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Zweites Blatt.
Grenze wird sich dann um fo leichter aufrecht ei halten lassen, da der Vortheil der Lage zu Vertheidigung und Angriff enrschiedea auf feiten der Türkei sein soll. Nach den Berichten englischer Beobachter haben die Hellenen nicht übel Lust, sich nachträglich über die Gienzkommissare zu beschweren, die ihnen bei der Gebietserweiterung eine für gelegentliche Abenteuer so schlecht geeignete Grenzlinie absteckten. Das klingt nicht ganz billig, denn sie selbst sind ja die einzigen denkbaren Angreifer. Im übrigen mögen sie sich mit der Erwägung trösten, daß unter den Umständen ihr Heldenruhm nur um so glänzender strahlen wird, falls sie die täglich in Aussicht gestellten Thaten wirklich verrichten und über die so geringschätzig behandelten Truppen des Sultans Meister werden sollten. Die Gegend, in der sich türkische und christliche Albanesen als Grenzwächter und Krieger gegenüberstehen, ist schon in vergangenen Tagen oft der Schauplatz wilden Kampfgetümmels gewesen. Das Schlachtfeld von Pharsalus liegt hier, und wer eine
Kurpfuscherei. Auf dem Gebiete der Kurpfuscherei lag die Anklage wegen wiederholten Betrugs, welche in Berlin am 24. d. M. vor der nchten Strafkammer des Landgerichts I gegen den Masseur Adolf Staudt verhandelt wurde. Es waren sonder- bm e, Heiterkeit erregende Ansichten, welche der Angeklagte bei se!ver Vernehmung entwickelte. Er gab an, daß sein Vattr an einem Gesichtskrebs gelitten habe und von dieser schrecklichen Krankheit durch einen Scharfrichter geheilt worden sei, der der Mutter eine „Schwiere" gegeben habe. Diese „Schmiere" bestand aus Klauenfett, Rückenfett und Glyzerin und sei von einer wunderbaren Wirkung gewesen. So habe er denn dies Mittel zu seiner Spezialität erhoben. Im Jahre 1891 habe er sich in der Landsberger Allee als Vertreter der Naturheilkunde niedergelassen, sich hauptsächlich mit der Beseitigung von Blutgeschwüren befaßt, welche sich sonst zu einem
Krebsleiden ausgebildet haben würden, und lediglich die vorerwähnte „Schmiere" angewendet. Dann habe er noch ein inner iches Mittel angewendet, bestehend aus Schnaps. mit einem Zusatz von Ameisensäure. Das Blut müsse entwässert werden, führte der Angeklagte an, es habe entweder zu viel Wasser ob r zu viel Gase. — Vois.: Sie fi llen aber auch Herzkranke behandelt haben? — Angekl.: Herr Präsident, wenn der Mensch einen gesunden Appetit, dann ist das Herz auch gesund, die Hauptsache ist das Blut, das Blut. — Zunächst trat die Wittwe eines Eisenbahn-
schullehrer. Nun diese werden sich bei den freundlichen „Grenzboten" bedanken, denn im Durchschnitt sind die Lehrer auf dem Lande durch Lehrarbeit recht reichlich in Anspruch genommen und in der hiervon freien Zeit ist ihnen Arbeit in Garten und Feld geistig, körperlich, und materiell besser wie die Leitung von Fortbilduugsuntcrricht.
’ Weßhalb verlangen die Grenzweisen nicht zunächst di« Einführung des obligatorischen Fortbildungsunter-
■ richts für den Arbeiternachwuchs in den Groß- 1 städten uud Jndustriecentren? Dort ließe sich die 1 Sache schon wegen des räumlich engeren Beisammen- wohnenS der Menschen leichter durchführen und selbst ■ jene Agrarierhasser werden doch nicht behaupten wollen, daß der Nachwuchs in den Großstädten weniger „nichtsnutzig und verwahrlost" sei, wie auf : dem Lande. Weshalb nicht dort zunächst den Versuch gemacht, durch obligatorischen Fortbildungsunterricht der Arbeiterkinder eine Besserung herbeizuführen, weshalb sollte das platte Land das Versuchsfeld abgeben? Weil man die jugendlichen Arbeiter an die heimathliche Scholle fesseln will. Nun, wir glauben durch den Zwang zum Besuch einer Fortbildungsschule auf dem Lande würde nicht nur bei der Jugend, sondern häufig sogar bei den Eltern die Neigung zur Landflucht befördert werde», während umgekehrt gerade die Kunde von der Einführung obligatorischer Fortbildungsschulen in den Städten abschreckend auf die wanderlustige Landjugend wirken dürfte. Also frisch voran mit der Begründung obligatorischer Fortbildungsschulen in den Großstädten, damit wir die Erfolge bald bewundern können! Vorläufig aber sind wir überzeugt, daß eine Reform unseres Volksschulwesens auf wahrhaft christlicher Grundlage wohl etwas mehr zur moralischen Hebung des Arbetter- nachwuchses auf dem Lande beitragen würde wie Fortbildungsschulen nach dem Sinne der „Grenzboten".
Die Landflucht der Arbeiter wird sich aber nur durch die Besserung der materiellen Lage der Landarbeiter beschtänken lassen, diese ist wieder nur möglich, wenn der Erttag des ganzen landwitthschaftlichen Gewerbes gehoben wird, wenn man aufhört, Großhandel und Exportindustrie auf Kosten der Landwirtschaft zu begünstigen. Es liegt doch klar auf der Hand, daß nur ein Gewerbe, das blüht und gedeiht, das etwas einbringt, Arbeitskräfte anziehen und an sich fesseln kann, nicht ein solches, welches mit dem Niedergange ringt. Diesen Nieder- gang der deutschen Landwirthschaft aufzuhalten, ihr wieder zur Blüthe zu verhelfen, das ist das Bestteben >er Couservattven und der Männer „im Bunde der Landwirthe", deren agrarische „Verwirrung" die Afterweisheit der „Grenzboten" mit der sozialdemokratischen n eine Gefahrenklasse rangirt, während sie ihr eigenes volkswirthschastlich - sozialpolitisches Quacksalbermittel als „Stein der Weisen" aopreist.
reizvolle Schilderung von Land und Leuten genießen will, der hole Fallmerayers Fragmente auS der Bücherei und lese, was er über Turnawos, daS alte Klein-Tirnowo (im Gegensatz zu der nordbulgarischen Hauptstadt Groß-Tirnowo) und die ganze Gegend auS den Tagen zu berichten hatte, als unser Jahrhundert -noch fünfzig Jahrejünger, das sogenannteNationalitäten- prinzip noch nicht erfunden und der Türke dort Herr war. Heute ziehen die Kriegsberichterstatter unserer Blätter aus der griechischen Seite dort umher, besichtigen griechisches wie türkisches Gebiet und suchen den Lesern ein ziemlich anschauliches Bild der Ver- hältniffe zu geben. Die guten Türken haben sich, wie es scheint, an die Besucher gewöhnt und lassen sie kommen und gehen, Aufnahmen und Beobachtungen machen, die den Griechen noch mehr zugute kommen als den Lesern im fernen Westen. Möglicherweise hat aber auch das sein Gutes und trägt mit dazu bei, den unbändigen Kriegsmuth der hellenischen Helden etwas zu dämpfen. Denn wenn auch viel von schlechten Kleidern und schlechter Ernährung der Türken gemeldet wird, so klingt doch keineswegs alles erfreulich und ermuthigend für griechische Helden ohren.
Im Passe von Meluna wie an so viel andern Punkten — schreibt der Vertreter der „Daly Telegraph" — beherrschen die türkischen Stellungen die griechischen. Die Griechen werden mehr Truppen und Geschütze herbeischaffen und erheblich den Weg verbessern müssen, falls sie einen sichern und raschen Eroberungszug gegen das freundliche Claffona beab sichtigen. Auch sonst ist aller Grund für totihrc Vorkehrungen vorhanden. Ich habe mich überzeugt, daß die Türken 20 000 bis 25 000 Mann aller Waffen im Thale von Elaffona stehen haben Sie haben verschiedene ausgezeichnete Stellungen ausgesucht, Erdwerke zur Vertheidigung aufgeworfen und die Stadt ganz geschickt durch verschanzte Lager gedeckt. Ihre neuen weißen Zelte find ganz regelmäßig aufgeschlagen und die Truppen augenscheinlich unter strenger KriegSzucht und fist in der Hand. General Kutze und die andern deutschen Offiziere, die während der letzten Woche unter den türkischen Truppen des Bezirks Besichtigung hielten und Rath ertheilten, find augenscheinlich nicht müßig gewesen. Durch beu Meluna - Paß läuft ber alte Hauptweg "ach Elaffona. ES beherrscht ihn auf ber Ostfeite der etwa 1260 Meter hohe Berg Menexa. Auf einer Vorhöhe besselben haben die Türken Ver- theidigungswerke angelegt und mit sechs oter mehr Geschützen bewahrt.
Im Gegensätze zu den Angaben der Berichterstatter auf ber griechischen Sette — auch der Ge-
Der Nachwuchs der Landarbeiter.
B. L. Die Klagen über die Nichtsnutzigkeit der jungen Arbeiter auf dem Lande find ebenso allgemein und auch ebenso berechttgt wie die Klagen über den Mangel an Arbeitern und über die Abwanderung in die Städte. Auch darüber ist man allgemein im klaren, daß eine Rückwanderung nicht zu erwarten ist und daß sie auch den Interessen der Landwirthschaft wenig entsprechen würde!" Mit diesen ganz richtigen Sätzen beginnen die sonst durch ihre volks- wiithschaftliche Asterweisheit sattsam bekannten „Grenzboten" eine längere Auseinandersetzung über die Behandlung des Nachwuchses der Landarbeiter. Wie aber wollen die gelehrten Doktoren von der Grenze diese beklagenswerthe Krankheit an unferm Volkskörper knriren? Durch die Errichtung ländlicher Fortbildungsschulen!
Die „Grenzboten" scheinen doch nicht nur etwas davon gehört zu haben, daß auf dem Lande großer Arbeitermangel herrscht, sondern auch davon, daß schon die achtjährige Schulpflicht ihres Nachwuchses von den Landarbeitereltern mit Widerwillen ertragen wird. Besonders im Osten muß leider schon heute, der Noch gehorchend, der Volksschulbesuch auf dem Lande vielfach verkürzt werden, nnd es wird von den Eltern der schulpflichtigen Kinder und den kleinsten bäuerlichen Besitzern — nicht den junkerlichen Groß- grundbesttzern — sehr oft nur unwillig ertragen, daß den Gesuchen um Befreiung der größeren Kinder vom Schulunterricht während der Sommermonate nicht in größerem Umfange entsprochen werden kann. Nun wollen die „Grenzboten" die Schulpflicht auf dem Lande nicht etwa fakultativ für besonders befähigte inder mit größerem Wissensdrang, sondern allgemein und obligatorisch aurdehnen und dies zu dem Zwecke, um den Nachwuchs der Landarbeiter „weniger nichtsnutzig" zu machen und ihn mehr an die ländliche Heimath zu fesseln.
Was sollen die der Volksschule entwachsenen Landkinder in den Fortbildungsschulen lernen, was ie nicht in den vorhergegang nen 8 Schuljahren schon jätten lernen können? Fachschulen sollen es nicht fein, ogt man ganz richtig, denn die Landarbeiter bedürfen keiner fachwissenschastlichen Kenntnisse, sonde n nur gewisser Handfertigkeiten, die sie sich allein durch praktische Uebung antignen können. Sollen ihnen Ar-
beamten als Zeugin auf, deren Mann von dem Angeklagten zu Tode furiit sein soll. Sie bekundete, daß der Angeklagte stets die feste Zusicherung gegeben habe, daß er ihren Mann würde heilen können. Er habe nur feine Mittel angewendet, die er sich teuer habe bezahlen laffen. Der medizinische Sachverständige, Prof. Dr. Straßmann begutachtete, daß die Behandlung des Angeklagten zwar keinen direkten Schaden verursacht habe, aber einen mittelbaren doch dadurch, daß dem Kranken die ordentliche ärztliche Hilfe entzogen wurde. Man könne nicht wissen, ob nicht ein operativer Eingriff Rettung habe bringen können. Ueber den Werth der von dem Angeklagten verordneten Mittel hatte der Sachverständige kein Ur« theil. Der Angeklagte behauptete, daß er sich das Klauenfett selbst bereite, aus vier Ochsenklauen lasse sich nur wenig Oel Herstellen. Die Ameisen hole er sich selbst in der Haide, wobei er noch Gefahr laufe, vom Förster erwischt zu werden. Dies müsse doch Alles berücksichttgt werden. — Staatsanwalt Kleine kennzeichnete den Angeklagten als einen CH ar lat an schlimmster Sorte, der nicht einmal die Ueber- zeugungstreue für sich habe, die von ähnlichen Kurpfuschern wenigstens geheuchelt zu werden pflege. Der Gerichtshof war ebenfalls zu der Ueberzeugung gelangt, daß der Angeklagte selbst von der Wirkungslosigkeit feiner angeblichen „Heilmittel" überzeugt fei und die Aerrnsten, die sich ihm anverttauten, nur ausbeuten wollte. Das Urtheil lautete auf drei Monate Gefängniß und 150 M. Geldstrafe, tm Nichtzahlungsfalle auf weitere 15 Tage Gefängniß.
Bon der griechisch-türkischen Grenze.
Man schreibt der „Köln. Ztg." unterm 24. März: An der thessalischen Grenze scheinen sich die Dinge nachgerade ziemlich gemächlich zu gestalten. Wenn, wie es heißt, die beiden Kriegsh nen bestimmt erklärt haben, sie dächten nicht im entferntesten daran, den Frieden zu brechen, so werden ihre Kriegsleute bei einigem Exeieiren, reichlichen Marschübungen Wachtdienst, Schanzarbeiten und nicht zu üppiger Verpflegung sich nach und nach von dem allzu heftigen Kriegsfieber erholen. Der niodus vivendi an der
währsmann der „Times" erwähnt die heruntergekommene Uniformirung ber Türken, bemerkt aber, er wisse aus Erfahrung, daß die Leute thatsächlich besser seien, als sie ^aussehen — bemertt ein Beobachter ber „Times" auf ber türkischen Seite aus Saloniki, bie dort durchziehenden Truppen seien äußerlich in guter Verfassung, Mäntel, Gamaschen und Schuhwerk seien gut im Stande, und Munition für das Martini-Gewehr hätten sie im Ueberfluß. Die verfügbare Macht bestehe ans 90 Bataillonen mit einer Durchschnittsstärke von 700 Man, 30 Schwadronen zu 200 Pferden und 40 Batteriecn von durchschnittlich 6 Geschützen, darunter 30 neue Haubitzen. Aerzte und Feldlazarette find, wie es weiter heißt, gegenwärtig im Anzuge. Es fehlt einigermaßen an Aitilleriepferden, obschon ein Anlauf gemacht worden ist, in Kleinasien Ankäufe zu machen. Auch stößt die Verpflegung auf Schwierigkeiten. Die Lieferanten sind allesammt Albanesen. Die Intendantur macht indessen rasche Fortichritte zur Besserung. In Claffona, wo Edhem Pascha fein Standquartier hat, wird Feldpost- und Telegraphendienst organifirt. Marschall Edhem hat bei der Vertheidigung von Plewna mitgewirkt, ist später Gouverneur von Kossowo gewesen, zählt 45 Jahre und ist sehr befähigt. Die Truppen sind Veteranen, abgehärtet, kräftig und gesund.
Marburg
Sonntag, 28. MäH 1897.
Kla fisches T rutsch. In dem vom Dramaturgen des „Deutschen Theaters" in Berlin Moritz Ehrlich verfaßten Prologe, der am Montag vor ber Vorstellung gesprochen wurde, findet stch folgende vom neuesten klassischen Deuffch strotzende Stelle: „Mein Sohn, was ist bei Euch denn los?" „Wir feiern Wilhelm den Großen!
Sern Centenar! Drer Tage lang! nicht einen einzigen bloßen."
Wenn man c8 Herrn Moritz Ehrlich auch Nachsehen mag, daß er dies überhaupt für Deutsch hält, so hätte stch doch ein ober das andere Mitglied des Theaters finden sollen, das ihn eines besseren belehrte.
tlkel der „Grenzboten" oker aus „unparteiischen" Leitungen vorgelesen werden — z B. aus demOigan r Jedermann aus dem Volke — um ihre politische Reife künstlich zu fördern? Sollen sie in die Geheimnisse der Naturwissenschaft tiefer eingeweiht werden? Das ließe sich vielleicht hören, wenn man ihnen klar machte, wie sehr der menschliche Körper frischer Luft und gesunder unverfälschter Nahrung zum Gedeihen bedarf und wie knapp beides in den Arbeiterquartieren der Großstädte ist. Besondere Berücksichtigung ber
ente hier die Volksernährung ä la Abraham unt e Geheimnisse der Oeltalgfabrikation. Wer soll den Unterricht ertheileu? In ber Regel bie Volks-
Kleine Nachrichten. Aus Reuß ä. L. wird gemelbet: Ein in Greiz wohnender Preuße hatte am 22. März von seinem Zimmer ans mit einer preußischen schwarz-weißen Fahne geflaggt. Auf Anorbnung bes stellvertretenden Landraths, eines Beamten welfischer Richtung mußte die Fahne ent- fert werden. — Der berüchtigte Polizeispitzel Norma n u - S ch u m a n n ist auf Kreta von den Türken durchgeprügelt worden. Normann - Schumann hält sich zur Zeit als Korrespondent englischer Blätter im griechischen Hauptquartier in Larissa auf. Bei dem Versuch, das türkische Lager in Augenschein r» nehmen, wurde er von den Türken fürchterlich durchgeprügelt und dann in Freiheit gefetzt. — Auch ber Lanbesälteste unb Rittergutsbesitzer v. Sprenger ist begnadigt worden. Herr v. Sprenger, ber ebenfalls in Glatz sich auf Festung befanb, hatte bekanntlich im Duell seinen Schwiegersohn, Hauptmann a. D. v. Hienerbein, schwer ver- wunbet und war zu sechs Monaten Festung ver- urtheilt worden.. — Wie das „B. T." meldet, ist der bekannte Hypnotiseur Karl Hansen in Altona gestorben.
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