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Wöchentliche Beilagen: Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.

3-h. «och, UniversttätS-Buchdruckerei in Marburg. /titällf xfH Verantwortlich für b«n oUgnuinra Lhell: Rodakem St. Hartma

«tbottto* mb «öteWtion: Marü 21. für ben Dfleratenthest: Joh. Au». «ach, beibe in Marburg.

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Zweites Blatt.

Demokratie und Sozialdemokratie an der Arbeit.

Fürst Bismarck behält fein Leben lang und für immer Recht, wenn er eS sich als echt deutscher Mann jederzeit zur besonderen Ehre anrechnet, von der Demokratie bekämpft und gehaßt, von de» Sozial­demokraten gefürchtet zu werden. Dieselbe Ehre Cat n jetzt wohl auch mit Fug und Recht das Junkerlhum für sich in Anspruch nehmen, daS als Bekämpfungs­objekt aller demagogischen Wahlmache fest von den Demokraten aller Art und den Sozialdemoklaten in erdenklichster Weise angegriffen, bekämpft und be­geifert wird. Man muß sich dazu verstehen können, die radikale Presse und denVorwärts" daraufhin einmal durchzulesen, und man findet dann, welches Maß von Haß und Lüge gegen das Junkerthum «»gewendet wird, das den Volkstribuuen als der größte Feind gilt, teflen allein noch wirksamer Wider­stand gebrochen werden müsse, dann werde man mit den übrigen Feinden schon fertig werden.

Aber wie sollen die bösenJunker" unterworfen werden? Allein ist die Demokratie zu schwach zu diesem Werke; darum steht sie sich nach Bundes­genossen um. Wer es immer sei, wird von jener Seite mit offenen Armen ausgenommen, wenn er nur in den Schlachtrufgegen die Junker" mit einstimmt. Dieser Situation giebt dieVosstsche Zeitung" in folgenden Sätzen eines ihrer vielen gegen dasJunkerthum" gerichteten Artikel Ausdruck:

Einstwellen sehen wir zu unserer Genugthuung, wie die Bundesgenossen beginnen, von ihm (dem Junkerthum) abzufallkn. Die Vertreter der Interessen, die eS zu schützen vorgab, beginnen darauf zu denken, sich selb,, zu schützen. Die L a n d w i r t h s ch a f t, und insbesondere die {leimten Landwirthe beginnen einzusehen, daß sie durch daS Junker­thum schlecht vertreten gewesen sind. Ein Theil des Mittelstandes, der dir her blindlings der konservativen Fahne gefolgt ift, sagt sich mit dem Schlagworte .Nicht Jude und nicht Junker" von ihr Io». Ein Theil der gläubigen Geistlichen kommt zu der Einsicht, daß daS Chriftenthum, wozu sich die Junker bekennen, nicht das Christenthum ist, das sie im Heizen tragen.

DaS Berliner Organ der Demokratie begrüßt also hier ausdrücklich alle diejenigen Bewegungen mit Ge­nugthuung, welche auf die Schwächung der konser­vativen Partei, auf Absplitterungen von ihrem Bestände gerichtet sind. Die Antisemiten, die Christlich­sozialen, die Natioualsozialen u. s. w. werden als indirekte Helfershelfer in der Manchesterpartei freudig willkommen geheißen. Wohl sieht daS Berliner demokratische Blattmit Besorgniß", daß in all den neuen Parteiprogrammen, die auftauchen, allerlei Bestandtheile eingemischt seien, die eS auch seinerseits für schädlich häll. Aber das seien für den Freisinn spätere Sorgen". Denn so schließt dieVosstsche Zeitung":

hinter allen diesen Bestrebungen steht keine Macht, die wir ernstlich zu fürchten haben. Aber daS Junker­thum ist eine Macht gewesen und ist eS bis auf den heutigen Tag. Und diese Macht zu brechen ift d i e e r st e Aufgabe. Wenn e» bei den nächsten Wahlen gelingt, eS au» der Stellung zu verdrängen, die eS nun seit ändert- halb Jahrhunderten einnimmt, so würde daS ein wichtiger Wendepunkt in der deutschen Geschichte sein."

Ein schöneres Kompliment können die oben­erwähnten Richtungen nicht verlangen, als eS ihnen hier von einem Hauptblatte der Manchesterdemokralie gemacht wird. Die wirklichen Gegner der Demo­kratie und der Sozialdemokratie aber werden aus den vorstehend.u Auslassungen aufs Neue die Lehre zu ziehen haben, daß nur eine starke, geschloffene konservative Partei die Macht hat, die ungestüm an­stürmende Linke im Zaum zu halten, daß also erste Bedingung eines ersprießlichen Kampfes gegen die Manchester- und Sozialdemokratie die a l l e r e n t - schieden st e Bekämpfung der auf Zer­splitterung unserer Partei hin- arbeitenden Elemente ist.

DerVorwärts" unterläßt es zum lieber» sluß nicht, neben dem Junkerthum auch geflissentlich die Monarchie derV o l k s s o u v e r ä n i t ä t" gegenüberzustell'.n und schreibt dazu:

Giebt eS denn kein deutsche» Volk? Besitzt diese» deutsche Volk nicht die Souveränität, dae heißt daS R.cht und die Macht der Selbftbeftimmuog, da» Recht und die Macht, über sein Schicksal zu

entscheiden? Bildet die VolkSsouveränität, die in dem allgemeinen Wahlrecht sich ausdrückt und be thätigt, nicht die Grundlage der deutschen Reich» - verfassung? Sein Zweifel, e» giebt eineent cheidende Stelle", die über Ministern und Regierungen und sogar über den preußischen Junkern steht: und da» ist das deutsche Volk."

Daß eS ein deutsches Volk giebt, hat die Sozial- »emokratte ein wenig spät entdeckt; bis jetzt hieß es »och nach Herrn Liebknechts Weisheit es gebe in Deuffchland kein einheitliches Volk, sondern zwei Nationen, die einander gegenüberstehen. Das deutsche Volk, welches naturgemäß alle Klassen vom Hochadel bis zum Proletarier umfaßt und als dessen erster Diener unser Kaiser sich bettachtet, ist aber, daran erinnert unser konservattves Partei-Organ mit Recht, etwas ganz anderes, als dassouveräne Volk" der Sozialdemokratie, die nur eine bestimmte Volks­klasse alSentscheidende Stelle" etadltten möchte. Wer ist denn nur die wirklich entscheidende Stelle in der Partei desVorwärts" ? Angeblich der Parteitag, eine Körperschaft, die nur den organi­sierten Theil der sozialdemokratischen Wähler­schaft, also kaum 10 Prozent des sozialdemo­kratischenVolkes" hinter sich hat, t h a t s ä ch l i ch aber die Parteileitung gestützt, auf die gefügigen Parteibeamten. Dieserentscheidenden Stelle" möchte die Sozialdemokratie die übrigen Volks klassen unter­werfen. Der Gedanke, daß daS Volk, also die Gc- sammtheit, die entscheidende Stelle über sich selbst sein könnte, ist widersinnig. Die Entscheidung kann immer nur an einer Stelle ausgeübt werden, die über den Klassenunterschieden steht, die also zum Besten des Gemeinwohls den Ausgleich widerstrebender Elemente herbeizuführen vermag. Nicht nur nach göttlichem, sondern auch nach menschlichem, Reichs- und Landes­recht steht an dieser Stelle der Monarch und keine Volkssuveränität"; am allerwenigsten aber die sozialdemokratische Klass nsouveränität wird imstande sein, dieses Recht zu beugen oder zu vrrschränken. Mit solchen Phrasen, wie sie derVorwärts" in die Menge zu schleudern liebt, wird unser monarchisches deutsches Volk sich nicht ködern lassen.

Vermischtes.

Zur Warnung. Es ist eine traurige That- sache, daß nicht nur verkommene Subjekte, an deren Verlust dem Vaterland wenig gelegen ist, sondern häufig auch hoffnungsvolle deutsche Jünglinge, die der Drang nach Abenteuern in die Ferne lockt, der ftanzöstscheu Fremdenlegion zum Opfer fallen. Der letzten Kategorie gehört auch der Verfasser des Buches an: In französischem Sold. Erinner­ungen aus seinem Legionärsleben in Algerien, Formosa, Tongking, von Otto Wratzke, bearbeite: von R. Werner. (Berlin 1897. Selbstverlag. Triststr. 40). Er wanderte nach Beendigung seines Militärdienstes in Deutschland nach Frankreich und ließ sich dort zum Eintritt in die Fremdenlegion be­reden. Die Schilderungen, die er von seinem mili­tärischen Leben in Algerien, in Tongking und Formosa entwirft, geben unS ein anscheinend getreues Bild der grauenhaften Leiden und Entbehrungen, denen diese unglückliche Truppe unterworfen ist. Er über­wand jedoch alle Gefahren, denen er in dem blutigen kleinen Kriege und in dem mörderischen Klima sich unterwerfen mußte, und kehrte zu seinem Glücke noch zeitig genug nach Algerien zurück, um am Ende seiner gezwungenen fünfjährige» Dienstzeit »och dem Kriege in Madagaskar zu entgehe». Bekanntlich wurde die Fremdenlegion in diesem Kriege fast gänzlich ausge­rieben. Wem nicht zu ratheu ift, dem ist freilich auch nicht zu helfen. Wir glauben aber, daß durch die Verbreitung solch r wahrheitsgetreuen Schilder­ungen mancher nach Abenteuern durstige Jüngling von unkluge» Schritten abgehalten wird.

Verhaftet. Der jetzt in Hamburg ansässige frühere Dichter des mehrfach verkrachten Berliner Belle-Alliance-Theaters, Charles Maurice, ward während eines Aufenthalts in Berlin wegen Flucht­verdachts verhaftet, da ein Strafverfahren wegen mehrerer Betrugsfälle auf dem Gebiete der Cautionsstellung gegen ihn schwebt.

Eine Geizige. In Luv pe» gehüllt und zwischen Lumpen auf dem Fußboden liegend, wurde i» einem Dachzimmer auf dem Gasborn in Aachen die Leiche einer Greisin aufgefunden. Man hatte

die Thüre aufgebrochen, als die Bewohnerin von den Nachbarn seit 5 Tagen nicht mehr gesehen worden war. Nicht Noth, nur Geiz war die Ursache des elenden Lebens, das die Verstorbene seit 20 Jahren ftihrte. Sie lebte in guten Vermögensverhältniffen, ich Kapitalien auf Zinsen, hatte Geld auf Spar­kassen und Forderungen an Bewohner der Stadt und Umgegend. Dabei war sie so geizig, daß sie ihr eigenes Bett an einen Nachbar zur Benutzung für 50 Pfg. jede Nacht verlieh und aus den auf den Straßen zur Abfuhr bereit stehenden Müllkasten die etwa noch brauchbaren Abfälle heraussuchte und in hier Dachstube aufstapelte. Zwischen diesen Lumpen und man noch eine Anzahl Schuldscheine versteckt. Da sich die Frau nicht das geringste gönnte, dürste n erster Linie mangelhafte Ernährung ihren Tod herbeigefühlt haben.

Die HeiralhSchancen der Frauen mit Beruf. Das aufmerksame Studiren der standes­amtlichen Statistiken verschiedener großer Städte über die in den letzten drei Jahren geschlossenen Ehen, bei denen die Frau vor der Verheirathung n irgend einem Berufe thätig gewesen ist, hat folgendes interessante Resultat ergeben. Schan- pieletinnen, Sängerinnen und Tänzerinnen haben aus leicht erklärlichen Gründen die besten Chancen, zu heirathen. Nächst den vielgesehenen und viel­bewunderten Bühnenkünstlerinnen gelingt es den Köchinnen, Stuben- und Kindermädchen am ehesten, einen passenden Mann zu finden vorausgesetzt, daß es ihnen gestattet ist, des Abends auszugehen oder den Besuch desBruders" resp.CoustnS" auf ein Stündchen in der gemüthlichen Küche zu empfangen. In dritter Linie kann man die Jour­nalistin anführen, die, wenn sie nicht gar zu häßlich ober überspannt, gewöhnlich sehr schnell von einem Literaten, Redakteur oder Verleger kaptivirt wird. Stenographinnen und Maschinenschreiberinne» haben ebenfalls vorzügliche Gelegenheit, die Bekanntschaft von Männern zn machen und geliebt zu werden. Auch Fabrikarbeiterinnen bleiben nur selten ledig und die Krankenpflegerinnen machen ost die besten Partten. Den Buchhalterinnen, Verkäuferinnen und Schneiderinnen dielen sich häufig recht günstige Chancen, in das süße Ehejoch zu schlüpfen. Die an den Schulen angestellten Lehrerinnen finde» schon west seltener einen geeigneten Partner, am schlimmste» haben eS jedoch die Gouvernanten und sogenannten Kindersiäulein", denen fast gar keine Gelegenheit geboten wird, mit heiratsfähigen jungen Leuten in Verkehr zu treten. Und haben sie vielleicht ein harmloses kleines Liedesverhältniß, dann endet dieses gewöhnlich nicht glücklich. Was diesen Um­stand an betrifft, so behalten Novellen und Romane wirkl ch einmal recht.

Ein vornehmer Bote. Von dem früheren Präsidenten der französischen Republik, Casimir Perier, wird folgendes Radfahrerstückchen erzählt Er ist ein eifriger Radfahrer und nutzt die Morgenstunden bei gutem Wetter reichlich auS. Wo er grabe zur Frühstücksstunbe eine ansprechende länd­liche Wirihschast findet, läßt er sich nieder, um ein einfaches Mahl einzunehmen. Neulich vermochte eine Wirthiu bei Champigny-sur-Nonue ihm nicht mehr zu bieten, als Eier und Sardinen. Ist es nicht möglich, ein Beefsteak aufzutteiben? fragte der unbe­kannte Reifende. Ja, bann müßte ich nach bem Doife, nnb baS ist ein ganzes Ende weit, wohl eine halbe Stunbe. . . Wenn Sie vielleicht mit bei Maschine ... bas Beefsteak holen gingm ? Warum nicht? Herr Perier schwang sich lachenb in den Sattel nnb fuhr »ach Champigny zum Schlächter als Bote der Wirthsstau, die 'erst am andern Tage erfuhr, welchen Gast sie bedient hatte.

Biel riSkirt. Der frühere Gemeindevorsteher Lagoni in Gallstedt ist in einem Alter von 84 Jahren gestorben. Lagoni war sechsmal ver­heil a t h e t gewesen und lebte mit der sechste» Fran nicht weniger als 22 Jahre zusammen.

Nachstehender Schüleraufsatz wurde nach Mb. Nchr." neulich in einer Schule des Kittzig- thales verbrochen.Die Frau und die Henne. Eine Fran hatte eine gute Henne und legte täglich ein Ei. Damit hatte sie keine Zufriedenhett. Sie wollte am Tage zwei Eier legen. Deshalb giebt sie ihr viel Gute» zum Freffm, wurde vom Fett nud log gar nicht mehr."

Vom Büchermarkt

** Eine hübsch illnstrirte Anekdote vom alte» Schabst bte noch unbekannt ist, erzählt unter ber inhaltsreich, RubrikKünstlerschnurren" da» soeben erschiene Heft 3 d Modernen Kunst" (Richard Bong, Kunstverla Beilin W Preis 60 Pfg ) Sehr interessant ist auch i reich bedachtenZick-Zack" die getreue Wiedergabe ein Momentphotographie, die den Fürsten Bismarck und sein, Gast, den König Chulalongkorn von Siam, barstellt A künstlerischen Gaben ersten Range» bietet Heft 3 d Modernen Kunft" wieder eine reiche Fülle. Der Storno Sphinx" von Heinrich Vollrat Schumacher erweist fich einer Fortsetzung immer mehr als ein Kunstwerk, in de dar psychologische Moment in intimster Weise behänd-lt h Sprühenden Humor athmet der prächtig illustrirte Aufsc Jenenser Festtage", der eine Ep sode au» dem Student«, leben schildert. Freiherr von Dincklage erzählt eii fpa nenbe und recht abenteuerliche Geschichte au» de Husarenleben. So steht denn Heft 3, besten P ei» m 60 Pfennig beträgt, als eine Glanzleistung deutsch Journoltechnik da.

*** Keine Dampfmaschinen mehrl Unt diesem Titel veröffentlicht das soeben erschienene Heft 7 b illust,irren FamilienzeitschriftFür Alle Wel (Deutsches VerlagShau» Bong & Co., Berlin W. 6 Preis des VierzehntagshefteS 40 Pfg) eine Abhandlui über die sensationelle Erfindung deS Ingenieurs Dies, dessenWärme-Motor" sicher binnen Kurzem eine Rev lution auf industriellem Gebiete veranlasten wird, da sei Kraftleistung, bei vielen anderen Vortheilen, die doppel der Dampfmaschinen ift. Reben den beiden großen Roman Ilse Severin" von C. Steffel undDa» Gold von We moreland" von Wo'.demar Urbau, finden wir noch auß einer packenden Novelle auS dem Etterfechterleben, ein von Illustrationen begleiteten Plauderei über München, e Feuilleton über da? neue Goldland am Klondyke, Bespiee ungen von neuen hauswirthschastlichen Apparaten, Unt« Haltung» spiele für die Jugenb, technische Neuheiten re.

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