Wöchentliche Beilagen: Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
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Erschrint täglich außer an Werktagen nach Sonn- nnd Feiertagen. — Quartal-Abonnements-Preir bei der Expedition 2 Mk., bet allen Postämtern 2 Mk. 25 Pfg. (exll. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile •h*r deren Raum 10 Ma. Reklamen für die Zeile 25 Pfg
Marburg
Sonntag, 6. Juni 1897.
Anzeigen nimmt entgegen di» Expedition dieser Blatte«, somit di, Annoncen-Bureaux vou Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M-, Lasiel, Magdeburg mtb Wien; Rudolf Moff« in Frankfurt a. M-, Berlin, München u. Köln, C. L. Vanb, *6e. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover. Pari«.
XXXII. Jahrg.
Pfingsten.
,Der Geist ist es, der da lebendig eicht." Dies tiefe Wort Jesu, wie oft es auch gg den Menschen vergessen war, immer wieder wird z durch die Weltgeschichte und die Erfahrung des Ms zu Ehren gebracht. Gerade in unfern Tagen, p mit stürmischen Bewegungen neue Ordnungen im M der Völker sich emporringen wollen, wird es zz zum Bewußtsein gebracht, daß all unser Thun «grblich ist, daß wir nimmermehr zu besseren Zünden kommen werden, wenn nicht ein besserer Geist Mht, der unserer Arbeit zu Hülfe kommt.
Wir haben es „schaudernd miteilebt", wie in der ,himmlischen Frage* nun schon Jahre lang vor jsl christlichen Europa ein Schauspiel von Rassen- sch und Fanatismus, von Blut und Thränen sich Dielte, ohne daß dies von Bajonetten starrende, |c unerschöpfliche Machtmittel zu Lande und zu Miser gebietende Europa dem rechtzeitig zu wehre» Mochte. Warum hat denn das „christliche* Europa Müg zugesehen, wie damals hunderttausend Armenier geschlachtet wurden, die, mochten sie sonst sein, was sie Mm, doch immer Menschen waren? Weil die christ- ten Großmächte, von Neid und Eifersucht erfüllt, sich Umseitig nicht über den Weg trauten, weil die Mlichen" Diplomaten nicht ablassen wollten, mit tzlomatenkunst sich gegenseitig zu täuschen und zu über- |ta, darum muß das vermoderte und vermorschte rcknreich, der Pfahl im Fleisch des christlichen mpa stecken bleiben, um in regelmäßigen Zwischen- mm solche Entzündungen blutiger Gräuel hervor- mfen, wie eben jetzt wieder. Wie leicht könnte uopa, als mächtiger Schiedsrichter Frieden stiften ib über alle Fragen in Frieden sich einigen, wenn i die Stelle neidischer und ränkevoller Diplomaten- t der Geist der Brüderlichkeit und wahrer Fried- chkei: träte.
Wir stehen im Innern Leben deS deutschen Reiches «dauernd in den schweren wftthschaftlichen und Walen Kämpfen, deren Verlauf und Ende unab- War ist. Wir versuchen mit immer neuen gesetz- ötn Einrichtungen die bösen Geister zu bannen, die i Bruderhaß, in unversöhnlichem Mißtrauen, in uu- «Mherzigem Egoismus unser Volk zerreißen und Mfte». Und wir müssen doch immer wieder erfreu, daß mit Gesetzen allein die bösen Geister 4t beschworen werden können. Ist ihnen an einer Alle der Weg verlegt, so bricht die Sünde eben an Iberer Stelle neu aus. Ja, „wenn ein Gesetz ge- im wäre, das da könnte lebendig machen, so käme k Gerechtigkeit wahrhaftig aus dem Gesetz*, sagt 1 Bibel. Aber keine Staatskunst und keine «schmmacht kann einen neuen guten Geist schaffen;
hat ein Höherer sich Vorbehalten.
Wir Christen wollen nicht dem öden Pessimismus ballen, der es als eine leidige Thatsache der Er- hinnimmt, daß „der Mensch allerdings eine
Den Jüngern Gutenberg's.
Sei uns gegrüßt. Du wackre, ftohe Schaar, Marburg wählte zum Johanmsfeste l
■j® Frühlingsschmucke prangend grüßt dies Jahr schöner noch als sonst all' seine Säfte!
Ein halb Jahrtausend schwand, fest Eurer Kunst Meister ward, der sie uns hat gegeben, sie erfand zu aller Menschen Gunst, E<chnbrechend für ein neues Geistesleben!
. Ihr wähltet diese Kunst Euch zum Beruf, ® schwarz sie auch, hell weiß sie zu gestalten Leben, denn was je der Geist erschuf Licht und Wahrheit weiß sie festzuhalten.
r Dem Meister zum Gedenken nun beim Fest, ruhn die Lettern jetzt und seid vergnügt!
j**11 dort gedeihet Alles nur auf'S Best, e° reiner Frohsinn sich an Arbett fügt.
Auf uns'res Marburgs waldumgrenzten Höhn seinen Mauern mög's Euch wohl gefallen;
»dch osiegen Festestage zu vergehn, ■ s Munich: Auf Wiedersehn! er bleib Euch Men.
H.
Canaille ist*, und dabei an nichts mehr zu glauben und auch nichts mehr zu hoffen weiß. Solche dürste man freilich fingen, warum sie eigentlich das Leben in solcher jämmerlichen Gesellschaft noch weiter leben. Aber wir wollen auch nicht über den Ernst der Wirklichkeit uns mit leere» Worten Hinwegtäuschen, wie jetzt wieder zu Pfingsten in gewohnter Weise die zahllosen Leitartikel der Zeitungen thun, die, weil sie vom Geiste Gottes nichts wissen, von dem Lebensgeiste reden, die jetzt wieder furchtbaren Spuren von Jammer, Blut und Thränen, welche Sünde und Tod auf ihrem verderblichen Wege durch die Menschheit hinter sich zurücklassen, wollen sie mit Flieder und Rosenblüttern verdecken. Sollte man ihnen nicht zurufen: Wenn Ihr nichts besseres zu sage» und zu geben wißt, so habt wenigstens soviel Respekt vor dem furchtbaren Ernst dieser Wunden der Menschheit, daß Ihr euch in Schweigen hüllt, anstatt mit solchen armseligen Redensarten des Elendes der Menschheit zu spotten.
Nein, mst Redensarten ist der West nicht zu helfen. Wir müssen uns über die Natur schwingen und hoffe» auf den lebendigen Gott. Nicht der N a t u r g e i st ist es, dessen wir uns getrösten, der alles Leben schafft, nur um es wieder zu zerstören, nicht der Menschengeist, der aus sich nichts dauerndes hervorbringen kann, weil allem Menschenwerk der zerstörende Keim der Sünde eingeboren ist, sondern Gottes heiliger Geist. Damm verzagen und verzweifeln wir nicht im unaufhörlichen Kampfe gegen alle bösen Mächte. Wir glauben an den heiligen Geist, „welchen er ausgegossen hat über uns reichlich, durch Jesum Christum, unseren Heiland,* und der immer noch kommt, wo er gerufen wird. Das ist die rechte Abhilfe, im Anblick aller inneren und äußeren Nöthe in unserem Vateilande und darüber hinaus, sich zu vereinigen in der alten Pfingstbitte, „Komm, hesitger Geist, erfülle die Herzen Deiner Gläubigen und entzünde in ihnen das Feuer Deiner göttlichen Liebe."
Umschau.
Im P r o z e ß T a u s ch ist, wie wir in Marburg gestern Abend bereits durch Extrablätter bekannt gegeben haben, endlich geftern die Entscheidung erfolgt. Die den Geschworenen vorgelegten Schuldstagen lauteten:
Ist v. Lützow schuldig, in der Absicht, sich einen rechtswidrigen Vortheil zu verschaffen, das Vermögen eines Andem geschädigt zu haben?
Ist v Lützow schuldig, in rechtswidriger Absicht eine Privaturkunde fälschlich angefertigt zu haben, um zum Zweck der Täuschung davon Gebrauch zu machen?
Ist von Tausch schuldig, als Beamter, der vermöge seines Amtes bei der Ausführung des Strafverfahrens mitzuwirken bemfeu ist, die Verfolgung
der Strafthaten von Lützow's unterlassen zu haben in der Absicht, ihn der gesetzlichen Strafe zu entziehen ?
Unterfinge: Sind hierbei mildernde Umstände vorhanden?
Ist v. Tausch schuldig, im Prozeß Leckett-Lützow feine Zeugenpflicht wissentlich verletzt zu haben?
Wird dies bejaht, konnte eine wahrheitsgemäße Beantwortung der an v. Tausch gelüfteten Fragen eine Verfolgung gegen ihn nach sich ziehen?
Die Geschworenen haben die Schuldfragen mit Bezug auf den Angeklagten v. Lützow be- jaht, aus den Angeklagten v. Tausch verneint.
Als der Obmann der Geschworenen den Wahr- spruch inbetreff des Angeklagten v. Tausch verkündete, erschollen im Zuhörerraum laute Bravorufe, was den Vorsitzenden zu einer Rüge veranlaßte. Als dann die beiden Angeklagten in den Saal geführt waren, und ihnen der Wahrspruch der Geschworenen mitge- theilt wurde, reichte v. Tausch erstellt feinen beiden Vertheidigern die Hand. Das U r t h e i l lautete gegen von Lützow auf zweite Monate Gefängniß, gegen v. Tausch auf Freisprechung.
Eine Anzahl Blätter benutzt den Tausch-Prozeß, gewisse Zustände und Persönlichkesten in der Presse zu beleuchten. Der „Reichsbote* schreibt über jene Sorte von Berichterstattern, die in dem Prozeffe eine Rolle gespielt haben: „Da laufen sie den Preßbureaus in den Ministerien die Thüren ein, suchen Verbindungen bei Beamten, und wen» das alles nichts nützt, dann waltet die Phantasie, die „Meinung", dann erzähst einer dem anderen, man „glaubt", „man meint", man „hat die Empfindung" und bei den anderen verdichret sich die Meinung zur Thatsache. Bei diesen auf die Jagd nach Nachrichten angewiesenen, eigentlich stellenlosen Journalisten, liegt eine Wurzel des Uebels; sie sind es auch, an welche alle die, denen daran liegt, eine Nachricht in die Presse zu bringen, ohne selbst mit der Zeitung in Verbindung treten zu wollen, sich wende». Aus dieser Klaffe relrutiren sich auch die Agenten des Herrn von Tausch, die von Lützow und Schumann. Im letzten Grunde aber ist das Publikum an dem allen schuld, weil es so versessen ist aus diese Zeitungen, welche den Klatsch am schnellsten und ausführlichsten bringen, wenn es auch noch so oft erfährt, daß es belogen und betrogen wird, und wenn gewissenhafte Eltern alle Ursache haben, viele dieser Blätter vor den Augen ihrer Kinder zu verstecken, wenn sie nicht deren Herzen wollen vergiften lassen. Durch die große Abonnentenzahl, welche diese Blätter haben, ziehen sie die Inserate an sich, brüsten sich dann mit ihrem Reich- thum, düpire» das Volk auf alle mögliche Weise, und wie eine große Kinderschaar zieht eS dem pfeifenden Rattenfänger »ach. Zur Redaftion solcher Blätter bedarf es keiner wirklich gebildeten Männer,
(Nachdruck verboten.)
Schwester Ilse.
Rowan von Clariffa Lodde.
(Schluß.)
„Der Geschmack ist verschieden: ich hätte Elly mir auch nie erwählt. Aber was soll ich da noch erzählen? Sie haben sich verlobt und werden bald Hochzeit feiern; der alltägliche Lauf der Dinge."
„Und gehen »ach Porto Allegre; na, für die Geheimräthin ist das auch eine bittere Nuß," meinte Frau bin Belli» mit stiller Befriedigung, da sie der Geheimräthin hn Innern das Glück, dnen an» genehmen Schwiegersohn gefunden zu haben, neidete."
Jetzt wurde Georgs etwas gebeugte Gestalt in der schönen kostbaren Livree der von Menzelen vor der Garteuth r sichtbar. Ilse schnellte empor. Eine plötzliche Furcht überfiel sie: Wenn Wolf wieder krank geworden wäre! Denn sonst käme Georg wohl nicht hierher; und sie fern von ihm, die doch allein mit seiner Natur Bescheid wußte!
Mutter und Bruder, die sich gleichfalls erhoben hat en und neugierig hinaus schauten, mit einem Blicke bittend, sie allein gehen zu laffe», eilte sie dem Alten beklommen entgegen.
»Was ist denn geschehen, Georg, was bringen Sie mir?"
Der alte Mann, dem das Steigen schon schwer wurde, sank erschöpft auf eine Bank.
„Nichts, gnädigste, Frau Baronin, gar nichts Schlimmes, nur daß ich Sie einmal unter vier Augen spreche» wollte."
„Im Auftrage des Barons?"
„Nein, gnädige Frau Baronin, der Herr Baron weiß nichts davon, daß ich hergefahren bin; doch ich konnte nicht anders, üh mußte Ihnen sagen, was mir auf dem Heizen liegt."
Ilse hatte sich wieder völlig gefaßt.
„Was denn, Georg; haben Sie einen besonderen Wunsch, den ich Jhnm zu erfüBen vermag?"
»Nur den einen, gnädigste Frau Baronin, daß Sie meinen Herrn nicht verlassen, sondern zu ihm zurückkehren."
Dabei sank der Alte tief erschüttert in die Kniee und küßte flehend die Hand Ilses. Diese sah sich erschrocken um. Ein Glück, daß die Bauk hinter Buschwerk versteckt war und von der Veranda aus nicht beobachtet werde» konnte.
„Guter, treuer Georg," erwiderte sie tiefbewegt, nicht au mir liegt es, daß ich nicht zurückkehren kann und darf."
„Vielleicht, weil die Frau Baronin glauben, daß der Herr Baron eine Andere heiiathen will; aber bem«*ift ja nicht so. Es ist Alles aus mti der
dazu genügen Leute vom Schlage des Leckert und Genossen und sie bringen e£> fertig, wozu gebildete Männer sich nicht f ergeben. Das Publikum muß das aus solchen Blättern herausfühlen. Und hernach wundert man sich, wenn diese heillosen Preßzustände emporwuchern und sich Personen in der Presse Herumtreiben, die für jedes ehrliche Gewerbe zu unfähig oder zu schlecht sind. Die Hilfe kann allein vom Publikum kommen. Alle ernsten Leute sollten es sich zur Aufgabe machen, die schlechte Presse zu bekämpfen und vor allem sie nicht selbst zu unterstützen. Aber so lange diese Presse in dem Beamtenthnm und Bürgerihum ihren Leeftkreis findet, ist alle Hoffnung umsonst. Von dort ist überhaupt zur Besserung des öffentlichen Geistes soviel wie nichts zu erwarten; die gutgesinnte Presse aller Parteien sollte sich verbünden, diese Sensationspresse mit ihrem Schwanz von Journalisten und Reportern zu be- bekämpfen, nm die Ehre der Presse zu retten." — Im Anschluß an unsere gestrigen Bemerkungen über das Wesen der Presse geben wir hier auch folgende Aeußerung der „Dtsch. Tagesztg." wieder: „Das aber muß vorher Öffentlichkeit mit möglichster Kraft und Entschiedenheit betont werden, daß es auch noch eine andere Art von Presse giebt als die, deren Gebahren durch den Prozeß in eine seltsame Beleuchtung gerückt ist. Es giebt doch noch deutsche Zeitungen, die es für ihre Pflicht halten, jede Mittheilung, jeden Gewährsmann zu prüfen und streng zu scheiden zwischen dem zur Veröffentlichung Bestimmten und dem vertraulich Ueberliefetten. Wen» allenthalben nach solchen Grundsätzen gehandelt würde, bann hätte weder Nm mann» Schumann, noch von Lützow, noch von Tausch Gelegenheit gehabt, das zu thun, was sie gethan haben."
Ein allgemeiner Waffenstillstand für Cpirus ist gestern unterzeichnet worden. Ei hat folgenden Wortlaut: Jmaret, 3. Juni, 6 Uhr Abend. Die Majore Soutzo und Vakaloglaw für Griechenland sowie Mustapha-Bey und Salik-Bey für die Türkei erklären in gemeinsamer Uebereinstimmung, daß konform dem am 19. Mai gezeichneten Dokument die Bedingungen des Waffenstillstandes zu Waffer und zu Lande unverändert bleiben während der ganzen Dauer der Friedensverhandlungen. Folgen die Unterschriften. — Die Unterzeichnung eines gleichen Waffenstillstandes für die Armeen in Thessalien wurde unmittelbar erwartet.
Rach Meldungen aus Paris hat die deutsch- französische Grenzregulirnngskom- m i s s i o n vorige Woche einige Sitzungen abgehalte». Gegenwärtig find die beiderseittge» Kartographen beschäftigt, die geographischen Grundlinien für die weiteren eigentlichen Verhandlungen zu finden. Mittlerwetle sind mehrere der deutsche» Vertreter, wie der Konsul Vohsen, auf einige Tage nach Berlin
Amerikanerin; war schon in Rom ans, und fie hat sich mit einem Russen verlobt."
Ilse wechselte die Farbe.
„Sie täuschen mich nicht, Georg?"
„Wie sollte ich, Fra» Baronin, bei einer so heiligen Sache?"
Ilse stutzte:
„Wenn auch, guter Georg; der Baron liebt mich nicht, und ohne Liebe an seiner Sette zu lebe» das reicht über meine Kraft."
»Du irrst Dich, er liebt Dich doch," erscholl da eine Sttmme an ihr Ohr, bei deren Klang ihr ganzer Körper erbebte. „Du Edle, Gute, er liebt Dich »nd gelobt Dir, Deiner würdig zu werden."
Zwei Arme umschlangen sie, zwei, ach so heißgeliebte Augen schaute» bittend in die ihre». War es Traum, war es Wirklichkett?"
„Wolf, — eS ist nicht möglich! Du, Du?"
„Ich bitte Dich demüthig, meine Heilige, mir zu vergeben."
Georg hatte auf einen Wink des Pastors sich zurückgezogen und schritt jetzt, mit Thränen der Rührung in den alten Augen, neben ihm den Gartenweg hinauf.
„Wenn Sie das erwirkt habe», lieber Herr Pastor, so segne Sie Gott, Sie habe» meinem Herrn mehr gerettet als das Leben, seiner Seele Seligkett."