestand ist überall niedergegangen, seufze unter dem Drucke des Großkapitals, da» noch durch RetchSgesetze von der Regierung eine Bevorzugung erhalten. Die großen Konkurrenzgeschäfte, die großen Versandthäuser haben dem Handwerk den Boden abgegraben, den der Bund wieder gewinnen will, durch Gründung von Handwerkerschulen und -Genossenschaften, daß er den Staat bestimmt, Central- genossenschaftskaffen zu gründen. Durch den russischen Handelsvertrag sei eine ganze Menge Landwirthe bankerott geworden. In den östlichen Bezirken nuferes Reiches stade man in dem Jnseratentheil der Zeitungen nichts als Zwangsverkäufe; im Rheinland läge der Bauernstand fast ganz darnieder und schmachte unter Hypothekenschulden. Die Regierung wolle dem Abhelfen durch Errichtung von Kleinbahnen, Genossenschafts- Molkereiwesen, durch Beschränkung ausländischer Einfuhr solle dem darniederliegeoden Mittelstände wieder geholfen werden. Da unser Markt von ausländischen Produkten fast gänzlich überschwemmt wurde, sei der Bauer genöthigt gewesen, Fletsch, Getteide und dergl. zum Selbstkostenpreise abzugeben, für Müh und Arbeit habe er nichts gehabt, Verdienst: Rull, was für ihn einen sehr wirthschaftlichen Niedergang zur Folge hatte. Durch die Viehseuche sei 1 Milliarde Schaden entstanden. Wer ein Stück Vieh nach Nord-Amerika erportiren wollte, der muffe den Nachweis bringen, daß daffelbe aus einer Gegend stamme, die 1 Jahr feucherifrei geblieben wäre, waS ganz unmöglich war, wenn es jedoch gelang, mußte « das Stück Vieh 90 Tage lang in New- Nork unter Quarantäne geben, für Futterkosten und berg, aufkommen und dann noch 30% Zoll entrichten. Dagegen fei amerikanische Pferdeeinfuhr sehr bedeutend. Darin habe eS Amerika schon so weit gebracht, daß es unserer Militärbehörde Remonte anbietet. Dänemark schicke unS Vieh, das meistens perlsüchtig (tuberkulös) fei. Deutschland ließ sich vom Ausland alles gefallen, letzleres dagegen bedanke sich. So habe England Schafeetnfuhr, Frankreich Einfuhr von Fetthämmeln verboten, Holland habe feine Grenze gesperrt, Rußland habe Schweineeinfuhr »erboten. Das bedeute für den Bauernstand einen großer Schaden. Der Bund der Landwirthe gäbe sich Müye, den Boden wieder zu erobern. Redner spricht alSdann von den Maßnahmen, die der Bund der Lanvwirtye in Bezug auf daS Margarine-Gesetz und dir Börse getroffen. Bei der Börse führt er Beweise an, wie das Großkapital durch künstliches Steigern und Herabdrücken der Getreidepreise (durch die sog. Dlfferenzgeschüfle) sich großen Vortheil verschafft, km Mittelstände aber sehr geschadet habe. In Frankreich und Belgien bcständen diese künstlichen Schwankungen an der Börse noch, doch bei nns seien sie durch den Bund mtt beseitigt worden. Redner spricht sich alsdann gegen die Freizügigkeit aus. Arbeiter vom platten Lande gehen, da sie zu Hanse keinen Unterhalt finden, nach den Städten bei Jnbustrie. Durch bie Verlockungen unb Vergnügungen, die fich hier bieten, namentlich aber burch bie Industrie selbst, die die Gesundheit untergrabende
Beschäftigung würden sie bald erwerbsunfähig und müßten dann von der Heimathsbchörde unterstützt werden. Der Baueinstand müsse deßhalb gekräftigt werden, daß er die Arbeiter genügend lohnen könne und so den Wegzug verhindern. AlSdann spricht Redner vom Klebegesetz und hebt hervor, wie das Großkapital wieder gegen den Mittelstand einen Vorzug genieße. Rothschild, der 7 Millionen Zinsen verzehre, brauche nicht mehr zu zahlen, wie ein Bauer von 25 Morgen Land, da ersterer lauter Comptoiristen beschäftige, deßhalb sei der Bund für die Abschaffung deS ganzen Gesetzes gewesen. Die sog. VerstcherungSpaläste mit ihrem Beamtevpersonal verschlängen ganze Summen. Dieses sei alles ab- zuschaffcn. Dagegen könne man einen Zuschlag zur Einkommensteuer machen und dem Arbeiter statt dem 70. Jahre schon mit dem 60. eint Rente geben, da er in den industriellen Gegenden seltner 70 Jahre erreiche. Zum Schluß zieht Redner noch einmal gegen das Großkapital energisch zu Felde, das mit seinem Geldbeutel sich eine Presse geschaffen, sich die öffentliche Meinung zugestchert und so einen mächtigen Einfluß, sogar auf die Regierung auSübe, die eS durch Reichsgesetze bevorzüge. (? R.) Nun macht Redner Propaganda für den Bund. Der Mitgliedsbeittag betrage 2 Mk. Jedes Mitglied erhalte die Zeitung gratis, brauche seine Schweine gegen Trichinose nicht zu versichern, daS besorge der Bund. Dieser habe auch eine RechtS- auSkunfistelle in Berlin, wo jedes Mitglied in einer Prozeßsache kostenlosen Bescheid erhalte. Ferner bei Bezug von Düngemitteln, Futtermitteln, Maschinen und berg!, gewähre man bem Mitglieb bei den bett. Firmen, bie mit bem Bunb Verträge eingegangen, 10 % Rabatt. Redner fordert zum Schluffe auf, einen Kandidaten zu wählen, bet die Verpflichtung einzugehen habe, daS Pr»gramm des Bundes im Reichstage würdig zu vertreten, sonst aber sein Mandat unverzüglich niedetzulegen habe. Herr Rnth- Ftonhausen dankte dem Vortragenden, bie Anwesenden erhoben fich von ihren Plätzen. Punkt 2 der Tagesordnung : Einzeichnen als Mitglieb zum Bunbe. Punkt 3: Diskussion. Inder sehr lebhaften Debatte sprach zunächst der National-Soziale Herr v. Geilach, bem von ben Herren Schlabach, Pauli - Fortbach, Ruth-Bellnhausen u. m. a. heftig erwidert wurde. Um %7 Uhr wurde die Versammlung geschloffen.
Vermischtes.
Die Potsdamer Riesengarde that am Sonnabend Dienst als — Schiffs da lla st. Der Besitzer eines Havelkahnes, welcher früher be der Leibkompagnie des 1. GarderegimentS z. F. gedient hatte, war in der vorigen Woche mit einer Ladung Kohlen nach Potsdam gekommen und hatte am Kiewitt die Ladung gelöscht. Nun stellte sich heraus, daß der leere Kahn bei dem hohen Wasser stand nicht durch die Eisenbahnbrücke beim Lustgarten ging. In seiner Noth wandte sich der Schiffer an feinen eh e- maligen Hauptmann, den jetzigen Major von Plüskow, mit der Bitte, ihm Soldaten al8 Ballast für seinen Kahn zu geben, damit derselbe um 6 Zoll tiefer gedrückt würde. Der Major willfahrte dieser Bitte, und am Sonnabend Abend gegen 6 Uhr wurde daS 2. Bataillon des 1. GarderegimentS z. F. nach dem Potsdamer Schlachthof geführt, wo es den dort liegenden Kahn bestieg. W^nn dieser auch an der Spitze noch etwas beschädigt wurde, so konnte er doch nunmehr die Eisenbahnbrücke passiren, am Eisevbahn- hotel bei der Langenbrücke stiegen die Grenadiere wieder an's Land.
Schmierenelend Ein grelles Licht auf das Schmierenelend wirft folgendes Schreiben, das dieser Tage einem Herrn in Warmbrunn zuging.
den 3. März 1898. Sehr geehrter Herr! Bitte höflichst um Verzeihung, daß ich Sie mit Bitten belästige. Hatte die Ehre, vor sieben Jahren Sie in^ Salzbrunn kennen zu lernen, wo ich damals als Schauspieler thätig war. Sie waren damals io gütig, gerade mich mit Ihrer Gewogenheit auszuzeichnen. ES geht mir momentan wieder nicht besonders gut. Dürfte ich Sie, sehr geehrter Herr, nicht höflichst bitten, falls Sie im Besitz von abgelegten Kleidungsstücken find, mir solche güttgst zu verehren? Für Wasche, Stiefeln, Anzug, SraBatten und Handschuhe, Strümpfe, 2 bis 3 Taschentücher wäre ich Ihnen tnnißst dankbar l . . . O, bitte
herzlich, meinen'Bitten gütigst Gehör zu schenken, da tch gerade zum Sonntag für das Stück „Charleys Tante* um Sachen verlegen bin...... Hoch
achtungsvoll X. X., Schauspieler.*
Ein „Rechtskonsulent* Karl Jordan stand am 12. b. Mts. in Berlin unter ber Anklage ber versuchten Erpressung vor ber 4. Strafkammer des LanbgerichtS I. Er hatte einen rechtskräftig gewordenen Gelbansprnch an die unverehelichte M., die aber zahlungsunfähig war und den OffenbarungS eid leistete. Als die Schuldnerin dann den Restaurateur K. heirathete, machte ber Angeklagte ohne weiteres seine Ansprüche gegen ben Ehemann geltenb, obgleich ihm von rechtskunbiger Seite bie Belehrung zu theil geworben war, baß bieS nicht angängig sei. Der Angeklagte richtete an bas K.'sche Ehepaar mehrere Briefe, bie bet Staatsanwalt als „rübig* bezeichnete. »Wenn Sie nicht innerhalb 24 Stunden berippeln, werde ich mit Gerichtsvollzieherchen kommen* hieß es in einem der n it „Athanas* unterzeichneten Briefe. In einem anderen Schreiben drohte Jordan dem K. an, daß er ihn auf die schwarze Liste der Kreditunwürdigen bringen wolle. Da ber Angeklagte vielfach vorbeft-aft ist, hielt der Gerichtshof nach dem Anttage des Staatsanwaltseine Gefängnißstraf, von 2 Monaten für angemeffen.
Ein Schwindklunternehmen. Die „Els.-Lothr. Volkspartei' schreibt: Die Direktoren der „Basler U n io n S b ank". Wirz und Wüst, die in St. Ludwig eine Zweigstelle besaßen, sind (wie wir schon gemeldet) verhaftet. St. Ludwig war der Stapelpunkt für die vielen Dummen in Deutschland, welche dem Schwiudelunternehmen zum Opfer fielen. Eine Unmasse Briefe, Einschreibsendungen, Postanweisungen kamen aus allen Gegenden des Reiches an. Versandt wurden von der Broschüre „Der Weg zum Reichthum* für nahezu % Millionen Mark Exemplare. Diese Versendung hat hauptsächlich zur Hebung des Geschäfts beigetragen. Bei Beginn bei Einlieferung obiger Broschüre, welche im Januar erfolgt ist, mußte bas Personal im Postamt zu St. Ludwig um einen Beamten unb einen Unterbeamten verstärkt werben. Am 3. Februar mußten zwei weitere Beamten unb ein Unterbeamter herangezogen werben. In welch riesigem Umfange bas Schwindelgeschäft betrieben würbe, geht daraus hervor, daß be- reils annähernd 150 000 Mk., welche in St. Ludwig für die Unionsbank eingingen, beschlagnahmt wurden. Wer die Hereingefallenen find? L ute aus allen Berufsklassen. Und aus allen Gegenden der Deutschen Reiches kamen fie. Alle wollten reich werden. Wenn man bedenkt, daß ber Direktor ber Union, Wüst, bereits fünf Jahre Zuchthaus abgefeffen hat, so kann man sich einen Begriff machen, wem bie Leute in bie Hände gefallen sind. Erst wurde in bet Schweiz von ber sauberen Gesellschaft ein Raubzug unter, nommen, bann kam Elsaß und das übrige Deutschland an bie Reihe und ihm sollte Oesterreich folgen.
Bergniigungsanzeiger.
Repertoir-Entwurs der Frankfurter Stadttheater.
Opernhaus.
Sonuabttid, ben 19. März .Bajazzo', „Cavalleria rufitcana Sonntag, ben 20. Mär, Nachmittag» 3‘/. Ubr „Lumpaei-Vagabunbus. Abends 7 Uh- „Meistersinger* Montag, ben 21. März .Oipheu» in ber Unterwelt'.
Schauspielhaus.
„ Fs "tag, ben 18. März „Logenbrüder'. Sonnabend,
1 m Mörz „Baumeisler Solnkß'. Sonntag, ben 20. Mar, Nachmittags 8‘/2 Uhr „Bartel Turaser'. Abend» 7 o' t 'Banmeisier Solneß'. Montag, den 21. März .Liebelei.
Marktberichte.
Frankfurt, 14. März. (®etr«ibemailt. Au öent heutigen Wochenmarkt waren einheimische Brodsrüchte anfangs wesentlich höher geholten, vermochren ad-r bet gänzlicher Zurückhaltung der Mühlen k.inerlei Absatz ,n erzielen unb würbe schließlich zu öerabgesetzten Preisen nut wenig gehandelt. Landweizen vermache gegen die Vo Woche «ine kleine Avance durchzusetzen, Landroggen unverändert. Ausländische Brodfrüchtt wann unverändeit bei seht schleppendem Absatz. Gerste still. Hafer knapp unb reft. Mair war gnt behauptet bei lebhaftem Ge. ichäfti Er nothen nach Qualität: Weizen, hiesiger uv,' tßetterauer £0,65 - 20,75, kurhessischer Mk. 10,00—00,00 torbbeutfdjer 00,00 00,00, russischer Mk 20,76—22 00 stedwinter Mk. 21,50 - 22,00, Laplata Mk. 00,00- 00,06 Kansas M. 21,50 - 22,00, Roggen, hiesiger Rk. 15,85-15,50
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Pfälzer 15,55-15,65, Westernroggen 16,60-15,80, russischer 15,30 bi» 15,80, amerikanischer Mk. 00,00 00,00, Gerste, Hiefigel8,25-18,50Mk.,Pfälzer 19,60 20,25 Mk.,fränkische Mk. 00,00, Riebgerste Mk. 19,00 -19,75, ungarische Mk, 00,00 bi» 00,00, Hafer, hiesiger, Mk. 16,00 bi» 16 00. bayerischer Mk. 16,00 -16,26, russischer Mk. 15,00-16,60, amerikanischer Mk. 15,10 bis 16,00. Mai», mixed M. 9,80—10,00, Donaumais Mk. 16,60-11,00, Laplata Mk. 10,60-11,00. Aller per 100 Kilo netto effektiv loco hier. - Mehl fest. E» notttt nach Qualität: Wetzenmehl, hiesiger Nr. 0 Mk. 29,50 bis 31,00, feinere Marken 38,00 bi» 34,00, Nr. 1 29,00-30,00, feinere Marken 30,00 M» 30,60, Nr. 2 Mk. 27,50-28,00, feinere Marken Mk. 28,6» di» 29,00, Nr. 3 26,00-26,60, feinere Marken 27,00 bi» 27.50, Nr. 4 24,00 - 24,50, feinere Marken 24,75- 25,60, Roggenmehl, hiesige» Nr. 0 Mk. 24,00-25,80, Nr. 1 Mk. al,50—22,00, Nr. i Mk. 16,00-16,60. Alle» per 100 Kile IncL Sack loco hier. — Futterartikel sehr gesucht. ®« notireu: Weizeuschalen M. 4,35 4,66. Wetzenkleie M. 4,30-4,35 Roggenkletz 4,70-4,80, Futtermehl 5,75 bi» 6,75, Biertreber, getrocknet, SRI. 4,76-6,00 je nach Qualität. Alle» per 50 Kilo netto effektiv loco hier.
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