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Telephon 55.
Marburg
Sonntag, 4. Juli 1897.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition dieses Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von Haasenstein & Vogler in wvn Frankfurt a. M., Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf AAaII.
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Zum neuesten Kurs.
Von einer Seite, die über Friedrichs- ruher Vorgänge vortrefflich unterrichtet zu sein pflegt, wollen die „Dresdener Neuesten Nachrichten" folgende authentische Mittheilung erhalten haben: „Der Besuch des Fürsten Hohenlohe, der bereits am 19. Juni in Fricdrichsruh angekündigt wurde, bedeutet eine entscheidende Wendung in der inner« und äußern Politik. Es handelt sich darum, eine Form zu finden, den Rath des Altkanzlers wieder dauernd der Reichsregierung zu sichern. Es wird an eine Stellung gedacht, ähnlich der, die Gras Moltke nach Rücktritt von dem Amte eines Generalstabschefs einnahm, als er zum Ehren- vräses der Landesvertheidigungs-Kommission ernannt wmde. Der Altreichskanzler war, wie ein Augenzeuge der Friedrichsruher Begegnung Ihrem Gewährs- manu mittheilt, in bester Stimmung. Vergnügt theilte er seinen Gästen mit, daß die quälenden Gesichtsschmerzen der letzten Zeit augenblicklich völlig beseitigt seien. Das warme Wetter thue hier wohl seine gute Wirkung."
Die Blätter sprechen sich zum Weggauge des Herrn von Bötttcher sehr verschieden aus. Der jetzt
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(Nachdruck verboten.
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®ii dem sein dunkles Auge sie zu umfaffen strebte, und jetzt setzte sie seiner Werbung eine ernste würdige 8urückhaltung entgegen, da sie ein öfteres Zusammensein nicht vermeiden konnte.- Paul Barniß
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Erloschene Sterne.
Roman aus der Gegenwart von O. Elster.
(Fortsetzung.)
Ottt fühlle, daß sie eine Wunde empfangen hatte, die niemals im Leben vollständig vernarbt, die stets ein dumpfes Schmerzgefühl zmücklassen und plötzlich wieder aufbrechen würde, wenn die Er- imierung allzu tgetooltig an das einsam bangende Herz kkopfte.
Sie verstand deßhalb auch der Mutter Leid beffer, als der alle Arzt; sie wußte aber auch, daß der Mutter, der größte, alles vernichtende Schmerz erspart bleiben mußte, daß sie niemals erfahren durfte, daß die Tochter es gewesen, welche ihr die Liebe des Mannes, den sie selbst zu lieben niemals «lfgehört hatte, geraubt. Still für sich lebte Ottt, schreckte zurück von der Berührung mit dm Menschen und empfand eS als eine Qual, als Barniß öfter in der Mutter Haus kam und jetzt fast täglicher Saft bei ihnen war. Als Kind hatte sie mtt dem hübschen juugm Manne öfter gescherzt, wenn sie chn du Wald oder auf der Sägemühle ttaf, die sie noch öfter besuchte. Als heranwachsendes Mädchm zog fit sich scheu vor seinem auflammmden Blick zurück
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„fach £ üoßte ihr weder Liebe »och Achtung em; er war em ffängli« datier Lebemann, von dem man sich im Städtchen Manchen luftigen Streich, aber auch manches tolle Abenreuer erzählte. In geschäftlicher Beziehung war $ klug und unternehmend. Er hatte die Sägemühle ttahrenbrtnks nur gekauft, um einen festen Anhalts
sehr - links nationalliberale „Hannoversche Courier" bleibt bei der pessimistischen Auffassung der Situation:
„ Die neuen Namen und die alten in neuerVerbrämung bezeichne» kein System und kein Programm, aber die neuen Ernennungen eine Konzession an reaktionäre Strömungen. Das ist der Ton, der die Musik macht. Dadurch wird die Situation zu einer politisch außerordentlich ernsten, und wir möchten uns über die Erfordernisse des Augenblicks und die Aussichten der Zukunft nicht leichten Herzens, wie eS ein freisinniges Blatt thut, mit dem billigen Tröste Hinwegsetzen: Es kann ja nicht immer so bleiben, hier unter dem wechselnden Kurs."
Noch schärfer ist dieser Pessimismus in der Auffassung der Blätter des Freisinns. Sie drückt sich recht markant in folgenden Bemerkungen der „Vossischen Ztg." aus:
„Der „Roon der Marine" ist da; der Tanz kann beginnen. Die Büudler und die Umsturzschreier mitsammt der Bismarckfronde begrüßen die Morgen- röthe einer besseren Zeit: „Nun muß sich Alles, Alles wenden!" Vielleicht wird Graf Mirbach noch Schatzsekretär und Graf Kanitz Handelsminister nnd Herr v. Plötz LandwirthschaftSminister. Die deutsche Nation aber wird mit erhöhter Regsamkeit an die Vorbereitung der Wahlen gehen. Sein Schicksal schafft sich selbst das Volk."
Die gleiche Melodie pfeifst die demokratische „Frankfurter Zeitung":
„Es ist gewiß nicht einem Mangel an Schmiegsamkeit des Herrn v. Bötticher zuzuschreiben, wenn er jetzt zu den Geopferten gehört, sondern sein Ausscheiden beweist nur mehr als alles Andere, wie rücksichtslos die agrarisch - biswärckische Richtung zur Herrschaft kommen soll, der alles Unbequeme aus dem Wege geräumt wird, es beweist, wie entschieden man mit dem bisherigen System brechen und den Kurs ändern will. ..."
Die „Deuffche Tageszeitung", die, wie man weiß, seit ihrem Bestehen zu den lebhaftesten Gegnern des Henn von Bötticher gehört hat, sagt ihm auch zum Abschiede wenig freundlich; Worte; sie bemerkt:
„Wenn man in kurzen Worten ein Bild des politischen Wirkens des Staatsministers a. 5D. von Boetticher zeichnen will, so wird man kaum mehr sagen können, als daß er eine hervonagende geschäftliche Gewandtheit besitzt, die namentlich auch in seiner Rednergabe zum Ausdruck kam, daß ihm aber die wirklichen Eigenschaften des Staatsmannes: Selbst- ständigkett der Ueberzeugung und charaktervolles Festhalten an dem einmal für richtig Erkannten fehlt.
punkt in dem waldreichen Gebirge zu erlangen. Nach und nach brachte er fast den ganzen bedeutenden Holzhandel des Gebirges in seine Hände; er pachtete mehrere große Schneidemühlen und schloß mit den Waldbesitzern Kontrakte ab, wonach ihm allein das Recht zustand, in den Wälder» Hoh zu schlage» und weiter zu verkaufen.
So war er ein wohlhabender, ja ein reicher Mann geworden. Mtt sicherem Auge, starker Hand, und furchtlosem Herzen verfolgte er seine Pläne und verschmähte kein Mittel, um zum Zttl zu gelangen.
So war der Manu beschaffe», welcher nach einiger Zeit mtt liebenswürdigem Lächeln und höflicher Verbeugung i» de» Salon Frau Fahrenbrinks eintrat.
Diese streckte ihm zum Gruß die Hand entgegen, während ein zufriedenes Lächeln über ihr Antlitz huschte.
„Es ist sehr fteundlich von ihnen, Herr Barniß," sagte sie, „daß Sie selbst bei dem schlechten Wetter gekommen find."
„Pah, gnädige Frau, was macht unser einem das Bischen Schnee und Wind. Mein Geschäft führt mich oft bei schlimmerem Wetter in den Wald hinaus. — Wie geht es Ihnen und Fräulein Otti? — Sie sollten jetzt einmal eine Schlittenfahrt durch sen Wald unternehmen, Fräulein Otti! Es ist herrlich draußen im tief verschneiten Wald. — Darf ich Sie bei schönem Wetter einmal mit meinem Schlitten abholen?"
„Ich danke Ihnen, Herr Barniß. Aber ich kann Mama nicht verlassen . . . ."
„Gnädige Frau, Sie fahren mit!"
„Ich «nß auf das Vergnügen verzichten. Das öll aber kein Grund für Otti fein, Ihre freundliche
Diese negativen Eigenschaften machten ihn aber gerade geeignet, als sogenannter Geschäftsminister zu fungiren und die Ideen anderer in meist recht geschickter Weise zur Durchführung zu Bringen. Daß wir mit unserem Urtheil über Herrn von Boetticher nicht ungerecht sind, beweisen die Thatsachen: Er, der der Honpt- qehilfe des Fürsten Bismarck in den letzten Jahren seiner Amtszeit gewesen war, soweit die innere Politik in Frage kam, vermochte es, unter dem Grafen Caprivi im Amte zu verbleiben, obwohl von vornherein nicht zweifelhaft fein konnte, daß genau die entgegengesetzten Wege von diesem emgeschlagen werden würden. Ja, Herr v. Boetticher überdauerte auch Caprivi, wurde der Sprechminister des Fürsten Hohenlohe, semper idem, stets der redegewandte verbindliche, zum Theil joviale Mann, der sich durch die Klippen der parlamentarischen Angriffe mit entschiedenem Geschick zu winden wußte. Herr von Bötticher hat auch die böse Zeit des Caprivismus .... mit guter Manier mitgemacht und ist dadurch Gegenstand der lebhaftesten Angriffe geworden, da man ihm Feindschaft gegen Bismarck vorwarf und ihn moralisch mit verantwortlich machte für die gegen diesen entsendeten kränkenden Pfeile. ..."
Aehnlich urtheitt die „Tägliche Rundschau":
„Das Ausscheiden des Herrn v. Bötticher aus dem Staatsministerium erweckt gemischte Gefühle. Gewiß verliert das Ministerium in ihm eine arbeitsfreudige, außerordentlich geschäftstüchtige, hochverdiente Kraft; aber anderseits wirkte sein Verbleiben im Amte doch schon fest Jahren wie eine Anomalie. Die Kunst, sich jedem System anzupassen, ohne sich selbst allzusehr bloß zu stellen, war'in Herrn von Bötticher verkörpert, aber diese erstaunlich ausgebildete Kunst, verbunden mit einer Gewandtheit und Liebenswürdigkeit des Anfttetens, die bei unseren Staatsmännern noch etwas Neues ist, konnte doch auch nicht seine Autorität erhöhen, die nach dem Abgänge des Fürsten Bismarck erheblich gesunken war. Er mußte sich sagen lasse», daß er vielleicht auch im sozialdemokratische» Zukunftsstaate mit derselbe» unverwüstlichen Bonhommie und derselbe» überzeugungsvollen Sicherheit seines Amtes walten würde, wie er es unter dem Fürsten Bismarck, dem Grafen Caprivi und dem Fürsten Hohenlohe gethan. Derlei reine Geschäftsminister haben ihre Zeit, und die Zett des Herrn von Boetticher war erfüllet, als er keinen Fürsten Bismarck mehr zur Seite hatte."
Einladung nicht anzunehmeu. Ich kann mich schon einige Stunden ohne Dich behelfen, Otti."
„Nun also, dann komme ich Sonntag, um Sie abzuholen. Ich habe zwei neue Pferde erhalten, ungarische Jucker mit buntem ungarischen Geschirr und Schellengeläut Zwei prächtige Thiere — Sie werden sicher Ihr Vergnügen an ihnen haben, Fräulein Otti."
Diese lächette melancholisch, machte sich am Thee- tisch zu schaffen und entfernte sich um, das Abendessen zu besorgen.
Paul Barniß zog einen Stuhl zum Kamin und nahm nahe bei Fron Fahrenbrink Platz. Sein Antlitz zeigte einen finsteren Ausdruck.
»Was hat nur Fräulein Otti, gnädige Frau?" ftagte er mißmuthig. „Ich scheine ihr nicht zu gefallen ... sie ist immer so schweigsam und zurückhaltend."
„Lieber Herr Barniß — Mädcheulaunen!'
„Gnädige Frau, gestatten Sie mtt ein offenes Wort. Sie waren so liebenswürdig mtt Ihr Hans z» öffnen, mich einzuladen, öfter zn kommen. Ich verhehlte Ihnen nicht, daß Fräulein Otti einen tiefen Eindruck auf mein Herz gemacht, Sie gaben mir die Erlaubniß mich um die Liebe Oüis zu bewerben .... ich danke Ihnen herzlich dafür. Aber ich fürchte, diese Liebe werde ich niemals erringen."
„Haben Sie mit Otti schon gesprochen?" fragte Frau Fahrenbrink lächelnd.
„Nein, gnädige Frau. Wenn ich einmal ge» prochen habe, dann ist es zu spät — bann werde ich meine Absicht auch durchzuführe», zu erzwingen wiffen, wen» es nothwendig ist."
In feinen Worten schien eine versteckte Drohung
Umschau.
Se. Majestät der Kaiser und König hat an de» Staatsminister Dr. von Bötticher nachstehendes Handschreiben gerichtet: „Mein lieber Staatsminister von Bötticher! Nachdem Ich Ihnen durch Erlaß vom heutigen Tage die nachgesuchte Dienstentlassung in Gnaden ertheilt habe, ist es Mir Be- dürfniß. Ihnen noch Meinen besonderen Dank zum Ausdruck zu bringen für die hingebende Treue, mit welcher Sie die Ihnen übertragenen verantwortungsvollen Aemter so erfolgreich verwaltet haben. Ich beabsichtige, Ihre bewährte Kraft anderweit im Staatsdienste zu verwenden, und hoffe, daß Sie Mir und dem Vaterlande noch lange Zeit Ihre her- vorragenden Dienste widmen werden. Ich verbleibe
Mel, An Bord M. Y. „Hohenzollern", den 1. Juli 1897.
Ihr wohlgeneigter Kaiser und König Wilhelm, I. L."
Die „Konserv. Korresp." bringt nach der letzten Herrenhaussitzung nachstehende Ausführungen: Das „kleine Sozialistengesetz" ist im Herrenhause, nachdem der Herr Minister des Innern erklärt hatte, die Regierung sei bereit, den umgestalteten Entwurf dem Abgeordnetenhaufe zur Annahme zu empfehlen, mtt Überwältigender Mehrheit angenommen worden. Die fr eisinnigen Oberbürgermeister stimmten dabei gegen die Vorlage, Arm in Arm mit den Polen, die sich in gewissem Sinne den Sozialdemokraten verwandt fühlen und darum dieselben vor Unbilden beschützen wollen. Die Gründe, welche die Oberhäupter der int Reichstage meist sozialdemokratisch vertretenen Großstädte für ihre ablehnende Haltung beibrachten, waren die allen, fadenscheinigen Fikttonen, für die sie keinerlei Beweise beizubringen vermochten.
Herr Oberbürgermeister Bräsicke hielt eine Rede, die zu dem Berathungsgegenstande absolut nicht paßte; er behauptete fortwährend, der Entwurf richte sich gegen die Arbeiterschaft, eine Fiklion, die der Bromberger Magistratsdirigent dem Phrasen- schatze der Sozialdemokratie entlehnt hat. Herr Freiherr v. Manteuffel wies mit tteffender Schärfe den Unsinn dieser rückständigen Behauptungen nach, indem er hervorhob, daß die Vorlage gerade die Arbeiter vor der Unterdrückung durch die sozialdemokratischen Agttatoren schützen solle, daß sie also nicht bloß zum Heile des Staates, sondern auch zu dem des Arbeiterstandes zu dienen berufen sei. Unsere Zukunft beruht, so zu liegen. Frau Ottilie schrak leicht zusammen. „Was wollen Sie mtt Ihren Worten sagen?"
„Vorläufig nichts, gnädige Fran," entgegnete er kurz. „Aber ich warne Fräulein Otti mich zu reizen ich könnte ein Mittel haben, sie zu zwingen, mir die Hand zu reiche» . . . ."
„Herr Barniß?!"
„Fürchten Sie nichts, gnädige Frau. Wir beide verstehe» uns, sollte ich denke». Aber ich bin es nicht gewohnt, so lange zu warten, mich von einem Tag zum andere» zu gedulden, ich liebe Otti, ich bin eine ungeduldige Natur — ich sehe keinen Grund, meine Werbung noch länger aufzuschieben."
»Wie ungeduldig die Jugend doch ist! — So sprechen Sie doch mtt Otti."
„Sie erlauben es mir?"
»Von Sergen gern. Ich werde Ihnen heute Abend noch Gelegenhett geben, mttOtti Mein zu fein."
„Besten Dank, gnädige Frau..."
„Otti kommt zurück — ich höre ihren Tritt im Vorzimmer — lassen Sie nicht merken, daß wtt über sie gesprochen haben."
Otti trat mtt dem Dienstmädchen ein, welches das Abendessen auf den Tisch stellte. Paul Barniß reichte Frau Fahrenbrink ben Arm unb führte fte zu Tisch. Dann nahm man Platz unb Otti schenkte ben Thee ein.
Paul Barniß war zu getoanbt, als daß Otti das vorhergegangene ernste Gespräch zwischen ihm und der Mutter aus seinem Wesen hätte errathen können. Wenn auch Frau Fahrenbrink unruhig und ein wenig verstimmt erschien, so war sie jetzt häufig in dieser Stimmung, so daß Otti dieser keine größere Beachtung als sonst scheutte; Barniß dagegen war gesprächiger und aufmerksamer den» je; er erzählte von feiner letzten Steife nach Berlin, von ben Theatern, bent neuen