Jg 91.
Marburg
Sonntag, 18. April 1897.
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Wöchentliche Beilagen: Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhai«.
-1"18"-’ Jllustrirtes Sonntagsblatt.
O st e r n.
Wandle lmchtrnder und schöner Ostersonne, deinen Lauf, Denn dein Herr und mein Versöhner Stieg aus seinem Grabe auf.
Als das Haupt er sterbend beugte, Bargst du dich in nächt'gem Flor, Doch jetzt komm hervor und leuchte, Denn auch er stieg längst empor!
Erde breste dich in Frieden Unter deinem Himmel aus, Denn dein Herr ist nicht geschieden, Er zerbrach des Todes Haus.
Deine starken Felsen bebten, Als er seinen Geist verhaucht. Grüße nun den Neubelebten, Wonnevoll in Licht getaucht.
Ostern ist gekommen im FrühliugSglanze. „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichniß." Jawohl, aber ein Gleichniß ist eS immerhin; und wir freuen uns desselben; wir freuen uns, daß in dieser österlichen Zeü dort draußen die ganze Natur Lust und Leben athmet; denn Ostern ist Leben. Der Tod ist verschlungen in den Sieg; er ist unterlegen, vom Leben überwunden, das ist es, was uns daS Osterfest predigt. Christus ist gestorben um unseretwillen; der Tod konnte ihn eine Weile in seine Bande schlagen durch unsere Sünde; aber hasten konnte er ihn nicht; am brüten Tage, am Ostertage, bricht der Fürst des Lebens aus dem Grabe hervor. Christus ist auf« erstanden!
Wie er gestorben ist um unseretwillen, so ist er auch um unseretwillen auferstanden. Wir sollen nicht nur mü ihm, nein wir können auch mit ihm in einem neuen Leben wandeln. Durch seinen Tod ist die Sünde in ihren schwersten Folgen aufgehoben, durch seine Auferstehung wird auch in die sündigen Menschen, die fich zu ihm, dem Auferstandenen bekennen, ein neues Leben in der Gerechtigkeit gepflanzt; sie sind mm Gottes Kinder.
Zwar bleibt der Tod der Sünde Sold. Alle Menschen ohne Ausnahme muffen sterben. Aber alle Christen wollen auch sterben; denn der Tod, dem
Ostern.
Wieder klingen Osterglocken Durch die Lande, voll und hehr, Künden jubelnd, voll Frohlocken, Allem Volk die Wundermär':
GoüeS Sohu, der Mensch geworden Für die Sünden dieser Welt, Ihm, der willig sich ließ morden. Hat der Tod geräumt daS Feld.
Sieg! So HM es von den Thürmen. Sieg! So dringt's in jedes Herz.
Dankend nach des Kampfes Stürmen Blickt das Ange himmelwärts.
Sieg! So bebt es durch die Erde. Sieg! So athmet die Natur.
Des Allmächt'gen starkes „Werde!" Schmücket wieder Wald und Flur.
Und die Vögel kommen wieder.
Alles, was, befiedert fliegt, Singt uns seine Frühlingslieder, Denn der Winter ist besiegt!
Doch dem Siege folgt der Friede!
Frieden haste Jedermann.
Denn wer Frieden übt hienieden, Der ist droben wohlgethan!
Frieden! läuten diese Glocken, Künden herrlich, voll und weich, Allem Volke voll Frohlocken: „Friede, Friede sei mit Euch!"
H. Pfg.
natürlichen Menschen ein Greuel und Schrecken, ist dem Christen seit Christi Auferstehung die Pforte in das ewige Leben. Seü Christus dem Tode die Macht genommen hat, legen die Seinen sich getrost und ruhig nieder in die Erde; Oster» verbürgt ihnen Auferstchen. Christen sterben nicht, sie entschlafen, Christen reisen im Tode nicht in ein unbekanntes Land, sie gehen heim; und wenn sie an den Gräbern der Ihrigen stehen, so hat der lebendige Osterfürst ie fingen gelehrt: „Lacht der finstern Erdenkluft, acht des Todes und der Höllen." Der Auferstandene ’t auch die Auferstehung und das Leben, und wo er ist, da sollen seine Diener auch sein. Darum grüßen wir dich, du ftöhliches Osterfest; darum grüßt die Gemeinde den Auferstandenen mit den Worten:
Ich geh zu Deinem Grabe Du großer Osterfürst, Weil ich die Hoffnung habe, Daß Du mir zeigen wirst, Wie man kann selig sterben Und ftöhlich auferstehu, Und mit des Himmels Erben Ins Land des Lebens gehn.
Die „gespaltene" Sozialdemokratie.
Die Geduld, mit welcher die unverbesserlichen Optimisten unter den deutschen Polittkern immer noch auf eine „bevorstehende" Spaltung der Sozialdemo- ratie warten, die Leichtgläubigkeit, mit der sie Symptome zu finden wissen, aus benen sie die „beginnende" Umwandlung der Sozialdemokratie aus einer Revolutions- in eine Ordnungspartei heraus- esen, ist rührend. Seit länger als sechs Jahren, eit nämlich der Kampf gegen die Sozialdemokratte mittels gesetzlicher Maßregeln durch den berühmten Kampf mit geistigen Waffen abgelöst worden ist, bewährt fich diese unglaubliche Geduld. Die Sozialdemokratte hat zwar bis jetzt regelmäßig solcher Spaltungs-Prognosen gelacht und ist ttotz dieser und ttotz der Anwendung jener ungeheuren Geisteswaffen immer mehr gewachsen und organisatorisch wie diktatorisch immer kräftiger erstarkt; gleichwohl rechnen noch immer — der Wunsch ist der Vater des Ge- banfenä — jene geistigen Ueberminber bet Revolutionspartei aus ein Spaltungs-Wunder.
Nun ist aber ein neues „ernsthaftes" Spaltungszeichen hervorgetteten: Schönlanck und Liebknecht
Des Frühlings Jubellied.
Horch! in den Lüsten welch' Jubelton? Horch! von den Thürmen welch' festlich Geläute? Auf Bergen und Triften welch'Prangen und Blüh'n? Welch' Klingen und Singen auf ttäumender Haide?
Es wogt in den Wäldern, es rauscht in dem Thal, Es zieht einher mit den brausenden Lüften, Schwingt hoch fich hinauf zum Himmelssaal, _ Bricht hoffnungsfreudig aus Gräber» und Grüfte».
Es zittert im flimmernde» Sonncngold, Es raunt und rauscht mit murmelnden Quelle, Es knospet und keimt mü dem schwellender Grün, Wiegt sanft fich auf silberner Aetherwelle.
ES funkelt im strahlenden Frührothschein, Dringt schmettemd ans jubelnder Lerchenkehle, ES klingt in des Winters Sorgen hinein. Quillt auf aus den tiefsten Tiefen der Seele:
DaS ist daS uralte, hochherrliche Lied, Das Frühling für Frühling die Lande durchzieht. Das die Sehnsucht entfeffelt nach Leben und Licht, Bezaubernd die dunkelsten Klüfte durchbricht.
Das am O st e r t a g mächttg die Herzen dmchklingt, Die Seele rntt neuen Flügeln beschwingt, Das schlummernde Keime erweckt in der Brust, All' Winterleid toanbelt in Lenzeslust.
Das hoch über Wolken im Weltenraum wallt, Bis hinein in die fernsten Himmel erschM, Und alles Wesen selig dnrchglüht — DaS ist des OsterfestS herrliches Lied!
Marburg. W. Sch.
liegen sich in den Haaren! Der Herausgeber des Leipziger sozioldemokrattschen Organs, das sein hervorragendes „Ansehen" dem Mannten Briefdiebstahle verdankt, hat schon früher versucht, fein ketzerisches Licht leuchten zu lassen. Lange aber hielt sein Muth nicht vor; der Parteivorstand hob drohend den Finger und damit war die „Rebellion" niedergeschlagen. Diesmal soll die Sache „ernster" sein. Weßhalb denn? Herr Schönlanck hat sich noch lange nicht so scharf und so sachlich gegen allbekannte und ost gerügte Liebknecht'sche Thorhetten ausgesprochen, wie dies „Genosse" Katzenstein über das „wissenschaftliche Lebenswerk" Bebels, über das berühmte Buch „Die Fran" that. Katzenstein's Kritik ist ad acta gelegt, Niemand kümmert sich mehr darum. So wird es auch Herrn Schönlanck gehen. Er suche nur, fich rechtzeitig zu saldiere».
Vom „Genossen" Liebknecht ist es bekannt, daß er als Auslands-Reisender es liebt, billige Rednerlorbeeren dadurch eiuzuheimsen, daß er in Frankreich die französischen, in England die englischen, in Belgien die belgischen Zustände himmelhoch preist, die deutschen dagegen höllenttef herabsetzt. So hat er es auch jüngst gethan, als er seine achttägige Kunstreise nach Holland unternahm. Ruhmredig und grotesk, wie Herr Liebknecht nun einmal ist, hat er in der „Neuen Zeit" seine holländischen „Erfahrungen" und Erlebnisse »iedergelegt und dabei, wie gewöhnlich, den Holländern die größten Schmeicheleien gesagt, das deutsche Vaterland aber in den Schmutz gezogen. Daß ihm das die zielbewußten Genossen Übelnehmen werden, glauben wir nicht. Liebknecht bleibt darum der gefeierte Veteran der Revolution. Ebensowenig aber glauben wir, daß seine Schmeicheleien in den nationalen Kreisen des Auslandes imponiert haben. Solches Auftreten erweckt bei Leuten, denen noch ein Funken von Vaterlandsliebe innewohnt, Ekel.
Wenn Herr Schönlanck es nun unternimmt, Herrn Liebknecht de» Text zu lesen und die deuffchen Zustände de» holländischen gegenüber in Schutz zu nehmen, so wäre das recht schön von ihm, wenn man annehmen könnte, er thue das um der guten natt- onalcn Sache willen. Das dürste aber nicht der Fall fein. Der Herausgeber der Leipziger „Volkszeitung" hat wohl nur die Absicht, wieder einmal fein Licht auf Kosten des längst nur von feiner Vergangenheit zehrenden „alten Liebknecht" recht hei leuchten zu lassen. Hierbei laufen Herr Schönlanck natürlich — zweifellos aber unbewußt oder doch un= beabsichtigt — Äußerungen unter, die eine 83er« uitheilung der ganzen Sozialdemokratte in fich schließen. So schreibt er:
(Nachdruck verboten.) Schwester Ilse.
Roman von Clariffa Lohde.
(Fortsetzung.)
„Daß dieses Gerede nun doch endlich aufhören muß," sagte Axel zu Dollar Schimmer, „da Wolf fich anschickt eine Familie zu gründe», ist Anlaß genug, mich über die Nachricht zu freuen, so wenig mir auch sonst die Person des Vetters selbst nahe steht."
„Das begreife ich vollkommen," rief Käthe, und drückte Axel warm die Hand.
„Ja, wir Begreif en es Alle," stimmte nun auch die Geheimräthin zu. „Auch wir haben von jeher wenig für ben hochmüthige» Wolf, ber un8 sehr links liegen ließ, übrig gehabt; aber gerabe, weil Du uns befonbers nahe stehst, stimmen auch wir in Seinen Wunsch von Herzen ei», baß biefe Sache, die auf de» Namen Menzelen einen Schatten zu weifen drohte, au8 der Well geschafft werde."
Damü wurde daS Thema faße» gelassen, und die Heine Gesellschäst brach bald wieder auf, um in die AusstellungssSle zurückzukehren, bie8 Mal in Begleitung Dollar Schimmers, der an ber Seite Ellys fich hielt unb mit ihr eine Plcnkelei luftiger Neckereien anfing, bie durch das gemeinsame Bettachten ber Silber immer neue Nahrung gewann.
„Ja," rief er, mit in einanber gefalteten Händen var einem, zwei alle im Sartoffelfelbe hackende Weiber darstellenden Gemälde stehen bleibend, „wenn ich nur wüßte, wer fich salch Bild kaufen und feine Wohnugcn damit schmücken möchte!"
„Die langt durch unsere Pattei gelaufene, auch im ersten TheUt des Erfutter Programmes noch anfbewahtte Ansicht von der sich stetig verschärfenden VerFlendung ist nicht mehr,n halten. Konrad Schmidt hat sich jüngst im „Vorwärts" sehr tteffend darüber ausgesprochen. DaS Niveau der VolkSmasst hat stch mit der modernen Entwickelung etwas gehoben; auch die deutsche Einkommensteuer-Statistik läßt darüber keinen Zweifel." —
Und ferner: „Aber diese Deutschen, bei denen er (Lieb« knecht) ironisch „besondere Charakterstärke" vermißt, und dies, „vrrmuihlich, weil wir keinen Werth darauf legen", sind di« Träger und dieses Deutschland ist die Heimath der mächtigsten Arbeiterbewegung der Kultur well; einer Bewegung, die ihren nationalen Pflichten nichts vergiebt, wenn sie, als Glied einer großen Staats-, Bolks- und Wirth» chaftSeinheit, hervorgewachsen aus dem Nattonalstaate, auch ihre drängendeu nationalen Kulturaufgabeu ans dem Gebiete der Politik und der sozialen Reform mtt Thalkraft durch- fühtt. Di« deutsche Nation, deren Grundstock dir werk- thätige VollSmaffr ist, aber immer und immer zu Gunsten anderer Nationen in den Schatten zu stellen, ist eine alle und nicht erfreulich« Gewohnheit aus der Verbannung."
Diese Aeußerungen sollen — so behaupteten bie Spaltungspolitiker — darthun, daß eine starke Gruppe in ber Sozialdemokratie auf nationalem Bobeu stehe unb bie Revolutionstakttk aufgeben wolle! Das ist unseres Erachtens eine starke Illusion. Solche Gedanke», wie fie Herr Schönlanck hier ausspricht, hat auch Herr v. Voll- mar schon laut werden lassen. Die Hoffnung aber auf ein Schwenken der Patte! ist noch immer zu Schanden geworden. Es handelt fich bei alledem nm nichts, als um taktische Aktionen, um ein Verschleiern ber revolutionären Endziele, wodurch leichtgläubigen Sozialpolittkern Sand in die Augen gestreut werden soll.
Herr Schönlanck wird ebensowenig Reformator der Sozialdemollatte werde», wie Herr von Vollmar. „Genosse" Liebknecht thnt denn auch recht selbstbewußt die Leipziger Angriffe kurzweg als „eine Kanonade mit Papierkugeln auf ein harmloses Feuilletonspäßchen" ab. Wenn Herr Schönlanck wieder zu den Reichstagssitzungeu in Berlin eingetroffen sein wird, wird fich fein Kampsesmuth auch schon wieder gegeben haben. So etwas hält in der Sozial- benwfratie niemals lange vor. Die Parteidillatnr ist hier viel zu fest begrünbet unb mit materiellen Interessen viel zu sehr verquickt, als daß selbst eine ernsthafte Meuterei Erfolg haben könnte. Die Spaltungs-Illusionen werden auch diesmal in Nebel zerrinnen.
Umschau.
In einemErkeuntniß desDisziplinarsenats desOberverwaltungsgerichtsvom29.Januar
Elly lachte.
„Das müssen Sie Käthe fragen! Solch ein Bild würdigen zu können, dazu gehört eben ein fo feiner Kunstverstanb, wie fie ihn besitzt; wir find z» dumm dazu."
„Ihr Fräulein Cousine ist Malerin von Fach?"
„Ja, unb eine ganz bebeutenbe. Sie malt jetzt Axels Braut, bie schöne Miß Graham, unb das Bild wirb gut."
„Ah, bann gratulire ich, obwohl ich im Grunde wünschte, bie Damen würde» nicht so furchtbar ernsthaft."
„Ernsthaft, wie meinen Sie das?"
„Nun, wer eine Kunst als Beruf erwählt, muß sie ernsthaft nehmen, nicht wahr, gnädiges Fräulein? Doch haben die Damen, bie, wie die Lilien, sich selber schmücken und die Sorge für ihre Zukunft dem stärkere» Geschlechte überlasse», bedeutend mehr Charme für un8. Wir armen Männer müssen ja heut zu Tage schon über die Maßen uns plagen; sollen das die Frauen nun auch noch thun, bann würben Poesie unb Schönheit wohl halb ganz aus ber Well flüchten."
„3a," mischte sich Käthe, bie bie letzte Aeußeruug Dollar Schimmers gehött hatte, jetzt ein, „wenn nur bie Männer wirklich für bie Lilien, bie sich selbst schmücken, sorge» unb bie Roth des Lebens von ihnen fern Halle» wollten. Leider aber thun fie das nicht, sonder» bas Geld spielt bei jeder Hciralh die Hauptrolle."
„Sie trauen uns Männern doch zu wenig zu," vertheidigte fich Dollar Schimmer. „Wer wahrhaft liebt, wttd nach Geld nicht viel fragen."
„Wenn er es hat. Sie werden jedoch zugebcn