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Die deutschen Kriegsschiffe vor Hatti.
Ein ausführlicher Bericht der „Post" von ihrem Berichterstatter in Port au Prince bringt nachstehende Mittheilungen dorther vom 9. Dezember v. I.
Graf Schwerin verließ mit seiner Gemahlin ganz plötzlich Haiti, um mit einem Steamer der Hamburg- Amerika-Linie nach St. Thomas zu gehen, wo unsere Schulschiffe lagen. Die Aufregung war hier auf den Gipfelpunkt gestiegen und die Zeitungen wühlten und Hetzten mit den abenteuerlichste« Gerüchten. Als Sonnabend den 4. Dezember das Gerücht entstand, unsere Kriegsschiffe seien in Sicht, flohen alle Bewohner der Stadt in die Berge oder verkrochen sich in den Häusern. Am selben Tage erhielt unsere Gesandtschaft eine Depesche vom Grafen Schwerin, daß er Montag früh um 6 Uhr präcise in Port au Prince einlaufe» würde. Bon St. Thomas hatte man es s» eingerichtet, daß Sonntag den 5. Dezember Morgens zwei Steamer der Hamburg-Amerika-Linie, die „SlaDonia* und „Galicia", im hiestgen Hafen ein- laufen konnten, um die zahlreichen Deutsche» mit chren Familien an Bord zu nehmen. Am Sonntag Nachmittag hatte sich bereirs auf Ordre der Legation der größte Theil der Deutschen eingeschifft. Die Auftegung in der Stadt war furchtbar. Jeder Bürger lief bis an die Zähne bewaffnet in den Straßen herum; au AuSgehen war für uns Deutsche nicht zu denken. Die Regierung hatte Sonnabend Nach- wütag eine Proklamation an das Volk erlassen, die »ou Tapferkeit und Freihest strotzte, in der eS aber zum Schluß hieß, daß bei Ankunft der deuffchen Kriegsschiffe die Regierung nur für die Müglieder der neutralen Mächte verantwortlich sei, wir Deutsche wurden also für vogelfrei -erklärt.
Montag präzise um 6 Uhr erschienen vollkommen Sefechtsklar mit abgenommenen Tops und geöffneten Kanonenluken „Charlotte" und „Stein" und fuhren langsam in stets gleichem Abstande in den Hase». Es war ein herrlicher Anblick, und Tausende
daß ihn der Lieuteuant zum Präfidente» begleiten möchte. „Das iß nicht nöthig", antwortete dieser, sprachS und wandte den Rücken. Alsbald sauste» die Boote zurück in den Hafen. Gleichzeitig waren Schreiben an sämmtliche Konsulate in der Stadt ergangen, in denen das Ultimatum enthalten war mit der Bemerkung, daß die deutschen Handelsschiffe bereit wären, sämmtliche Fremde an Bord zu nehmen und daß man die Konsulats sahnen möglichst hoch hissen möchte. Der früh Morgens in Folge einer Depesche hereingekommene Dampfer der französstschen Kompagnie Transatlantique erhielt ein Schreiben des Komman- dante» Thiede der „Charlotte"; eS lautete:
„Lieber Kapitän l Um 1 Uhr versenke ich die haitianische Flotte. Ich bitte Sie, Ihren Dampfer möglichst weit aus der Schußlinie zu entfernen. Thiede, Kommandant der deutschen Streitkräfte in den haitianischen Gewässern."
Inzwischen bevölkerte» wohl 2 Dutzend kleiner deutscher Boote den Hafen an allen Ecken und Enden, zum Vergnüge», wie die Haitianer glaubten. Dabei peilten diese Boote den ganzen Hafen aus, ich selbst habe später mehr als 34 kleine Bojen gezählt, die den große» Schiffen de» Weg angeben sollten. Sie bestanden aus einem kleinen Kreuz aus Bambusstäben, daS durch Blei am Boden festgehalten wurde und oben eine kleine Fahne hatte. Der haitianische „Admiral" hatte sich vor lauter Schreck über diese Thätigkett, die ihm Nachmittags erst bekannt wurde, und über das ganze Auftteten der deutschen Schiffe total betruukeu.
Das Ultimatum war innerhalb einer halben Stunde in der Stadt bekannt, und ich hiell es nun auch für nochwendig, mich einzuschiffen. Der Hafen lag ganz frei, „Charlotte" und „Stein" waren ganz nahe an die Stadt gerückt, und drohend leuchteten die mit Kanonen gespickten Breiffeiten in die Stadt. Die beiden deutschen Steamer der Hamburg-Amerika- Linie und der ftanzöfische Dampfer lagen weit draußen im Meer, »nf dem Franzosen befanden sich gegen 900 Personen aller Nationen, wir Deuffchen waren auf der „Slavouia" und „Galicia" mit einigen Haitianern und gegen hundett Italienern. Das Ultimatum lautete:
1. Sofortige Bezahlung von 20 000 Dollar Gold.
2. Entschuldigungsbrief des Justizministers an den Grafen Schwerin, der so gehalten werden mußte, daß der- selbe dem Grafen volle Genngthuung gab.
3. Umstoß de» UrtheilS gegen Emil LüderS; Rückkehr desselben nach Haiti, wenn er will, und Schutz feiner Person vom haitianischen Gouvernement.
4i Die Frist lautete bi» 1 Uhr Mittag».
8Ifo 4 Stunde» hatte Haiti zum lleberlege». Um 1 81 Uhr sollte für die Konsulate der erste blinde Schuß abgegeben werden, nm 1 Uhr sollte nöthtgen- falls daS Bombardement beginne».
Ich befand mich auf der „Slavouia"» Die Amerikaner, deren Kriegsschiff „The Marblehead" nicht zur rechte» Zeit «»gekommen war, hatten sich beim amerikanische» Minister versammelt.
Gegen 10 Uhr gingen sämmtliche ftemden Minister und Konsuln an Bord der Charlotte", um gegen die kurze Frist des Uttimatum zu pro« testireu. Der Franzose verlangte 48 Stunden, das englische auch, das amerikanische sogar 4 Tage usw. Kapttän Thiede hörte Alles an, daun antwortete er: „Meine Herren, ich stehe hier auf Be
fehl Sr. Majestät des Deutschen Kaisers! Ich habe den Befehl, im Falle der Nichtannahme des Ultimatums um 1 Uhr zu schießen! Ich muß eS und ich will es!" Damtt waren die Herren entlaßen.
Während dem war in der Stadt Alles unter Waffen. Die Bevölkerung wollte nicht nachgeben, sie wollte den Krieg. Dieser Taumel war nicht etwa Tapferkeit, sondern der Glaube der Haitianer, daß Alles Spielerei sei, die man nicht ernst zu nehmen brauche.
Gegen 11 Uhr ging der Haitianische Hafen- kommandant an die „Charlotte" mit der Antwort: Sie wollten gern bezahlen, aber die anderen Bedingungen könnten sie nicht annehmen. AIS dieser General die kriegerischen Vorbereitungen an Bord sah, muß ihm angst und bange geworden fein. Er fiel fast über die Granaten, und die kriegerische Lust, die ihm aus jedem Gesicht der Deutschen entgegenleuchtete, muß ihn wohl belehrt haben, daß hier doch Ernst gemacht werden würde. Um 12 Uhr manövrirten „Charlotte" und „Stein", indem sie ihre Siellungen wechselten und keine halbe SeemeUe von der Stadt entfernt lagen. „Charlotte" war dazu bestimmt, die haitianische Flotte zu vernichten, was mit der ersten Salve geschehen wäre, während „Stein" seine Geschütze auf das Fort national und das Palais des Präsidenten richtete.
Wir standen in zitternder Aufregung an Bord, feder mit Fernglas, beziehungsweise Fernrohr bewaffnet, und beobachteten jede Bewegung an Land und in See. „Charlotte" hatte sich so gelegt, daß nur eins von de» haitianischen Kriegsschiffen sie beschießen konnte, während „Stein" seine ganze Breitsette auf die beiden feindliche» Kanonenboote entladen konnte. ES war ein großartiges Manöver, ausschließlich dem AuSpeilm des Meeres zu verdanken, da die Einfahrfftellen für große Schiffe sehr gering find. Die .Charlotte" lag keine 300 Schritt von de» haitianischen Kriegsschiffen entfernt und hatte mehr denn 20 Geschütze auf sie gerichtet. Um 12 Uhr fand an Bord der beiden Schulschiffe Gottesdienst statt. Feierlich machte der Pfarrer auf den Ernst der Situation aufmerksam, mtt einem Vaterunser schloß die stille, erhebende Feier, dann erscholl das Kommando „An die Geschütze!"
Es war 121/, Uhr, als der blinde Schuß über das Meer rollte; unsere Auftegung wuchs von Minute zu Minute und jeder stand mit der Uhr in der Hand und zählte die Sekunden. Es herrschte eine furchtbare Stille. Die Straßen der Stadt waren wie auSgestorben, nnr am Hafen wimmelte es von Soldaten.
ES war genau 12 Uhr 56 Minuten, als auf dem Palais des Prästdenteu die weiße Fahne aufgezogen wurde. Ein donnerndes Hurrah durch- brauste die „Slavouia", das von der „Galicia" beantwortet wurde. „Charlotte" und „Stein" gaben sich Flaggensignale und fünf Minuten später stieß vom Port aus ein Boot ab mtt der weißen Fahne und dem Hafenkommandante».
Derselbe überbrachte die Autwott des Präsidenten, d«ß man Alles auuehme, «bet in der kurzen
Zeit da» Geld nicht znsammenhäüe und die Briefe noch nicht fertig geschrieben wären. Kapitän Thiede gab Frist bis 3 Uhr, verlangte aber als Sicherheit Auslieferung der haitianischen Flotte, worüber der Hafenkommandant auch ein Re^u auSstellte. Nachdem letzterer die „Charlotte" verlaffen, sandte Kapttän Thiede ein Boot an die haitianische Flotte mtt dem Befehl, daß er um 4 Uhr die Schiffe besetzen würde, em Befehl, der den schon bettunkenen Admiral gänzlich aus der Fassung brachte. Gleich darauf wurden 5 Boote, mtt je 40 Mann besetzt zum Entern der hattianffchen Flotte abgelassen. Um 3 Uhr waren die 20000 Dollar an Bord und nm 724 Uhr war auch der Entschuldigungsbrief, der Umstoß des Urtheils gegen Lüders, in den Händen des Grafen Schwerin, der sich mit seiner Gemahlin an Bord der „Charlotte" befand.
Um 4 Uhr sandte Kapitän Thiede einen Offizier zum haitianischen Admiral mit den Worten: Ich befehle Jbnen, jetzt noch mit 21 Schüssen zu salu- tiren". Das geschah denn auch. Die „Charlotte" antwortete und der Zwischenfall war erledigt.
Wenn ich auch gewünscht hätte, und dielen Wunsch theilen alle Deutschen, daß Hatti einen ewigen Denkzettel für sein Gebühren erhalten hätte, so bin ich doch über unseren moralischen Erfolg um so mehr erfreut. Ohne Blutvergießen wäre es bei Feindselig- feiten doch wohl nicht abgegangen; eS wäre aber doch unendlich ttaurig gewesen, wenn auch nur ein Deutscher gefalle» wäre.
Am 8. Dezember wurde Graf Schwerin vom Präsidenten empfangen. Letzerer ttank auf das Wohl des deutschen Kaisers und ersterer auf dasjenige des Präsidentm. Morgens um 10 Uhr ist großer Empfang sämmüicher deutschen Offiziere; auch geht der Präsident an Bord der „Charlotte". Am 9. Dezbr. fam endlich das lang erwartete amerikanische Kriegsschiff „«je Marblehead" und eine halbe Stunde später ein ftanzöfisches. Heute erwarten wir ein italienisches und zwei englische Schiffe. Sie alle kommen zu spät, Deuffchland hat wieder einmal prompt gehandelt und allen eventuellen Einsprüchen de» Weg abgeschnitten.
Die Wuth des Volkes richtet sich jetzt gegen die Regierung, und fast jede Nacht finden Angriffe auf das Palais und auf die Truppen statt. Die Schießerei hört garnicht auf. Wir sind sehr froh, daß unsere Schiffe hier bleiben und daß gegen Ende des Monats der „Greif" einttifft, um hier einige Monate zu bleiben. DaS giebt ein ftöhliches Weihnachten auf dem schlanken deutschen Kriegsschiffe. Ich schließe mtt den Worten: „Ein Hurrah unserer deuffchen Marine!"
Wir erfüllen hiermit die traurige Micht, Kunde zu S-den nun de« freute Margen halb 8 Mfrr nach langen Leiden erfolgten Adledeu des Herausgeder» und Uerlegers nuferer Zeitung ~
Umschau.
Die neueste» aus Ostasien vorliegenden Nachrichten find meist englische, also mit Vorficht aufzunehmen. Das nicht immer zuverlSsstge Bureau Dalziel meldet auS Shanghai: Die Haltung des Tsnngli Iamen (auswärtiges Amt in Chrna) sei Deuffchland gegenüber plötzlich sehr schroff geworden. Es verlange, daß Deutschland sofort Kiao-Tschau räume. Das wird wohl nicht wahr, sondern nur englischer Wunsch Kin. Nach in Tokio eingegangenen Nachrichten be- Pnben sich zur Zeit sechs britische Kriegsschiffe vor
.IUÜ«. «-Ischl-,-.-. «Ich-- I» 77. r-b-n-j.hr- N.l MM M $itl, ftiu„
"" rrt"" *"*'*■" -">»»«-« «■» !- K-is-r ..» N-Ich! K-i, wahrhaft chriMich-a «-w«h, fei„, h-r-°r'
ra,°-d-a«-,a--sch°N-a »-. «-tft» -nb H-rr-ns ftch-r. ch» b-I All«,, »i- ihn ,-».mft. w-ft Sb°r >„ «r.b hi.... -in -hr-nd-° AM-.»«,. Gr mfrr in Frieden!
. Dieser Lapidar styl warf den Hasrnkommaudanten "Veits platt «ff ben Loden und stotternd bat er,
Wöchentliche Beilagen: Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchbain
Redaktion und Expedition: Marti 21. ■.m. Jllustrirtes Sonntagsblatt. Verantwortlich für den allgemeinen Theil: Redakteur M. Hartmann,
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Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Luattal-Abonnemenls-Prcis bei der Expedition 2 Mk., bei allen Postämtern 2 Mk. 25 Pfg. (exkl. Telephon 55 Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile oder deren Raum 10 Pfg.. Reklamen für die Seile 25 Pfg.
iw» Haitianern bettachteten lautlos dies Schauspiel.
3» der Mitte des Hafens angelangt, legte» fie vor ___ Auker. Die vier haitianischen Kriegsschiffe, von denen d billigt idei ganz verlassen waren, hatten sich in die Ecke | ^8 im Hafen liegenden Forts, der Insel Jslet, m । fidegt ES herrschte an Bord dieser kleinen Kanonenboote ein regeS Leben. Gegen 9 Uhr stießen von b« „Charlotte" 4 Boote ab, jedes mtt einem . .Raximgeschütz am Steven, vorne einer weißen Flagge hinten am Heck der Kriegsflagge DenffchlandS. tut * bie Pfeile fausten die Boote über daS Waffer. <67 ■ dort angekommen, entstiegen dem ersten Boot
Lieutenant und einige Soldaten. Vorweg trag die Parlamentärfahne; dann folgte der Lieutenant die Matrosen mit aufgepflanzten Bajonetten. f* Lieutenant trug ein großes Schreiben, welches , , e bem Hafenkommandanten mtt den Worten fiber» Wirr< reichte:
nach ' .Hier itt da» Ultimatum zur fofortigen Einhändigung (7b Aden Präsidenten von Haiti. Sie haben Zett bi» 1 Uhr.
habe jetzt 9 Uhr.'
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition dieses Blattes, wwre die Anwmcen-Bureaux von Haasenstein ü Vogler in qq
. cx, Fr<mkfurt a. Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf OO.
Dienstag, 4. Januar 1898.
__Daube & Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover, Paris ~elej>öon 55.