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Telephon 65.

Marburg

Freitag, 2. Juli 1897.

sich über die Einmischung der Landräthe, andererseits aber erklärt es „das Ganze" von seiner hohen Zinne aus für „eine Spielerei", kann aber doch nicht um­hin, hinzuzufügen, daß diese Spielerei „in manchen Punkten zu sehr bedenklichen Einrichtungen führen könne." Diese für denFreisinn bedenklichen Einrichtungen sind es eben gerade, die dem platten Lande frommen.

VIII.

Monate waren vergangen. Der Wintersturm rüttelte an den geschlossenen Jalousien der Billa Fahrenbri.k, wirbelte den Rauch des Schornsteins in phantastischen Gestalte» empor und fuhr sausend und brausend davon, um einen wilden Tanz mit den geschmeidigen Tannen, den schlanken Buchen und all dem Gesträuch und Gebüsch da droben auf den Bergen aufzuführen, zu dem er selbst die un­heimlich lustigen Melodien pfiff und heulte.

Frau Fahrenbrink saß in einem Lehnstuhl neben dem Kamin und lauschte mit herabgeneigtem Haupt auf das Sausen des Sturmes. Sie hatte seit dem letzten Sommer sehr gealtert; ihre Gestalt war hagerer geworden, die Silberfäden in dem Haar hatten sich vermehrt, sodaß die Schläfen bereits grau erschimmerten, auf dem blassen, abgehärmten Antlitz ruhte ein finsterer Ausdruck, die Augen waren durch eine große schwarze Brille bedeckt, deren dunkle Gläser einen tiefen Schatten auf die Vangen des bleichen Gesichtes warfen, ihm von :ern Aehulichkeit mit einem hohläugigen Todtenkopf verleihend. Die gelblich-bleiche» hageren Hände vielten nervös auf der weifen Wolldecke, welche )ie Knie der still Dafitzenden verhüllte.

Die Uhr auf dem Kamiufims schlug die fiebeute Abendstunde. Frau Fahrenbrink hob den Kopf, in Ausdruck der Ungeduld zuckte über ihr Gesichts ie wandte sich lauschend nach der Thür. Nach einigen Mnuten öffnete fich diese und Otti trat in die Stube.

Auch mit _ ihr war eine Veränderung vorge- gangeu; fie schien größer geworden zu sein, ihr Antlitz zeigte nicht mehr die rosige Frische der ersten Jugend, sondern die stolze Schönheit der herange-

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bleiben? Nein, nein, so grausam konnte das Ge­schick nicht mit ihr spielen.

„Ich werde mit Doktor Winter die Verhaltungs­maßregeln und die" Behandlungsweise besprechen, gnädige Frau," fuhr er in geschäftsmäßigem Tone fort. „Leider vermag ich nicht länger hierzubleiben, ich muß nach Berlin zurück. Aber Sie kennen mich ja jetzt, gnädige Frau, wenn Sie mich ein­mal nöthig haben sollten, stehe ich zu Ihrer Ver­fügung."

„Sie wollen also wirklich fort — mich ver­lassen -"

„Pardon, gnädige Frau, meine Zeit ist ge­messen." Er wandte fich ab, da blitzte es zornig und stolz über ihr blasses Antlitz.

„Beleihen Sie, Herr Professor, daß ich Sie aufgehalten habe. Ich wünsche glückliche Reise. . . Sie sprachen mir einst von den Sternen der Tugend die ewig unseres Lebens Pfad erhellten — ich glaubte an diese Sterne

„Um so schlimmer für Sie! Erloschene Sterne glühen niemals wieder zu neuem Leben auf . . ."

„Robert?!"

Wie der Schmerzensschrei einer Sterbenden lang es. Die unglückliche Frau taumelte zurück md wäre zu Boden gesunken, wenn Doktor Winter ie nicht aufgefangen hätte.

„Ach, Herr Profeffor, das war grausam! das war ungerecht!" rief er.

Halb ohmächtig ruhte Ottilie in den Armen des Arztes. Wie in einem bösen Traum befangen tarrte der Profeffor auf die Regungslose, dann kam es leise, bitter und schmerzlich von seinen Lippen: „Erloschene Sterne — erloschen für immer!" und von wildern Schmerz gepackt stürmte er fort.

Umschau.

3m freisinnigen Lager blickt man mit großem Mißmuth auf die Bestrebungen des „Aus­schusses für Wohlfahrtspflege auf dem Lande." Kein Wunder. Die Wohlfahrts­pflege ist zu sehr geeignet, die freisinnigen Kreise zu stören und deren Versuchen jyir Pivellirung auch der Verhältnisse auf dem platten Lande entgegenzuarbeiten. Indem der „Ausschuß" darauf hinwirkt, den Land­bewohnern ihre engere Heimath lieb und werth zu machen, ihre Lage durch die systematische Ausführung mannigfacher Wohlfahrtseinrichtungen zu verbessern, stärkt er die ländliche Eigenart, hebt den Lokal Patriotismus und wirkt auf diese Weise eminent national und patriotisch. Es ist also ganz selbst­verständlich, daß ein solches Bestreben von Seiten der Staatsbehörden Unterstützung findet. Bringt die „Freisinnige Zeitung" nun, in bekannter demokra­tischer Gepflogenheit ein Denunziatiömtcn darüber an, daß einzelne Landräthe ihren Gemeinden empfohlen haben, dem Ausschüsse beizutreten, so handelt sie zwar nach fteistnniger Parteitaktik; aber sie wird mit ihrem Wunsche, den betreffende» Landräthe« Aergeruiß zu bereiten, kein Glück haben. Uebrigens widerspricht sich das Richtersche Organ in der Beurtheilung des „Ausschusses" auch selbst. Einersests entrüstet es

Ueber die Taufe der Großfürstin Tatjana wird nachträglich der „Köln. Ztg." aus Peters­burg vom 20. Juni geschrieben: Von Schloß Alessandria nahte kurz vor 11 Uhr der glänzende Zug goldener Wagen mit einem Trompeterkorps und dem kaiserlichen Leib - Couvoi an der Spitze. In dem dritten mit sechs Schimmeln bespannten einstigen Prachtwagen Katharinas II. fuhr die Hofmeisterin Fürstin Golizyn, auf deren Schooß der Täufling, die kleine Großfürstin Tatjana, auf einem Kissen mit niederwallender, hermelinbesetzter Decke aus Gold- brocat ruhte. Beim Hineintrogen des Täuflings in den Palast und in die Kirche hielten zwei Herren vom Hof die Enden dieser Decke und stützten das Kissen. Der Kaiser und die Kaiserin-Mutter trafen von Schloß Alessandria kurz hintereinander in vier­spännigen Pmnkwagen ein, und einige Minuten später setzte sich aus den inneren Palastgemächern der große Taufzug nach der Kirche in Bewegung; in der Mitte der Kttche, auf einer mit carmoisinrothem Samrnt überzogenen Bühne stand das silberne Tauf­becken. Während der Feier verließ der Kaiser, als Vater des Täuflings, die Kirche. Der Täufling wurde von der Kaiserin-Mutter und dem Großfürsten Michael Nikolajewitsch aus der Taufe gehoben. Dann kehrte der Kaiser zu dem vom Mettopoliten eelebrirten liturgischen Gottesdienste zurück, während 101 Kanonen­schüsse dem Publikum verkündeten, daß die Handlung vollzogen sei. Unterdessen wurde die Neugeborene von der Kaiserin-Mutter zum Empfang der heiligen Abend­mahls getragen und nachher von der hohen Frau mit den Abzeichen des Katharinenordens geschmückt Nach Beendigung des Gottesdienstes und der deui Kaiser und der Kaiserin-Mutter abgestattete» Glück­wunschcour setzte sich der Taufzug wieder nach den inneren Palastgemächern in Bewegung, wo für die Theilnehmer ein Prunkfrühstück aufgetragen wurde. Das schaulustige Publikum blieb noch bis zum späten Abend in dem schönen Peterhof, und das allgemeine Gesprächsthema bildete immer von Neuem die unum­stößliche Thatsache, daß auch das zweite Kind des Kaiserpaares eine Tochter sei, während man doch so

Die Oberbürgermeister und die Sozialdemokratie.

Fünf Oberbürgermeister, die von Berlin, : Breslau, Cassel, Bromberg und Köln, traten im Herren- «Wse für die Agitationsfreiheit der Sozial­demokratie ein. Dieser „Mannesmuth" wird der für alle „Volksfteiheit" begeisterten Presse i gepriesen und bewundert werden; vielleicht fällt ^dadurch auch sogar auf das Herrenhaus selbst ein ^versöhnender Strahl. Daß keiner der Herren Ober- s Bürgermeister im Stande war, irgend etwas anderes -als Sentenzen aus fteistnnigen Blättern vorzu- ' bringen, braucht nicht betont zu werden. Anscheinend 'haben die Herren nicht Zeit, sich über die Materie, ^owie über die Bekämpfung der Sozialdemokratie s überhaupt, die Köpfe zu zerbrechen. Anderenfalls ! hätte es dem Oberhaupte der schönen Residenzstadt Cassel nicht widerfahre» können, daß er be­hauptete, nach seiner Meinung sei der Reichstag, als bas Sozialistengesetz ablief, einstimmig darin gewesen, 'daß das Gesetz nicht verlängert werden sollte. Sonst 'Brachen die fteisinnigen Herren viel Tapferes gegen

Reichshauptstadt ertheilte Herr Freiherr v o n M a n t e u f f e l in dieser Hinsicht die treffende und einzig richtige Antwort, die auch alle gefinnungs- verwandten bürgermeisterlichen Kollegen sich annehmen können, als er sagte: „Nun hat Herr Zelle Wetter gesagt: „Alle, die hier sind, halten in gleichem Maße die Sozialdemokratie für gefährlich und bekämpfen sie alle mit gleicher Kraft und gleicher Macht." Das erste will ich nicht in Abrede stellen ; das zweüe aber, daß Sie in gleichem Maße, wie wir es für wünschenswertü halten, in den Kampf eintreten, muß ich doch be- ftreiten. Sonst würden Sie doch mit uns stimmen. Dann müßten Sie, wie wir, mit den Waffen kämpfen, die uns die Regierung anbietet, und die wir meinet­wegen noch verschärfen können. Dann be­kämpfen Sienicht b l o ß m i t W o r t en, sondern auch mit Thaten die Sozial­demokratie; mit Worten werden Sie bei der Gesellschaft absolut nichts erreichen."

Ja: Thaten? Die Herren Oberbürgermeister sollen ob dieses Verlangens ganz erschreckt zusammen­gefahren fein.

wachsenen Jungfrau den ernst des erwachten Frauen- bewußtseins. Lieblicher war ihre Erscheinung im Sommer gewesen, da der Hauch kindlicher Unschuld und Harmlosigkeit auf ihr wie der frische Duft des Morgenthaues auf der eben aufgebrochenen Knospe ruhte, schöner war fie jetzt in der voll erblühte» Pracht der Jungfrau.

„Ist Herr Barniß »och nicht gekommen?" fragte Frau Fahrenbrink mit leiser Ungeduld.

„Nein Mama," entgegnete Ottt, indem sie das Theebrett mit der silbernen Theemaschine und den Tassen aus den Sophattsch stellte, den Tisch ordnend und die über ihm hängende Lampe etwas empor- schranbend.

„Er wollte doch zum Thee kommen?"

„Allerdings, Mama, er hat es Dir bei seinem gestrigen Besuch ja versprochen."

Otti beugte fich tief zu der Theemaschine nieder um deren Spiritusflamme zu entzünde». Fra» Fahrenbrink zog die Decke im leichten Frösteln höher hinauf. Eine Weile herrschte Stille im Zimmer, die nur durch das Brausen des Sturmes, das Knistern des KaminfenerS und das Singe» des Theewaffers unterbrochen wurde. Das Gemach machte einen traulichen, gemüthlichen und doch vor­nehmen Eindruck. Der zierlich gedeckte Theetisch, die blitzende Spiritusmaschine, das sanft gedämpfe Licht der Ampel, der flackernde Schein des Kaminseurs welches die Möbel mit röthlichen Reflexen übergoß' und das wohl mehr zur Erhöhung des Comtoris und der Behaglichkeit, als zur vollständigen Er- warumng des Zimmers dienen sollte, da neben dem Kamin fich noch ein Ofen befand, der eine ange­nehme Gluth ausströmte. H

(Fortsetzung folgt.)

I (Nachdruck verboten.

Erloschene Sterne.

Roman ans der Gegenwart von O. Elster.

(Fortsetzung.)

I Der Professor Schäffler trat dicht vor Frau Fahrenbrink hin. „Können Sie mein Gesicht deut­sch erkennen, gnädige Frau?"

1 „Nicht mehr so deutlich wie vor einigen Tagen. ||Jss ist mir, als wenn fich ein Schleier über meine langen breite."

|i „Haben Sie Schmerzen?"

L "Nicht immer, nur wen» ein Lichtstrahl meine I;Sagen trifft."

Ij ,Er stellte noch mehrere Fragen, dann beobachtete ' n ihre äugen durch den Augenspiegel. Sei» Ge- Mt hatte einen tiefernsten, finsteren Ausdruck o»= Rommen. Nach einiger Zett schob er die Jn- Wttnente wieder in das Etui.

„Nehmen Sie die Binde wieder vor die Augen " ^fahl er. Doktor Winter war ihr behüflich,

„Nun, wie steht's Profeffor?" fragte er,

. »Die gnädige Frau hat es ihrer eigenen Un­dichtigkeit von neulich, wo fie die Binde plötzlich *tabriß und die schwachen Augen dem Hellen ^vunenlicht aussetzt, zuzuschreiben, daß fich die Landung der Augen sehr in die Länge zieht, «er Sehnerv ist durch das plötzliche' Einsallen des Defleu Lichtes angegriffen und geschwächt. Ich ?^chte, daß eine volle Gesundung jetzt nicht mehr ästeten wird."

„O mein Gott. . ."

». Frau Fahrenbrink erbleichte jäh. Ein herbes Mgefühl durchzuckte ihr Herz. Jetzt, wo fie dem -°mck entgegenznetten wähnte, jetzt sollte sie blind

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Daube & Co. tn Fraukiurt a. M.. Berlin. Hannover. Varis. Telephon o5.

die — von ihnen ganz und gar nicht gefürchtete — Sozialdemokratie.

Herr Graf von Kliuckowstroem gab dagegen der Hoffnung Ausdruck, daß die Regierung de» einmal beschrittenen Weg zur Lösung dieser Frage nicht wieder verlassen werde. Sehr treffend schttderte er die Ueber« treibunge», wodurch behauptet wird, die Vereins­gesetznovelle gefährde die verfassungsmäßige Vereins­freiheit. Das Gegentheil ist richtig. Die Vereinsfreiheit soll dadurch gegen den sozialdemokratischen Terrorismus geschützt werden. Wie die Vereinsfteiheit vielfach jetzt aussieht, schilderte der Herr Gras in einer Apostrophe an die Herren Großstädter folgendermaßen:

„Wo ist ihr Vereins- und Versammlungsrecht geblieben, das Recht der bürgerlichen Parteien? Sie sind in den großen Städte» überhaupt nur dann in der Lage sich frei zu versammel», wenn Sie sich abschließe», wen» Sie Eintrittskarte» ausgeben, wenn Sie sich mit Hilfe der Polizei versammeln. Thun Sie das nicht, dann werden Sie in ihren Versammlungen terrorisiert von der Sozialdemokratie; Sie werden beschimpft; Sie werden zur Auflösung gezwungen, und gerade die Sozial­demokratie ist es, die Ihr Vereinsrecht Ihnen nimmt!..... Ich meine also, praktisch ist wohl

das Versammlungsrecht der bürgerlichen Parteien von der Sozialdemokratie nicht mehr anerkannt, und ich möchte wissen, wie die bürgerlichen Parteien dazu kommen sollten, das Vereinsrecht der Sozialdemokratie zu schützen, die dieses Recht bei jeder Gelegenheit antasten. Ich muß überhaupt sagen, daß die Zu­stände in den großen Städten nur noch dadurch erträglich find, daß Ihnen die Ma-chtmltivl des Staates zur Disposition stehen. (Sehr richtig!) Sie haben Militär, Sie haben Polizei, und wenn Sie die nicht hätten, wenn Sie einmal in den großen Städten vielleicht ein Jahr ohne diese Machtmittel existieren sollte», dann würde es, glaube ich, Zustände geben, die jeder Beschreibung spotten müßten."

Besonders scharfsinnig drückte der Kölner Oberbürgermeister sich aus. Er hob hervor, erstehe auf dem Standpunkte des Regierungsprogramms, das jetzt wieder in Bielefeld so stark betont worden sei, er stehe ebenso energisch auf dem Standpunkte >er Bekämpfung der Sozialdemokratie.....

Trotzdem aber konnte er sich nicht dazu enffchließen, >er Regierung die Mittel zur Durchführung des Programms und zur Bekämpfung der Sozial­demokratie zu bewilligen. Das nennt man einen „energischen" Standpunkt. Dem Oberhaupte der