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Wöchentliche Beilagen: Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain. 2222.Jllustrirtes Sonntagsblatt.
M 157.
Telephon 55.
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Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal-Abonnements-Preis bei der Expedition 2 Mc., bei allen Postämtern 2 M. 25 Pfg. (exkl. Bestellgeld Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile oder deren Raum 10 Psg.. Reklamen für die Zeile 25 Pfg
Marburg
Donnerstag, 8. Juli 1897.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition dieses Blattes, wwie die Annoncen-Bureaux von Haasenstein & Vogler in gtanffurt a. M., Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Masse in Frankfurt a. M., Berlin, München u. Köln, C. L. Daube L Co. in Frankfurt a. M.. Berlin. Hannover. Paris.
HMJahrg.
Telephon 55.
Zweites Blatt.
Jahresversammlung des Hessen - Waldecker Verbandes
Gabelsberger Stenographen.
Marburg, 6. Juli.
Am Sonntag fand dahier die Jahresversammlung der Hessen»Waldecker Verbandes Babelsberger Stenographen statt. Nachdem um 9 Uhr die zahlreich erschienenen Vertreter der Verbands vereine und die des Gießener Stenographenvereins mit mehreren Damen am Bahnhof begrüßt und nach Freidhofs Terrasse geführt waren, begann um 10 Uhr das Weltschreiben in 3 Klassen; am Schön- uud Richtigschreiben betheiligteu sich 6, bei 100 Silben Geschwindigkeit 7 und bei 150-180 Silben Geschwindigkeit 4 Personen.
Gegen 11 Uhr begannen die Verhandlungen der Vertreter unter der Leitung des rührigen Verbandsvorsitzeuden Herrn Haupt-Cassel, au« denen vor Allem folgendes hervor- zuheben ist: Als VerbandSze tuug wurde die von Herrn Dr. Clemens - Wolfenbüttel vortrefflich geleitete Deutsche Stenographin Zeitung gewählt; zum Vorort wurde Cassel wieder, zum nächstjährigen Versammlungsort Fulda gewählt. Unterdessen hatten sich eS war Y<1 Uhr geworden — di« auswärtigen Thiilnehmer mit ihren Damen, welche die Sehenswürdigkeiten der Stadt in Augenschein genommen hatten, sowie einige hiesige Damen einge- fund ». Es sprach nun Herr Schürmann-Cassel über: »Die augenblickliche Lage der stenographischen Verhältnisse und die sich daraus ergebenden Aufgaben.
In der Zeit des Dampfes und der Elektricit, in der so recht das Wort: »Zeit ist Geld" sich bewahrheitet, — so führte der Redner au« — ist es ganz selbstverständlich, daß die Stenographie überall im öffentlichen und privaten Leben sich eine Stellung errungen hat und von Tag zu Tag an Bedeutung zunimmt. In gerechter Würdigung dieser Umstände haben schon mehrere Staaten deu Unterricht in der Stenographie in den Lehrplan der höheren Schulen ausgenommen.
Welches System ist nun das deutsche Einheitssystem, denn es ist ja klar, daß vor allem im öffentlichen Leben mr ein System benutzt werden kaun. Es ist dies das GabelSberger'sche, denn rS hat sich nicht nur in mehr als SO jährigem Gebrauche in allen Verhältnissen glänzend bewährt, sondern es ist auch unter Ausschluß aller anderen Systeme bereits in 5 Staaten als Unterrichts gegenstand eingeführt; in Bayern seit 1854, Oesterreich seit 70, Sachsen seit 73, Sachsen - Weimar seit 96 und Oldenburg seit 97. Das GabelSberger'sche System übertrifft au innerer Güte und Leistungsfähigkeit alle Gegrnsyfteme, tS steht keinem nach in der leichten Erlernbar- leit. Das GabelSberger'sche System hat auch alle andern weit überflügelt. Im Zähljahr« 1895/96 wtist di« Statistik im Ganzen 1064 Vereine mit 40013 Mitgliedern »nd 49752 Unterrichteten auf; die Zahlen der Stolze'schen Schule sind: 645, 20518, 19603; bi« dir Schrey'scheu find: 427, 8917, 11891. Für Deutschland allein stellen sich die Zahlenverhältnisse der 3 Schulen wie folgt:
Verein« 861, 563, 381,
Mitglieder 30810, 17083, 7819, Unterrichtete 28943, 16038, 10687.
Für Norddeutschland:
Vereine 676, 504, 856,
Mitglieder 19068, 13499, 7606, Umerrichtete 16775, 14593, 9398.
Das GabelSberger'sche System hat aber auch darin tinen großen Vortheil vor den gegnerischen Systemen, daß oie Grundlagen, auf denen es ausgebaut ist, derartig unwandelbar find, daß fie Gewähr dafür bieten, daß das GabelSberger'sche Lehrgebäude nie großen Aenderungen »«erliegen kann. Aber gerade di« Stolze'sche und Schrty'sche Schule gehen in d-r Erkenntnis, dessen, daß fie «« „Riesenkoloß' Gabelsberger nicht gewachsen find, z. Z. damit um, ihre grundverschiedenen Systeme zu einem neuen iu verschmelzen; dasStolze'sch- rot das Schrey'scheSystem müssen daher vollständig verändert werden, und die Anhänger beider Systeme müssen alsdann umlernen. Aber abgesehen davon, hat sich dieses neue System Schrey-Stolze «nn schon in der Praxis bewährt, wenn es wirklich das Acht btt Welt erblickt, ober wie unb woher kann es ben vrweiz seiner Brauchbarkeit mit zur Welt bringen? Unb, totnn es ba ist, ist das neue System dem Koloß Gabels- «rger gewachsen? Mutz er sich nicht vielmehr erst Anhänger tottbtn, oder werden die z. Z. nach Stolze und Schrey schreibenden Stenographen plötzlich über Nacht zu Jüngern der neuen Kunst? Und woher käme selbst dann die lieber iegenheit des neuen Systems?
Also, in diesem Sinn« schloß der Vortragende, die GabelSberger'sche Schule braucht sich vor dem »kommenden' Systeme nicht zu fürchten, nein, das kommende EtnheitS- Ihstem wird Gabelsberger sein. Ein Jahr liegt seit der iHten Zählung (30. Juni 1896) hinter uns, ein Jahr sicher und gesegneter Arbeit; ein neues Jahr liegt vor «is, ein hoffnungsvolles und vielversprechendes Jahr! Die GabelSberger'sche Schule tritt fiegesfroh und kampfeSmulhig Ul das neue Jahr ein. Heil und Sieg der Kunst Gabelr- bergers!
Der Vortrag wnrdr mit lebhaftem Beifall ausgenommen.
Der Vorsitzende sprach alsdann dem akademischen Steno« üraphenverein Gabels beiger hier den Dank des Verbandes AH für die schöne stenographisch« Ausstellung, die er im ~ttein mit der Buchhandlung Wandt - Barmen iuS Werk r-setzt hatte.
Vergnügungsanzeiger.
Repertoir-Entwurf der Frankfurter Stadttheater.
Opernhaus.
Donnerstag, den 8. Juli .Cyclus klassischer Dramen", »Die Hermannschlacht".
Von Freitag den 9. Juli bi» fad. 31. Juli bleibt das Opernhaus geschloffen.
Schauspielhaus.
Freitag, den 9. Juli »Gemeinschaftliche Hochzeitsreise"
Sonnabend, den 10. Juli »Alt-Frankfurt". Sonntag den 11. Juli „Die Fourchambault". Mn
V-n Montag den 9. Juli bi« htd. 7. August bleibt das Schauspielhaus geschloffen.
eingeschlagenen Wege nicht stehen zu bleiben, sondern fortgesetzt weiter zu arbeiten auf dem Gebiete der Reinzüchtung nach den vorgezeichneten Zuchtzielen dieses edlen Rindes deutscher Höhenschläge.
Ganz bedeutend trat auch die hervorragende Zugleistung der Vogelsberger Kühe hervor. Von den 3 Preisen und 1 Anerkennung, welche vertheilt wurden, erhielten allein die Vogelsberger den 1. und 3. Preis und die Anerkennung, während die Siegerländer Herdbuchsgesellschaft den 2. Preis erzielte. Dabei muß noch erwähnt werden, daß die Herdbuchsgesellschaft Biedenkopf das Mißgeschick hatte, daß die für die Zugprüfung bestimmte Handkuh des Gespannes wegen Erkrankung gegen eine andere Kuh ausgetckuscht werden mußte. Auch die Person des Fahrers wurde dadurch eine andere, da die Handkuh den Besitzer als Fahrer bestimmt. Daß das Gespann trotzdem, wo die beiden Kühe zum ersten Mal zusammengespannt wurden, den 3. Preis erhielt, kann nur für die große Zugleistung der Rasse sprechen.
Nicht unerwähnt darf auch bleiben, daß zwischen den nunmehr zu einem Verbände gehörigen Züchtern des Gioßherzogthums Hessen und der preußischen Kreise ein geradezu freundschaftlicher Wettstreit herrschte. Neidlos überließ man sich gegenseitig die zuerkannten Preise, kamen sie doch der Vogelsberger Rasse zu Gute, der die gemeinsämen Bestrebungen galten. Das bietet auch für die Zukunft eine neue Gewähr für das Gelingen der angestrebten Ziele. Möchten auch diejenigen kleinen und mittleren Land- wirthe des Höhenlandes des deutschen Westens, welche sich für eine bestimmte Rasse noch nicht entschlossen haben, die Vorzüge des Vogelsberger Rindes erkennen und sich dessen vortheilhafte Eigenschaften zu Nutze machen.
Hiermit schloß der geschäftliche Theil. Bei dem gemeinsamen Mittagsmahle, bas bet Küche bes WirtheS all Ehr« machte, brachten zahlreiche Toaste balb eine gemüth licht Stimmung hervor. An bas Efftu schloß sich tii Spaziergang aufs Schloß? unb von ba nach einem Besnct des „BierpalasteS" zum Kaiser Wilhelm - Thurm. Des Abends würben bie auswärtigen Teilnehmer zur Bahn begleitet.
DaS Fest ist ein in allen feinen Theilen wohlgelungenes zu nennen unb wirb sicherlich allen Teilnehmern eine schöne Erinnerung bleiben. -e.
Landwirtschaftliches.
Der Verband der Herdbuchgesellschaften für da s Vogels berge» Rind auf der 11. Wanderausstellung der deutschen Landwirthschafts- Geseüschaft i® Hamburg.
Verbandspräsidium: Biedenkopf (Hessen - Nassau).
Wie seiner Zeit schon belichtet, hat sich im vorigen Jahre ein Verband der Herdbuchgesellschaften für das Vogelsberger Rind unter dem Vorsitze des Landratbs von Heim bürg in Biedenkopf und dessen Stellvertreter Herrn Landwirthschaftslehrer Leithiger in Alsfeld (Oberhessen) gebildet. Der Zweck des Verbands ist die Verfolgung gleicher Zuchtziele im ganzen Vcreinsgebiete — bis jetzt Provinz Oberhessen und die Preuß. Kreise Biedenkopf, Dillkreis, Marburg, Kirchhain und Wetzlar — und die Herausgabe eines gemeinsamen gedruckten Herdbuches.
In diesem Jahre hat sich der Verband auf der Hamburger Ausstellung zum ersten Male der deutschen Landwirthschaft vorgestellt und gezeigt, daß er in der kurzen Zeit schon viel erreicht hat. Die diesmal gemeinschaftlich ausgestellten 39 Thiere — aus Oberhessen (Zuchtviehhof Bingmühle) 16 und aus dem Kreise Biedenkopf einschließlich einer Kuh aus dem Dillkreise 23 Stück — waren wie aus einem Guß und ließen deutlich die einheitlichen Zuchtbestrebungen erkennen. Belohnt wurde diese Leistung durch einen Preis für „Sammlungen von Verbänden" im Betrage von 600 Mark. Dieses Geld soll nach Abzug der Anmeldungsgebühren vom Verbands- Präsidium Biedenkopf zur Förderung der Zwecke des Verbandes, welcher sonstige Einnahmen nicht hat, verwendet werden. In Hamburg galt es um die Einzelpreise dem Kampfe gegen das Harzer Vieh, vertreten durch die Herdbuchsgesellschaft Andreasberg, die mit 17 Stück auf dem Platze erschienen war. In den Sammlung?- und Familienklassen wurde außerdem noch mit den erschienenen Repräsentanten der übrigen Höhen- und Gebirgsschläge Deutschlands, den Simmenthalern, Oberbadischem Fleckvieh, Roth- gelben Franken, Glanen, Donnersbergen und Siegerländer gewetteifert. Die Zugprüfung erstreckte sich auf sämmtliche Schläge Deutschlands.
Nachstehend das für die Vogelsberger so überaus günstige Ergebniß des Wettbewerbes:
Herbbuchgesellschaft Andreasberg: 5 Einzelpreise uub 5 Anerkennungen unb 1 Anerkennung bei ben Familien preisen, an Gelb 475 Mark.
Zuchtviehhof Bingmühle, Ober Hessen, (Julius Zimmer): 3 Einzelpreise, 6 Anerkennungen, 1 Sammlung?-, 1 FamiliettprtiS unb bei bet Zugprüfung 1 Preis unb eine Anerkennung, an Gelb 925 Mark.
Herbbuchgesellschaft beS Kreises Biedenkopf (einschließlich ber Kuh au« dem Dillkreis): 5 Einzelpreise, 3 Anerkennungen, 1 SammlnngspreiS, 2 Familienpreise unb bei der Zugp üfung 1 Preis, an Geld 1435 Mark.
Verband der Herdbuchgesellschaften (zusammengestellt auS sämmtlichen Vogelsbergern): 600 Mark.
Somit erhielten zusammen die 39 ans gestellten Vogelsberger ; 15 Geldpreise im Betrage von 2960 Mark unb 10 Anerkennungen.
Während einzelne Harzer Kühe den Vogelsbergern überlegen waren und dadurch der Herdbuchgesellschaft Andreasberg eine der von der Stadt Hamburg ausgesetzten „Goldenen Staatspreis-Medaillen" einbrachten, so zeigte sich doch offenbar die Ueberlegenheit der Vogelsberger in den Sammlungen und Familien den Harzern uud auch den anderen Gebirgs- und Höhenschlägen gegenüber. Die Ausstellung von Sammlungen und Familien, aus denen man die einheitlichen Zuchtziele und die durchzüchtete Raffe erkennen will, stehen an Bedeutung den Bewerbungen um die Einzelpreise voran. Nicht zum Mindesten haben die Vogelsberger auf diesem Gebiet ihren Erfolg zu verdanken und hier haben Alle, die die Ausstellung beschickt haben, ihren redlichen Antheil daran. Dieser Erfolg wird fie ermuthigen und aneifernd auf die übrigen Züchter des Vogelsberger Rindes einwirken, auf dem
Sport.
Radwrttfahren vom 4. Juli in Köln. Ueber den gestern erwähnten Match zwischen den drei zur Zeit hervorragendsten Rennfahrern Deutschlands, Lehr, Arend und Büchner theilen wir, auf an uns aus Spoitkreisen ergangenes Ersuchen, noch Folgendes Nähere mit: Diesem hochinteressanten Kampfe zwischen den ungefähr gleich vorzüglich trainirten Fahrern wurde mit ganz besonderer Spannung entgegenge sehen. Er wurde in drei Läufen ausgefochten; die Werthung der Leistungen erfolgte nach Punkten derart, daß der erste drei Punkte, der zweite zwei, der dritte einen Punkt erhielt und daß derjenige Sieger wurde, der in drei Läufen die meisten Punkte hatte. Im ersten Lauf über 2000 m, in dem Arend meist führte, machte Lehr, der die Außenseite hatte, bei der letzten Runde zwar einen gewaltigen Endspurt, brachte es jedoch bei dem heftigen Winde nicht zü Stande, die beiden gleichartigen Gegner zu überholen. Arend- Hannover wurde erster in 3 Min. 25 (See., Büchner- Prag zweiter und August Lehr-Frankfurt dritter. Im zweiten Laufe über 500 m gab sich Lehr alle Mühe, auf der kurzen Strecke dem führenden Arend und dem jenem dicht folgenden Büchner beizukommen, aber vergeblich. Erster wurde Arend in 38% Secunden, zweiter Büchner, dritter Lehr. Beim dritten Lauf über 1000 m, wo Lehr die Innenseite hatte, führte er fortgesetzt und wurde in diesem Fahren erster in 1 Min. 46% Secunden. Wie bei den ersten Läufen Arend stürmisch begrüßt wurde, zollte das Publikum im dritten Laufe Herrn Lehr anhaltenden Beifall. Arend und Büchner, die beide in bester Form waren, gingen in allen drei Läufen von vornherein mächtig los, und da ersterer in beiden ersten Läufen den Jnnenplatz hatte, behielt er auch meist die Führung in den interessanten Kämpfen.
Vermischtes.
Ein Preßpirat stand in Berlin am 3. d. M. in der Person des Reporters Eugen Berthold Wagner wegen Diebstahls und versuchter Erpressung vor der neunten Strafkammer des Landgerichts ;. Wagner, welcher bereits wiederholt, darunter auch mit drei Jahren Zuchthaus, wegen Eigenthumvergehens vorbrestrast ist, will zuletzt Mitarbeiter des Berliner Herold gewesen sein und wohnte im Mai d. I. in dem Hause Lindenstraße 72. Dieses Haus gehörte zu dem Bestellbezirk des Privatpostboten Nerlich von der Berliner Packetfahrt - Gesellschaft. Am 13. Mai
legte Nerlich bei der Frühbestellung ein mit einem Bindfaden umbundenes Packet mit 85 Briefen auf den Treppenabsatz des zweiten Stockes, während er sich selbst nach dem dritten Stock begab, um dort einen Brief abzugeben; als er nach einigen Sekunden wiederkam, war das Packet verschwunden; alle Anfragen im Hause nach dem Verbleib blieben erfolglos. Wie sich später herausstellte, hatte der Angeklagte die Briefe an sich genommen. Nerlich meldete den Vertust sofort seinem Vorgesetzten, dem Vorsteher Hennig es. Bald darauf fragte der Angeklagte unter seinem Reporternamen telephonisch an, ob der Verlust der Briefe bereits entdeckt sei. Eine halbe Stunde später kam er persönlich nach dem bett. Bureau der Gesellschaft, angeblich im Auftrage seines Freundes, des Geueral- Agenten Dr. Heymann, an welchen zwei der Briefe adressirt wären, hatte einen Brief mit und behauptete, Dr. Heymann wolle wissen, wie die Briefe abhanden gekommen seien rc. Als er eine genügende Antwort nicht erhielt, entfernte er sich, telephouirte aber am Nachmittag noch einmal unter dem Namen Berthold — wie er denn überhaupt seinen wirklichen Namen nicht nennen wollte — unb bestellte Jemand von der Packetfahrt nach einem Caf6. Dorthin begab sich im Auftrage seines Vorgesetzten der Vorsteher Hemiiges. Diesem erklärte ber Angeklagte, er fei „von ber Presse". Ein Freund habe die Briefe gefunden: ein Herr Lax von der Privatpost habe Kenntniß davon, und deßhalb verlange sein Freund, daß die Sache in den Zeitungen veröffentlicht werde. Zugleich zeigte er Henniges die bereits verfaßte Notiz, in welcher in ironischer Weise von der Zuverlässigkeit der Packetfahrt gesprochen wurde; die Briefe würden nicht bestellt, sondern weggeworfen u. s. w. Als Henniges erwiderte, so verhalte sich die Sache doch nicht, es liege in diesem Falle doch nur eine Fahrlässigkeit eines seit fünfzehn Jahren als zuverlässig bewährten Angestellten vor, meinte der Angeklagte, es wäre der Gesellschaft doch wohl angenehmer, wenn die Sache nicht in die Zeitungen käme. Als Henniges das bejahte, verlangte der Angeklagte, Henniges solle ihm eine Offerte machen; er selbst könne das nicht, da das „nach Erpressung riechen würde." Henniges nannte die Summe von hundert Mark. Das schien dem Angeklagten zu wenig; er meinte vielmehr, dreihundert Mark würde die Sache wohl ber Gesellschaft werth sein. Darauf trennte man sich. Der Angeklagte telephouirte später aber noch ben damaligen Procnristen, jetzigen Direktor ber Gesellschaft, Jsibor Golbstein, an, richtete an biefen ähnliche Fragen, unb erklärte, ber Finder verlange dreihundert Mark; ob bie Gesellschaft biefe zahlen wolle. „Schön", erwiderte Goldstein, welchem daran lag, des Berthold habhaft zu werden. Der Angeklagte schickte die Briefe schließlich unter dem Namen einer Freundin, von welcher er sich als Legitimation den Taufschein zu verschaffen gewußt hatte, gegen Nachnahme von dreihundert Mark ab; bie Polizei war aber benachrichtigt worben, unb ber Angeklagte würbe schließlich in Hast genommen. Staatsanwalt I e 11 e r hielt sowohl Diebstahl, wie versuchte Erpressung erwiesen unb beantragte anberthalb Jahre Gefänguiß. Der Vertheidiger beschränkte sich barauf, nachzuweisen, baß ein Diebstahl nicht vorliege, ba )er Angeklagte sich bie Briefe nicht aneignen, son- bern sie nur benutzen wollte, um sich einen Ver- mögensvortheil zu verschaffen. Derselben Ansicht war ber Gerichtshof, welcher nur wegen versuchter Erpressung auf anberthalb Jahre Ge- fängniß unb fünf Jahre Ehrverlust erkannte.