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»mmtwortlich für dm allgemeinen Theil: Redakteur M. Hartmann, für dm Inserateniheil: Joh. Aug. Koch, beide in Marburg.

Wöchentliche Beilagen: Kreisblatt für die Kreise Marburg «nd Kirchhain.

ÄtbaKlon xxb ttjwtjtttcn: Markt 31. "Jlluftrirtes Sonntagsblatt.

J2 89.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Soun- und Feiertagen. Ouartal-AbonnementS-Preis bet der Expe­dition 2 M., bei allen Postämtern 2 Mk. 25 Pfg. (ejfl. Bestellgeld). Jnserttonsgebühr für die gespaltene Zeile btt deren Raum 10 Pfg., Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

Marburg

Donnerstag, 15. April 1897.

Angtigm nimmt entgegen die Expedition dieses Blatte«, sowie di« Annoncen-Bureaux vou Haasenstein & Vogler in lr Frankfurt a. M., Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf XXXII. Makira. M-ff« in Frankfurt a. M., Berlin, München u. Köln, C. L. * <0^»»

Daube & So. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover, Pari«.

Zweites Blatt.

Detailreisende.

B. L. Alle diejenigen, welche einmal mit meh eren Angehörigen oben genannter Spezies deshomo sapiens die Enge eines Eisenbahnabtheils getheilt, noch mehr aber diejenigen, denen die zähe Ausdauer und der bewunderungswürdige Redefluß solcher Reisenden den Frieden des eigenen Hauses gestört hat, werden das Gesetz zur Beschränkung des Detail- reiseuS mit großer Genugthuung begrüßt haben. In den deutschen Landbewohnern steckt noch ein großer Rest der alldeutschen Gastfreundschaft, welcher ste nöthigt, jeden Besucher, auch wenn es ein ungebetener ist, mit Höflichkeit aufzunehmen und der es ihnen schier unmöglich macht, das einzige Radikalmittel gegen die häufig zur Landplage gewordenen Detail­reisenden meistens unreeller Ramschbazare anzuwenden, beschleunigtes und nachdrückliches Hinauswerfen. Lieber bestellt man, um nur endlich Ruhe vor den entsetzlichen Zungenattacken zu bekommen, etwas Waare, die man eigentlich gar nicht gebraucht und freut fich hinterher noch, wenn der Reinfall fich bei Empfang der­selben nicht als allzu großer herauSstellt. Wie ost ist es bet diesem Vaganten Geschäftsverkehr vorgekommen, daß Landleute auf Grund des unterschriebenen Bestellzettels eine viel größere Waarenmenge zugeschickt erhielten, als sie eigentlich bestellt zu haben glaubten ? Wie oft schrumpfte die von dem vielgewandten Reisenden als fast unbegrenzt hingcstellte Kreditfrist gar kläglich ein und brachte den zu gefälligen Käufer in bittere Zahlungs­verlegenheit? In den Augen unserer Freifinnigen ist fteilich das Landvolk immer nur dazu dagewesen, um fich von denintelligenteren" Großstädtern, besonders von den sogenanntenedelsten Kräften der Nation", den reisenden Kaufleuten, ausbeuten zu lassen. Wäre das in Rede stehende Gesetz also nur zum Schutze des Landvolks gegen Belästigung und Schädigung durch Detailreisende bestimmt gewesen, dann hätte man sich nicht wundern dürfen, daß die gut stei- sinnigen Bolksvertteter dafür nicht zu haben waren, hier aber war doch auch das Interesse der ansässigen kleinen Kaufleute mit im Spiel. Manch sorgenvoller Blick, aber auch manch derber Fluch wird von den ehrbaren Kaufleuten der Kleinstädte dem immer stärker werdenden Sttom der reisenden Genossen nachgesandt sein, wenn er an ihren Läden vorüber auf das platte Land hinaus fluthete, um ihnen ihre natür­lichen Abnehmer zu rauben. Wie viele Existenzen im ansässigen Kaufmannsstande mögen wohl durch das Detailreiseübel zu Grunde gerichtet sein? Aber auch viele Großkaufleute mußten den Detailverttieb der Waaren ihrer Konkurrenten durch Reisende direkt <m die Konsumenten mit scheelen Augen ansehen, weil es bei dieser Art des Geschäftsverkehrs ost viel mehr auf die Zungenschlagferttgkeit und Ausdauer des Reisenden, wie auf die Güte und Dauerhastigkett der zu vertreibenden Waare ankam. In allen diesen Kreisen mußte das Gesetz über Beschränkung des Detailreisens fteudig begrüßt werd«. Leider hat man in demselben ein unscheinbares Loch gelassen Mit gesetzlicher Erlaubniß ist es den Detailreisendcn

nämlich gestattet, solche Kundschaft nach wie vor auf­zusuchen, die sie mit einer persönlichen dahingehenden Einladung beehren. Wie man sich solche Ein­ladungen im Vertrauen auf die Höflichkeit und Gut- müthigkett der Landleute zu verschaffen sucht, dafür bietet ein Schreiben einen Beleg, welches einem guten Freunde unseres Bundes kürzlich von einem Kauf­mann zugegangen ist:

Durch das neue Gesetz, Betreffenb die Be­schränkung des Detailreifens, bin ich gezwungen, meine werthe Kundschaft um die dauernde Erlaubniß zu bttten, persönlich resp. durch meinen Vertreter meine Offerten machen zu dürfen. Ich möchte daher auch Sie ganz ergebenst bitten, beiliegenden Zettel zu unter« sch eiben und mir unter Benutzung anliegenden Brief­umschlages zurückzusenden.

Indem ich Ihnen im Voraus meinen besten Dank sage, zeichne Hochachtungsvoll" (folgt der Name).

Der zur Unterschrift beigefügte Zettel ttug folgende an den absendenden Kaufmann zu richtende Einladung:

Hierdurch fordere ich Sie ausdrücklich auf, mich zum Zwecke des Aufsucheus von Bestellungen auf Waareu und Arbeiten Ihres Gewerbebettiebes jedesmal persönlich oder durch Ihren jeweiligen Vertteter zu besuchen, so oft Ihre geschäftlichen Dispositionen Sie selbst oder einen Vertteter hierher führen.

Hochachtend" (:c.)

Es ist anzunehmen, daß derartige höfliche Bitten um gefällige Einladung unser« ländlichen Lesern be­sonders zahlreich zugehen werden. Wir möchten dem­gegenüber dringend ratheu, sich nicht durch den harm­losen Ton des Anliegens und die angeborene Höflich­keit zur Ausstellung der erwünschten Einladung be­wegen zu lassen, denn jede einzelne würde dazu bei- ttagen, die guten Wirkungen eines Gesetzes abzu­schwächen, das, wie wir vorher kurz begründet haben, im Interesse weitester Kreise dringend geboten war. Landman« werde hart!

Vermischtes.

Ein gefährlicher Sprung war es, den vor einigen Tagen zwei aneinandergekettete Zuchthäusler (Italiener) auf dem Transport von Paderborn nach Hameln aus dem Eisenbahnzuge machten. Während der Zug in voller Fahrt den großen Tunnel zwischen Altenbeken und Driburg passirte, thaten beide Verbrecher den Sprung in's Dunkle, und er glückte ihnen. Der Transporteur entdeckte bald die Flucht und brachte den Zug durch die Nothbremse zum Stehen. Auf telegraphische Depeschen wurden sofort die Ausgänge des Tunnels besetzt und letzterer selbst mit Fackelbeleuchtung durchsucht. Man fand denn auch die Flüchtlinge, als sie im Begriffe waren, ihre Fesseln zu sprengen, und nahm sie auf's Neue in sicheren Gewahrsam.

Der Verbrauch von Hartgummi hat infolge des rapiden Aufschwunges der Fahrrad-Industrie eine Zunahme erfahren, welche unter den Beständen der Gummibaumwälder in den Tropen ungleich intensiver aufräumt, als durch Nachwuchs ersetzt werden kann. Deutschland, England und Amerika verbrauchen ganz enorme und von >Jahr zu Jahr größer werdende Quantitäten von Gummi für die Zwecke ihrer Fahr-

radindnstrien. Man nimmt an, daß allein im Jahre 1896 mehr als hnndert Millionen Gummibäume ge­fällt wurden, um ihres Rohprodutts willen. Plan­mäßig kultivirte Gummibaumplantagen giebt es nur sehr wenige. Mexiko soll fich zur Entwickelung einer solchen Plantagenzucht ganz besonders eignen. Ein Bericht des englischen Ministerresidenten in Mexiko nennt als die zur Aufzucht des Gummibaumes günstigsten Landstriche die Ebenen von Pochuila, Oaxaca und des Copalitaflusses, wo der Baum wild­wachsend in erstaunlichen Mengen angetroffen wird. Von den zur Zeit in Mexiko bestehenden Gummi- baumplantagen ist die bedeutendste La Esmeralda in Juquila, Provinz Oaxaca, mit etwa 200 000 acht Jahre alten Bäumen.

AlS Zeichen deö Aberglaubens verzeichnet die MünchenerAllgem Zig." die Thatsache, daß am 1. April d. I. ebenso wie im vergangenen Jahre m München Niemand in den Stand der Ehe zu tteten wagte. Auf dem Standesamt fand am genannten Tage keine einzige Trauung statt.

Aus St. LouiS wird unter 22. März ge­schrieben: Die diesjährige deutsche Theater- s a i s o « ist unter der Leitung von Herrn Richard Stolte soeben imCentury - Theater" mit einem Zwischenfall, der nicht im Programm stand, aber volldramatischer Effekte" war, znm Abschluß gelangt. Der Besuch der letzten Vorstellung war sehr gut, und AnzengrubersPfarrer von Kirchfeld" ging über die Bühne. Soeben hatte die Gattin des Direktors ein Gedicht über die deutsche Kunst in St. Louis vorgettagen, als Direttor Stolte intWurzel- sepp'-Kostüm auf der Bühne erschien und erttärte, daß zu seinem größten Bedauern Herr Neeb, der Pfarrer", sich weigere, weiter zu spielen, wenn der Direktor nicht einen Keinen Bettag, den er Neeb von der letzten Benefizvorstellung schulde, begleichen würde. Der Direttor könne dies jedoch nicht thun, da er augenblicklich kein Geld in der Tasche habe, und Herr Neeb wolle nicht bis zum Schluß der Vor­stellung warten. Den Ueberschuß der Einnahme, nach Bezahlung der Schuld von 23 Doll., könne Herr Neeb haben. Hier stürzte Herr Neeb, als Pfarrer von Kirchfeld" gekleidet, hervor und schrie in hohem Diskant:Das ist nicht wahr, Sie lügen, Herr Stolte," und ans Publikum sich wendend, sagte Neeb:Dieser Mann hat mir seit Monaten die Gage nicht bezahlt; er schuldet mir die Gage seit dem 16. Januar. Meine Kostwirthin, Frau Ploehu, steht Hinte« und verlangt ihr Geld, 65 Doll." (Zischen und Heiterkeit im Publikum.) Damit hat Neeb ab. Jetzt kündigte Herr Stolte an, daß die Rolle Neebs von seiner Gattin vorgelesen werden würde; vonhinten" her aber ließ fich Neebs Stimme vernehmen:Fran Stolte, Frau Stolte, greifen Sie mich nicht an!" (Allgemeine Heiter­keit im Publikum. Der Vorhang fällt.) Als der Vorhang fünf Minuten später wieder in die Höhe ging, erschien Herr Neeb im Priesterrock, seine Rolle spielend, als sei nichts vorgefallen, und sein Dialog mit demWurzelsepp" gestaltete fich zu einem würdigen. Das Publikum begrüßte beide Herren mit großem Beifall. Frau Ploehn aber verließ, mit einstweilen 23 Dollar in der Tasche, den Museutempll.

Vom Büchermarkt

*** Die letzten kühlen Tage haben in die volle Ent falttmg der neuen Frühjahrsmoden sehr störend «Ingtgriffen nicht aber in dir Fertigstellung der hierin wie in aller Modesachen tonangebendenGroßen Modenwelt mit bunter Fächeivignette, Verlag John Henry Schwerin Berlin W. 35. Soeben ist di« Dftemummtr, datirt vou 18. April, erschienen, und mit ihr eine den Damen hoch willkommene Darstellung einer ganzen Reihe von fertiger Frühjahrs-Kostümen jeder Art, sowohl an Einzelfiguren wie an herrlichen Moden-Genrebildern, in welch' letzterer natürlich auch Kindermoden veranschaulicht sind.

*** Bon HanS KraemerS neuen Prachtwerk:Deut f 4 e Helden aus der Zeit Kaiser Wilhelms deS Großen Ernstes und Heiteres aus der vaterländischen Geschichl 1797 1897" (Deutsches Verlagshaus Bong und Co. Ber lin W. 57, Preis 50 Pfg. pro Lieferung) ist soeben de ersten, von der gefammten Presse glänzend besprochener Lieferung, die zweite gefolgt. Die Glanzpuntte deS zweiter Heftes bilden vollendete Reproduktionen des bisher fast un bekannten ergreifenden Bildes von Adolf MenzelViktoria!" einer im Jahre 1836 entstandenen, großartigen Darstelluri, des Abends nach der Völkerschlacht und des packenden farbenreichen Zimmer'schen GemäldesScharnhorst'S letzt Attacke bei Großgörschen". Der stets fesselnde, unter haltende und belehrende Text schildett die Ereignisse bei Jahres 1813 bis zur Flucht Napoleons.

*-»* Alles Wiffenswerthe üb r die Gasküche be handelt ein fesselnd geschriebener Aufsatz im neuesten Heft der weitverbreiteten illustrirten FamilienzeitschriftZ u i Guten Stunde" (Berlin W. Deutsches VerlagShaut Bong und 6o Preis des Vierzehntagsheftes 40 Pfg.), ar welchen sich eine Fülle von textlichen wie illustrativen $ar bietungen in der bekannten guten Ausführung dieser deutscher Familienzeitschrist anschließt.

** Auf ein eigenartiges Jubiläum macht di« Familien zeitschriftJllustrirte ChronikderZeit" (Uuior Deutsche Verlagsgesellschast in Stuttgart) aufmerksam. Jr diesem Jahre werden eS nämlich 50 Jahre, daß in Süßtet die erste Volksküche Europas in's Leben getreten ist. Die selbe ist zwar 1848 wieder eingegangen, hat aber schon in nächsten Jahre Anlaß zur Gründung einer ähnlichen Anstal in Leipzig gegeben.

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